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Deutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert

Erich Ebstein: Deutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert - Kapitel 8
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authorErich Ebstein
titleDeutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert
publisherVerlag von Julius Springer
editorErich Ebstein
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Wilhelm Griesinger

(1817-1868)

Zum Gedächtnis an J. L. Schoenlein

Eine akademische Rede, gehalten am 14. März 1864 an der Hochschule in Zürich

Das Semester, hochgeehrte Herren, soll nicht zu Ende gehen, ohne daß an unserer Hochschule das Andenken ihres ersten Klinikers gefeiert würde, des ersten nach der Zeit, des ersten weit mehr noch nach der Bedeutung. Der Nachfolger Schoenleins auf dem klinischen Lehrstuhle wird es dem jüngeren Geschlecht sagen und seinen Zeitgenossen ins Gedächtnis zurückrufen dürfen, was dieser für die Medizin geleistet und in welchem Geiste er an unserer Hochschule gewirkt hat. Die lebendigsten Erinnerungen werden in mir wach, wenn ich an den engen und schlechten Räumen vorbeigehe, wo es mir selbst vergönnt war, von ihm in die Klinik eingeführt zu werden; die dankbarsten Erinnerungen an den verehrten Lehrer – wie imponierend auch sein Wesen war, wie hoch und fern er dem Anfänger stand; es ist mir, als fühle ich in der Erinnerung an ihn noch einmal etwas von jener Sympathie, von jenem, ich möchte sagen, magnetischen Rapporte, der stets in seiner Klinik zwischen Lehrer und Schüler fühlbar war, und der ein sehr starker Träger des geistigen Rapportes ist. Zum Teil nach meinen eigenen Erinnerungen auch möchte ich Ihnen das Bild des großen Klinikers vorführen, aber vorzüglich möchte ich Ihnen zeigen, welche Stellung er in der Medizin seinerzeit einnahm, und welche Keime er in die Wissenschaft legte. Nicht als Lobredner will ich für ihn auftreten; er hat solche genug gefunden, schon bei Lebzeiten, da er ein einflußreicher Mann war; durch ein freies Urteil werde ich ihn besser ehren, und wenn ich Sie mit den Tatsachen bekannt gemacht habe, so wird das Große, was er geleistet, weiteren Lobes nicht mehr bedürfen.

Schoenlein wurde im Jahre 1793 in Bamberg geboren; er starb am 24. Januar dieses Jahres [1864] an dem Orte, wo seine Wiege gestanden war. Er hatte seine Universitätsstudien im Jahre 1816 vollendet und habilitierte sich schon 1817 als Privatdozent in Würzburg; schon im Jahre 1819, also im 25.-26. Lebensjahre, bekam er die Klinik des schönen Julius-Spitales übertragen; er wirkte als Lehrer in Würzburg bis 1832, also fünfzehn Jahre. Von 1833 bis 1840 gehörte er unserer Hochschule an; von 1840 bis 1859, also fast zwanzig Jahre lang, stand er in Berlin der Klinik und verschiedenen ärztlichen einflußreichen Stellungen vor. Im Jahre 1859 verließ er diese Stellungen in ehrenvollster Weise und zog sich in das Privatleben zurück. Unserer Hochschule also hat er die Zeit vom 40.-47. Lebensjahre, die besten Jahre des reifen Mannesalters, das seinen Scheitelpunkt noch nicht überschritten, gewidmet. Es war vielleicht auch seine beste Zeit. Freudig und mit offenen Armen an der neugegründeten Hochschule empfangen war er es, dessen Name vorzüglich ihr Glanz gab; das klinische Material und alle Anstalten waren noch klein und dürftig, sein Talent, sein Ruhm gaben allein dieser Klinik ihre Bedeutung.

Wie war es gekommen, daß Schoenlein damals schon seit Jahren für den unzweifelhaft ersten Kliniker Deutschlands galt? – Der Ruhm, meine Herren, muß nach den Mitteln bemessen werden, durch die er erworben wird; sehen wir zu, welche Eigenschaften es waren, die ihn so gefeiert machten, aus welchen Elementen sich seine Größe und seine Bedeutung aufbauten. Schoenleins Auftreten als junger Mann fiel in die schlechtesten Zeiten der deutschen Medizin. Im zweiten und fast noch im ganzen dritten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts bewegten sich in ihr, soweit sie wissenschaftlich sein wollte, die zum Teile schon ganz abgeschwächten, zum Teile noch sehr lebhaften Reste ganz verschiedener Schulen. Unter diesen war die unfähigste und hochmütigste die aus der Schellingschen Naturphilosophie hervorgegangene. Sonst waren die Hauptrepräsentanten verschiedener Richtungen die Erregungs-Theoretiker, umgeformte Sprößlinge des Brownschen Systemes, einzelne Nerven-Pathologen, welche die Grundsätze der vorigen doch schon etwas konkreter zu fassen suchten, und Humoralpathologen alten Stiles, deren Begriffe sich um böse Säfte, um Schleim und Galle, Schärfen und Krisen bewegten. In den Büchern und Journalen herrschte eine gemütliche Anarchie aus diesen verkommenen Elementen; in der Praxis konnte man mit der vermeintlichen Wissenschaft, mit dem Plus und Minus, mit den Polaritäten und dem Erd-Magnetismus, mit der Sensibilität und Irritabilität, und wie alle diese gedachten und gemachten Faktoren hießen, nichts anfangen. Die guten Praktiker der Zeit – und es gibt deren zu allen Zeiten – hielten sich natürlich zumeist an die Empiriker der eben verflossenen Epoche, als deren allerdings höchstbedeutender Repräsentant vor allen J. P. Frank zu nennen ist. – Allein die Praxis war doch in einer üblen Lage; der Unterricht war noch ganz überwiegend theoretisch; die kleinen, in schwäbischen oder hessischen Landstädtchen gelegenen Universitäten hatten entweder noch gar keine oder nur die allerprimitivsten und beschränktesten klinischen Institute; die zum Teil höchst geistreichen und gelehrten Männer, die an ihnen wirkten, waren also vielfach ohne eigene umfassende Erfahrung und, was das Schlimmste war – die ausschweifenden Theorien hatten den Sinn für treue und nüchterne Natur-Beobachtung heruntergebracht; es war wenig Lust zur Vervollkommnung der praktischen Methoden und zur Benutzung der Hilfswissenschaften vorhanden; der Sinn für die Objekte überhaupt war stumpf geworden. Die französische Medizin war damals gerade belebt von den interessantesten Diskussionen um Tatsachen und Prinzipien zwischen den Broussaisisten und der pathologisch-anatomischen Schule, und die größten Fortschritte der Praxis hatten sich in ihr vollzogen. Fast nichts davon war in die deutsche Medizin gedrungen. Corvisarts Wiederentdeckung der Perkussion im Jahre 1808 blieb in Deutschland fast unbeachtet; die im Jahre 1819 zum ersten Male und gleich wie fast vollendet von ihrem Schöpfer ausgegangene Auskultation ließ kalt oder erregte höchstens Neugierde. Für Naturphilosophen und Erregungstheoretiker hatte Laennec freilich seine drei unsterblichen Bände nicht geschrieben; das Verhalten der Praktiker ist schwer begreiflich; doch hatte ja die deutsche Medizin den ursprünglichen Erfinder der Perkussion, Auenbrugger, schon seit 1761 gehabt und sein prächtiges kleines Schriftchen zu Makulatur werden lassen.

In diese Zeiten also fiel das Auftreten Schoenleins, einer Natur, geboren zu sinnlich-konkreter Auffassung der Objekte, begabt mit einem Spiegelblicke für das kranke Leben, mit originalem Scharfblick in die Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten der Erscheinungen, mit einer Leichtigkeit im Generalisieren, die nicht sobald wieder einer erreichen wird, mit kräftigem Forschertriebe und mit energischem, praktischem und auf das Handeln hin gerichtetem Geiste. – Ein gütiges Geschick führte das herrliche Talent in eine große Krankenanstalt. – Ganz frei geblieben war er nicht von der herrschenden Mode naturphilosophischer Genialitäten; höchst merkwürdig ist in dieser Hinsicht seine im Jahre 1816 erschienene Dissertation über die Hirnmetamorphose. In der Vorrede dieses sehr bedeutenden Werkchens gibt er der Naturphilosophie mit den kräftigen Worten den Abschied: »Die Gott-Vater-Komödie naht sich tragisch ihrem Ende; – – nach einem schweren Sturme dringt endlich von allen Seiten die Überzeugung hervor, daß ganz allein ein kontemplatives Wissen, daß bloß die Anschauung Wahrheit und Gültigkeit besitze«; die Schrift selbst aber beginnt mit den Worten: »das Licht vermählt sich dem Wasser und zeugt mit ihm das Organische«. – Aber rasch scheint diese Wolke vor seinem hellen Geiste niedergesunken zu sein, wenige schwache Streifen, die vielen ein Schmuck schienen, allerdings hinterlassend.

Mit genialer Freude scheint sich Schoenlein damals in dem großen Würzburger Spitale ganz der Krankenbeobachtung hingegeben zu haben. Es müssen mächtige Einwirkungen der Natur gewesen sein, die ihn hier erfaßten; denn bald war der junge Privatdozent imstande, Vorlesungen zu halten, in denen nicht mehr die Steine der Abstraktion, sondern das Brot sinnlich faßbarer Anschauungen und Erfahrungen geboten wurde, mit weit umfassendem Blick und voller Originalität verarbeitet. Es war damals die Zeit der Systematik; man legte ungemeinen Wert auf die richtige Anordnung der Krankheiten, auf die Durchführung gewisser Prinzipien in dieser Anordnung; die allerverschiedensten sog. Systeme suchten sich den Rang abzulaufen; man hätte zweifeln mögen, ob es auch nur die gleichen Objekte seien, mit denen es doch alle zu tun hatten. – Bei Schoenlein sehen wir nun eine Umformung dieser Systematik vom Grunde aus. Vor allem nichts mehr bei ihm von dem wertlosen, bloß logischen Gliederungen der Theoretiker; der praktische Zweck, die Krankheiten real zu erkennen, leitete allein bei Entwerfung seines bald so bewunderten Systemes. Wie dürftig, wenn wir mit Schoenlein vergleichen, hatten die jüngst vorausgegangenen praktischen Schulen, wie hatte z. B. Frank dem Bedürfnisse, Ordnung und Übersicht in die Krankheiten zu bringen, entsprochen? Frank hatte nach einzelnen Hauptsymptomen eingeteilt, die Retentionen und die Profluvien, die anhaltenden Fieber, die nervösen Fieber, die Lähmungen, die verschiedenen Arten des Schwindels usw. Schoenlein verglich diese Art Einteilungen mit den sogenannten künstlichen Systemen in der Naturwissenschaft, wo nach einem einzigen besonderen Merkmale, wie z. B. in der Botanik nach den Staubfäden, geordnet wird, und faßte den genialen Gedanken, alle diese möglicherweise sehr differenten künstlichen Systeme zu ersetzen durch ein natürliches, wie man kurz zuvor angefangen hatte, in den deskriptiven Naturwissenschaften natürliche Systeme zu entwerfen und die Naturwesen in Familien zu ordnen, wo nach der Gesamtheit aller Charaktere das Verwandte zusammengestellt wurde. Ebenso sollte nun für alle Krankheiten die Gesamtheit ihrer charakteristischen Merkmale (und zwar erklärte er für solche die anatomischen, die funktionellen und die chemischen) aufgefunden und hiernach sollten sie in Klassen, Ordnungen und Familien zusammengestellt und neu beschrieben werden.

Es ist staunenswert, wie der junge Mann diese Riesenaufgabe anfaßte, und wie er sie mit spielender Leichtigkeit löste. Seine im Druck erschienenen Vorlesungen enthalten dieses ganze Lehrgebäude der speziellen Pathologie und Therapie. Es ist jetzt nur noch von historischem Interesse, es gab im einzelnen fast nur Halbfertiges, oft nur Geahntes, und muß der heutigen Zeit namentlich verfehlt erscheinen in dem Bestreben, nach ganz vereinzelten, höchst dürftigen und anfechtbaren Beobachtungen chemische, ja elektrische Charaktere für die Krankheiten aufzustellen. – Aber für die damalige Zeit war es eine Tat ersten Ranges, ein Zeugnis vielseitiger reicher Naturbeobachtung, einer sehr fleißigen Benutzung aller positiven Vorarbeiten und einer großartigen Kombinationsgabe; vor allem aber wurde es für die Zeit im höchsten Grade bedeutend durch das in ihm vollkommen gelungene Bestreben, alle praktischen Hilfsmittel, pathologische Anatomie, physikalische Diagnostik, organische Chemie, neue Arzneimittel, kurz alles was ein Fortschritt war, mit dem zu einem organischen Ganzen zu verbinden, was von der alten Medizin noch als zu Recht bestehend gelten konnte.

Es würde mich zu weit führen, hier weiter in die Schoenleinsche Systematik und überhaupt in die theoretische Seite seiner Anschauungen, in die Lehre von den sogenannten Krankheitsprozessen einzugehen. Es genüge hier die Bemerkung, daß die neue Bahn, die er in der Systematik und in den pathologischen Gesamtanschauungen brach, nur von ihm selbst mit Glück, dem Glücke des Genies, betreten wurde, denjenigen seiner Schüler aber, die in ihr weiter gehen wollten, zum Irrpfade wurde. Es drängt mich zu Schoenlein, dem Praktiker, und vor allem zu Schoenlein, dem Kliniker, zu kommen, der Seite des Mannes, mit der er am meisten und direktesten bis in die jetzige Generation herein wirkte. Denn nicht sein System war sein Bedeutendstes, auch nicht seine Vorlesung über spezielle Pathologie, in welcher er in dem Semester, da ich ihn hörte, von seinen 21 Krankheitsfamilien nicht ganz eine einzige vollendete, und in deren Einleitung er den auffallenden Satz durchzuführen suchte, daß die praktische Medizin nie den geringsten Nutzen von der Physiologie gehabt habe; – nicht sie, sondern das Krankenbett war der Ort, wo man den Meister erkannte. Wer, der ihn gesehen, würde sich hier nicht vor allem seiner ruhigen, ernsten, sicheren Art erinnern, seiner gründlichen Untersuchung, seiner Zurückhaltung im Urteile, bis er den Fall gehörig durchschaut zu haben glaubte, dann aber auch seiner festen, gewiegten, scharf ausgeprägten Aussprüche? – Er pflegte das Ergebnis seiner Untersuchung in kurzer, bündiger, nichts Wesentliches aus dem Auge lassender Zusammenstellung zu geben. Er tat dies in kräftiger, farbenreicher Sprache, die auch die derberen, populären Ausdrücke des Süddeutschen, wo sie am Platze waren, nicht verschmähte. Er hatte den Mut einer Meinung und vertuschte nichts. Er versicherte mehr, als er demonstrierte oder gar sich auf das Beweisen einließ; mehr der magister als der minister naturae trat hervor; dem Schüler schienen oft seine Aussprüche die der Natur selbst zu sein, alles schien er mir damals zu wissen, alles am Krankenbette zu können!

Wenn dies der höchste Triumph des individuellen Lehrtalentes, so ist doch kein Zweifel, daß dem Schüler der Weg der Begründung der Aussprüche zugänglich gemacht und daß er frühe selbst an die Überwindung der Schwierigkeiten gewöhnt werden muß. »Unablässig« – so hatte Frank im Vorworte zu seiner Heilart in der klinischen Anstalt zu Pavia gesagt – »unablässig zielte mein Bestreben dahin, daß meine Schüler die schwere und große Kunst, an Vielen zu zweifeln, erlernen möchten.« Dieses schöne Wort hat nicht den Sinn, daß es uns ums Zweifeln zu tun sei, sondern daß wir uns durch den Zweifel ans Beweisen gewöhnen sollen. – Daß aber auch in der praktischen Medizin nur das wahr ist, das vergaß man oft in der Freude, Schoenleins gewichtiger Rede zu lauschen; ein Kliniker, der nicht seine Genialität besitzt, darf auch niemals seinen, ich möchte sagen, olympischen Standpunkt einnehmen, und ein Kliniker der heutigen Zeit dürfte dies nicht vergessen lassen.

Als Diagnostiker vor allem leuchtete Schoenlein seiner Zeit voran. – Die Elemente, zu guten Diagnosen zu gelangen, sind Scharfsinn und pathologische Anatomie. Die Schärfe seiner Beobachtungsgabe und seines Urteiles war ein angeborenes Talent, früh an Natur-Beobachtung erzogen; sie hängt wohl bei dem Naturforscher viel zusammen mit einer kräftigen Phantasie, die ahnungsvoll an wenigen Zügen weiter schafft; sie ruhte bei Schoenlein aber gewiß auch zum großen Teile in der stets gleichmäßigen großen Klarheit, Ruhe und Heiterkeit seines Geistes. Eine stete Übung und höchst reichhaltige Erfahrung in der Praxis aller Stände hatte diese Beobachtungsgabe erweitert und verfeinert, und in guten literarischen Studien hatte er auch an dem Wissen anderer sein eigenes befestigt und berichtigt. Aber die pathologische Anatomie war es vorzüglich, die seine Diagnostik für seine Zeit so groß machte. Er war der erste klinische Lehrer in Deutschland, welcher sich bemühte, in allen Fällen soweit als möglich anatomische Diagnosen zu machen, d. h. das wirkliche Verhalten der kranken Organe genau zu bestimmen. – »Was nützt die Beobachtung«, hatte noch Bichat ausgerufen, »was nützt die Beobachtung, wenn man den Sitz des Übels nicht kennt!« Die Lokalpathologie hatte der alten Medizin gefehlt, nur durch pathologische Anatomie und physikalische Diagnostik war zu ihr zu gelangen. Schoenlein hat diese Seite der Medizin nicht erschaffen; kein Zweifel, daß er sie von der damaligen französischen Medizin aufnahm; gerne zitierte er auch Laennec, Bretonneau und manche ältere pathologisch-anatomische Beobachter. Natürlich war auch die pathologische Anatomie der dreißiger Jahre noch etwas ganz anderes als die heutige; man kannte nur die gröberen Veränderungen der Organe, und auch diese nur notdürftig, man mißverstand dieselben vielfach; wollte man Theorien auf sie bauen, so stolperte man bei dem ersten Schritte. Konnte man sich doch z. B. in den dreißiger Jahren mit großem Eifer darum streiten, ob die Imbibitions-Röte der großen Gefäße eine Entzündung und ob also nicht vielleicht das Fieber eine allgemeine Gefäßentzündung sei! – So war denn auch in der Klinik noch nicht so wie heute ein Eingehen in die feineren mechanischen Verhältnisse ermöglicht und Bedürfnis; selbst zur Differentialdiagnostik der gröberen anatomischen Veränderungen gab es kaum wenige Ansätze; diese Reihe von Entwicklungen für die Praxis, durch welche die deutsche der französischen wieder so weit voraus kam, hat erst mit Škoda begonnen.

Aber auf dem Boden der damals bekannten Tatsachen war Schoenlein groß in Stellung anatomischer Diagnosen, wie an einer Masse von Beispielen gezeigt werden könnte. Für die Diagnose des Typhus erklärte er zuerst die nervösen Symptome für unwesentlich und beachtete namentlich den Ileozökalschmerz und den Meteorismus als wichtige Zeichen dieser Krankheit; er kannte sehr genau die oft so schwierig zu diagnostizierende tuberkulöse Peritonitis; er suchte selbst schon in die feinere anatomische Diagnose der Hirnkrankheiten, die bis dahin eben unter den Schlagflüssen, Lähmungen u. a. zusammengeworfen waren, einzugehen. Er war wohl der erste Kliniker in Deutschland, der es wagte, Herzkrankheiten zu diagnostizieren; ich selbst sah ihn einen melanotischen Markschwamm der Lunge richtig erkennen, und wie heute erinnere ich mich meiner lebhaften Freude, daß Schoenlein eine Gallenblasen-Erweiterung (Hydrops cystidis) diagnostiziert hatte und die Sektion diese Diagnose bestätigte, die damals wenig anderen möglich gewesen wäre. – Auch er war nicht allwissend, auch ihm passierten zum Teile starke Irrtümer, auch ihm waren durch den noch beschränkten Standpunkt der physikalischen Diagnostik und noch mehr durch die Schwierigkeiten, die in der Sache selbst liegen, Schranken gesetzt. Aber wenn seine anatomischen Diagnosen auch nicht unfehlbar waren, wenn sie vielleicht zuweilen hinter denen der französischen Meister jener Zeit zurückgestanden haben mögen, so hatte dafür seine Diagnostik eine Seite, die an die besten und tüchtigsten Reste der älteren deutschen Medizin anknüpfte, die der französischen pathologisch-anatomischen Medizin damals vollständig abhanden gekommen war, und deren Berücksichtigung für den Kranken und sein Wohl gerade die Hauptsache ist. Dies war die umsichtige Beschäftigung mit den Allgemeinerscheinungen und mit den funktionellen und chemischen Veränderungen; wie diese im Systeme zur allgemeinen Kenntnis der Krankheitsvorgänge, so sollten sie am Krankenbette für jeden einzelnen Fall zur Erkenntnis der Sachlage und als Handhabe für die Behandlung benutzt werden. In allen Fällen also wurden diese allgemeinen Symptome, die er zum Teile Reaktionserscheinungen nannte, eingehend gewürdigt. Als interessantes einzelnes Beispiel solcher allgemeinen Zustände, welche schon in das Gebiet der organischen Chemie schlagen, läßt sich anführen, daß er 1837 schon recht wohl das kannte, was wir heute die urämischen Erscheinungen nennen; ohne Theorie sprach er aus, daß bei Harnblasenlähmung und dissolutem Harne öfter Kopfsymptome kommen, und erörterte einmal in einem schwierigen Falle sehr fein, ob die vorhandene Harnblasenlähmung Folge oder Ursache der Kopfsymptome sei. Ebenso kannte er z. B. die Hirnerscheinungen bei manchen Formen des Ikterus; er leitete sie von der gelben Färbung der Meningen, d. h. eben von der Anwesenheit der Gallenbestandteile in den Zentralapparaten her; man ist im Grunde heute noch nicht sehr viel weiter gekommen! Allerdings hatte er nun mit dem richtigen und wertvollen Streben der älteren Medizin nach Berücksichtigung der allgemeinen Verhältnisse auch gewisse theoretische Ansichten derselben aufgenommen, welche bei ihm fast mit den Tatsachen verbunden und vom größten Einflusse auf seine Therapie waren. Dies waren die älteren Ansichten über Krisen, die Annahme, daß sich die akuten und selbst chronischen Krankheiten mit bestimmten Veränderungen in den Ausscheidungen beendigen müssen, und daß eine wesentliche Aufgabe der Therapie das Hervorrufen und Leiten dieser Ausscheidungen sei. »Die Haut ist noch verschlossen, der Harn hat erst einen Versuch zur Krise gemacht, erdige Sedimente sollten jetzt erscheinen«, dies waren Ausdrücke, die fast alle Tage in der Klinik, wenigstens in der Zeit, da ich selbst diese besuchte, vorkamen. – Es läßt sich nicht verhehlen, daß hiermit ein dogmatisches Element in seine Auffassungen der vorliegenden Zustände kam, und daß dies hier und da zu sehr gewagten Eingriffen führte; aber es leiteten diese Anschauungen auch zu einer fortgesetzten genauen Achtsamkeit auf alle Sekretionen, von der bei den bisherigen Vertretern der anatomisch-diagnostischen Schule, die mit Virtuosität, aber einseitig und befangen diese Richtung verfolgten, namentlich bei den Franzosen, keine Spur zu finden war.

In der Therapie liebte Schoenlein, eine energische handelnde Natur, im allgemeinen kräftige Einwirkungen. Den palliativ-symptomatischen Methoden, der mehr einfachen Behandlung der akuten Krankheiten, welche auch seither durch die österreichischen Schulen erst zur Geltung kam, zeigte er sich wenigstens damals in der Klinik nicht besonders geneigt; ihre Vorteile waren auch damals bei weitem nicht so bekannt wie heute. Das mußte sich freilich ein so klarer Kopf, ein so gewiegter Beobachter bald sagen, daß wir gegen die ganzen Krankheitsprozesse selten so direkt und so radikal zu Felde ziehen können, wie wir es wünschen, und wie es der Laie der Medizin zutraut. Er riet uns zwar, z. B. in der Pneumonie die Aderlässe so lange zu wiederholen, als Knistern und Ägophonie, die ihm die Hauptzeichen waren, vorhanden seien; aber glücklicherweise handelte er selbst nicht immer nach diesen Grundsätzen. Sehr häufig richtete er denn sein kräftiges Eingreifen auf die Funktionen des Körpers, von denen er annahm, daß indirekte Heilwirkungen durch sie auf den Vorgang ausgeübt werden, also auf die nach seiner Ansicht kritischen Vorgänge. In dieser Richtung wurden z. B. in schweren akuten Krankheiten häufig warme Begießungen, um die Hautkrise zu befördern oder, wie er auch sagte, zu erzwingen, Diuretica, große Gaben Tartarus emeticus, um anderweitige kritische Ausscheidungen einzuleiten, angewandt. In dieser Richtung auch fast allein ließ er sich auf eine Begründung der Therapie in der Klinik ein; gewöhnlich wurde ohne Motivierung einfach das anzuwendende Medikament angegeben. – In Betreff der Medikamente hatte er eine ausgesprochene Vorliebe für gewisse Mittel, z. B. unter den narkotischen für Hyoscyamus und Cicuta, während ich ihn Opium wenig anwenden sah; viel hielt er auf Digitalis, viel auch auf Chlor, innerlich (namentlich bei Typhus), aber auch in Inhalationen, in welchen er es gegen gewisse Formen der Tuberkel für ein souveränes Mittel erklärte, gestützt auf die Bemerkung, daß an Salinen die Phthise sehr selten sei; sehr viel auf Arnika, ein fast bei allen Hirnkrankheiten von ihm angewendetes Medikament, daß er für ein Hauptmittel erklärte, um die Natur in dem Heilakte der apoplektischen Ergüsse zu unterstützen. Die Wirkung der Mineralwasser besprach er gerne in der Klinik, wie er denn auch durch große Beachtung und durch Empfehlung mehrerer guter schweizerischer Mineralquellen sich bedeutende Verdienste um das Land erwarb. – Viel Interessantes ließe sich über die Einzelheiten seiner Therapie noch mitteilen, doch mag das Gesagte als Beispiel genügen.

Die Resultate seiner Erfahrung, seiner ausgedehnten Beobachtung gab Schoenlein ganz seinen Schülern. Er war kein Mann der Literatur, seinen Ruhm erwarb er ganz durch seine Lehrtätigkeit und seine praktische Wirksamkeit. Aber es ist nicht richtig, was man zuweilen hört, daß er nie etwas geschrieben habe. Außer der schon angeführten Dissertation, einer jedenfalls bedeutenden Arbeit, hat Schoenlein zwei kleine Arbeiten in J. Müllers Archiv veröffentlicht, die eine über die Tripelphosphat-Kristalle in den Stühlen der Typhuskranken, die andere über die Favus-Pilze. Er hat mit ihnen gezeigt, daß er auch schreiben konnte! Jeder Aufsatz ist nur zwei Seiten lang, aber mit diesen zwei Seiten ist beide Male ein neuer Wissenszweig begründet! Nachdem man die Erkrankung der Darmschleimhaut im Typhus nach allen Seiten erforscht hatte, war es noch keinem eingefallen, am Lebenden zu untersuchen, ob und wie die Sekrete des Darmes auch entsprechende Veränderungen zeigen. Schoenlein nahm das Instrument zu Hilfe, das seither der Medizin von so unschätzbarem Werte geworden ist, das Mikroskop, das damals wohl schon auf Anatomie und Physiologie, aber noch nie auf Pathologie und Semiotik angewandt worden war. Er fand in den Darmsekreten die bekannten Phosphatkristalle, die er, überrascht von dem Funde, anfangs für etwas dem Typhus Charakteristisches hielt; dies hat sich nicht bestätigt – aber die Bahn war gebrochen! Es war gezeigt, daß das Mikroskop berufen sei, in den pathologischen Sekreten bisher ungeahnte Dinge zu entdecken, es hatte der mikro-chemische Teil der Semiotik begonnen und war damit begründet! Ganz ebenso mit den Favus-Pilzen. Die Hautkrankheiten waren in den gedruckten Vorlesungen Schoenleins ohne Zweifel der schwächste Teil gewesen; er hatte sich hier einer nicht nur viel zu weit getriebenen, sondern ganz unrichtigen Vergleichung der Krankheitsprodukte mit Pflanzen und Pflanzenteilen, Fruktifikationsorganen u. a. hingegeben. Und nun fand er, auch bei mikroskopischer Untersuchung einer kontagiösen Hautkrankheit, eine vollkommen ungeahnte Tatsache, nämlich, daß sie durch kleine pflanzliche Wesen bedingt sei, und schuf jetzt auf exaktem Beobachtungswege eine ganz andere Botanik der Hautkrankheiten, als er sie früher mit der Phantasie erschaffen. Hiermit waren Tatsachen von der allergrößten theoretischen und praktischen Bedeutung dargelegt, Tatsachen, die nach meiner Ansicht eine noch viel größere Zukunft haben, als wir bisher vermuten. Jetzt war es keine Kunst mehr, auch Pilze zu entdecken; er hatte der Forschung den neuen Weg gewiesen und wieder einen neuen Zweig des Wissens geschaffen, die Lehre von den Epiphyten des menschlichen Körpers als Krankheitsursachen. – Dies waren denn auch Leistungen, die nicht wie seine persönliche Wirksamkeit als Kliniker von vorzüglicher Bedeutung für die deutsche Medizin waren, mit denen er vielmehr in die Reihe der Entdecker neuer Wahrheiten trat, die der ganzen Medizin aller Länder, aller Zeiten gleichmäßig angehören.

Ist es also so, daß es hochbegabte Menschen gibt, die allen Objekten, die sie berühren, goldene Funken entsprühen lassen, ist es so, wie Schiller sagt, daß »mit dem Genius die Natur im ewigen Bunde steht?« – Ja, meine Herren! es ist so; doch nur um den Preis der Arbeit leistet dies auch das größte Talent. Lange und viel mußte Schoenlein untersucht haben, ehe er jene zwei Seiten schreiben und in kurzen, schlichten Worten die neuen Tatsachen vorlegen konnte. Nur durch unablässiges Weiterforschen, getragen von nie verlöschender, hingebender Liebe zur Medizin als Wissenschaft und Kunst, ist Schoenlein geworden, was er war, nur durch Teilnahme an allen Bereicherungen der Wissenschaft und durch freudige Benutzung derselben ist er auch bis an das Ende seiner Wirksamkeit groß, ist er frisch und jung geblieben. – Nun erkennen wir, wie wohlerworben sein Ruhm war, da wir wissen, welche Leistungen sich an seinen Namen knüpfen. – Am Wendepunkt der alten und der neuen Medizin stand er da, sein helles Auge vom Anfange bis zum Ende dem Fortschritte zugewendet. Die Scholastik der älteren Systeme hat er über den Haufen geworfen und die dürftige Praxis seiner Zeit mit neuem lebensvollem Inhalt gefüllt; er hat die anatomische Diagnostik und die physikalische Semiotik in der deutschen Medizin zur Geltung gebracht, er hat die pathologische Chemie in ihren ersten Anfängen gegründet, er hat auch für die pathologische Mikroskopie die ersten Marken ausgesteckt und hat damit unvergängliche Saaten für die Zukunft ausgestreut. Zahllose Schüler hat er gebildet, solche, die ihr Leben lang sich genau an seine Lehre anschlossen und andere, die frühe eigene Wege suchten; alle aber von ihm auf treue Naturbeobachtung hingewiesen und in diesem Sinne alle stets in ihm den Meister erkennend.

Noch vieles wäre von ihm zu sagen, vieles anzuerkennen, die Virtuosität des an den Hilfsmitteln der Kunst reichen Arztes der Privatpraxis, die freundliche Kollegialität gegen Jüngere, die Kraft, mit der er für die Ehre des ärztlichen Standes auch mächtigen Einflüssen gegenüber einzutreten wußte. Die ihm persönlich näher standen, mögen uns einmal auch hiervon sagen.

Schoenleins irdische Tage beendete ein schneller und leichter Tod. – Sein Name bleibt in der deutschen Medizin unvergänglich und in hohen Ehren. – Den Mann wird keiner vergessen, der ihm nahe kam. – Mögen andere auf seiner Bahn, nach seinem Vorbilde weiter streben!

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