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Deutsche Menschen

Walter Benjamin: Deutsche Menschen - Kapitel 11
Quellenangabe
typeletter
authorverschiedene Autoren
titleDeutsche Menschen
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume970
editorWalter Benjamin
year1984
isbn
firstpub1936
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid7d7e6394
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Justus Liebig an August Graf von Platen

Paris, den 16. Mai 1823.

Liebster Freund!

Meinen letzten Brief hast Du jetzt sicher in Händen und erwartest mit diesem Brief mein Bild, das ich Dir zu senden versprach, es ist nicht meine Schuld, daß dieses nicht gleich geschieht, sondern die Schuld des Künstlers, der es bis jetzt noch nicht beendigt hat; allein soll mich dieses abhalten, mit Dir ein wenig zu plaudern?

Es ist eine ausgemachte Sache, daß die Witterung, die Temperatur und andern äußern Zufälligkeiten einen entschiedenen Einfluß auf das Denken, und deswegen auch auf das Briefschreiben haben; der Mensch unterliegt diesem Einflusse trotz seines gebietenden Ichs, er hat dieses mit dem hygrometrischen Herd gemein, das sich verlängern oder verkürzen muß, wenn Feuchtigkeit in seiner Umgebung sich befindet oder nicht. Sicher ist bei mir jetzt ein solches äußeres Agens im Spiel, das mir das Schreiben an Dich zum Bedürfnis macht, da ich mich ja im andern Falle mit dem Denken oder mit dem Gedanken an Dich hätte begnügen können, doch glaube deswegen noch nicht, daß vielleicht ein naher Komet Schuld daran sei, denn die Magnetnadel oscilliert noch wie zuvor, auch ist die Hitze nicht außerordentlicher als wie sie gewöhnlich um diese Zeit in dem Pariser Klima ist; Biot's Vorlesung über die Zerlegung und Klassifizierung der Töne kann dieses auch nicht hervorgebracht haben, und doch wünschte ich, daß ich die Harmonika spielen könnte, ich würde jetzt spielen, und Du würdest vielleicht die Töne hören, die Dir sagen könnten, wie sehr herzlich ich Dich liebe. Gay Lussac, der Entdecker der Gesetze, welchen die Gase unterworfen sind, hat in seinen Vorlesungen noch weniger Anlaß dazu gegeben, und doch wünschte ich ein Gas zu sein, das sich ins Unendliche ausdehnen könnte, ich würde mich im Augenblicke mit dem Endlichen begnügen, und würde mich nur bis Erlangen expandieren und Dich dorten als Atmosphäre umgeben, und gibt es Gase, die beim Atmen tödlich, andere, die liebliche Bilder erscheinen machen, so würde ich vielleicht ein Gas sein, das Dir Lust zum Briefschreiben und Freude und Lust am Leben erwecken könnte. Beutang kann mit seiner Mineralogie noch weniger dieses Bedürfnis hervorbringen, da er mir alle Hoffnung abschneidet, jemals den Stein der Weisen, (der sich als Stein doch in der Mineralogie finden müßte) zu erhalten, und doch wünschte ich ihn, weil er mich in den Stand setzen würde, Dich so glücklich als möglich zu machen, und mich fähig machen würde, mit Dir arabische und persische Rätsel zu lösen, was ich ohne diesen Wunderstein nie lernen werde. Ist es vielleicht la Place mit seiner Astronomie? Dieser kann es auch nicht sein, er zeigt mir bloß den Meridian, in welchem Du lebst, ohne mir Deine glücklichen Sterne zu zeigen. Ebensowenig können es Cuvier's Entdeckungen in der Natur sein, die mich zum Briefschreiben bewegten, denn der gute Mann hat trotz seinem Eifer noch nicht ein Tier, viel weniger einen Menschen finden können, der dem andern vollkommen gleich ist, er zeigt mir bloß, daß die Natur aus einer Leiter besteht, und läßt mich nur sehen, um wieviel Stufen ich noch unter Dir stehe. Oerstedt vielleicht, bei seinem Hiersein hat mit seinem Elektromagnetismus dieses Rätsel bewirkt? Allein auch dieser ist es nicht, denn er nimmt in seinem Galvanismus keine Pole an, und ich fühle wohl, daß wir zwei Pole sind, die in ihrem Wesen unendlich verschieden, allein auch eben dieser Verschiedenheit halber sich anziehen müssen, denn Gleichartiges stößt sich ab.

Du siehst liebster Platen, daß ich nichts finde, was mir dieses Geheimnis aufklären könnte, ich bitte Dich in Deinem nächsten Brief um den Schlüssel.

Dein Dich herzlich küssender Liebig.


»Diese Blumen«, so schreibt am 10. Dezember 1824 Jenny von Droste-Hülshoff, die Schwester der Annette, an Wilhelm Grimm, »sind aus meinem Garten, und ich habe sie für Sie getrocknet«. Und: »Ich wünsche Ihnen immer klaren Sonnenschein, wenn Sie in der Aue spazieren gehen wollen, und daß Ihnen dann keine lästigen Bekannten begegnen, die Sie auf unangenehme Gedanken bringen und so die ganze Erholung für Sie verloren geht.« Sie hat auch noch zwei Bitten, »möchte nämlich gerne wissen, wie groß das Schauspielhaus und Theater in Kassel ist«. Die andere Bitte ist aber viel wichtiger. »Wenn ich«, so schreibt sie, »meinen Schwänen die Flügel stutze, was neulich noch an den beiden Jungen hat geschehen müssen, so ist das immer eine so große und traurige Arbeit. Ich bitte Sie also, mal zu fragen, auf welche Art die Schwäne in der Aue wohl behandelt werden. Es hat aber damit gar keine Eil, denn so bald kann ich doch von Ihrem Unterricht noch keinen Gebrauch machen. Die Schwäne müssen Sie aber immer mit günstigen Augen ansehen und denken, Sie stünden am Hülshoffer Teiche und sähen die meinigen da schwimmen. Ich will Ihnen auch sagen, wie sie heißen: der schöne Hans, Weißfüßchen, Langhals und Schneewittchen. Gefallen Ihnen die Namen wohl?« Alles das ist im folgenden Briefe beantwortet. Es ist jedoch nicht die Erledigung der Fragen in solcher Antwort, sondern die zarteste Verflechtung mit ihnen, so daß dies Frag- und Antwortspiel zur Spiegelung des längst vergangenen Liebesspiels zwischen den Schreibenden wird, das schwerlos in der Sprach- und Bilderwelt weiterlebt. Was wäre Sentimentalität, wenn nicht der erlahmende Flügel des Fühlens, das sich irgendwo niederläßt, weil es nicht weiterkann, und was also ihr Gegensatz, wenn nicht diese unermüdete Regung, die sich so weise aufspart, auf kein Erlebnis und Erinnern sich niederläßt, sondern schwebend eins nach dem andern streift: »O Stern und Blume, Geist und Kleid, / Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!«

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