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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 165
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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163. Goethe an Lavater

Ostheim vor der Rhön [etwa 20. September].

Erst heut erhalt ich deine Briefe vom 2. und 9. dieses Monats, wir sind in einigen entfernten Aemtern des Fürstentums Eisenach und sehen verschiedene neue, gute und nützliche Veranstaltungen in der Nähe, die seit vergangnem Frühjahr im Werk sind ...

Deine Frage über die Schöne kann ich nicht beantworten. Ich habe mich gegen sie so betragen, als ich's gegen eine Fürstin oder eine Heilige thun würde. Und wenn es auch nur Wahn wäre, ich möchte mir solch ein Bild nicht durch die Gemeinschaft einer flüchtigen Begierde besudeln. Und Gott bewahre uns für einem ernstlichen Band, an dem sie mir die Seele aus den Gliedern winden würde.

Das Tagewerk, das mir aufgetragen ist, das mir täglich leichter und schwerer wird, erfordert wachend und träumend meine Gegenwart. Diese Pflicht wird mir täglich teurer, und darin wünscht ich's den größten Menschen gleich zu thun, und in nichts Größerem. Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles andre und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu. Ich darf mich nicht säumen, ich bin schon weit in Jahren vor, und vielleicht bricht mich das Schicksal in der Mitte, und der Babylonische Turm bleibt stumpf unvollendet. Wenigstens soll man sagen: es war kühn entworfen, und wenn ich lebe, sollen will's Gott die Kräfte bis hinauf reichen.

Auch thut der Talisman jener schönen Liebe, womit die Stein mein Leben würzt, sehr viel. Sie hat meine Mutter, Schwester und Geliebten nach und nach geerbt, und es hat sich ein Band geflochten wie die Bande der Natur sind.

Adieu, Liebster, bleibe mir nah im Geist. Mit den Dürers, die langsam gehen, wegen der Kosten, kommen Blumen und Kräuterbüschel, die ich am Weg sammle. Lass' sie nur wenige sehn, und nur keinen prätendierenden Schriftsteller, die Buben haben mich von jeher aus- und nachgeschrieben und meine Manier vor dem Publiko stinkend gemacht.

Schicke mir was dich deucht.

Auf deine Offenbarung wart ich, deine Veränderungen sollen mir Unterhaltung sein mit dir und ein Studium echter Kritik.

Herder fährt fort, sich und andern das Leben sauer zu machen.

Der Herzog ist sehr gut und brav. Wenn ich nur noch einigen Raum für ihn von den Göttern erhalten kann. Die Fesseln, an denen uns die Geister führen, liegen ihm an einigen Gliedern gar zu enge an, da er an andern die schönste Freiheit hat.

Seitdem ich keine physiognomische Prätension mehr mache, wird mein Sinn sehr scharf und lieblich, ich weiß fast in der ersten Minute, wie ich mit den Leuten dran bin.

Wenn du mir meine Sachen hübsch zurückschickst und sie nicht propalierst, sollst du mehr haben. Es ist doch wohl einmal etwas für dich drunter.

Im Physiognomischen sind mir einige Hauptpunkte deutlich geworden, die dir wohl nichts Neues sind, mir aber von Wichtigkeit wegen der Folgen.

Hab ich dir das Wort.

Individum est ineffabile.

woraus ich eine Welt ableite, schon geschrieben?

Wegen des Bodmerischen Manuskriptes ist es gut.

Grüße Bäben und deine Frau.

G.

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