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Deutsche Menschen

Walter Benjamin: Deutsche Menschen - Kapitel 17
Quellenangabe
typeletter
authorverschiedene Autoren
titleDeutsche Menschen
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume970
editorWalter Benjamin
year1984
isbn
firstpub1936
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid7d7e6394
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Johann Friedrich Dieffenbach an einen Unbekannten

Potsdam, 19. Oktober 1847.

Es ist wohl möglich, daß einigen meiner Freunde nicht entgangen ist, daß ich heut vor 25 Jahren promoviert habe. Nur besorge ich, sie könnten von diesem Tage eine Art Aufhebens bei meinen Collegen und Bekannten machen, und etwas veranlassen, wodurch ich mit meinem Empfinden gewissermaßen in die Enge getrieben würde. Von je an ist es mir ein peinlicher Gedanke gewesen, der Löwe einer Feierlichkeit, ein begratulierter Zweckesser zu sein. Ich ließe mir heute lieber etwas operieren, als mich von den edelsten und besten Menschen beglückwünschen. Das ist nicht bloße Demuth, sondern auch eine Art von Sehnsucht nach stiller Einsamkeit an diesem ganz allein für mich wichtigen Tage. Mir sind die 25 Jahre, welche ich für kranke Menschen in meinem Beruf gelebt habe, so schnell und befriedigend verstrichen, als wären es nur 25 Wochen, und ich fühle mich durch das bewegte und erschütternde Leben, in dem ich soviele Schmerzen sah, weder an Geist noch an Körper abgemattet, und es ist mir, als hätten die vielen Kranken, unter denen ich gelebt, mich so gestählt und gestärkt, daß ich auf neue 25 Jahre contrahire.

Wenn also heut am 19. Oktober einige Freunde und Bekannte, sowie andere gute Menschen meiner gedenken, weil sie gehört haben, daß mir heut vor 25 Jahren von dem lieben herrlichen seligen d'Outrepont der Doctorhut auf den Kopf gesetzt sei, so will ich dies freundliche Andenken in aller Stille und Einsamkeit genießen. Ich will ihnen nicht allein dafür danken, sondern auch für alles das Gute und Liebe, welches sie mir erzeigten und wodurch sie mir zur Erreichung meines Lebenszweckes förderlich waren.

Joh. Friedr. Dieffenbach.


Als Einführung zu dem folgenden durch Dahlmanns besorgte Frage nach dem Fortgang des Deutschen Wörterbuches veranlaßten Briefe mögen einige Stellen aus der Einleitung dieses Werkes hier Platz finden: »Es galt, unseren Wortschatz zu heben, zu deuten und zu läutern, denn Sammlung ohne Verständnis läßt leer, unselbständige deutsche Etymologie vermag nichts, und wem lautere Schreibung ein Kleines ist, der kann auch in der Sprache das Große nicht lieben und erkennen. Hinter der Aufgabe bleibt aber das Gelingen, hinter dem Entwurf die Ausführung. Ich zimmere bei Wege / Des muß ich manegen Meister han. Dieser alte Spruch läßt empfinden, wie dem zumute sei, der ein Haus auf offener Straße auferrichtete, vor welchem die Leute stehn bleiben und es begaffen. Jener hat am Tor und dieser am Giebel etwas auszusetzen, der eine lobt die Zieraten, der andere den Anstrich. Ein Wörterbuch steht aber auf dem allgemeinen Heerweg der Sprache, wo sich die unendliche Menge des Volkes versammelt, das ihrer im ganzen, lange nicht im einzelnen kundig, sowohl Äußerungen des Beifalls und Lobes als auch des Tadels erschallen läßt.« »Längst entbehrt unsere Sprache ihren Dualis, dessen ich mich hier immer bedienen müßte, und den Pluralis fortzuführen, fällt mir zu lästig. Ich will das Viele, was ich alles zu sagen habe, und von dem auch meine eigensten, innersten Empfindungen beschwichtigt oder angefochten werden, frischweg in meinem Namen aussprechen; leicht wird, sobald er künftig das Wort ergreift und seine weichere Feder ansetzt, Wilhelm meinen ersten Bericht bestätigen und ergänzen. Hingegeben einer unablässigen Arbeit, die mich, je genauer ich sie kennen lerne, mit stärkerem Behagen erfüllt, warum sollte ich bergen, daß ich meinesteils entschieden sie von mir gewiesen hätte, wenn unangetastet ich an der Göttinger Stelle geblieben wäre? Im vorgerückten Alter fühle ich, daß die Faden meiner übrigen angefangenen oder mit mir umgetragenen Bücher, die ich jetzt noch in der Hand halte, darüber abbrechen. Wie wenn tagelang feine, dichte Flocken vom Himmel nieder fallen, bald die ganze Gegend in unermeßlichem Schnee zugedeckt liegt, werde ich von der Masse aus allen Ecken und Ritzen auf mich andringender Wörter gleichsam eingeschneit. Zuweilen möchte ich mich erheben und alles wieder abschütteln, aber die rechte Besinnung bleibt dann nicht aus. Es gälte doch für Torheit, geringeren Preisen obschon sehnsüchtig nachzuhängen und den großen Ertrag außer acht zu lassen.« Und endlich dieser Schluß, geschrieben zu einer Zeit, da Deutschland – ohne Kabel zwar, aber ohne seine Stimme fälschen zu müssen – über das Meer hin gesprochen hat: »Deutsche geliebte Landsleute, welches Reiches, welches Glaubens Ihr seiet, tretet ein in die Euch allen aufgetane Halle Eurer angestammten, uralten Sprache, lernet und heiliget sie und haltet an ihr, Eure Volkskraft und Dauer hängt in ihr. Noch reicht sie über den Rhein in das Elsaß bis nach Lothringen, über die Eider tief in Schleswigholstein, am Ostseegestade hin nach Riga und Reval, jenseits der Karpathen in Siebenbürgens altdakisches Gebiet. Auch zu Euch, Ihr ausgewanderten Deutschen, über das salzige Meer gelangen wird das Buch und Euch wehmütige, liebliche Gedanken an die Heimatsprache eingeben oder befestigen, mit der ihr zugleich unsere und Eure Dichter hinüberzieht, wie die englischen und spanischen in Amerika ewig fortleben.

Berlin, 2. März 1854.

Jacob Grimm.«

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