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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 243
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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241. Marienkirche zu Danzig

Die Danziger Marienkirche (Ober-Pfarrkirche) enthält viel Wunderbarliches, davon weit und breit erzählt wird. Über St. Hedwigs Kapelle, andere sagen vor der Kapelle der elftausend Jungfrauen, ist ein Schnitzbild des gekreuzigten Heilandes von unübertrefflicher Schönheit und grausenhafter Wahrheit. Der Künstler, der dieses Bild fertigte, hatte, wie die Sage geht, sich einen schönen Jüngling gewonnen und ihn an sich gelockt mit mancherlei Verheißung, darunter auch die, ihm seine Tochter, die der Jüngling liebte, zur Frau zu geben, habe ihn aber, um ein wahrheit- und lebendigtreues Vorbild für sein Kunstwerk zu haben, erst betäubt und dann an ein Kreuz geschlagen, sein Sterben beobachtet und dann sein Gebilde vollendet. Da nun aber über den Tod des Geliebten auch der Tochter Herz brach, erfaßte die Reue den Künstler, und er endete sein Leben durch Selbstmord.

Ein Tabernakelschrein umschließt in derselben Kirche ein wundersam liebliches Tonbild der heiligen Jungfrau. Der Künstler, der dasselbe fertigte, tat dies im Gefängnis, wo er auf den Tod saß. Als er sein Bild vollendet hatte, sandte er es dem Rate der Stadt als ein Andenken für die Marienkirche. Wer das Bild sahe, wurde von seiner Schönheit und dem jungfräulichen Liebreiz ergriffen, den es zeigte. Da meinten die Väter der Stadt, und alles Volk meinte das gleiche, dieser Künstler sei ein Mann, den ein frommer und hoher Geist beseele, und dem sein Vergehen müsse verziehen werden. Solches ist denn auch geschehen, und der Künstler hat nachher noch lange in Ehren gelebt.

Wie im Münster zu Straßburg, so auch in der Pfarrkirche zu Danzig war ein treffliches Uhrwerk, das hatte ein Meister aus Nürnberg gefertigt, der hieß Hans Düringer. Zwei große Scheiben zeigten Sonnen-, Planeten- und Mondeslauf, des Tierkreises Bilder und die heiligen Feste und Zeiten. Wandelnd traten, in sinnreichen Bildnissen ausgedrückt, die Evangelien von Sonntag zu Sonntag vor die Augen der Frommen. Die zwölf Apostel schritten im Kreise hervor, die Tagesstunden bezeichnend; über ihnen schlugen Adam und Eva auf Glocken, die Stunden und Viertelstunden anzuzeigen, und auch die Jahreszeiten waren künstlich vorgestellt. Herrlich war das Werk im Gange und die Bewunderung aller Welt. Da geschah, was auch in Straßburg sich begab. Der Neid erwachte, der Künstler sollte kein zweites Werk solcher Art vollbringen – er ward geblendet – gab vor, im Uhrwerk noch etwas nachsehen zu müssen, ward hineingeführt, hemmte durch einen einzigen Griff für immer des Werkes Gang und stürzte sich vom Turme herunter.

Der Marienkirche höchster Stolz und höchster Schmuck ist ein Gemälde des Jüngsten Gerichts, vollendet von den Künstlerhänden der berühmten Maler Johann van Eyck und seines Bruders Georg. Dieses herrliche Bild hatte der Papst für Rom bestellt, aber der Himmel bestellte es für Danzig. Ein Seeräuber erbeutete das Schiff, auf dem es nach der Heiligen Stadt befördert werden sollte, aber ein Danziger Schifffahrer, der mit dem Seeräuberschiff in Kampf kam und es eroberte, gewann es für sich und schenkte es seiner Vaterstadt. Andere sagen, jenes holländische Schiff sei gescheitert und das Bild samt seiner Kiste fern im Meere schwimmend von einem Danziger Schiffer aufgefunden worden. Der König von Frankreich habe vergebens eine Tonne Goldes für das Bild geboten.

Auch versteinertes Brot wird in der Marienkirche zu Danzig gezeigt, und geht davon mehr als eine Sage. Einmal habe zur Zeit großer Hungersnot ein Mönch ein Brot in der Kutte getragen, und ein hungernd Weib habe ihn für ihr verschmachtendes Kind um ein Brosamlein angefleht, er aber habe gesagt, er trage kein Brot, er trage nur einen Stein, und da sei über den Notschrei der Frau das Brot alsbald zu Stein geworden.

Aber es wird auch gesprochen, daß eine reiche Danziger Frau in der Zeit derselben Hungersnot ihr schönes und sehr geliebtes kleines Kind, da es sich verunreinigt hatte, weil Tuch und Schwamm ihr nicht sanft und weich genug für des Kindes zarte Haut gewesen, mit Semmelkrumen abgeputzt habe, da wäre ihr unter der Hand die Krume zu einem rauhen Steine geworden, der des Kindes Haut blutrünstig gerissen, daß es an der nimmer heilenden Wunde gestorben, worüber die Mutter in Wahnsinn verfallen.

Ganz ähnlich wie die von dem Brotstein des Danziger Mönchs lautet auch eine Sage vom Brotstein im Kloster Oliva (berühmt durch den Friedensschluß 1660) nahe bei Danzig, allwo der Brotstein noch hängt und außer der einen noch manche andere Sagen von ihm erzählt werden. Er soll sogar noch wie Brot riechen.

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