Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Erich Ebstein >

Deutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert

Erich Ebstein: Deutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/ebstein/arztrede/arztrede.xml
typespeech
authorErich Ebstein
titleDeutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert
publisherVerlag von Julius Springer
editorErich Ebstein
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121211
projectida3ad0d6e
Schließen

Navigation:

Johann Oppolzer

(1808-1871)

Über den gegenwärtigen Standpunkt der Pathologie und Therapie

Antrittsrede, gehalten am 30. Oktober 1848, in der Aula zu Leipzig

Die Physiologie, namentlich die deutsche, war es, welche der Pathologie eine neue Richtung gab, daher mit vollem Rechte der jetzige Standpunkt der praktischen Medizin als physiologischer bezeichnet wird. Diesem Standpunkt gemäß sucht man, alle nicht naturgemäßen Voraussetzungen über Bord zu werfen, durch Tatsachen und Vernunftgründe die Autoritäten zu verdrängen. Gewaltig irren diejenigen, die da meinen, ein Arzt des neuesten Standpunktes sei derjenige, welcher seine Kranken mit der größten Genauigkeit untersucht, selbe beklopft und behorcht und sich damit zufriedenstellt, daß er seine Diagnose in der Leiche bestätigt findet. Ein solcher Arzt hat nicht begriffen, daß das höchste Ziel aller medizinischen Forschung das Heilen sei. Einem Arzte, der auf dem physiologischen Standpunkte steht, liegt die Heilung seiner Kranken ebenso am Herzen, als allen gewissenhaften Ärzten der früheren Zeiten; er hat aber den Vorteil, daß er die Veränderungen der Organe bei seinen Kranken besser kennt und daher auch die Mittel zur Heilung mit mehr Sicherheit zu finden weiß.

Auf den physiologischen Standpunkt gelangte aber die Pathologie nur allmählich; in den frühesten Zeiten betrachtete man die Symptome als Krankheiten, da man aber mit fortschreitender Beobachtung bemerkte, daß gewisse Erscheinungen häufig gleichzeitig vorkommen, so bildete man aus diesen Symptomen Gruppen, die man mit willkürlichen Namen belegte, als Nervenfieber, Wassersucht, Gelbsucht usw. In dieser Zeit wurde nicht nach der Bedeutung der Erscheinungen geforscht, es handelte sich bloß darum zu wissen, welche Krankheit den Organismus beherrsche, durchaus nicht, in welchem Zustande die Organe sich befinden. Dieser Standpunkt in der Pathologie war der symptomatische, unter dessen Einfluß lange die Ärzte standen, von welchem sich viele Heilkünstler der Neuzeit noch nicht frei zu machen vermochten.

Als man bei dem Aufblühen der pathologischen Anatomie bemerkte, daß dieselben Symptomengruppen bei verschiedenen anatomischen Veränderungen auftreten und verschiedene Symptomenkomplexe ein und dieselbe krankhafte Metamorphose begleiten, verließ man den symptomatischen Standpunkt und versuchte sich auf den anatomischen zu erheben. Im Anfange beschränkte man sich darauf, die Veränderungen auszumitteln, welche bei gewissen Symptomenkomplexen in der Leiche gefunden werden; dabei verfiel die anatomische Richtung in denselben Fehler der Ontologie wie die symptomatische Medizin.

Erst als die pathologische Medizin anfing, die organischen Veränderungen in ihrem Entstehen und ihrem Fortgange genau zu erforschen, die innere Notwendigkeit, mit der sich die Veränderungen folgen, zu erfassen und den Heilungsprozeß in der Leiche zu studieren, erhob sich die Pathologie, gestützt auf die Physiologie und insbesondere auf die neuesten Fortschritte der Histologie nebst Experimenten an Tieren, zur Höhe des physiologischen Standpunkts.

Der erste Grundsatz der physiologischen Medizin: Der Arzt hat es nicht mit Krankheiten, sondern mit kranken Personen zu tun, ist ebenso schlicht als wichtig, das Ignorieren desselben hat dem Fortschritt der Medizin bedeutende Hindernisse in den Weg gelegt. Aus diesem Grundsatze folgt: Die Aufgabe der Diagnose ist die Erkenntnis des Zustandes der kranken Organe; die Diagnose muß zuvörderst eine anatomische sein. Aber die physiologische Richtung strebt höher; sie sucht die Symptome mit den anatomischen Veränderungen in Verbindung zu bringen, jene aus diesen zu erklären. Sie bezieht überall die Erscheinungen auf die pathologischen Verhältnisse.

Um aber zu einer anatomischen Diagnose zu gelangen, muß man mit der physikalischen Untersuchungsmethode vertraut sein. Man muß sich aber wohl hüten, die Untersuchungsmittel im Sinne der symptomatischen Medizin handhaben zu wollen, wie es dem Gründer der Auskultation Laennec erging. Man hielt sich nämlich zu Laennecs Zeiten an das erfahrungsmäßige Vorkommen gewisser Zeichen bei gewissen Krankheiten; dies war pathologisch-anatomische Ontologie.

Die physiologische Richtung der Pathologie gibt dem Zeichen nur insofern eine bestimmende Bedeutung, als dasselbe mit physikalischer Notwendigkeit ein anatomisches Verhältnis anzeigt, z. B. der leere Perkussionsschall ist ein Zeichen, das sich keine Luft unter der perkutierten Stelle bis auf eine gewisse Tiefe befindet; das bronchiale Atmen daß ein bedeutender Luftröhrenzweig in seinen Wandungen starr oder, wie es der gewöhnliche Fall ist, von luftleerem Gewebe umgeben ist und mit der Luft der Trachea in Verbindung steht. Es muß dem Arzte stets der Grundsatz vorschweben, Zeichen nicht empirisch auf gewisse Krankheiten zu beziehen, sondern stets sich zu fragen: Von welchen materiellen Verhältnissen die Symptome abhängen.

Dem physiologisch gebildeten Arzte genügt aber die Ermittlung des kranken Organs noch nicht, er sucht den ganzen Gang der Krankheit in der physiologischen Richtung zu verfolgen, er bemüht sich, weiter zu erforschen, was aus den Organen wird, welche anfingen zu erkranken, er sucht die sukzessiven Gewebsveränderungen, welche im notwendigen Zusammenhange stehen oder durch äußere Einwirkungen bedingt werden, zu ergründen.

Der physiologische Arzt übersieht aber auch die funktionellen Erscheinungen, die Äußerungen veränderter Nerventätigkeit, nicht, er berücksichtigt sie ebenso wie die anatomischen Veränderungen, denn vom Zustande des Nervensystems hängt ja die Ausdauer des Organismus ab. Er versucht mit Hilfe der Physiologie diese Erscheinungen auf ihre Gesetze zurückzuführen und vergißt nie, daß der Schmerz und die verschiedenen Reflexerscheinungen bei den verschiedensten Gewebsveränderungen dieselben, und bei denselben anatomischen Abweichungen verschieden sein können; daß sie daher weniger das erkrankte Organ und die Art der Erkrankung, als vielmehr die Heftigkeit und Schnelligkeit des Verlaufes anzeigen.

Der wissenschaftlich gebildete Arzt sucht bei diesen Erscheinungen zu ermitteln, von welchem Teile des Nervenapparates dieselben abhängen und auf welchen Zustand desselben sie schließen lassen. Erst nach Ermittlung aller dieser Verhältnisse schreitet der physiologische Arzt zur theoretischen Erwägung des vorliegenden Falles. Die von der Analyse gegebenen Elemente sucht er zu einem Ganzen von notwendigem Zusammenhang zu vereinigen und mit den Ursachen in Verbindung zu bringen. Er geht von der Analyse zur Synthese über.

Der wissenschaftlich gebildete Arzt übersieht aber auch nie die Grenzen der Kunst. Der Symptomatiker kann bei der Stellung seiner Diagnose nicht leicht in Verlegenheit geraten, indem dieselbe bloß in der Sammlung von Erscheinungen besteht. Anders verhält sich die Sache beim physiologischen Arzte: Denn dieser will sich Rechenschaft ablegen von dem Zustand der Organe – ein in vielen Fällen äußerst schwieriges Geschäft –, da Veränderungen der wichtigsten Art manchmal keine oder nur unbestimmte Erscheinungen zeigen. Dieser Umstand macht den rationellen Arzt bescheiden. Er ist sich bewußt, daß nicht in jedem Falle die Diagnose mit mathematischer Schärfe gestellt werden könne, sondern daß in vielen Fällen dieselbe bloß mit Wahrscheinlichkeit gemacht werden dürfe.

Hiermit hätten wir das Glaubensbekenntnis über unsere Richtung in der Pathologie abgelegt, es erübrigt nun unsere Ansichten über Therapie darzulegen.

Heilen ist das letzte Ziel aller ärztlichen Forschungen.

Ein vernunftmäßiges Heilen ist aber nur möglich, wenn man die Veränderungen im Organismus genau kennt, welche das Heilobjekt ausmachen. Die Therapie ist daher als keine selbständige Wissenschaft zu betrachten, sondern sie ist das natürliche Ergebnis einer rationellen Pathologie.

Der rationelle Arzt sucht stets der Gründe seines Handelns sich bewußt zu sein.

Wir begegnen in der Therapie natürlicherweise denselben Standpunkten, welche wir in der Pathologie näher beleuchteten. Solange die Medizin sich über den symptomatischen Standpunkt nicht erhoben hatte, konnte von einer rationellen Therapie wohl keine Rede sein. Denn, wie gesagt, eine vernunftmäßige Behandlung ist erst dann möglich, wenn die Veränderungen, gegen die gekämpft werden soll, genau gekannt sind. Hierzu aber werden Vorkenntnisse aus einer vorgeschrittenen Physiologie, pathologischen Anatomie, Chemie und das genaue Vertrautsein mit der physikalischen Untersuchungsmethode notwendig erfordert. Diese Hilfsmittel standen aber der Medizin zur Zeit ihres symptomatischen Standpunkts nicht zu Gebote, daher kann auch der Mangel einer wissenschaftlich begründeten Therapie dem Arzte jener Zeit durchaus nicht zum Vorwurf gereichen. Die pathologische Anatomie zeigte in den Leichen bedeutende Zerstörungen innerer Organe, welche zu heilen man kaum für möglich hielt, daher war man zur Zeit von Broussais in Frankreich und später selbst in Österreich nahe daran anzunehmen, daß alle unsere Bemühungen in der Therapie vergeblich seien. Dies kam daher, daß man die anatomischen Veränderungen so nahm, wie sie in der Leiche sich gaben und keine Rücksicht darauf richtete, wie sie entstehen, kurz daher, daß die Ärzte dieser Periode sich nicht auf den physiologischen Standpunkt der Medizin zu stellen vermochten. Der Arzt, welcher sich auf den physiologischen Standpunkt in der Medizin erhoben hat, sucht mit den einfachsten Mitteln seinen Kranken zu helfen. Er untersucht, bevor er zur Behandlung schreitet, ob nicht äußere oder innere und welche Momente die krankhaften Veränderungen unterhalten. Diese sucht er womöglich zu entfernen.

Er richtet sein Augenmerk auf die Diät des Kranken im weitesten Sinne des Wortes und wird häufig die Freude erleben, durch bloße Veränderungen der Diät Heilungen zu erzielen, die bei der Anwendung vieler und heroischer Mittel durchaus nicht gelingen wollten. Er wird es sich zum Grundsatze machen, vorzugsweise im Beginne der Erkrankung, wenn er so glücklich ist, in dieser Zeit beraten zu werden, tätig einzugreifen.

Er wird trachten, die Krankheit zu mildern oder noch besser zu unterdrücken, wenn es die Umstände erlauben. Denn sind bereits bedeutende Veränderungen eingetreten, so dürfen wir uns über unsere Mittel, welche der sogenannten Indicatio morbi der symptomatischen Medizin entsprechen, keine Illusionen mehr machen. Wer würde so leichtgläubig sein anzunehmen, daß bei einer ausgebildeten Lungenhepatisation, einem entwickelten Typhus, einer heftigen Ruhr die bei diesen Krankheiten gerühmten Mittel so bedeutende organische Veränderungen haben könnten.

Ist aber der Arzt erst in jener Periode der Erkrankung zu Rate gezogen worden, in welcher der Prozeß schon zur weiteren Entwicklung gelangt ist, dann wird es seine Hauptaufgabe sein, alle Umstände abzuhalten, welche den natürlichen Gang der Entwicklung stören; er wird alle eingreifenden Mittel und Methoden meiden und besonders sein Augenmerk auf jene Organe richten, welchen sekundäre Erkrankungen drohen; er wird diese Organe vor nachteiligen Einflüssen schützen und die beginnende Affektion in denselben mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu bekämpfen trachten, denn es ist eine Erfahrungssache, daß die Mehrzahl der Krankheiten nicht durch das primäre Leiden, sondern durch die sekundären Affektionen einen ungünstigen Ausgang nimmt. Leider ist es dem Arzt nicht immer möglich, in jedem Falle sich eine genaue Rechenschaft über sein therapeutisches Verfahren zu geben. Der Grund liegt einerseits in der nicht immer möglichen anatomisch-physiologischen Diagnose, andrerseits in unserer ungenügenden Kenntnis der Arzneimittel.

In solchen Fällen muß auch der rationelle Arzt zu einem empirischen Verfahren greifen. Er wird natürlich auch jene empirischen Mittel anwenden, von welchen wir ganz sichere Heilerfolge kennen, obgleich er sich über die Wirkungsweise derselben keine Rechenschaft zu geben vermag. Dies sind unsere Ansichten über Therapie.

Zum Schlusse wollen wir uns in Kürze das Wirken eines physiologisch gebildeten Arztes in das Gedächtnis zurückrufen. Der rationelle Arzt wird zuvörderst in einem gegebenen Falle die anatomischen Veränderungen jedes Organs, die Mischung der Flüssigkeiten, den Zustand des Nervensystems zu ermitteln trachten, er wird dann den notwendigen Zusammenhang der Erscheinungen mit den materiellen in stetem Wechsel begriffenen Veränderungen nachzuweisen versuchen, die von der Analyse gegebenen Elemente endlich zu einem Ganzen von notwendigem Zusammenhang vereinigen und auf diese Weise eine wissenschaftliche Diagnose zu stellen sich bemühen. Er wird nur in jenen Fällen seine Diagnose mit Sicherheit aussprechen, in welchen er sie wissenschaftlich begründen kann; fehlen ihm die nötigen Anhaltspunkte zu einem sicheren Ausspruche, so wird er mit der jedem wissenschaftlich gebildeten Arzte eigenen Bescheidenheit bloß eine Wahrscheinlichkeitsdiagnose stellen und die Wahrscheinlichkeit einer vorhandenen Veränderung begründen.

Er wird stets durch einfache Mittel die Heilung seiner Kranken zu erreichen trachten, wird sich jedesmal um die Gründe seines Handelns fragen und nur dann zu empirischen Mitteln seine Zuflucht nehmen, wenn ihn die rationelle Therapie verläßt, und wenn über ihre sichere Wirkung kein Zweifel ist. Er wird die Ursachen, welche krankhafte Veränderungen unterhalten und steigern, womöglich zu entfernen trachten, vorzugsweise den Beginn der Erkrankung in therapeutischer Beziehung ins Auge zu fassen wissen, und wenn bereits die materiellen Veränderungen weiter entwickelt sind, sich jedes stürmischen Verfahrens enthalten und seine Aufmerksamkeit besonders auf die Gefahren richten, welche durch sekundäre Veränderungen drohen; er wird in dieser Periode nur dann eingreifen, wenn gefährliche oder lästige Erscheinungen ihn zum Wirken auffordern. Er wird stets des Grundsatzes eingedenk sein: Wenigstens nicht zu schaden, wo man nicht nützen kann.

Zu solchen rationellen Ärzten meine jungen Freunde zu bilden, soll die Aufgabe meines Wirkens sein.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.