Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Brüder Grimm >

Deutsche Sagen

Brüder Grimm: Deutsche Sagen - Kapitel 108
Quellenangabe
typelegend
booktitleDeutsche Sagen
authorBrüder Grimm
year1981
firstpub1816
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05096-1
titleDeutsche Sagen
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170830
Schließen

Navigation:

Der Helfenstein

Eine Meile von Trautenau in Böhmen auf dem Riesenberg liegt der Helfenstein, ein hoher Fels, auf dem sonst ein Raubschloß gestanden, nachher aber versunken ist, und weiß niemand, wo die Menschen, die darin lebten, hingekommen sind. Im Jahre 1614 war, viertelwegs davon, zu Mäschendorf eine junge Magd, die ging nicht weit von diesem Fels Vieh hüten und hatte noch mehr Kinder bei sich. Zu diesen sprach sie: »Kommt, laßt uns hin zum Helfenstein, ob wir ihn vielleicht offen finden und das große Weinfaß sehen.« Da sie hingehen, ist der Felsen offen und eine Eisentür aufgetan, daran ein Schloß mit vielen Schlüsseln hängt. Aus Neugierde treten sie näher und endlich hinein. Es ist ein ziemlich weites Vorgemach, aber hinten wieder eine Tür. Sie gehen durch, in dem zweiten Gemach liegt allerhand Hausrat, besonders ein groß zehneimerig Faß Wein, davon waren die meisten Dauben abgefallen; allein es hatte sich eine fingersdicke Haut angesetzt, so daß der Wein nicht herauslaufen konnte. Als sie es alle vier mit Händen angriffen, schlotterte es und gab nach wie ein Ei mit weichen Schalen. Indem sie nun solches betrachten, kommt ein wohlgeputzter Herr aus einer schönen Stube, roten Federbusch auf dem Hut, in der Hand eine große zinnerne Kanne, Wein zu holen. Beim Türaufmachen hatten sie gesehen, daß es in der Stube lustig hergehet, an zwei Tischen schöne Manns- und Weibsbilder, haben Musik und sind fröhlich. Der aber den Wein zapft, heißt sie willkommen und in die Stube gehen. Sie erschrecken und wünschen sich weit davon, doch spricht die eine, sie wären zu unsauber und nicht ungeschickt, zu so wohlgeputzten Leuten zu gehen. Er bietet ihnen dennoch Trinken an und reicht die Kanne. Wie sie sich entschuldigt, heißt er sie warten, bis er für sie eine andere Kanne geholt. Als er nun weg ist, spricht die Älteste: »Laßt uns hinausgehen, es möchte nicht gut werden; man sagt, die Leute seien in den Bergen hie verfallen.« Da gehen sie eilends heraus, hinter sich hören sie nach wenig Schritten ein Knallen und Fallen, daß sie heftig erschrecken.

Nach einer Stunde sagt die Älteste wieder: »Laßt uns noch einmal hin und sehen, was das gewesen ist, das so gekracht hat.« Die andern wollten nicht, da aber die Große so kühn war, allein hinzugehen, folgten die andern nach. Sie sehen aber weder Eingang noch eiserne Tür, der Fels war fest zu. Wie sie das Vieh eingetrieben, erzählten sie alles den Eltern, diese berichten es dem Verwalter; allein der Fels blieb zu, sooft man ihn auch in Augenschein genommen.

 


 

 << Kapitel 107  Kapitel 109 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.