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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 155
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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153. Die Meerminnen

Meerminnen sind Dämonenwesen der See, weiblichen Geschlechts, sie können schön singen und auch fliegen. Schon die Alten kannten sie und nannten sie Sirenen. Sie sind den Nixen verwandt, haben fischgrätige Zähne und meergrüne Haare. Oft schon sind die Meerminnen Unheilverkünderinnen geworden, doch konnten sie auch Glück bringen.

Zur Zeit, da die Antwerpner auch noch Schiffe zum Walfischfang ausrüsteten, so geschah es nicht selten, daß, wenn noch weit und breit kein Wal sichtbar war, eine Meerminne mit halbem Leibe aus dem Wasser tauchte, gegen das Schiff heranschwamm und sang:

Scheppers, werpt de Tonnekens uit,
De walvisch zal gaen kommen:

Schiffer, werft die Tönnchen aus,
Der Walfisch soll entgegenkommen.

Da taten die Schiffer nach der Meerminnen Geheiß, warfen die Tönnchen aus, und nicht lange dauerte es, so ließ sich ein Walfisch sehen, der dann stets sicher erlegt wurde. Einst, schon sehr lange her, geschah es, daß im Hafen vor Muiden an der Südersee, ohnweit Amsterdam, eine Meermine schwimmend erblickt wurde. Diese Meerminne sang eine Prophezeiung:

Muiden sol Muiden blyven,
Muiden sol novit beklyven:

Muiden soll Muiden bleiben,
Muiden soll niemals bekleiden.

Und es geschah also. Muiden, ein Hafenort, günstigst gelegen, blieb ein Flecken, und das nachbarliche Amsterdam wurde eine Weltstadt.

In der Nähe von Dord (Dordrecht) liegt nahe der Landstraße ein großes stilles Wasser, daraus ragt ein Kirchturm hoch und einsam empor. Da hat vorzeiten die reiche und starkbevölkerte Stadt Zevenbergen gestanden. Ihr Reichtum machte die Einwohner übermütig, sie achteten des Goldes und Silbers nicht mehr, als wenn es Kupfer und Blei wäre; alle Schlösser und Riegel an den Türen, alle Beschläge an Fenstern, alle Nägel mußten von Gold oder Silber sein, so auch alles Tafel- und Küchengeschirr, so unbeschreiblich war der Reichtum. In die Kirche, die Sint Lobbetchen hieß (St. Elisabeth), ging niemand mehr, ihr Dach war auch nur mit Ziegeln gedeckt, die Dächer der Reichen aber glänzten wie Feuer, denn sie waren mit Goldblech überzogen.

Da hob sich aus dem breiten Gewässer am Biesbosch eine Meerminne, die flog über Zevenbergen und sang mit einer kläglichen Weise:

Zevenbergen sol vergan,
En Lobbetjens Torn sol blyven staen.

Diesen Sang hörten die Einwohner gar wohl und sahen das Zeichen, achteten aber der Warnung nicht, sie blieben, wie sie waren, und lebten fort, wie es ihnen gefiel, und da ließ es Gott geschehen, daß der Meerminne Prophezeiung sich erfüllte. Eine Sturmnacht kam, endloser Donner rollte über Zevenbergen hin, und die Flut kam, und die Stadt versank, und nur die Kirche blieb stehen, wie die Meerminne gesungen hatte, und weit und breit stand das Wasser da, wo die Stadt gestanden. Fischer haben bisweilen in der Tiefe die goldenen Dächer schimmern sehen, da wäre noch ein großer Reichtum zu holen, aber keiner wagt sich in die Tiefe und in die Stadt hinab, die der Fluch des Himmels getroffen.

*

 

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