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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 153
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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151. Die Klabautermännchen

Was im höhern Norden die Trollen, Deutschland die Hinzchen, Heinzemännchen, Hütchen sind – Zwerge, zwerghafte Erdgeister, das sind in Holland und Niederland die Klabautermännchen, Kaboter- oder Kaboutermannekens; sie wohnen in Höhlen, sind oft hülfreich den Menschen, gutartig, dankbar. Beim Dorfe Gelrode liegt ein Kabouterberg, darinnen wohnten die Mannekens nahe einer Mühle, die schärften dem Müller seine Mühlsteine und wuschen sein Linnen, wenn er ihnen nur ein Butterbrot und ein Glas Bier zur Nacht hinstellte. Ein anderer Müller im Kempnerlande fand, wenn er zufällig etwas von seinem Butterbrote liegen ließ, des Morgens lange Zeit alle Arbeit in der Mühle getan, die er für den andern Morgen vorbereitet; er wußte, daß in der Nähe Klabautermännchen hausten, steckte sich hinter die Säcke und sah richtig in der Nacht ein solches Männchen alles tun, mit ungeheurer Kraft und Schnelligkeit, aber dabei verzehrte es das Restchen Butterbrot. Das Manneken war ganz nackt, das tat dem Müller leid, er bestellte ihm beim Schneider ein Kleidchen nach ohngefährem Maß und legte es ihm hin und ein großes Butterbrot daneben. Dann verbarg sich der Müller, das Klabautermännchen kam, tat einen Freudensprung, aß schnell das große Butterbrot, zog die Kleidchen an, verschwand und kam nimmermehr wieder. Nun wußte aber der Müller, daß die Klabautermännchen jeden Abend über einen Steg am Mühlbach schritten, und da lauerte er ihnen auf. Als sie kamen, waren alle nackt, und er ließ sie vorüber, bis das letzte kam, welches der Müller gekleidet hatte. Nach diesem langte er und rief: Hab ich dich? – da schrie es: Hülfe! Hülfe! aus dem Mühlbach, mit der Stimme von des Müllers Frau; der Mann erschrak, sah sich um, glitt aus vom Stege und plumpste selbst hinunter in das Wasser. Die Klabautermännchen aber schwanden hinweg und kamen niemals wieder. Ein anderer Kaboutermannekensberg liegt zwischen Turnhout und Casterle; die darin wohnten, waren aber böse von Natur, anderwärts gibt es hingegen viele gute, und wer sich gut mit diesen Manneken versteht, dem dienen sie gern und oft, häufig aber üben sie auch Tücke, besonders gegen solche, die ihnen abhold sind. Sie verderben die Butter, saugen die Kühe aus, treiben mannigfachen Spuk und Schabernack. Sie werden auch Rotmützchen und Klabbers genannt.

Ein Bauer hatte ein gar hülfreiches Rotmützchen im Hause, das butterte ihm, leistete ihm allerlei Dienst, half ihn allmählich reich machen. Der Bauer kaufte Kühe, baute das Haus neu, und das Männchen tat mehr als drei starke Knechte, es pflügte auch und bestellte den Acker in aller Weise. Einmal hatte es der Bauer zu sehen bekommen, es trug sich ganz rot, hatte ein grünliches Gesicht und grüne Hände. Des guten Rotmützchens hülfreicher Fleiß verdarb jedoch den Bauer, er tat selbst gar nichts mehr, gewöhnte sich an das Wirtshausleben, an Trunk und Spiel. Rotmützchen warnte ihn, aber sein Warnen fruchtete nicht, ja eines Abends, als er spät und trunken nach Hause kam, schimpfte und schalt er den Hülfsgeist. Das Klabautermännchen verschwand. Am andern Tage lag die Frau des Bauern krank, das Vieh fiel in den Ställen, in den Strümpfen, die der Bauer nach und nach mit harten Talern gefüllt und wohl verborgen hatte, staken Kohlen und faule Kartoffelscheiben, die Felder hatte ein Hagel zusammengeschlagen und furchtbar verwüstet, das Haus hing auf eine Seite und drohte den Einsturz. Der Bauer ging in sich, bereuete, gelobte Besserung – das war alles vergebens. Hohnlachen erscholl um das Haus herum, das mehr und mehr verfiel. Der Bauer starb in Armut und Elend.

Ein armer Bauernbursche liebte heftig ein reiches Mädchen und sie auch ihn, aber der Vater sagte nein. Wer nicht tausend blanke Gülden besitzt und aufzählt, die sein eigen sind, wird nicht mein Schwiegersohn, sagte er. Der arme Bursche schlich traurig heim, mochte seine Barschaft gar nicht zählen, er hatte nicht hundert Batzen, geschweige tausend Gulden. Ging hinaus zu Feld und Busch und dachte: Was liegt am Leben, wenn es nicht Liebe krönt? Willst's abwerfen. Siehe, da stand ein Klabautermännchen vor ihm, wie hergeschneit oder aus dem Boden herausgewachsen, und fragte ihn: Was fehlt dir? – Da klagte ihm der Bursche sein Leid. Wenn's weiter nichts ist, sagte der Klabautermann, zähle doch nur erst einmal dein Geld. – Ich hab's gezählt, es langt nimmer. – Hast nur nicht recht gezählt, geh, zähl noch einmal, es muß treffen! – Der Bursche ging, halb ungläubig, halb hoffend; er zog seine kleine Habe hervor und begann zu zählen und zählte und zählte und zählte immerfort, bis tausend Gülden voll waren, und da war's alle, nicht einer darunter, nicht einer darüber. Welch ein Glück! Er rannte wieder ins Feld hinaus, er wollte danken, er rief: Kaboutermänneken! Kaboutermänneken! – Ja guten Morgen, da war kein Kaboutermänneken weder zu hören, noch zu sehen. Nun lief er heim, hob und schleppte seinen Schatz zum reichen Bauer hin, zählt' ihm die blanken Gülden vor, bekam des Mädchens Hand und des Alten Segen und wurde ein glücklicher Mann.

Im Kasteelberg bei Beveren im Hennegau wohnten auch Kaboutermannekens. Die wuschen den Leuten die Wäsche gegen Empfang von etwas Butter, Eiern, Milch, Mehl und wenigem Geld, bleichten sie auch im Mondenscheine ganz blütenweiß und hielten oft, derweil die Wäsche bleichte, in den Waschkufen einen Ball. Hernachmals sind die Männchen fortgezogen, man weiß nicht warum und wohin. Nur ein ganz altes blieb zurück. Das sehen bisweilen die Leute droben auf dem Berge sitzen, es hat einen eisgrauen Bart, der langt bis auf die Füße nieder, es sitzt und sinnt und schmökt seine Pipe und macht mit den Daumen die Mühle, ganz wie ein echter alter Holländer.

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