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Deutsche Menschen

Walter Benjamin: Deutsche Menschen - Kapitel 3
Quellenangabe
typeletter
authorverschiedene Autoren
titleDeutsche Menschen
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume970
editorWalter Benjamin
year1984
isbn
firstpub1936
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid7d7e6394
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Karl Friedrich Zelter an Kanzler von Müller

Berlin, den 31. März 1832.

Erst heute, verehrtester Mann, kann ich Ihnen für die freundschaftlichste Theilnahme danken, von welcher Art auch die Gelegenheit diesmal seyn mag.

Was zu erwarten, zu fürchten war, mußte ja kommen. Die Stunde hat geschlagen. Der Weiser steht wie die Sonne zu Gibeon, denn siehe auf seinen Rücken hingestreckt liegt der Mann, der auf Säulen des Hercules das Universum beschritt, wenn unter ihm die Mächte der Erde um den Staub eiferten unter ihren Füßen.

Was kann ich von mir sagen? zu Ihnen? zu allen dort? und überall? – Wie Er dahinging vor mir, so rück' ich Ihm nun täglich näher und werd' ihn einholen, den holden Frieden zu verewigen, der so viel Jahre nach einander den Raum von sechsunddreyßig Meilen zwischen uns erheitert und belebt hat.

Nun hab' ich die Bitte: hören Sie nicht auf, mich Ihrer freundschaftlichen Mittheilungen zu würdigen. Sie werden ermessen, was ich wissen darf, da Ihnen das niemals gestörte Verhältnis zweyer, im Wesen stets einigen, wenn auch dem Inhalte nach weit von einander entfernten Vertrauten bekannt ist. Ich bin wie eine Wittwe, die ihren Mann verliert, ihren Herrn und Versorger! Und doch darf ich nicht trauern; ich muß erstaunen über den Reichthum, den er mir zugebracht hat. Solchen Schatz hab' ich zu bewahren und mir die Zinsen zu Capital zu machen.

Verzeihen Sie, edler Freund! ich soll ja nicht klagen, und doch wollen die alten Augen nicht gehorchen und Stich halten. Ihn aber habe ich auch einmal weinen sehn, das muß mich rechtfertigen.

Zelter.


Man kennt den berühmten Brief, den Lessing nach dem Tod seiner Frau an Eschenburg schrieb: »Meine Frau ist tot: und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, daß mir viel dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig sein können zu machen; und bin ganz leicht. – Auch tut es mir wohl, daß ich mich Ihres, und unsrer übrigen Freunde in Braunschweig, Beileids versichert halten darf.« – Das ist alles. Diesen großartigen Lakonismus hat auch der soviel längere Brief, den Lichtenberg, nicht viel später und aus verwandtem Anlaß, an einen Jugendfreund gerichtet hat. Denn so ausführlich er über die Lebensumstände des kleinen Mädchens ist, das Lichtenberg in sein Haus nahm, so weit er in ihre Kindheit zurückgreift, so unvermittelt und erschütternd ist, wie er – ohne ein Wort von Krankheit und Krankenlager mittendrin abbricht, als hätte der Tod nicht nach der Geliebten allein, sondern auch nach der Feder gegriffen, die ihre Erinnerung festhält. In einer Umwelt, die in ihren Tagesmoden vom Geist der Empfindsamkeit, in ihrer Dichtung vom genialischen Wesen erfüllt war, prägen unbeugsame Prosaisten, Lessing und Lichtenberg an der Spitze, preußischen Geist reiner und menschlicher aus als das fredericianische Militär. Es ist der Geist, der bei Lessing die Worte findet: »Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen« und Lichtenberg die grausame Wendung eingibt: »Die Ärzte hoffen wieder. Mich dünkt aber es ist alles vorbei, denn ich bekomme kein Gold für meine Hoffnung.« Die in Tränen gebeizten, in Entsagung geschrumpften Züge, die aus solchen Briefen uns ansehen, sind Zeugen einer Sachlichkeit, die mit keiner neuen den Vergleich zu meiden hat. Im Gegenteil: wenn irgend eine, so ist die Haltung dieser Bürger unverbraucht und von dem Raubbau unbetroffen geblieben, den das neunzehnte Jahrhundert in Zitaten und Hoftheatern mit den »Klassikern« trieb.

Georg Christoph Lichtenberg an G. H. Amelung

Göttingen, Anfang 1783.

Mein allerliebster Freund,

Das heiße ich fürwahr deutsche Freundschaft, liebster Mann. Haben Sie tausend Dank für Ihr Andenken an mich. Ich habe Ihnen nicht gleich geantwortet, und der Himmel weiß, wie es bei mir gestanden hat! Sie sind, und müssen der erste sein, dem ich es gestehe. Ich habe vorigen Sommer, bald nach Ihrem letzten Brief, den größten Verlust erlitten, den ich in meinem Leben erlitten habe. Was ich Ihnen sage, muß kein Mensch erfahren. Ich lernte im Jahre 1777 (die sieben taugen wahrlich nicht) ein Mädchen kennen, eine Bürgerstochter aus hiesiger Stadt, sie war damals etwas über dreizehn Jahre alt; ein solches Muster von Schönheit und Sanftmut hatte ich in meinem Leben noch nicht gesehen, ob ich gleich viel gesehen habe. Das erste Mal, da ich sie sah, befand sie sich in einer Gesellschaft von fünf bis sechs andern, die, wie die Kinder hier tun, auf dem Wall den Vorbeigehenden Blumen verkaufen. Sie bot mir einen Strauß an, den ich kaufte. Ich hatte drei Engländer bei mir, die bei mir aßen und wohnten. God almighty, sagte der eine, what a handsome girl this is. Ich hatte das ebenfalls bemerkt, und da ich wußte, was für ein Sodom unser Nest ist, so dachte ich ernstlich, dieses vortreffliche Geschöpf von einem solchen Handel abzuziehen. Ich sprach sie endlich allein, und bat sie, mich im Hause zu besuchen; sie ginge keinem Burschen auf die Stube, sagte sie. Wie sie aber hörte, daß ich ein Professor wäre, kam sie an einem Nachmittage mit ihrer Mutter zu mir. Mit einem Wort, sie gab den Blumenhandel auf, und war den ganzen Tag bei mir. Hier fand ich, daß in dem vortrefflichen Leib eine Seele wohnte, grade so wie ich sie längst gesucht, aber nie gefunden hatte. Ich unterrichtete sie im Schreiben und Rechnen, und in anderen Kenntnissen, die, ohne eine empfindsame Geckin aus ihr zu machen, ihren Verstand immer mehr entwickelten. Mein physikalischer Apparat, der mich über 1500 Taler kostete, reizte sie anfangs durch seinen Glanz und endlich wurde der Gebrauch davon ihre einzige Unterhaltung. Nun war unsere Bekanntschaft aufs Höchste gestiegen. Sie ging spät weg, und kam mit dem Tage wieder, und den ganzen Tag über war ihre Sorge, meine Sachen, von der Halsbinde an bis zur Luftpumpe in Ordnung zu halten, und das mit einer so himmlischen Sanftmut, deren Möglichkeit ich mir vorher nicht gedacht hatte. Die Folge war, was Sie schon mutmaßen werden, sie blieb von Ostern 1780 an ganz bei mir. Ihre Neigung zu dieser Lebensart war so unbändig, daß sie nicht einmal die Treppe hinunterkam, als wenn sie in die Kirche und zum Abendmahl ging. Sie war nicht wegzubringen. Wir waren beständig beisammen. Wenn sie in der Kirche war, so war es mir als hätte ich meine Augen und alle meine Sinnen weggeschickt. – Mit einem Wort – sie war ohne priesterliche Einsegnung (verzeihen Sie mir, bester, liebster Mann, diesen Ausdruck) meine Frau. Indessen konnte ich diesen Engel, der eine solche Verbindung eingegangen war, nicht ohne die größte Rührung ansehen. Daß sie mir alles aufgeopfert hatte, ohne vielleicht ganz die Wichtigkeit davon zu fühlen, war mir unerträglich. Ich nahm sie also mit an Tisch, wenn Freunde bei mir speisten, und gab ihr durchaus die Kleidung, die ihre Lage erforderte, und liebte sie mit jedem Tage mehr. Meine ernstliche Absicht war, mich mit ihr auch vor der Welt zu verbinden, woran sie nun nach und nach mich zuweilen zu erinnern anfing. O du großer Gott! und dieses himmlische Mädchen ist mir am 4ten August 1782 abends mit Sonnen-Untergang gestorben. Ich hatte die besten Ärzte, alles, alles in der Welt ist getan worden. Bedenken Sie, liebster Mann, und erlauben Sie mir, daß ich hier schließe. Es ist mir unmöglich fortzufahren.

G. C. Lichtenberg.


Man muß, um sich recht in den Geist des folgenden Briefes zu versetzen, nicht nur die ganze Dürftigkeit eines mit wenig mehr als seinen Schulden und vier Kindern ausgestatteten Pastorenhaushalts im Baltischen vor Augen haben, sondern auch das Haus, in das er gerichtet war: Immanuel Kants Haus am Schloßgraben. Da fand niemand »tapezierte oder herrlich gemalte Zimmer, Gemäldesammlungen, Kupferstiche, reichliches Hausgerät, splendide oder einigen Wert nur habende Meublen, – nicht einmal eine Bibliothek, die doch bei mehreren auch weiter nichts als Zimmermeublierung ist; ferner wird darin nicht an geldsplitternde Lustreisen, Spazierfahrten, auch in spätern Jahren an keine Art von Spielen usf. gedacht.« Trat man hinein, »so herrschte eine friedliche Stille ... Stieg man die Treppe hinauf, so ... ging man links durch das ganz einfache, unverzierte, zum Teil räuchrige Vorhaus in ein größeres Zimmer, das die Putz-Stube vorstellte, aber keine Pracht zeigte. Ein Sofa, etliche mit Leinwand überzogene Stühle, ein Glasschrank mit einigem Porzellan, ein Bureau, das sein Silber und vorrätiges Geld befaßte, nebst einem Wärmemesser und einer Konsole ... waren alle die Meublen, die einen Teil der weißen Wände deckten. Und so drang man durch eine ganz einfache, armselige Tür in das ebenso ärmliche Sans-Souci, zu dessen Betretung man beim Anpochen durch ein frohes ›Herein!‹ eingeladen wurde.« So vielleicht auch der junge Studiosus, der dies Schreiben nach Königsberg brachte. Kein Zweifel, daß es wahre Humanität atmet. Wie alles Vollkommene aber sagt es zugleich etwas über die Bedingungen und die Grenzen dessen, dem es derart vollendeten Ausdruck gibt. Bedingungen und Grenzen der Humanität? Gewiß, und es scheint, daß sie von uns aus ebenso deutlich gesichtet werden, wie sie auf der andern Seite vom mittelalterlichen Daseinsstande sich abheben. Wenn das Mittelalter den Menschen in das Zentrum des Kosmos stellte, so ist er uns in Stellung und Bestand gleich problematisch, durch neue Forschungsmittel und Erkenntnisse von innen her gesprengt, mit tausend Elementen, tausenden Gesetzlichkeiten der Natur verhaftet, von welcher gleichfalls unser Bild im radikalsten Wandel sich befindet. Und nun blicken wir zurück in die Aufklärung, der die Naturgesetze noch an keiner Stelle im Widerspruch zu einer faßlichen Ordnung der Natur gestanden haben, die diese Ordnung im Sinne eines Reglements verstand, die Untertanen in Kasten, die Wissenschaften in Fächern, die Habseligkeiten in Kästchen aufmarschieren ließ, den Menschen aber als homo sapiens zu den Kreaturen stellte, um durch die Gabe der Vernunft allein von ihnen ihn abzuheben. Derart war die Borniertheit, an welcher die Humanität ihre erhabene Funktion entfaltet und ohne die sie zu schrumpfen verurteilt war. Wenn dieses Aufeinanderangewiesensein des kargen eingeschränkten Daseins und der wahren Humanität nirgends eindeutiger zum Vorschein kommt als bei Kant (welcher die strenge Mitte zwischen dem Schulmeister und dem Volkstribunen markiert), so zeigt dieser Brief des Bruders, wie tief das Lebensgefühl, das in den Schriften des Philosophen zum Bewußtsein kam, im Volke verwurzelt war. Kurz, wo von Humanität die Rede ist, da soll die Enge der Bürgerstube nicht vergessen werden, in die die Aufklärung ihren Schein warf. Zugleich sind damit die tieferen gesellschaftlichen Bedingungen ausgesprochen, auf denen Kants Verhältnis zu seinen Geschwistern beruhte: der Fürsorge, die er ihnen angedeihen ließ und vor allem des erstaunlichen Freimuts, mit dem er über seine Absichten als Testator und die sonstigen Unterstützungen sich vernehmen ließ, die er schon bei Lebzeiten ihnen zuwandte, so daß er keinen, weder von seinen Geschwistern »noch ihren zahlreichen Kindern, deren ein Teil schon wieder Kinder hat, habe Not leiden lassen«. Und so, setzt er hinzu, werde er fortfahren, bis sein Platz in der Welt auch vakant werde, da dann hoffentlich etwas auch für seine Verwandten und Geschwister übrig bleiben werde, was nicht unbeträchtlich sein dürfte. Begreiflich, daß die Neffen und Nichten, wie in diesem Schreiben auch später an den verehrten Onkel sich »schriftlich ... anschmiegen«. Zwar ist ihr Vater schon im Jahre 1800, vor dem Philosophen, gestorben, Kant aber hat ihnen hinterlassen, was ursprünglich seinem Bruder zugedacht war.

Johann Heinrich Kant an Immanuel Kant

Altrahden, 21. Aug. 1789.

Mein liebster Bruder! Es wird wohl nicht unrecht sein, daß wir nach einer Reihe von Jahren, die ganz ohne allen Briefwechsel unter uns verlebt worden, einander wieder nähern. Wir sind beide alt, wie bald geht einer von uns in die Ewigkeit hinüber; billig also, daß wir beide einmal das Andenken der hinter uns liegenden Jahre wieder erneuern; mit dem Vorbehalt, in der Zukunft dann und wann (möge es auch selten geschehen, wenn nur nicht Jahre oder gar mehr als lustra darüber verfließen) uns zu melden, wie wir leben, quomodo valemus.

Seit acht Jahren, da ich das Schuljoch abwarf, lebe ich noch immer als Volkslehrer einer Bauerngemeinde auf meinem Altrahdenschen Pastorate, und ich nähre mich und meine ehrliche Familie frugalement und genügsam von meinem Acker:

Rusticus abnormis sapiens crassaque Minerva.

Mit meiner guten und würdigen Gattin führe ich eine glückliche liebreiche Ehe und freue mich, daß meine vier wohlgebildeten, gutartigen, folgsamen Kinder mir die beinahe untrügliche Erwartung gewähren, daß sie einst brave, rechtschaffene Menschen sein werden. Es wird mir nicht sauer, bei meinen wirklich schweren Amtsgeschäften doch ganz allein ihr Lehrer zu sein, und dieses Erziehungsgeschäft unserer lieben Kinder ersetzt mir und meiner Gattin hier in der Einsamkeit den Mangel des gesellschaftlichen Umganges. Dieses ist nun die Skizze meines immer einförmigen Lebens.

Wohlan liebster Bruder! So lakonisch als Du nur immer willst (ne in publica Commoda pecces, als Gelehrter und Schriftsteller), laß es mir doch wissen, wie Dein Gesundheitszustand bisher gewesen, wie er gegenwärtig ist, was Du als Gelehrter zur Aufklärung der Welt und Nachwelt noch in Petto habest. Und dann, wie es meinen noch lebenden lieben Schwestern und den Ihrigen, wie es dem einzigen Sohne meines seligen verehrungswürdigen väterlichen Onkels Richter gehe. Gerne bezahle ich Postgeld für Deinen Brief und sollte er auch nur eine Oktavseite einnehmen. Doch Watson ist in Königsberg, der Dich gewiß besucht haben wird. Er wird ohnfehlbar bald wieder nach Kurland zurückkommen. Der könnte mir ja einen Brief von Dir, den ich so sehnlich wünsche, mitbringen.

Der junge Mensch, der Dir diesen Brief einhändigt, namens Labowsky, ist der Sohn eines würdigen, rechtschaffenen polnischen reformierten Predigers des radcziwilschen Städtchens Birsen; er geht nach Frankfurt an der Oder, daselbst als Stipendiat zu studieren. Ohe! jam satis est! Gott erhalte Dich noch lange und gewähre mir bald von Deiner Hand die angenehme Nachricht, daß Du gesund und zufrieden lebest. Mit dem redlichsten Herz und nicht perfunctorie zeichne ich mich Deinen Dich aufrichtig liebenden

Bruder
Johann Heinrich Kant.

Meine liebe Gattin umarmt Dich schwesterlich und dankt nochmals herzlich für die Hausmutter, die Du ihr vor einigen Jahren überschicktest. Hier kommen nun meine lieben Kinder und wollen sich durchaus in diesem Briefe à la file hinstellen.

(Von der ältesten Tochter Hand:)

Ja, verehrungswürdiger Herr Onkel, ja, geliebte Tanten, Gemeint sind die beiden in Königsberg lebenden Schwestern der Brüder Kant. wir wollen durchaus, daß Sie unser Dasein wissen, uns lieben und nicht vergessen sollen. Wir werden Sie von Herzen lieben und verehren, wir alle, die wir uns eigenhändig unterzeichnen.

Amalia Charlotta Kant.
Minna Kant.
Friedrich Wilhelm Kant.
Henriette Kant.


Als 1792 die Franzosen in Mainz einrückten, war Georg Forster dort kurfürstlicher Bibliothekar. Er stand in den Dreißigern. Ein reiches Leben lag hinter ihm, das ihn als Jüngling schon, in der Gefolgschaft seines Vaters, an einer Weltumseglung – der Cookschen, 1772–1775 – hatte teilnehmen, aber auch schon als Jüngling – mit Übersetzungs- und Gelegenheitsarbeiten – die Härte des Daseinskampfes hatte spüren lassen. Das Elend der deutschen Intellektuellen seiner Zeit hat Forster dann in langen Wanderjahren so gut kennen gelernt wie ein Bürger, Hölderlin oder Lenz; es war aber seine Misere nicht die des Hofmeisters in irgend einer kleinen Residenz, sondern ihr Schauplatz war Europa, und darum war er fast als einziger Deutscher vorbestimmt, die europäische Erwiderung auf die Zustände, welche sie veranlaßten, von Grund auf zu verstehen. 1793 ging er als Delegierter der Stadt Mainz nach Paris und ist, nachdem die Deutschen durch die Rückeroberung der Stadt und seine Ächtung die Heimkehr ihm verlegt hatten, dort bis zu seinem Tode, im Januar 1794, geblieben. Hin und wieder hat man Stellen aus seinen Pariser Briefen herausgegeben. Aber damit war wenig getan. Denn sie sind ein Ganzes, nicht nur als Folge, die in der deutschen Briefliteratur kaum ihresgleichen hat, sondern beinahe jeder einzelne ist es, von der Anrede bis zur Signatur unerschöpflich an Ergießungen, welche aus einer bis zum Lebensrande vollen Erfahrung kommen. Was revolutionäre Freiheit und wie sehr auf Entbehrung angewiesen sie ist, hat damals schwerlich einer wie Forster begriffen, niemand wie er formuliert: »Ich habe keine Heimat, kein Vaterland, keine Befreundeten mehr, alles, was sonst an mir hing, hat mich verlassen, um andere Verbindungen einzugehen, und wenn ich an das Vergangene denke und mich noch für gebunden halte, so ist das bloß meine Wahl und meine Vorstellungsart, kein Zwang der Verhältnisse. Gute, glückliche Wendungen meines Schicksals können mir viel geben; schlimme können mir nichts nehmen, als noch das Vergnügen, diese Briefe zu schreiben, wenn ich das Porto nicht mehr bezahlen kann.«

 

Georg Forster an seine Frau

Paris, den 8. April 1793.

Ich warte keine neuen Briefe von Dir ab, meine Gute, um Dir zu schreiben. Wüßte ich nur, daß Du beruhigt wärst. Ich bin bei allem, was mir widerfahren kann, vollkommen ruhig und gefaßt. Erstlich ist, weil Mainz blockiert ist, darum noch nicht alles verloren; allein wenn ich auch nie mehr ein Blatt Papier wiedersehen sollte von allem, was ich dort habe, so soll mich's nicht anfechten. Der erste schmerzliche Eindruck dieses Verlustes ist vorbei, ich denke nicht mehr daran, nachdem ich durch Custine Maßregeln getroffen habe, um womöglich zu retten, was zu retten ist. Bleibe ich nur mir selbst, so will ich schon für Euch so arbeiten, daß bald alles nachgeholt sein soll. Mein bißchen Eigentum ging doch nicht viel über dreihundert Carolin an Wert, denn was ich an Papieren, Zeichnungen und Büchern verlor, will ich gar nicht rechnen. Ich bin hier auf dem Fleck der Erde, wo man mit etwas gutem Willen zur Arbeit und etwas Fähigkeit um Brot nicht bange sein darf. Meine zwei Mitdeputierten sind schon übler daran; indessen bekommen wir doch Diätengelder, bis auf andere Art für uns gesorgt ist. Längst schon suche ich mir anzugewöhnen, au jour la journée zu leben, und nicht mehr mit sanguinischen Hoffnungen schwanger zu gehen; ich finde das philosophisch wahr und mache Progressen darin. Ich glaube auch, wenn man dabei nichts versäumt, was zu unserm Fortkommen und zur Sicherstellung unserer Lage gehört, so ist es das einzige, was uns immer gut gelaunt und unabhängig erhalten kann.

Aus der Ferne sieht alles anders aus, als man's in der näheren Besichtigung findet. Dieser Gemeinspruch drängt sich mir hier sehr auf. Ich hänge noch fest an meinen Grundsätzen, allein ich finde die wenigsten Menschen ihnen getreu. Alles ist blinde, leidenschaftliche Wut, rasender Parteigeist und schnelles Aufbrausen, das nie zu vernünftigen, ruhigen Resultaten gelangt. Auf der einen Seite finde ich Einsicht und Talente, ohne Mut und ohne Kraft; auf der andern eine physische Energie, die, von Unwissenheit geleitet, nur da Gutes wirkt, wo der Knoten wirklich zerhauen werden muß. Oft sollte man ihn aber lösen und zerhaut ihn doch. Es steht jetzt alles auf der Spitze. Freilich glaube ich nicht, daß die Feinde reussieren werden; aber die Nation wird endlich auch müde werden, immer ganz aufstehen zu müssen. Es kommt also darauf an, wer am längsten aushält. Die Idee, daß die Eigenmacht in Europa vollends unerträglich werden muß, wenn Frankreich jetzt seine Absicht nicht durchsetzt, empört mich immer so sehr, daß ich sie mir von allem Glauben an Tugend, Recht und Gerechtigkeit nicht abgesondert denken kann, und lieber an diesen allen verzweifeln, als jene Hoffnung vereitelt sehen möchte. Der ruhigen Köpfe hier sind wenige oder sie verstecken sich; die Nation ist, was sie immer war, leichtsinnig und unbeständig, ohne Festigkeit, ohne Wärme, ohne Liebe, ohne Wahrheit – lauter Kopf und Phantasie, kein Herz und keine Empfindung. Mit dem allen richtet sie große Dinge aus, denn gerade dieses kalte Fieber gibt ihnen (den Franzosen) ewige Unruhe und den Schein von allen edeln Anregungen, wo doch nur Enthusiasmus der Ideen, nicht Gefühl der Sache vorhanden ist.

Ich bin noch in keinem Schauspiel gewesen, denn ich gehe so spät zu Tisch, daß ich selten dazu kommen kann; auch interessiert es mich wenig und die bisherigen Stücke haben mich nicht gereizt. Vielleicht bleibe ich noch eine Zeitlang hier, vielleicht setzt man mich auf einem Büro in Arbeit, vielleicht verschickt man mich; ich bin auf alles gefaßt, zu allem bereit. Das ist der Vorteil meiner Lage, wo man an nichts mehr gebunden ist und auf nichts mehr in der Welt als seine sechs Hemden acht zu geben hat. Mir bleibt nur die einzige Unannehmlichkeit, daß ich auf das Schicksal muß alles ankommen lassen, und das tue ich gern, denn im Grunde steht man sich bei diesem Vertrauen doch nicht übel. Ich sehe wieder das erste Grün der Bäume mit Vergnügen; es ist mir weit rührender als das Weiß der Blüten.


Wir besitzen von Samuel Collenbusch ein Miniaturporträt aus dem Jahre 1798. Ein schmächtiger Mann mittlerer Größe, ein Sammetkäppchen auf den weißen Locken, bartlos, eine Adlernase, ein freundlicher offener Mund und ein energisches Kinn, im Antlitz Spuren ehemals überstandener Pocken, die Augen getrübt durch den grauen Star – so sah dieser Mann fünf Jahre vor seinem Tode aus. Er lebte anfangs in Duisburg, später in Barmen und zuletzt in Gemarke, von wo auch der folgende Brief datiert ist. Von Beruf Arzt, nicht Pastor, war er der bedeutendste Führer des Pietismus im Wuppertal. Sein geistiger Einfluß wirkte sich in mündlicher Aussprache, daneben aber in einem umfangreichen Briefwechsel aus, dessen meisterhafter Stil von einer Fülle schrulliger Einzelheiten durchwoben ist. So verbindet er z. B. genau wie in seinen Sprüchen, die in der Gemeinde die Runde machten, auch in den Briefen gewisse Worte, die innerhalb ihres Zusammenhangs unterstrichen sind, mit andern, ebenfalls unterstrichenen, durch besondere Linienzüge, ohne daß beide Worte das mindeste mit einander zu tun hätten. Man hat von Collenbusch sieben Briefe an Kant, von denen aber nur die wenigsten abgeschickt sein dürften. Der folgende ist der erste der Reihe und hat Kant erreicht, ist aber von ihm, soviel man weiß, nicht beantwortet worden. Im übrigen waren beide Männer Altersgenossen im genauen Sinne. Geboren sind sie 1724. Collenbusch ist ein Jahr vor Kant, 1803, gestorben.

Samuel Collenbusch an Immanuel Kant

Mein lieber Herr Professor! 23. Januar 1795.

Die Hoffnung erfreut das Herz.

Ich verkaufe meine Hoffnung nicht für tausend Tonnen Goldes.

Mein Glaube hofft erstaunlich viel Gutes von Gott.

Ich bin ein alter, siebzigjähriger Mann, ich bin beinahe blind, als Arzt urteile ich, daß ich in kurzer Zeit völlig blind sein werde.

Ich bin auch nicht reich, aber meine Hoffnung ist so groß, daß ich mit keinem Kaiser tauschen mag.

Diese Hoffnung erfreut mein Herz!

Ich habe mir diesen Sommer Ihre Moral und Religion ein paarmal vorlesen lassen, ich kann mich nicht überreden, daß es Ihnen ein Ernst sein sollte, was Sie da geschrieben haben. Ein von aller Hoffnung ganz reiner Glaube und eine von aller Liebe ganz reine Moral, das ist eine seltsame Erscheinung in der Republik der Gelehrten.

Der Endzweck, so etwas zu schreiben, ist vielleicht eine Lust, sich zu ergötzen über die Inklination solcher Menschen, welche die Gewohnheit haben, sich über alles zu verwundern, was seltsam ist. Ich halte es mit einem hoffnungsreichen Glauben, der durch die sich selbst und den Nächsten bessernde Liebe tätig ist.

Im Christentum gelten keine Statuten, keine Beschneidung noch Vorhaut etwas, Gal. 5, keine Möncherei, keine Messen, keine Wallfahrten, kein Fischessen usw. Ich glaube, was Johannes schreibt, Joh. 4, 16: Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott, und Gott in ihm.

Gott ist die seine vernünftige Kreaturen bessernde Liebe, wer in diesem Glauben an Gott und den Nächsten bessernde Liebe bleibet, der wird es von Gott in dieser Welt mit geistlichem Segen, Eph. 1, 3, 4, und in der zukünftigen Welt mit persönlicher Herrlichkeit und einem reichen Erbe wohl belohnt werden. Diesen hoffnungsreichen Glauben kann meine Vernunft und mein Wille unmöglich vertauschen mit einem von aller Hoffnung ganz reinen Glauben.

Es tut mir leid, daß I. Kant nichts Gutes von Gott hofft, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt, ich hoffe viel Gutes von Gott. Ich wünsche Ihnen eine gleiche Gesinnung und verharre mit Hochachtung und Liebe zu sein

Ihr Freund und Diener
Samuel Collenbusch.

Gemarke, den 23. Jan. 1795.

Nachschrift:

Die Heilige Schrift ist ein stufenweiser, aufsteigender, mit sich selbst übereinstimmender, zusammenhängender, vollständiger Plan der seine Kreaturen bessernden Liebe. Z. E.: Die Auferstehung der Toten halte ich für eine Ausübung der seine Kreaturen bessernden Liebe Gottes.

Ich freue mich darauf.


Nach einer mündlichen Überlieferung soll Pestalozzi den Wunsch ausgesprochen haben, auf sein Grab solle kein anderes Denkmal gesetzt werden als ein rauher Feldstein; er sei auch nur ein rauher Feldstein gewesen. Die Natur wollte Pestalozzi weniger veredeln als – wie diesem Feldstein – im Namen des Menschen ihr Halt gebieten. Und das ist auch der eigentliche Inhalt des folgenden Briefes: der Leidenschaft im Namen des Menschen Halt zu gebieten. Wie scheinbar ganz spontane Meisterleistungen so oft – und zu den meisterlichen Liebesbriefen des deutschen Schrifttums gehört der folgende – ist auch diese die Auseinandersetzung mit einem Vorbild. Vorbildlich aber sind für Pestalozzi die halb vom Pietismus begeisteten, halb schäferlich angehauchten Konfessionen der schönen Seelen und Kinder des Rokoko. Es sind im Doppelsinn des Wortes pastorale Briefe, mit denen er hier wetteifert, freilich nicht ohne gegen den klassischen Briefsteller dieses Genres, die »Nouvelle Héloise« von Rousseau, die sechs Jahre vor Abfassung dieses Schreibens erschienen war, sich abzugrenzen. »Die Erscheinung Rousseaus«, heißt es noch 1826 in der Autobiographie, »war ein vorzügliches Belebungsmittel der Verirrungen, zu denen der edle Aufflug treuer, vaterländischer Gesinnung unsere vorzügliche Jugend in diesem Zeitpunkt hinführte.« Neben dem Stilproblem aber, das durch die Wendung gegen den »gefährlichen Irrlehrer« bewältigt wird, ist das private nicht zu übersehen, das hier die Liebesstrategie zu lösen hat. Es handelt sich um die Gewinnung des »Du«. Der dient die Idealgestalt der schäferlichen Doris, die in der zweiten Hälfte des Schreibens auftritt. Sie muß die Stelle der Adressatin für die Zeit einnehmen, da Pestalozzi zum ersten Male das Du gebraucht. Soviel von der Faktur dieses Briefes. Wer aber wird darüber übersehen, daß hier Sätze über die Liebe sich finden – und allen voran der über ihren Sitz –, die es an Dauerhaftigkeit mit den Worten Homers aufnehmen können. Einfache Worte kommen nun nicht immer, wie man gern glaubt, aus einfachem Gemüt – Pestalozzis war es weniger als jedes andere – bilden sich vielmehr geschichtlich. Denn so wie nur das Einfache Aussicht zu dauern hat, ist umgekehrt die höchste Simplizität nur das Produkt von eben dieser Dauer, an der auch Pestalozzis Schriften teilhaben. »Je mehr die Zeit vorschreitet«, hat daher mit Recht der Herausgeber seiner »Sämtlichen Werke« gesagt, »desto wichtiger werden alle Schriften Pestalozzis.« Als erster hat er die Erziehung dem gesellschaftlichen Zustande nicht nur durch Religion und Moralität, sondern zumal durch wirtschaftliche Überlegungen zugeeignet. Auch hier ist er seiner von Rousseau beherrschten Epoche weit vorausgeeilt; denn wenn Rousseau die Natur als das Höchste preist und lehrt, durch sie aufs Neue die Gesellschaft einzurichten, so schreibt ihr Pestalozzi Selbstsucht zu, die die Gesellschaft zugrunde richtet. Unvergleichlicher aber als in seinen Lehren ist Pestalozzi durch die immer neuen Einsatzstellen, die er im Denken und im Handeln für sie entdeckte. Die Unerschöpflichkeit des Urgrunds, aus welchem seine Worte unberechenbar mit immer wieder neuen Stößen brechen, gibt dem Bilde, in dem sein erster Biograph seiner gedacht hat, den tiefsinnigsten Bezug: »Vulkanen ähnlich leuchtete er in die Ferne und erregte die Aufmerksamkeit der Neugierigen, das Staunen der Bewunderer, den Forschungsgeist der Beobachter und die Teilnahme der Menschenfreunde mehrerer Erdteile.« Das war Pestalozzi: Vulkan und Feldstein.

Heinrich Pestalozzi an Anna Schulthess

Wenn ein heiliger Mönch in dem frommen Stuhl der römischen Kirche einem Mädchen seine Hand bietet, ohne sie mit dem rauhen Tuche seiner Kutte zu bedecken, so muß er Buße tun, und wenn ein Jüngling einem Mädchen von einem Kuß redet, ohne ihn zu geben und zu empfangen, so muß er billig Buße tun. Darum tue auch ich Buße, daß mein Mädchen nicht zürne. Denn ein Mädchen zürnet zwar nicht, wenn es sieht, daß ein Jüngling der's wert ist, glaubt, daß sie ihn liebe, aber wenn ein Jüngling von einem Kuß nur redet, so zürnet ein Mädchen gewiß, denn man küßt ja nicht einen jeden, den man liebt und die Küsse der Mädchen sind ja nur auf den Mund ihrer Freundinnen bestimmt. Darum ist es eine große, schwere Sünde, wenn ein Jüngling ein Mädchen zu einem Kuß zu verführen sucht. Am allermeisten ist die Sünde groß, wenn er ein einziges Mädchen und noch gar das Mädchen, das er liebt, dazu zu verführen sucht.

Ein Jüngling soll auch ein Mädchen, das er liebt, niemals allein zu sehen wünschen. Der Sitz einer reinen, unschuldigen Liebe sind geräuschvolle Gesellschaften und unsichere Stadtzimmer und das war in allem ein gefährlicher Irrlehrer, der »Hütten« für einen séjour des amants hielt, denn um Hütten herum sind einsame Wege und Wald und Flur und Wiesen und schattige Bäume und Seen. Die Luft ist da so rein und atmet Freude und Wonne und Heiterkeit: wie sollte wohl da ein Mädchen den bösen Küssen seines Geliebten widerstehen können? Nein, der Ort, wo ein bescheidener Jüngling seine Geliebte zu sehen wünscht, ist mitten in der Stadt. Am heißen Sommerabend wartet er seiner Geliebten gerade unter den glühenden Dachziegeln in einem dunstvollen Zimmer, wo gegen das Lispeln des Zephyrs Bollwerke von Mauern getürmt sind. Hitze und Dampf und Gesellschaft und Furcht erhalten den Jüngling in ehrbarer, sittsamer Stille und oft erfolgt da ein Beweis der allergrößten Tugend, einer auf dem Lande unerhörten Tugend: daß den Jüngling in Gegenwart seiner Geliebten anfängt zu schläfern.

Darum sollte ich Buße tun, denn ich habe einsame Spaziergänge und Küsse gewünscht; aber ich bin ein ruchloser Sünder und mein Mädchen weiß es, es würde meine Buße nur eine heuchlerische Buße heißen und vielleicht doch eine andere nicht wünschen. Darum will ich nicht Buße tun und wenn Doris zürnt, will ich auch zürnen und ihr dann sagen:

»Was hab' ich getan? Du hast mir den Brief ja genommen und ohne Erlaubnis gelesen, er war nicht Dein. Darf ich nicht schreiben für mich, auch schreiben und von Küssen träumen, wie ich will? Du weißt ja, daß ich keine gebe, daß ich keine stehle; Du weißt ja, daß ich nicht kühn bin; nur meine Feder ist kühn. Wenn Deine Feder mit meiner Feder Streit hat, so lasse sie schreiben und mit papiernen Vorwürfen meine Papierkühnheit strafen. Uns aber geht der ganze Streit nichts an. Laß Deine Feder, wenn Du willst, über meine Feder zürnen. Dein Gesicht aber zwinge nicht mehr in zürnende Falten und laß mich nicht mehr wie heut von Dir weg.«

Ich habe die Ehre, mich Ihnen gehorsamst anstandshalber zu empfehlen und zeitlebens zu sein

dero gehorsamster Diener
H.P.


Unbestechlicher Blick und revolutionäres Bewußtsein haben von jeher vor dem Forum der deutschen Literaturgeschichte einer Entschuldigung bedurft: der Jugend oder des Genius. Geister, die keins von beiden aufzuweisen hatten – männliche und im strengen Sinne prosaische, wie Forster oder wie Seume es waren – haben es nie zu mehr als einem schemenhaften Dasein in der Vorhölle allgemeiner Bildung gebracht. Daß Seume kein großer Dichter war, ist gewiß. Aber nicht das unterscheidet ihn von vielen andern, die an sichtbaren Stellen in der Geschichte der deutschen Literatur geführt werden, sondern die untadlige Haltung in allen Krisen und die Unbeirrbarkeit, mit der er – da er nun einmal von hessischen Werbern unter das Militär war verschleppt worden – in seiner Lebensführung jederzeit den wehrhaften Bürger darstellt, lange nachdem er den Offiziersrock abgelegt hatte. Was das achtzehnte Jahrhundert unter dem »ehrlichen Mann« verstanden hat, das kann man an Seume gewiß so gut wie an Tellheim ablesen. Nur daß Seume die Ehre des Offiziers nicht so weit ab von der des Räubers, wie seine Zeitgenossen ihn in Rinaldo Rinaldini verehrten, gelegen hat, so daß er auf dem Spaziergang nach Syrakus gestehen kann: »Freund, wenn ich ein Neapolitaner wäre, ich wäre in Versuchung, aus ergrimmter Ehrlichkeit ein Bandit zu werden und mit dem Minister anzufangen.« Auf diesem Spaziergang hat er die Nachwirkungen der unglücklichen Beziehung zu der einzigen Frau überwunden, der er näher, nicht einmal nahe getreten ist und die an seine Stelle auf verletzende Weise den Mann berief, an welchen der folgende Brief gerichtet ist. Wie diese Überwindung sich vollzog, erzählt er gelegentlich der Beschreibung seines Aufstiegs auf den Pellegrino in der Nähe Palermos. Im Ausschreiten zog er, seinen Betrachtungen folgend, ein Amulett mit dem Bild der Frau hervor, von dem er sich durch all die Jahre nicht hatte trennen können. Wie er es aber zwischen den Fingern hielt, gewahrte er auf einmal, daß es zerbrochen war, und so warf er die Stücke samt der Fassung in den Abgrund hinunter. Das ist das Motiv des großartigen, wahrhaft taciteischen Epigraphs, das er an dieser Stelle seines Hauptwerks seiner Liebe errichtet hat: »Ehemals wäre ich ihrem Bildchen nachgesprungen; auch jetzt noch dem Original.«

Johann Gottfried Seume an den Gatten seiner früheren Verlobten

Mein Herr!

Wir kennen einander nicht; aber die Unterschrift wird Ihnen sagen, daß wir einander nicht ganz fremd sind. Meine ehemaligen Verhältnisse zu Ihrer Frau können, dürfen und müssen Ihnen nicht unbekannt sein. Sie würden vielleicht nicht übel getan haben, meine Bekanntschaft früher gemacht zu haben; ich störe Niemandes Glück. Ob Madam gegen mich ganz gut gehandelt hat, kann ich nicht entscheiden, eben so wenig als Sie; da wir Beide nicht gleichgültig sind. Ich vergebe ihr gern und wünsche ihr Glück; es war ja nie etwas Anderes der Wunsch meines Herzens. Einige meiner Freunde wollen mir Glück wünschen, daß die Sache so gekommen ist; sie überzeugen fast meinen Kopf; aber mein Herz blutet bei der Überzeugung. Da Sie mich nicht kennen, dürfen Sie über mich nicht urteilen. Ich bin weder Antinous noch Aesop, und Mademoiselle Röder muß doch vorzüglich den ehrlichen, guten Mann zu sehen geglaubt haben, als sie mir sehr teuere Versicherungen gab. Doch stille davon! Es geziemt mir nicht, mich zu rechtfertigen, und noch weniger, Andere anzuklagen. Was die Leidenschaft tat, hat – die Leidenschaft getan. Ich bin nicht Ihr Freund, das leiden die Verhältnisse nicht; da ich aber ein ehrlicher Mann bin, ist es für Sie so gut, als ob ich es wäre. Sie selbst, mein Herr, haben bei der Sache als ein junger, nicht ganz ernsthafter Mann gehandelt. Ich wünsche Ihnen Glück; Sie haben das nötig. Ihre Frau ist gut, ich habe sie tief beobachtet, und ich würde nicht im Stande gewesen sein, mein Herz an eine Unwürdige zu verlieren. Daß zwischen uns nichts Strafbares vorgefallen ist, dafür muß Ihnen mein Charakter und meine jetzige Handlungsweise bürgen. – Sie müssen ihr manchen Fehler vergeben und selbst keinen begehen. Es ist mir daran gelegen, daß Sie Beide glücklich sind; das wird Ihnen begreiflich sein, wenn Sie etwas vom Herzen des Menschen wissen und mich nicht für einen ganz gewöhnlichen Menschen halten. Ich werde höchst wahrscheinlich unterrichtet sein, wie Sie leben, so weit man im allgemeinen unterrichtet sein kann, denn ich bin in Berlin, wo ich oft war, nicht ganz Fremdling. Ich kann nun einmal nicht wieder gleichgültig werden, das hätte Madam ehemals glauben und ihre Maßregeln zur Zeit nehmen sollen. Das Schrecklichste würde mir sein, wenn Sie je eine Ehe nach der Mode führen sollten. Ich bitte Sie bei Ihrem Glück und bei dem Rest von meiner Ruhe, noch mehr aber bei dem Glück der Person, die uns teuer sein muß, nie – nie leichtsinnig zu sein. Sie sind Mann; von Ihnen hängt Alles ab. Wenn Wilhelmine je von ihrem Charakter sinken könnte, ich würde den meinigen fürchterlich rächen. Verzeihen Sie und halten das nicht für Impertinenz. Sie müssen Zeiten und Menschen kennen. Furcht gibt Sicherheit. Ich werde mit meinem Willen Ihre Frau nie wieder sehen. Wenn Sie selbst Ihre Pflichten immer erfüllen, so führen Sie ihr immer in einer ernsthaften Stunde mein Andenken wieder zu. Es kann ihr heilsam werden und soll Ihnen nicht schaden. In meiner Seele kann in diesen Verhältnissen nur Liebe oder Verachtung wohnen; ich kenne mich; die erste kann nur mit dem Stufenjahre Freundschaft werden, und der Himmel bewahre Sie und mich vor der zweiten: ihr Vorbote würde schrecklich sein.

Ich kann aus der Seele des Weibes herauslesen, was Madam jetzt über mich oder auch wohl wider mich sagen wird, und ich wünsche aufrichtig, daß sie nie mit Reue an mich zu denken habe. Es ist Ihr eigenes Interesse, mein Herr, dafür mit beständiger Aufmerksamkeit zu sorgen.

Höchst wahrscheinlich kann ich Ihnen nie einen Dienst leisten, so wenig als Sie mir bei meiner Denkungsart. Sollten Sie aber je glauben, daß ich es könnte, so hätte ich in mir Ursache genug, es mit Vergnügen und Eifer zu tun. Ich erwarte weder Antwort noch Dank; sehen Sie nur das, was ich so kalt als möglich sagte, mit meiner Seele oder nur mit gehörigem Gleichmut an, und Sie werden alles sehr natürlich finden.

Ich versichere Sie herzlich meiner völligen Achtung, und es muß Ihnen daran gelegen sein, sie zu verdienen. Leben Sie wohl und glücklich! Auch dieser Wunsch geht ganz von Herzen, ob er gleich mit etwas mehr Wehmut geschieht, als der Mann fühlen sollte.

Grimma.
Seume.


Unter den Hölderlin'schen Briefen aus dem Jahrhundertanfang gibt es kaum einen, der nicht Sätze enthielte, die hinter den bleibenden seiner Gedichte in nichts zurückstehen. Und doch ist nicht dieser anthologische Wert ihr höchster. Vielmehr ist es ihre einzigartige Transparenz, dank deren die schlichten hingebenden Briefe den Blick ins Innere von Hölderlins Werkstatt freigeben. Die »Dichterwerkstatt« – selten mehr als eine abgenutzte Metapher hier kommt die Wendung zu ihrem Sinn, indem es für Hölderlin in jenen Jahren keine sprachliche Verrichtung, und sei es die alltägliche Korrespondenz, mehr gibt, der er nicht mit der meisterhaften, präzisen Technik seiner späten Dichtungen nachginge. Die Spannung, die so in seine Gelegenheitsschreiben kommt, rückt noch die unscheinbarsten Geschäftsbriefe, geschweige denn die Briefe an die Seinen, in die Nähe so ungewöhnlicher Dokumente, wie es die folgende Nachricht an Böhlendorf ist. Casimir Ulrich Böhlendorf (1775–1825) war Kurländer. »Wir haben ein Schicksal« hat ihm Hölderlin einmal geschrieben. Das Wort besteht, sofern es das Verhältnis betrifft, in das die äußere Welt zu einem enthusiastischen, verwundbaren Gemüt trat. So wenig im Dichterischen zwischen beiden auch nur die geringste Analogie obwaltet, – das Bild des unsteten, wandernden Hölderlin, das der folgende Brief bewahrt, taucht schmerzhaft vergröbert in dem Nachruf auf, den ein lettisches Zeitungsblatt Böhlendorf widmete: »Gott hatte ihm eine besonders gute Begabung mitgegeben. Aber er wurde geisteskrank, und da er überall fürchtete, daß die Menschen ihm seine Freiheit nehmen wollten, wanderte er mehr als zwanzig Jahre umher, viele Mal ganz Kurland und einige Mal auch Livland zu Fuß durchquerend. Der verehrte Leser... wird ihn, mit dem Bündel mit Büchern auf der Landstraße wandernd, gesehen haben.« – Hölderlins Brief nun ist gänzlich auf jene Worte ausgerichtet, welche die späten Hymnen beherrschen: heimatliche und griechische Art, Erde und Himmel, Popularität und Zufriedenheit. Auf schroffen Höhen, wo der nackte Fels der Sprache schon überall an Tag tritt, sind sie, trigonometrischen Signalen gleich, »die höchste Art des Zeichens« und an ihnen vermißt der Dichter die Länder, welche »die Herzens- und Nahrungsnot« ihm eröffnete als Provinzen des griechischen. Nicht des blühenden idealen, sondern des verödeten wirklichen, dessen Leidensgemeinschaft: mit dem abendländischen und vor allem dem deutschen Volkstum das Geheimnis der historischen Wandlung, der Transsubstantiation des Griechentums ist, das von Hölderlins letzten Hymnen den Gegenstand bildet.

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