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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 20
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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18. Der ewige Jude auf dem Matterhorn

Hoch im Alpengebirge, ohnweit Welschlands Grenzen und dem hohen Monte Rosa, des Name schon italienisch genannt wird, hebt sich ein mächtiger Bergstock, das Matterhorn geheißen, darunter liegt der Matterberg mit einem Gletscher, dessen ablaufendes Gewässer die Visper bildet, welche noch ihre Wellen nach deutschem Boden herabrollt. Da droben, wo jetzt nur das Schweigen der Öde lagert oder das Eis der Gletscher donnernd kracht, habe voreinst, so geht die Sage, eine blühende Stadt gelegen. Dahin sei auf seiner ewig rastlosen Wanderung auch der ewige oder, wie man in der Schweiz sagt, der laufende Jude gekommen, da haben die Leute ihm angesehen, daß er der laufende Jude war, und kein Mensch habe ihn in sein Haus aufnehmen wollen. So habe der laufende Jude gesagt, indem er bekümmert über der Menschen Härte hinweggegangen: Jetzt finde ich hier eine Stadt, und wenn ich werde wiederkommen, wird hier doch wachsen Gras, und werden stehen Bäume, und werden liegen große Felsen, und wird nichts mehr zu sehen sein von Häusern und Gassen, Mauern und Türmen. Und wenn ich nochmal werde kommen wieder, wird hier doch nichts mehr zu sehen sein von Gras und Kräutern, Bäumen und Steinen, sondern als nur Schnee und Eis, und wird liegen, als so lang ich noch muß wandern. – Und alles ist so in Erfüllung gegangen, wie der laufende Jude gesagt hat, der wandern muß bis an der Welt Ende, weil er unsern Heiland auf seinem Todesgange nicht Ruhe vor seiner Haustüre vergönnt hat, und wird allemal, wenn er hundert Jahre alt geworden, wieder so jung, wie unser Heiland war, da er nach Golgatha wanderte.

Tiefer drunten im Vispertale, wo man von oben herein in das Nicolaital eingeht, liegt ein Dorf unterm Weißhorn, das heißt Täsch, und über Täsch rechter Hand lag auf sonniger Matte noch ein Dorf gleichen Namens, da stand einmal eine reiche Bäuerin, die hatte überm Feuer einen Kessel mit Anke (Rahm), den sott sie, und sollte gute Butter geben. Da kam ein armer alter Mann herein und bat, sie möge ihm doch ein Weniges von ihrer Anke zur Speise geben, ihn hungere gar sehr. Geh weg, du Lump! sagte die Frau, hier ist nichts übrig für solche Stromer. – O Bäuerin! sprach der Mann, hättest du mir etwas gegeben, so hätt' ich deinen Kessel segnen wollen, daß er nimmermehr leer geworden, so aber sei verflucht mit dem ganzen Dorfe! – Und da krachten alsbald droben der Cimagipfel und das Mittaghorn zusammen und schütteten Fels auf Fels herunter, und der ganze Ort wurde unter Trümmern begraben, und blieb nichts mehr sichtbar als die Fläche des Kirchenaltars, und über diesen fließt jetzt ein Bächlein aus dem Praborgne-Gletscher, der das Dorf überdeckt, herunter nach Täsch durch die Felsenschluchten in die Visp.

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