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Deutsche Menschen

Walter Benjamin: Deutsche Menschen - Kapitel 18
Quellenangabe
typeletter
authorverschiedene Autoren
titleDeutsche Menschen
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume970
editorWalter Benjamin
year1984
isbn
firstpub1936
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid7d7e6394
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Jacob Grimm an Friedrich Christoph Dahlmann

Lieber Dahlmann,

Ihre Schriftzüge, so selten sie mir zu Gesicht kommen, habe ich auf den ersten Blick erkannt, vielleicht ginge es Ihnen nicht so mit den meinen durch das viele Schreiben etwas verschrumpfenden und ungleichen.

Ich bin in den ersten drei Monaten fast immer krankhaft gewesen, als ein übler Grippeanfall endlich überwunden schien, folgte auf ihn der zweite, härtere, der Bedenken einflößen konnte und mich wenigstens so herunter brachte, daß ich mich schwer erhole, denn noch ist nicht alles damit vorüber. Wenn ich oft schlaflos zu Bette lag, fuhr mir auch das Wörterbuch durch den Sinn.

Sie ermahnen mich liebevoll und dringend zu eifrigerer Fortarbeit. Hirzels Briefe tropfen schon jahrelang anhaltend auf denselben Fleck, zwar mit feinster Schonung, doch so, daß, wie wenn Frauen schreiben, dasselbe Anliegen immer darin enthalten ist, und auch, falls ich sie nicht läse, ich doch wüßte, was darin steht.

Im Widerspruch mit diesen Stimmen und einer innern in mir selbst, mahnen mich alle übrigen, die hier in mein Ohr tönen, ab von angestrengter Arbeit, und haben, wie Sie sich denken können, am Arzt ihren Hinterhalt. Ich werde dadurch nicht stutzig noch unschlüssig, aber doch etwas gepeinigt.

Stellen wir uns das Bild des Wörterbuches einmal lebhaft vor. Ich habe in Zeit von drei Jahren für die Buchstaben A B C geliefert 2464 enggedruckte Spalten, welche in meinem Manuskript 4516 Quartseiten ausmachten. Hier will alles, jeder Buchstabe eigenhändig geschrieben sein, und fremde Hilfe ist unzulässig. Wilhelm wird in den drei darauf gefolgten Jahren das D, obschon er es dem Plan entgegen zu sehr ausführt, in 750 Spalten darstellen.

Die Buchstaben A B C D erreichen noch nicht ein Viertel des Ganzen. Es bleiben also, mild angeschlagen, noch gegen 13000 gedruckte Spalten oder nach Weise meines Manuskriptes 25000 Seiten zu schreiben. Fürwahr eine abschreckende Aussicht.

Ich dachte als Wilhelm in die Reihe trat, daß ich nun etwas aufatmen und an andere Arbeiten gehn könnte, die sich unterdessen getürmt hatten. Sobald Hirzel sah, daß Wilhelm langsamer schreitet und das Werk zurückblieb, begann er von mir zu begehren, ich solle, ohne das Ende von D abzuwarten, mit E beginnen, damit der Druck gleichzeitig geschehen könne. Buchhändlerisch betrachtet, war dies nicht unbillig, verdarb mir aber meine Ferien und störte meine Ruhe, denn bei dem Gedanken, alsbald wieder vortreten zu müssen, wies ich auch weit aussehende neue Arbeiten zurück und arbeitete mehr einzelnes aus.

Daß wir beide zugleich Wörterbuch arbeiten, hat auch äußerlich manches gegen sich. Die Menge von Büchern, die dabei gebraucht werden, müßten bald hier bald dort weggenommen werden. Da wir nicht in einer Stube sitzen, würde ein beständiges Laufen und Holen entspringen. Ich weiß nicht, ob Sie sich unsre Hauseinrichtung deutlich vorstellen. Fast alle Bücher sind an den Wänden meiner Stube aufgestellt und Wilhelm hat die größte Neigung, sie in seine Stube zu holen, wo er sie auf Tische legt, daß man sie schwer wieder findet. Trägt er sie aber an die alte Stelle, so ist ein unendliches Tür auf- und zuschlagen, das uns beiden lästig wird. Dies ist nur ein äußeres Hindernis, das aus dem Zusammenarbeiten hervorgeht, die inneren sind viel schwerer.

Sie wissen es, daß wir beide von Kindesbeinen an brüderlich zusammenleben und einer ungestörten Gemeinschaft pflegen. Alles was Wilhelm arbeitet, geschieht mit fleißiger Sorgfalt und Treue, allein er geht langsam zu Werke und tut seiner Natur keine Gewalt an. Ich habe mir oft im Herzen vorgeworfen, daß er durch mich eigentlich in grammatische Dinge getrieben worden ist, die seiner inneren Neigung fernliegen, er hätte sein Talent, ja alles, worin er mir überlegen ist, besser auf andern Feldern bewährt. Diese Wörterbucharbeit verursacht ihm zwar auch Freude, doch mehr Pein und Not, dabei fühlt er sich selbständig und vereinbart sich ungern da, wo die Ansichten abweichen. So kommt es denn, daß die Gleichartigkeit des Plans und der Ausführung leidet, was dem Werke schadet, wenn es auch einigen Lesern sogar angenehm erscheint. In seiner Ausarbeitung ist mir darum einiges nicht recht, so wie umgedreht an der meinen ihm einzelnes mißfallen mag. Ein solches Werk muß, wenn es gedeihen soll, in einer Hand liegen. Ich muß aber noch weiter ausholen.

Alle meine Arbeiten und Erfolge waren nie auf ein Wörterbuch hingerichtet und es tritt nachteilig dazwischen.

Ich empfinde weit mehr Lust, die Grammatik, der ich doch am Ende alles verdanke was ich erreichte, überhaupt zu vollenden, jetzt wächst sie über mich und ich muß sie unvollendet liegen lassen, vermag ihr nicht zu geben, was in meinen Kräften stände, wenn ich mich frei fühlte. Unterdessen auch haben sich manche andere und neue Gegenstände vor mir auf getan, deren Behandlung mir weit näher zu Herzen ginge als das Wörterbuch, sie könnte ich erreichen, während das Ende des Wörterbuches unnahbar steht. Hätte ich diese ganze schwierige Lage vorausgesehen, ich würde damals mit Händen und Füßen das Wörterbuch abgewehrt haben. Meine Besonderheit und Eigentümlichkeit leidet darunter Abbruch.

Doch ich weiß, wozu ich verbunden bin, und habe bereits vor acht Tagen nach Leipzig gemeldet, daß ich noch diesen Monat anfangen will, ich werde also den Hals wieder unter das Joch beugen und erwarten, was die Zukunft bringt und wie sie es für mich ausgleicht.

Nun haben Sie, lieber Freund, einen langen Brief, den zu durchlesen Ihnen schwer geworden sein wird, aber Sie sind Schuld daran und wollen es so, weil Sie herzlich in mich drangen. Mich freut zu hören, daß jetzt drei Mädchen, in Lessings Sprache drei Frauenzimmerchen, in Ihrem Hause sind, wodurch Sie aufgeheitert werden. Ich bleibe Ihr treuer Freund.

Berlin, 14. April 1858.

Jacob Grimm.


Georg Lukács hat die weittragende Bemerkung gemacht, das deutsche Bürgertum hätte seinen ersten Gegner – den Feudalismus – noch nicht zu Boden gerungen, als schon das Proletariat – sein letzter – vor ihm gestanden habe. Die Zeitgenossen Metternichs haben davon ein Lied singen können. Man braucht nur die »Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts« des nie genug geschätzten Gervinus zu öffnen und dort zu lesen, was auch der emeritierte Haus-, Hof- und Staatskanzler noch kurz vor seinem Tode hat lesen können: »Es hat große Staatslenker gegeben, die drückender als Metternich regierten, aber durch Verdienste um den Staat ihre Härte vergüteten, die, selbst wenn sie wie Metternich ihre persönlichen Interessen dem Staatswohl voranstellten, doch, wo ihr Eigennutz nicht im Spiele war, das Gute aus Klugheit förderten oder in natürlicher Neigung und in dem gemeinen Trieb zur Tätigkeit. Nicht so war Metternich. Sein Interesse war die Untätigkeit, und es war daher immer im Spiele und mit dem Staatswohle immer im Streit.« Es war aber nicht sie allein, die dem Gestürzten jene Souveränität schenkte, die dieser Brief des Einundachtzigjährigen so sichtlich atmet, und auch nicht nur der ungestörte Genuß unabsehbarer Reichtümer, die sich der Fürst, wie man sagte, durch die »Kursgewinne und Teilungsverträge mit den Geldkönigen, die Dienste um Dienste, die Gewinne aus teuren Verkäufen... und wohlfeilen Käufen, ... die Entschädigungs-, Friedens-, Evakuations-, Ausgleichungs-, Erwerbungs- und Schiffahrtsmillionen« in einem dreißigjährigen Frieden zu verschaffen gewußt hatte, sondern die denkwürdige politische Konfession, die sich in den acht Bänden seines handschriftlichen Nachlasses kaum irgendwo gültiger formuliert finden wird als in diesem vermächtnisartigen Schreiben an den Grafen von Prokesch- Osten, seinen einzigen Schüler und damaligen österreichischen Bundestagspräsidialgesandten in Frankfurt. Man kann von diesem Brief getrost den Bogen über ein halbes Jahrhundert schlagen und wird den Vorbehalt, der mehr noch als in allen seinen Worten in Metternichs vieldeutigem Lächeln lag – einem Lächeln, das dem Marschall Lannes kriechende Schmiegsamkeit zeigte, dem Freiherrn Hormayr List und Lüsternheit, dem Lord Russell nichtssagende Gewohnheit – man wird den Vorbehalt und dieses Lächeln bei Anatole France wiederfinden, der sagt: »Alle Augenblicke spricht man von ›Zeichen der Zeit‹. Aber die sind sehr schwer ausfindig zu machen. Nicht selten schien mir aus einigen kleinen Szenen, die unter meinen Augen sich abspielten, das Eigentümlichste unserer Epoche zu sprechen. In solchen Fällen aber geschah es neunmal von zehnen, daß ich genau das Gleiche mit entsprechenden Begleitumständen in alten Memoiren oder Chroniken wiederfand.« Das ist es; und darum wird das Leben stets von jenen destruktiv gestimmten Geistern – mögen sie als Grandseigneurs feudalistisch oder als Bürger anarchistisch gesinnt sein – am liebsten mit dem Spiel verglichen werden. Der Doppelsinn des Wortes ist ganz am Platze. Im folgenden Schreiben ist es das der Bühne mit seiner ewigen Wiederkunft alles Gleichen, in einem beinahe gleichzeitigen der Hasard, wobei »die Rücksichten auf Moral- und Rechtsbegriffe in den Skat« gehören. »Lackierten Staub« hat ein russischer Staatsrat den Fürsten genannt. Er hätte sein Lächeln darum nicht abgelegt: die Staatskunst war ihm ein Menuett, wonach im Sonnenlicht Stäubchen tanzen. So gab er von einer Politik sich Rechenschaft, die auch das Bürgertum in seiner großen Zeit nicht meistern konnte, ohne sie als Illusion zu durchschauen.

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