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Deutsche Menschen

Walter Benjamin: Deutsche Menschen - Kapitel 10
Quellenangabe
typeletter
authorverschiedene Autoren
titleDeutsche Menschen
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume970
editorWalter Benjamin
year1984
isbn
firstpub1936
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid7d7e6394
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Annette von Droste-Hülshoff an Anton Matthias Sprickmann

Hülshoff, 8.2.1819.

O mein Sprickmann, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, um Ihnen nicht lächerlich zu erscheinen; denn lächerlich ist das, was ich Ihnen sagen will, wirklich, darüber kann ich mich selber nicht täuschen. Ich muß mich einer dummen und seltsamen Schwäche vor Ihnen anklagen, die mir wirklich manche Stunde verbittert; aber lachen Sie nicht, ich bitte Sie; nein, nein, Sprickmann, es ist wirklich kein Spaß. Sie wissen, daß ich eigentlich keine Törin bin; ich habe mein wunderliches, verrücktes Unglück nicht aus Büchern und Romanen geholt, wie ein jeder glauben würde. Aber niemand weiß es, Sie wissen es ganz allein, und es ist durch keine äußeren Umstände in mich hineingebracht, es hat immer in mir gelegen. Wie ich noch ganz klein war (ich war gewiß erst vier oder fünf Jahr'; denn ich hatte einen Traum, worin ich sieben Jahr' zu sein meinte und mir wie eine große Person vorkam), da kam es mir vor, als ging ich mit meinen Eltern, Geschwistern und zwei Bekannten spazieren, in einem Garten, der gar nicht schön war, sondern nur ein Gemüsegarten mit einer geraden Allee mitten durch, in der wir immer hinaufgingen. Nachher wurde es wie ein Wald, aber die Allee mitten durch blieb, und wir gingen immer voran. Das war der ganze Traum, und doch war ich den ganzen folgenden Tag hindurch traurig und weinte, daß ich nicht in der Allee war und auch nie hineinkommen konnte. Ebenso erinnere ich mich, daß, wie meine Mutter uns eines Tages viel von ihrem Geburtsorte und den Bergen und den uns damals noch unbekannten Großeltern erzählte, ich eine solche Sehnsucht danach fühlte, daß, wie sie einige Tage nachher zufällig bei Tische ihre Eltern nannte, ich in ein heftiges Schluchzen ausbrach, so daß ich mußte fortgebracht werden; dies war auch vor meinem siebenten Jahr; denn als ich sieben Jahre alt war, lernte ich meine Großeltern kennen. Ich schreibe Ihnen diese unbedeutenden Dinge nur, um Sie zu überzeugen, daß dieser unglückselige Hang zu allen Orten, wo ich nicht bin, und allen Dingen, die ich nicht habe, durchaus in mir selbst liegt und durch keine äußeren Dinge hineingebracht ist; auf diese Weise werde ich Ihnen nicht ganz so lächerlich scheinen, mein lieber, nachsichtsvoller Freund. Ich denke, eine Narrheit, die uns der liebe Gott aufgelegt hat, ist doch immer nicht so schlimm wie eine, die wir uns selbst zugezogen haben. Seit einigen Jahren hat dieser Zustand aber so zugenommen, daß ich es wirklich für eine große Plage rechnen kann. Ein einziges Wort ist hinreichend, mich den ganzen Tag zu verstimmen, und leider hat meine Phantasie soviel Steckenpferde, daß eigentlich kein Tag hingeht, ohne daß eines von ihnen auf eine schmerzlich süße Weise aufgeregt würde. Ach mein lieber, lieber Vater, das Herz wird mir so leicht, wie ich an Sie schreibe und denke, haben Sie Geduld und lassen Sie mich mein törichtes Herz ganz vor Ihnen aufdecken, eher wird mir nicht wohl. Entfernte Länder, große interessante Menschen, von denen ich habe reden hören, entfernte Kunstwerke und dergleichen mehr, haben alle diese traurige Gewalt über mich. Ich bin keinen Augenblick mit meinen Gedanken zu Hause, wo es mir doch so sehr wohl geht; und selbst wenn tagelang das Gespräch auf keinen von diesen Gegenständen fällt, seh' ich sie in jedem Augenblick, wo ich nicht gezwungen bin, meine Aufmerksamkeit angestrengt auf etwas anderes zu richten, vor mir vorüberziehen, und oft mit so lebhaften an Wirklichkeit grenzenden Farben und Gestalten, daß mir für meinen armen Verstand bange wird. Ein Zeitungsartikel, ein noch so schlecht geschriebenes Buch, was von diesen Dingen handelt, ist imstande, mir die Tränen in die Augen zu treiben; und weiß gar jemand aus der Erfahrung zu erzählen, hat er diese Länder bereist, diese Kunstwerke gesehen, diese Menschen gekannt, an denen mein Verlangen hängt, und weiß er gar auf eine angenehme und begeisterte Art davon zu reden, o! mein Freund, dann ist meine Ruhe und mein Gleichgewicht immer auf längere Zeit zerstört, ich kann dann mehrere Wochen an gar nichts mehr anderes denken, und wenn ich allein bin, besonders des Nachts, wo ich immer einige Stunden wach bin, so kann ich weinen wie ein Kind und dabei glühen und rasen, wie es kaum für einen unglücklich Liebenden passen würde. Meine Lieblingsgegenden sind Spanien, Italien, China, Amerika, Afrika, dahingegen die Schweiz und Otaheite, diese Paradiese, auf mich wenig Eindruck machen. Warum? das weiß ich nicht; ich habe doch davon viel gelesen und viel erzählen hören, aber sie wohnen nun mal nicht so lebendig in mir. Wenn ich Ihnen nun sage, daß ich mich oft sogar nach Schauspielen sehne, die ich habe aufführen sehen, und oft nach eben denjenigen, wobei ich mich am meisten gelangweilt habe, nach Büchern, die ich früherhin gelesen und die mir oft gar nicht gefallen haben. So habe ich z.B. in meinem vierzehnten Jahre einen schlechten Roman gelesen, den Titel weiß ich nicht mehr, aber es kam von einem Turme darin vor, worüber ein Strom stürzt, und vorn am Titelblatt war besagter abenteuerlicher Turm in Kupfer gestochen; das Buch hatte ich längst vergessen, aber seit längerer Zeit arbeitet es sich aus meinem Gedächtnis hervor, und nicht die Geschichte, noch etwa die Zeit, in der ich es las, sondern wirklich und ernsthaft das schäbige verzeichnete Kupfer, worauf nichts zu sehen ist wie der Turm, wird mir zu einem wunderlichen Zauberbild, und ich sehne mich oft recht lebhaft danach, es einmal wiederzusehen: wenn das nicht Tollheit ist, so gibt's doch keine, da ich zudem das Reisen doch gar nicht vertrage, da ich mich, wenn ich einmal eine Woche von Hause bin, ebenso ungestüm dahin zurücksehne, und da auch wirklich dort alles meinen Wünschen zuvorkommt. Sagen Sie! was soll ich von mir selbst denken? und was soll ich anfangen, um meinen Unsinn los zu werden? Mein Sprickmann, ich fürchtete meine eigene Weichheit, wie ich anfing, Ihnen meine Schwäche zu zeigen, und statt dessen bin ich über dem Schreiben ganz mutig geworden; mich dünkt, heute wollte ich meinen Feind wohl bestehen, wenn er auch einen Anfall wagen sollte. Sie können auch nicht denken, wie glücklich übrigens meine äußere Lage jetzt ist; ich besitze die Liebe meiner Eltern, Geschwister und Verwandten in einem Grade, den ich nicht verdiene, ich werde, besonders seit ich vor dreieinhalb Jahren so krank war, mit einer Zärtlichkeit und Nachsicht behandelt, daß ich wohl eigensinnig und verwöhnt werden könnte, wenn ich mich nicht selbst davor fürchtete und sorgfältig hütete. Wir haben jetzt eine Schwester meiner Mutter Ludowine bei uns, ein gutes, stilles, verständiges Mädchen, deren Umgang mir sehr wert ist, besonders wegen ihrer klaren und richtigen Ansicht der Dinge, womit sie oft, ohne es zu ahnden, meinen armen verwirrten Kopf wieder zu Verstande bringt. Werner Haxthausen lebt in Köln, und mein ältester Bruder, Werner, kommt in einigen Wochen zu ihm. Leben Sie wohl und vergessen Sie nicht, wie begierig ich auf Antwort warte.

Ihre Nette.


Es gibt wenige deutsche Prosaiker, deren Kunst so ungebrochen in die Briefstellerei eingeht wie die von Görres. Wie die Meisterschaft eines Handwerkers, der seine Werkstatt neben der Wohnstube hatte, niemals im Werk allein, sondern gleichzeitig im privaten Lebensraume des Mannes und seiner Familie sich ausprägte, so ist es bei Görres mit der Schreibkunst der Fall. Wenn die frühromantische Ironie Friedrich Schlegels – siehe die »Lucinde« – esoterischer Art und bestimmt ist, eine kühle Aura um das reine, sich selbst genügsame »Werk« zu legen, schlägt die spätromantische eines Görres die Brücke zum Biedermeier. Die Ironie beginnt, sich von der Artistik zu lösen, um sich der Innigkeit und Schlichtheit zu verbinden. Dem Geschlecht, welchem Görres angehörte, ging die Reminiszenz der gotischen Bürgerstube mit ihren Knospentürmchen und Bogengängen an Stuhl und Truhe wirklich tief in den Alltag ein, und wenn sie uns in den Gemälden der Nazarener bisweilen gekünstelt und kalt erscheint, so gewinnt sie desto mehr Wärme und Kraft in den intimeren Bereichen. Der folgende Brief spiegelt sehr schön den Übergang der idealisch ausgespannten Romantik ins beschauliche Biedermeier.

Joseph Görres an den Stadtpfarrer Aloys Vock in Aarau

Straßburg, 26. Juni 1822.

Ich muß wieder einmal mein Antlitz gegen das Aartal wenden und sehen, was meine freien Bündler über dem Jura machen. Ich setze daher sofort gleich den linken Fuß an den alten Salzturm bei Basel, dann gar nicht weit ausnehmend den rechten, unsern guten Bricktalern damit über die Nase fahrend, oben auf den Sattel an der Scharte und sehe nun hinunter und finde gleich die hölzerne Brücke, auf der man am hellen Tage nicht sieht, an die man unter drei Franken Strafe, die Hälfte für den Angeber, sein Wasser nicht abschlagen darf, natürlich um das schöne grüne Bergwasser unten nicht zu verderben, sehe links die alte Zwingburg, deren Mauern die tapferen Aarauer zwölften Geschlechts abwärts überschritten, dahinter die Wohnung, wo ehemals Prof. Görres seinen patriotischen Phantasien nachgehangen, endlich ganz links am Ende, um nicht mehr irre zu gehen, im vorvorletzten Hause, meinen liebwertesten Herrn Pfarrer etwas zerstreut auf der Galerie hinten auf und nieder gehen, bisweilen nach der Scharte sehen und seinen Augen nicht recht trauen, ob der Heruntersehende wirklich der Herr Schreibende ist, und ob er aus dem Briefe heraussieht, oder der Brief aus ihm, und ob seine Gedanken auf dem Berge stehen oder der Berg in seinen Gedanken. Das sind nun eben die kuriosen Fälle, wie sie im Leben vorkommen, und wenn der Pfarrer mich wirklich anredet und mich ernsthaft fragt, ob ich denn wirklich der selbige Herr Görres sei, der bekanntermaßen zehn Monat in des Bürgermeisters Haus gewohnt und im Garten auf und ab trottiert, so kann ich mit gutem Gewissen nicht ja sagen, da der leibliche Überrock, den ich vor acht Monaten von da mitgenommen, wirklich ganz abgetragen und zerrissen ist; und doch auch ohne rot zu werden, nicht recht nein, da ich mich wirklich zu erinnern glaube, daß das fragliche Subjekt wirklich da herumspaziert. Da gebe ich ihm denn kurzweg in der Verwirrung die Hand und fühle nun gleich, wie's steht, und daß ich bei alten Freunden und Bekannten bin.

Um nun auf die albernen Reden auch ernsthafte Diskurse zu führen, so will ich Ihnen sagen, wie dieser mein Brief hinter großen Wettern herzieht, die viel Menschen hier das Leben gekostet und ganz nahe auch meine Frau und Sophie auf dem Wasser getroffen hätten. Das sind furchtbare Stürme in diesem Jahre, die sich über die Gebirge nach Norden hin verirrt. Marie meint, Sie würden nun seit vier Wochen auch kein Feuer mehr im Ofen haben, obgleich immer noch Morgen und Abend etwas kühlich spitze Finger machen möchten; ich sage ihr aber, man brauche sie ja eben nicht herauszustrecken und sie vielmehr, wie sich's denn auch ohnehin schickt, bei sich behalten.

Viel hundert Vögel, die eben auf der großen Kastanie vor meinem Fenster ihr Schlaflied singen, lassen Ihr Zeiserlein auch aufs schönste grüßen.


In der Frühromantik war es ein dichtes Netz nicht gedanklicher Beziehungen allein, sondern persönlicher, das von den Naturwissenschaftlern sich zu den Dichtern hinüberspann. Verbindende Geister wie Windischmann, Ritter, Ennemoser und verbindende Vorstellungen wie die Brown'sche Reiztheorie, der Mesmerismus, die Chladni'schen Klangfiguren hielten das naturphilosophische Interesse auf beiden Seiten ununterbrochen wach. Je weiter aber das Jahrhundert vorrückte, desto mehr lockerten sich diese Beziehungen, um endlich in der Spätromantik den seltsamsten, gespanntesten Ausdruck in der Freundschaft zwischen Liebig und Platen zu finden. Das Kennzeichnende, von älteren Bindungen ähnlicher Art gänzlich sich Unterscheidende, ist die Ausschließlichkeit, mit der sie – von allen übrigen Verbindungen abgesondert – auf die beiden Partner allein gestellt ist: den neunzehnjährigen Studenten der Chemie und den sieben Jahre Älteren, der an der gleichen Universität Erlangen seinen orientalischen Interessen nachging. Die gemeinsame Studienzeit freilich war kurz; im Frühjahr des Jahres 1822 schon, das sie zueinander geführt hatte, mußte Liebig sich vor den Demagogenverfolgungen nach Paris in Sicherheit bringen. Das war der Beginn eines Briefwechsels, der ausgespannt über den drei Pfeilern der gemeinsam verlebten Monate, schwankend, vibrierend den Abgrund der Jahre, welche folgten, überbrückte. Unendlich schwierig ist Platen als Korrespondent gewesen: die Sonette, Ghaselen an Freunde, wie sie auch diesen Briefwechsel von Zeit zu Zeit unterbrechen, scheint er gewissermaßen zu verstecken oder zu erkaufen durch unablässige Vorwürfe, Ausfälle, Drohungen. Um so gewinnender das Entgegenkommen des geliebten und schönen Jüngeren, der in Platens Welt so weit eingeht, ihm als Naturforscher (könnte er sich zu solcher Tätigkeit entschließen) eine größere Zukunft als Goethen zu prophezeien oder auch, Platen zur Freude, seine Briefe mit arabischen Schriftzeichen zu signieren, wie diesen folgenden. Abgefaßt ist er zwei Monate vor der entscheidenden Wendung in Liebigs Leben, auf die er selber in seiner Widmung der »Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie« zurückweist. »Zu Ende der Sitzung vom 28. Juli 1823«, so wendet er sich an Alexander von Humboldt, »mit dem Zusammenpacken meiner Präparate beschäftigt, näherte sich mir aus der Reihe der Mitglieder der Akademie ein Mann und knüpfte mit mir eine Unterhaltung an; mit der gewinnendsten Freundlichkeit wußte er den Gegenstand meiner Studien und alle meine Beschäftigungen und Pläne von mir zu erfahren; wir trennten uns, ohne daß ich aus Unwissenheit und Scheu zu fragen wagte, wessen Güte an mir teilgenommen habe. Diese Unterhaltung ist der Grundstein meiner Zukunft gewesen, ich hatte den für meine wissenschaftlichen Zwecke mächtigsten und liebevollsten Freund und Gönner gewonnen.« Den Zeiten, in denen zwei große Deutsche in den Räumen einer französischen Akademie Bekanntschaft miteinander schließen konnten, ist Liebig auch weiterhin, zumal im Jahre 1870, treu geblieben, da er in einer Rede vor der Bayrischen Akademie der Wissenschaften dem Chauvinismus entgegengetreten ist. So repräsentierte er in der Frühzeit wie im Alter jene Forschergeneration, der Philosophie und Dichtung noch nicht ganz aus dem Blickkreis verschwunden waren, wenn sie auch nur mehr winkend und hinter Nebeln, wie im folgenden Briefe, herübergeistern.

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