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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 250
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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248. Die Schatzgräbermönche

Bei Königsberg liegt ein vereinzelter Berggipfel mit schöner Aussicht, der heißt der Galtgartenberg oder der Rinau, und sind dortherum der Höhen nur wenige, und kann einer weit umschauen von der Höhe des Rinau, unter sich die alte Königsstadt und nordwärts die dörferbesäete Landschaft und darüber hinaus rechts das Kurische Haff und links der Ostsee endlosen Spiegel und zwischen beiden zur dämmernden Ferne sich verlierend die grüne Linie der Kurischen Nehrung, südostwärts aber das Frische Haff. Auf diesem Gipfel war vorzeiten auch ein Heidenheiligtum, und soll da droben absonderlich ein Abgott des Namens Ligo verehrt worden sein, ein Gott des Frühlings und der Freude, von welchem uns wenig Kunde überkommen; vielleicht ist er ein und derselbe Gott mit dem, den die Polen Ligiez nannten, ein Ruhestifter und Versöhner. Reine Jungfrauen mußten ihm heilige Flammen nähren. Später sollen die Herren über Samland, Samos Nachkommen, der ein Sohn König Waidewuts war, auf dem Berge gewohnt und ihre Götter droben verehrt haben in einem heiligen Haine, und zwar vornehmlich den Gott der Tafelfreude Curcho oder Gorcho und den Herdengott Warskaito, wie auch den Geflügelgott Ischwambrat, welche Götterdreiheit im uralten Mythus der Preußen den zweiten Rang nach den höchsten Göttern Perkunnos, Pikollus und Potrimpus einnahm. Endlich eroberte der Deutsche Orden auch Samland und zerstörte die heidnischen Heiligtümer, und in noch späterer Zeit drängte die Lehre Luthers auch den Marienorden zur Seite, die Klöster wurden aufgehoben, und die Mönche und Nonnen wurden zu Herden ohne Hirten. Da waren vierzehn Mönche, die hatten nichts mehr zu leben, wohl aber manche Kenntnis von geheimen Dingen, und die wußten wohl, daß auf dem Rinau Schätze vergraben waren in nicht geringer Zahl. Die wanderten hinauf, gar wohl mit allem versehen, was zum Schätzegraben nötig, stießen auf altes Trümmergemäuer und schlugen ein. Da fanden sie ein Gewölbe, darinnen standen große Urnen, aber bei jeder Urne lag ein schwarzer Hund, und jedem Hunde rauchte es aus dem Maule, und das war ein so giftiger Brodem, daß gleich fünf Mönche tot niederstürzten und drei andere, die mit den übrigen flohen, des andern Tages starben. Da sahen die sechs übrigen Mönche, daß sie doch noch nicht alles mit sich getragen zum Schatzgraben, und beredeten sich, es dennoch noch einmal zu versuchen, aber mit besserem Rüstzeug, und gingen nochmals hinauf, nahmen Heiligenbilder mit, mit geweihtem Öle bestrichen, und das Allerheiligste und hielten das an die Grube und lasen eine heilige Messe und sangen Litaneien. Da verschwanden die Hunde, und der Gifthauch ward nicht mehr verspürt, und die Urnen konnten ohne Beschwerde hinweggenommen werden, nur waren sie sehr schwer. Die Mönche hatten eine große Freude, und es war schön anzusehen, wie jeder Mönch eine große schwere Urne vom Berg heruntertrug, daß er schwitzte und keuchte, denn diese Töpfe waren einige Fuß hoch und hatten Bäuche fast wie die der Mönche. Im Beisein des Bischofs und des Hauskomturs schritten sie nun zur sorgfältigen Untersuchung des Inhaltes dieser altheidnischen Aschenkrüge. Da fand sich allerlei Schönes: Lehmen, Sand, kleine Kohlen, Knochenreste, Asche – aber von Metall, geschweige von edlem, nicht ein Splitter. Da zogen die Mönche lange Gesichter, denn sie waren keine Altertumsforscher, sonst hätten sie auch an den leeren Urnen noch eine große Freude gehabt und wären froh gewesen, dieselben ganz und unzerbrochen vom Rinau heruntergebracht zu haben. Und weil niemand da war, an dem sie ihren Verdruß auslassen konnten, so mußte der Teufel herhalten. Er mußte das Gold in den Töpfen in schnöde Asche und Kohlen verwandelt haben und hatte doch im entferntesten nicht daran gedacht, der arme Teufel, dem immer alles in die Schuhe geschoben ward.

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