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Deutsche Menschen

Walter Benjamin: Deutsche Menschen - Kapitel 6
Quellenangabe
typeletter
authorverschiedene Autoren
titleDeutsche Menschen
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume970
editorWalter Benjamin
year1984
isbn
firstpub1936
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid7d7e6394
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Johann Wilhelm Ritter an Franz von Baader

Den 4. Januar 1808.

Für Ihr Schreiben von voriger Woche sage ich Ihnen den verbindlichsten Dank. Sie wissen ein für allemal, daß ich Erinnerungen, wie es enthält, immer am liebsten von Ihnen erhalte. Hier kommen sie mir wie im eigenen Gemüt entstanden vor, und ich behandle sie auch so.

Mit nichts belegen Sie besser, daß Sie mich kennen, als wenn Sie das alles, worin Sie mich unmäßig schelten müssen, doch noch Studien nennen. Ich habe vielleicht fast alles erlebt, was man bis zu meinen Jahren erleben kann; vieles habe ich nie gesucht, aber dagegen oft auch absichtlich mich nicht zurückgehalten, dies und jenes geschehen zu lassen. Ich suchte wahrscheinlich in allen nur das Eine, Bleibende, ohne was kein ehrlicher Mensch sein kann, nur daß ich um so vorbereiteter dazu kommen wollte, je verwickelter ich es – mir – seit der frühesten Besinnung voraussah. Auch halte ich es von größerem Lohn, »gelebt«: als bloß gewußt zu haben.

Was Sie von Zulassung äußerer Überreizungen sagen, gehört zum Teile auch dahin; ich will keineswegs sagen: ganz. Es können wenige, nach dem, was ich sehe, die natürliche Geschichte des männlichen Lebens ernstlicher, tiefer, ehrlicher vor Gott, und sich selbst eingestehender, begonnen und fortgesetzt haben als ich. Suchen Sie in dieser Äußerung nichts weniger als Eigendünkel, sondern bloßes Resultat aus einer nicht ganz beschränkten Beobachtung, erlaubt, es auszusprechen, wo es nötig ist. – Übrigens sehe ich das Ganze so als notwendigen Teil in das Fatum meines Strebens verwebt, daß ich ihn noch dazu als den vornehmsten, den im Geheimen Basis gebenden betrachten muß. Ob unter solchen Umständen ich hier unmäßig werden und gewesen sein könne, will ich selbst zwar nicht entscheiden, schwer zu glauben aber wird es mir.

Nach Allem habe ich somit wohl Grund, die letzte Ursache meiner Kränklichkeit, die erst seit einigen Jahren angefangen hat, tiefer zu suchen. Ich glaube sie äußerst leicht angeben und treffen zu können. Kummer und Sorge sind es; meine ökonomischen Verhältnisse drücken mich. Das hat trotz alles Gegenstrebens, endlich auch den Körper getroffen. Sobald sich hierfür eine radikale Kurmethode entdeckt, sobald auch werde ich durchgängig geheilt sein. – Wie ich zu meinen Schulden gekommen, davon weiß ich die Rechenschaft und die Rechtfertigung wohl, aber sie läßt sich nicht jedem geben. Glücklich, daß ich selbst sie mir geben kann. Sie verstehen mich hier gewiß. Es gibt Dinge, die um keinen Preis zu teuer sind; es gibt ein Gut, um dessenwillen man selbst Menschen, dem Scheine nach, betrügen kann. Ich sage ausdrücklich: dem Scheine nach. Der Betrug ist gar nicht höher als der des Kaufmanns, der für eine gewiß durchgehende Spekulation von mehr Kredit Gebrauch macht, als ihm sonst zukäme.

In praktischen Arbeiten war ich auch gehindert, da man hier bekanntlich noch gar nicht weiß, was man sich dergleichen muß kosten lassen. Wie viele schöne Arbeiten liegen entworfen da! Aber mit 100, auch 300 fl. sind sie noch nicht auszuführen, die Gulden aber selbst schon Summen, vor denen man an einem Orte erschrickt, an welchem nie ein wissenschaftliches Corps und ein Esprit desselben gedeihen kann.

Was unter solchen Umständen kann mir aus Vorlesungen, jetzt, für irgend ein echter Nutzen entstehen! Ich weiß, daß ich Zuhörer haben würde, wie Sie und Schelling, und vielleicht ein Dritter noch, und mit Freuden wollte ich sehen, ob ich nicht alles liegen lassen könnte, wären Sie allein diese meine Zuhörer. Aber Sie allein werden das nicht sein; gerade was ohne Frage den Ausschlag geben soll, ist eine große Anzahl anderer Personen, die nicht sind, wie Sie, die genannten Drei; sage ich denen, was Sie verstehen, so verstehen sie wieder nichts, und spreche ich, daß diese es verstehen, so wird mir Angst, Sie nur im Zimmer zu sehen, etwas, das ich schon aus mehreren Anwandlungen kenne. Was übrig bleibt, ist immer ein bloßes »seine Künste sehen lassen«.

Aber es ist Zeit, daß ich schließe. Verzeihen Sie den langen Brief. Es kam mir diesmal das Schreiben schicklicher vor als das Sprechen, zumal Sie wie ich verhindert waren, Gelegenheit zum letzteren zu geben.


Es war im Leben Goethes eines der folgenreichsten Ereignisse, daß es den Brüdern Boisserée mit unvermutbarem Glück gelang, das Interesse des 62jährigen noch einmal dem Mittelalter zu gewinnen, aus dessen Entdeckung die Straßburger Manifeste »von deutscher Art und Kunst« entsprungen waren. In den Weimarer Maitagen, in welche der folgende Brief fällt, ist – so darf man vermuten – die Vollendbarkeit des zweiten Teils des Faust entschieden worden. Der Brief ist aber nicht nur ein literarhistorisches Dokument ersten Ranges als Zeugnis, mit welchem Bangen das außerordentliche Experiment, den katholischen Bilderkreis dem Blick des alten Goethe zu unterbreiten, unternommen wurde – er zeigt zugleich, wie sehr die Existenz dieses Mannes ordnend und richtunggebend noch in fernliegende Bezirke hineinwirkte. Daß dies hier nicht feierlich, sondern vielmehr trotz der Souveränität und Reserve, mit der der auswärtige Freund Boisserées vorgeht, zum Ausdruck kommt, ist vielleicht das Schönste an diesen Zeilen.

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