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Deutsche Menschen

Walter Benjamin: Deutsche Menschen - Kapitel 9
Quellenangabe
typeletter
authorverschiedene Autoren
titleDeutsche Menschen
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume970
editorWalter Benjamin
year1984
isbn
firstpub1936
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid7d7e6394
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Johann Heinrich Voss an Jean Paul

Heidelberg, 25. Dezember 1817.

Der heutige und gestrige Tag haben mich zurückversetzt in die früheren Jahre der Kindheit, und ich kann noch gar nicht heraus. Ich weiß noch, mit welcher Ehrfurcht ich des Christkindes gedachte, das ich mir als einen violetten kleinen Engel mit rotgoldenen Flügeln vorstellte, aber seinen Namen wagte ich nicht auszusprechen; bloß gegen meine Großmutter konnte ich's, die mir noch ehrwürdiger schien. Mehrere Tage vor dem Heiligen Abend war ich still in mich gekehrt, aber nie ungeduldig. Rückte aber die heilige Stunde heran, da wuchs die Ungeduld fast bis zum Zerspringen des Herzens. O wie viele Jahrhunderte vergingen, bis endlich die Glocke erschallte. – In späteren Jahren gewannen meine Weihnachtsfreuden andere Gestalt, seitdem Stolberg in Eutin lebte, den ich ganz unaussprechlich liebte, in dessen Gegenwart zu sein, ich, der spielfrohe, jedem Kinderspiele vorzog, dessen Händedruck mich bis ins innere Mark durchschauerte. Dieser Mann gab mir sehr früh Unterricht im Englischen, und als ich vierzehn Jahre alt war, forderte er, ich sollte Shakespeare lesen und mit dem Sturm anfangen. Das geschah, etwa sechs Wochen vor Weihnachten, und am zweiten Weihnachtstage war ich bis an die Maske von Ceres und Juno gekommen. Die Geister, die Ariel für Ferdinand und Miranda beschwört. Damals war ich sehr kränklich. Meine Mutter hatte Stolberg gebeten, er möchte mich dann und wann auf Spazierfahrten mitnehmen. Das geschah an diesem Tage. Eben wollte ich anfangen, die Maske zu lesen, da hielt der Wagen und Stolberg rief mir freundlich zu: »Komm, lieber Heinrich.« Und ich, wie ein Rasender stürzte ich hinaus und in den Wagen hinein. Nun wogte und wühlte es in meinem Herzen. Himmel, wie schwatzte ich dem armen Stolberg die Ohren voll von Shakespeare; und der freundliche Mann ließ sich alles gefallen, und war nur froh, daß Shakespeare bei mir Feuer gefangen. Als wir zurückfuhren, war meine einzige Sorge, der Wagen möchte vor zwölf Uhr, unserer Essenszeit, an unserer Tür halten. Aber Gottlob! es schlug halb eins, als wir noch bei der Fissauer Brücke waren. Nun durfte ich bei Stolberg essen. Ich saß neben ihm, und weiß noch die Gerichte. Wie schmeckte mir nun der Shakespeare, als ich in der Dämmerung zu ihm zurückkehrte. Seit der Zeit sind Shakespeares Sturm, Weihnachten und Stolberg in meiner Phantasie ununterscheidbar verschmolzen oder in eins gewachsen. Kommt der heilige Christ, so muß ich, durch innere Notwendigkeit getrieben, den Sturm lesen, wiewohl ich ihn auswendig weiß, und auf der Zauberinsel jedes Gräschen und Hälmchen kenne. Und das, Du teurer Jean Paul, soll heute Nachmittag von neuem geschehen. Fiele meine Todesstunde aufs Christfest, sie würde mich bei Shakespeares Sturm überraschen.


Das ist der Brief einer Zweiundzwanzigjährigen und, erst an zweiter Stelle sei es gesagt, ein Brief der Annette von Droste- Hülshoff. Die Botschaft aus dem Dasein einer jungen Frau, die frei von allem Überschwange des Gefühls mit Entschiedenheit, fast mit Strenge ausspricht, was mangels gleichen Sprachvermögens stets unbestimmt und weich erscheinen muß, ist kostbarer als die Nachricht aus dem Leben der Dichterin. Dieser Brief ist einzig auch unter den Schätzen der großen Korrespondentin, die Annette von Droste war. Wovon er redet, das sind Dinge, die jedem naherücken, der einmal in späten Jahren ohne Vorbereitung auf einen Schmuck, auf einen Erker, auf ein Buch, auf irgend etwas Unverändertes, das ihm als Kind vertraut war, gestoßen ist. Und von neuem wird er die Sehnsucht nach dem Vergessenen spüren, das da Tag und Nacht in ihm bereit liegt, Sehnsucht, die weniger ein Zurückrufen jener Kinderstunden als ein Echo von ihnen ist. Denn sie war ja der Stoff, aus dem sie gemacht waren. – Dieser Brief ist aber auch der Vorläufer einer Poesie »voll körniger Dinglichkeit und voll wohligen oder muffeligen Geruchs aus alten Schubladen«. Weniges bezeichnet sie in ihrer Eigenart so wie ein kleiner Vorfall, der sich in späten Jahren beim Grafen Thurn auf Schloß Berg zutrug. Da wollte man der Dichterin eine Freude mit dem Geschenk eines elfenbeinernen Kästchens machen, das man sorgfältig von allerlei Kram leerte, um es dem Gast sodann, nachdem man seinen Deckel wieder zugeschlagen, zu überreichen. Die Beschenkte, ungeduldig, es von neuem offen zu sehen, ungeschickt, es zu öffnen, preßte es zwischen ihren Händen; da sprang – kaum daß sie es berührt hatte – ein geheimes Fach, von dem niemand all die Jahrzehnte, da das Kästchen in der Familie gewesen war, je gewußt hatte, mit einem Mal auf und zum Vorschein kamen zwei zauberische alte Miniaturbilder. Denn Annette von Droste war eine Sammlernatur, eine seltsame freilich, in deren Stube neben Steinen und Broschen noch Wolken und Vogelschreie ihren Platz fanden, und in der darum das Magische und das Spinöse dieser Leidenschaft mit unerhörter Heftigkeit sich durchdringen. »Sie ist«, hat Gundolf mit tiefem Blick für das Verhexte und Gesegnete dieser westfälischen Jungfer gesagt, »eine innere Zeitgenössin der Roswitha von Gandersheim und der Gräfin Ida Hahn-Hahn.« – Der Brief ist vermutlich nach Breslau gegangen, wo Anton Matthias Sprickmann – ehemals Poet im Kreise des Hainbunds, dann Professor in Münster und Mentor des jungen Mädchens – seit 1814 lebte.

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