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Deutsche Menschen

Walter Benjamin: Deutsche Menschen - Kapitel 15
Quellenangabe
typeletter
authorverschiedene Autoren
titleDeutsche Menschen
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume970
editorWalter Benjamin
year1984
isbn
firstpub1936
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid7d7e6394
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Goethe an Moritz Seebeck

3. Januar 1832.

Auf Ihr sehr werthes Schreiben,mein Theuerster, habe wahrhaftest zu erwidern: daß das frühzeitige Scheiden Ihres trefflichen Vaters für mich ein großer persönlicher Verlust sei. Ich denke mir gar zu gern die wackeren Männer, welche gleichzeitig bestrebt sind, Kenntnisse zu vermehren und Einsichten zu erweitern, in voller Thätigkeit. Wenn zwischen entfernten Freunden sich erst ein Schweigen einschleicht, sodann ein Verstummen erfolgt und daraus ohne Grund und Noth sich eine Mißstimmung erzeugt, so müssen wir darin leider eine Art von Unbehülflichkeit entdecken, die in wohlwollenden guten Charakteren sich hervorthun kann, und die wir, wie andere Fehler, zu überwinden und zu beseitigen mit Bewußtsein trachten sollten. Ich habe in meinem bewegten und gedrängten Leben mich einer solchen Versäumniß öfters schuldig gemacht und will auch in dem gegenwärtigen Fall den Vorwurf nicht ganz von mir ablehnen. So viel aber kann ich versichern, daß ich es für den zu früh Dahingegangenen weder als Freund an Neigung, noch als Forscher an Theilnahme und Bewunderung je habe fehlen lassen, ja daß ich oft etwas Wichtiges zur Anfrage zu bringen gedachte, wodurch dann auf einmal alle bösen Geister des Mißtrauens wären verscheucht gewesen. Doch hat das vorüberrauschende Leben unter anderen Wunderlichkeiten auch diese, daß wir in Thätigkeit so bestrebsam, auf Genuß so begierig, selten die angebotenen Einzelheiten des Augenblicks zu schätzen und festzuhalten wissen. Und so bleibt denn im höchsten Alter uns die Pflicht noch übrig, das Menschliche, das uns nie verläßt, wenigstens in seinen Eigenheiten anzuerkennen und uns durch Reflexion über die Mängel zu beruhigen, deren Zurechnung nicht ganz abzuwenden ist. Mich Ihnen und Ihren theuren Angehörigen zu geneigtem Wohlwollen bestens empfehlend ergebenst

].W.v.Goethe.

Dieser Brief ist einer der letzten, die Goethe geschrieben hat. Wie er, so steht auch seine Sprache an einer Grenze. Die Goethesche Altersrede erweitert das Deutsche in einem imperialen Sinne, der keinen Einschlag von Imperialismus hat. Ernst Lewy hat in einer wenig bekannten, aber um so bedeutsameren Studie »Zur Sprache des alten Goethe« gezeigt, wie die beschauliche, kontemplative Natur des Dichters im hohen Alter ihn zu eigentümlichen grammatischen und syntaktischen Fügungen bringt. Er hat auf das Vorherrschen von Komposita, den Schwund des Artikels, die Betonung des Abstrakten und viele andere Züge hingewiesen, die zusammenwirkend zur Folge haben, »jedem Wort einen möglichst großen Bedeutungsinhalt« zu geben und das gesamte Gefüge unterordnenden Sprachtypen wie dem Türkischen, einverleibenden wie dem Grönländischen angleichen. Ohne unmittelbar diese sprachlichen Gedanken aufzunehmen, suchen die folgenden Anmerkungen zu erhellen, wieweit diese Sprache von der gebräuchlichen abliegt.

»ein großer persönlicher Verlust sei« – Sprachlich wäre der Indikativ mindestens ebenso möglich; der Konjunktiv an dieser Stelle verrät, daß das den Schreibenden beherrschende Gefühl von sich aus nicht den Weg zur Schrift, zum Ausdruck mehr verlangt, daß Goethe als Kanzlist des eigenen Innern es verlautbart.

»in voller Tätigkeit« – Die Worte stehen als Kontrast zu: tot; ein wahrhaft antik empfundener Euphemismus.

»eine Art von Unbehilflichkeit« – Der Schreiber wählt für das Verhalten des Greisen einen Ausdruck, welcher eher für das des Säuglings am Platze wäre, und dies, um ein Physisches an die Stelle eines Geistigen setzen zu können, und dergestalt den Tatbestand, sei es auch mit Gewalt, zu vereinfachen.

»nicht ganz von mir ablehnen« - Goethe hätte wohl schreiben können »nicht ganz ablehnen«. Er schreibt »nicht ganz von mir ablehnen« und bietet damit sich, den eignen Leib, dem Vorwurf zur Stütze, gemäß der Neigung, die Abstraktion, die er im Ausdruck sinnlicher Dinge bevorzugt, ihrerseits im Ausdruck der geistigen in eine paradoxe Anschaulichkeit umschlagen zu lassen.

»das vorüberrauschende Leben« - Bewegt und gedrängt heißt dies Leben an anderer Stelle: Beiworte, die es überdeutlich machen, daß der Schreiber selbst sich, betrachtend, an dessen Ufer zurückzog, im Geiste, wenn auch nicht im Bilde, jenes anderen Greisenwortes, mit dem Walt Whitman verschieden ist: »Nun will ich mich vor die Tür setzen und das Leben betrachten.«

»Einzelheiten des Augenblicks« – »Zum Augenblicke möcht ich sagen: Verweile doch, du bist so schön.« Schön ist der erfüllende Augenblick, der verweilende aber erhaben, wie der am Lebensende kaum mehr vorrückende, den diese Briefzeilen festhalten.

»das Menschliche ... in seinen Eigenheiten« – Die sind das Letzte, worauf der große Humanist sich als in ein Asyl zurückzieht; die Idiosynkrasien, die diese späteste Lebensperiode regieren, auch sie stellt er unter das Patronat der Menschheit selbst. Wie durch das Mauerwerk eines unerschütterlichen, ausgestorbenen Baues zuletzt die schwachen Pflanzen, Moose sich ihre Bahn brechen, dringt hier, die Fugen einer unerschütterlichen Haltung sprengend, das Gefühl.


Es ist immer die gleiche Wendung – Hölderlin an Böhlendorf: »Deutsch will und muß ich übrigens bleiben, und wenn mich die Herzens- und Nahrungsnot nach Otaheiti triebe«; Kleist an Friedrich Wilhelm III.: daß er »schon mehr als einmal dem traurigen Gedanken nahe gebracht worden«, sich im Ausland ein Fortkommen suchen zu müssen; Ludwig Wolfram an Varnhagen von Ense: »Sie werden einen deutschen Schriftsteller von gewiß unbeflecktem literarischem Ruf nicht dem Elend zur Beute lassen«; Gregorovius an Heyse: »Diese deutschen Männer würden einen wahrlich verhungern lassen.« Und nun Büchner an Gutzkow: »Sie sollen noch erleben, zu was ein Deutscher nicht fähig ist, wenn er Hunger hat.« Es ist ein grelles Licht, das aus solchen Briefen auf die lange Prozession deutscher Dichter und Denker fällt, die an die Kette einer gemeinsamen Not geschmiedet, am Fuße jenes weimarischen Parnasses sich dahinschleppt, auf dem die Professoren gerade wieder einmal botanisieren gehen. – Für alles Unglück, von dem er Zeugnis ablegt, ist diesem folgenden Briefe das Glück zu überdauern zugefallen. Besonders sind die an die Seinen und an die Braut Eingriffen zum Opfer gefallen, welche der Bruder, Ludwig Büchner, an seinem Teil damit rechtfertigt, es sei ihm nur auf das angekommen, »was zur Kenntnis der politischen Bewegung jener Zeit und des Anteils, den Büchner daran hatte, wichtig erschien«. Diesem Anteil setzt der folgende Brief ein Ziel. Denn in der Frühe des 1. März 1835 floh Büchner aus Darmstadt. Schon seit einiger Zeit waren die Mitglieder der Gesellschaft der Menschenrechte der Behörde bekannt gewesen; die Arbeit am »Danton« ging, wie man gesagt hat, unter Polizeiaufsicht vor sich. Unter Polizeiaufsicht stand auch die Redaktion; als das Stück im Juli des Jahres erschien, nannte Gutzkow selbst es einen notdürftigen Rest, »die Ruine einer Verwüstung, die mich Überwindung genug gekostet hat«. Erst 1879 brachte Emil Franzos die unzensierte Ausgabe heraus. Die Wiederentdeckung Büchners am Vorabend des Weltkrieges gehört zu den wenigen literarpolitischen Vorgängen der Epoche, die mit dem Jahre 1918 nicht entwertet waren, und deren Aktualität einer Mitwelt, die die Reihe der eingangs erwähnten Äußerungen unabsehbar wachsen sieht, blendend einleuchten muß.

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