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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 275
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
year1930
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273. Die Fingerlingsbraut

An einigen Orten im alten Preußenlande nennen die Leute die Barstukken auch Fingerlinge wegen ihrer kleinen Gestalt. Da saß zu einer Zeit beim Städtlein Leuenburg ein mannlich Geschlecht, die Freiherren von Eulenburg auf Prassen. Und da war auf Prassen gerade ein junges Edelfräulein, das war gar wunderhold und lieblich und von kleinem Wuchs, das sahe der König der Fingerlinge und begehrte es zu freien. Ließ deshalb sittiglich Werbung tun bei den Eltern durch eine Gesandtschaft seiner Zwergmännlein und ließ denen ansagen, wenn sie ihm ihre Tochter gewährten, so solle das Geschlecht derer von Eulenburg gesegnet fortblühen auf alle Zeiten und solle sotanes Glück haften an einem goldenen Fingerreif, der aber wohl und sorgsam bewahrt werden müsse und nimmer verloren gehen dürfe. Das Fräulein aber werde glücklich sein. Die Eltern überlegten sich den Antrag und fanden für wohlgetan, in ihn zu willigen, denn wer sähe nicht gern die Zukunft seines Geschlechts für alle Zeiten gesichert? Darauf bat die kleine Gesandtschaft, es möge ein Zimmer im Schlosse Prassen bestimmt werden, in welches die junge Braut hineinzuführen sei, jedem Lauscherauge und -ohr aber müsse das verschlossen bleiben. In diesem Zimmer nun werde der Barstukkenkönig das Fräulein empfangen. Dieses geschahe, das Fräulein wurde hineingeführt, und niemals hat ein sterbliches Auge es wiedergesehen, und niemand hat erfahren, wohin es gekommen. Man will nachher noch öfter in diesem Zimmer vom Treiben der Fingerlinge etwas wahrgenommen haben, als aber die Neugierde wuchs und die Lauscher es darauf anlegten, etwas zu erlauern und zu erlugen, haben die Fingerlinge das Schloß verlassen, das verheißene Glück ist aber bei dem Geschlecht dauernd geblieben, aus den Freiherren sind Grafen geworden.

Einem spätern Besitzer des Schlosses Prassen rief wispernd, als er beim Mahle saß, eine feine Stimme zu, er solle nach dem bewußten Zimmer gehen und hineinrufen: Rotöhrchen! Gelböhrchen ist tot. Als er dies tat, so antwortete eine Stimme: So? Ist Gelböhrchen tot? O große Not! O große Not! – und seitdem habe sich kein Fingerling mehr auf Prassen spüren lassen. Diese beiden Namen aber erinnern an den neckischen Wasserkobold im Flüßchen Spreu im Frankenlande, Schlitzöhrchen geheißen.

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