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Deutsche Menschen

Walter Benjamin: Deutsche Menschen - Kapitel 21
Quellenangabe
typeletter
authorverschiedene Autoren
titleDeutsche Menschen
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume970
editorWalter Benjamin
year1984
isbn
firstpub1936
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid7d7e6394
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Franz Overbeck an Friedrich Nietzsche

Basel, Ostersonntag, 25. März 1883.

Lieber Freund,

besser die Zeit, die Dir lang vorgekommen ist, ist auch wirklich lang gewesen, als ich könnte mich rechtfertigen und Du hättest Dich getäuscht. Mein letzter Brief ist allerdings vor Wochen geschrieben, längst fiel mir selbst dies aufs Herz, und doch habe ich sogar die erste Woche der Ferien eben ablaufen lassen, ohne mir dagegen geholfen zu haben. Von Muße, die mir diese Ferien gebracht hätten, ist eben keine Rede. Briefe und kleinere Arbeiten aller Art, die aufgelaufen waren, fielen sofort an der Schwelle über mich her. Daran erlahmt zeitweilig selbst der fast schmerzliche Drang zu einer Antwort, den neuerdings zumal Deine Briefe und das schwere, darin sich aussprechende Leiden erzeugen. Ich kann Dir nur sagen, auch für Deine Freunde ist es eine ernste Sache, daß Du trotz allem obsiegest, für alle, die Dir anhänglich sind im gewöhnlichen Sinne, für diejenigen, die Dich auch als »Fürsprecher des Lebens« schätzen noch in einem besonderen. Übermäßig dunkel lasten auf Dir augenblicklich Deine Vergangenheit wie Deine Zukunft, beides wirkt auch gewiß verderblich auf Deine Gesundheit und ist so nicht weiter zu ertragen. Bei der Vergangenheit, Deiner geistigen, denkst Du nur an Fehlgriffe und Unglücksfälle, nicht an das, was davon zu überwinden Dir noch stets möglich war. Andere, die Dir zugesehen haben und keineswegs nur Deine Freunde, haben meist auch dieses nicht übersehen. Wenn ich an das, was Dir doch auch gelungen ist, denke, so erinnere ich Dich an Deine Basler Wirksamkeit als Lehrer besonders, teils als deren Zeuge, teils weil mich das gleich auf Deine Zukunft bringen wird. Übervoll von ganz anderen Dingen, wie Du damals warst, hast Du Deinem Amt mit halbem oder Viertelsherzen obgelegen, immerhin mit etwas davon und jedenfalls mit solchem Erfolg, als ob es viel mehr gewesen wäre. Warum willst Du meinen, Du werdest nichts Gutes mehr machen, es sei überhaupt Nichts mehr gut zu machen? Das widerspricht schon englischer, sprichwörtlicher, also alter Weisheit, in der neuen Dir selbst geschaffenen Deiner Philosophie hat es vollends keinen Raum. Diese täuscht Dich zwar nicht über die Hemmnisse Deines Lebens und seiner festen Gründung, aber sie gestattet Dir auch nicht sie zu überschätzen und Dich zu ergeben. Du fragst aber: Wozu noch etwas machen? Zum Teil wenigstens tritt Dir, mein ich, diese Frage aus der Dunkelheit, nämlich ungewöhnlichen Unabsehbarkeit Deiner Zukunft entgegen. Du schriebst mir neulich, Du wollest »verschwinden«. Deiner Phantasie schwebt dabei ein ganz bestimmtes, ohne Zweifel selbst sehr lebhaftes Bild vor, und es erfüllt Dich mit der Zuversicht (die ich mit solcher Freude doch immer wieder in Deinen Briefen auch jetzt hervorbrechen sehe), Dein Leben solle Gestalt bekommen. Einen Freund kann aber die Eröffnung einer solchen Aussicht nur mit der äußersten Bänglichkeit erfüllen. Er hat jenes Bild nicht, und daß Du Dich dabei mit Frau Wagner zusammenstellst, beruhigt ihn am wenigsten. Sie ist wirklich, ohnehin am Schluß ihres Lebens, in einer Lage, wo ein solches schließlich sich vollkommen auf sich selbst Zurückziehen und auf das, was man gegen alle Welt sein eigen genannt hat, bei dem natürlichen menschlichen Egoismus noch etwas wahrhaft Beglückendes haben kann, und dies, meine ich, sogar in vollständiger Übereinstimmung mit einer verständigen, auf die menschliche Natur und sonst nichts gegründeten Moral. »Dein Verschwinden«, wenn es überhaupt etwas mit dem der Frau Wagner gemein haben soll, würde Dir gewiß kein Glück bringen. Ich sehe keine Möglichkeit für die Beruhigung, deren Du zur Zeit so sehr bedarfst, so lange Du nicht festere Ziele für Dein künftiges Leben ins Auge fassest. Und da will ich Dir denn einen Gedanken mitteilen, den ich kürzlich in Hinsicht auf Dich mit meiner Frau schon besprach und der uns Beiden der Überlegung nicht unwert erschien. Wie wäre es, wenn Du daran dächtest, wieder Lehrer zu werden, ich meine nicht akademischer, sondern Lehrer (etwa des Deutschen) an einer höheren Schule? Ich begreife sehr wohl alles Peinliche, was Berührungen mit dem adulten Männergeschlecht der Gegenwart für Dich haben, eine Rückkehr über die Jugend wird Dir ungleich leichter sein, oder vielmehr Du kannst selbst auch bei ihr ganz stehen bleiben und in Deiner Weise für Menschen wirken. Sodann ist solcher Lehrerberuf einer von denen, ja darin vielleicht keinem andern vergleichbar, für welchen Du in diesen letzten Jahren nicht nur keine Zeit verloren hast, sondern für welchen Du nur noch reifer geworden bist. Endlich würde es Dir mit einer Absicht dieser Art auch äußerlich – verzeih den schauderhaften, aber in unserer Zeit verständlichen Ausdruck, und ich will nur kurz und verständlich sein – an Anknüpfungspunkten nicht fehlen. Denn ich bin überzeugt, – rede übrigens dabei und in dieser ganzen Sache in strengstem Sinn nur aus mir heraus – daß Du hier damit ankämest. Bei diesen Andeutungen lasse ich es bewenden, das führst Du Alles, wenn der Gedanke bei Dir nur überhaupt anklingt, ja so schön wie ich's nur wünschen mag bei Dir aus. Für jetzt ist mein bester Trost, daß ich Dich unter ärztlicher Aufsicht weiß und da hoffentlich nichts Wesentliches und wirklich Zuträgliches versäumt wird. Den Winter haben wir hier auch erst im März zu kosten bekommen und noch vorgestern war ein äußerst rauher Tag. Möge es sich nun bald wenden, damit Du an eine zweckmäßige Übersiedlung denken kannst. Die Nachrichten über Deinen »Zarathustra« sind mir äußerst verdrießlich, und ich will nur hoffen, daß Du Dich durch Ungeduld zu keinem Bruch hinreißen lassest, oder wenigstens zu keinem außer mit dem Gedanken sofort weiter für den Fortgang der Sache, wo wir denn sehen müßten, wie etwa dafür Rat zu schaffen wäre. Was Du mir von der Entstehung des Gedichts schriebst, erfüllt mich mit Vertrauen auf seinen Wert, und für Dein Heil als Schriftsteller habe ich neuerdings immer von einem Werke dieser Art Hoffnungen gehabt. Daß es Dir mit den Aphorismen so wenig geglückt, läßt sich, meine ich, mit mehr als einem Grunde erklären. Soll ich an Schmeitzner einen Mahnbrief schreiben oder anfragen? – Diese Woche erhalte ich Dein Geld, dieses Mal 1000 frcs. Was soll ich Dir davon schicken und wie? Ich denke nun recommandiert an Deine Adresse, was aber nur mit Papier zu machen ist. – Mit herzlichen Grüßen meiner Frau, in Sorge und Freundschaft stets Deiner gedenkend Dein

Fr. Overbeck.

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