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Deutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert

Erich Ebstein: Deutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert - Kapitel 5
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authorErich Ebstein
titleDeutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert
publisherVerlag von Julius Springer
editorErich Ebstein
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Johannes Schoenlein

(1793-1864)

Ansprache, gehalten am 4. November 1819, bei der Übernahme der medizinischen Klinik in Würzburg Nur dieser Entwurf hat sich handschriftlich in Schoenleins Nachlaß erhalten. (Anmerk. des Herausgebers.)

Meine Herren! Ich habe Sie zusammengerufen, um einige Worte über die Tendenz und den Zweck der klinischen Vorträge zu Ihnen zu sprechen, um Ihnen zu sagen, was Sie hier zu hoffen, hier zu erwarten haben und, täuscht mich nicht alles, sicher nicht ganz vergebens.

Wie der Organismus schon nach der ältesten Ansicht nicht anders als die Natur im kleinen und in der vollkommensten Selbstanschauung ist, so muß auch die Wissenschaft desselben alle Strahlen der allgemeinen Erkenntnis der Natur wie in einem Brennpunkt zusammenbrechen und Eins machen. Fast zu jeder Zeit wurde daher auch die Kenntnis der allgemeinen Physis wenigstens als notwendige Stufe und Zugang zu dem Heiligtume des organischen Lebens betrachtet. Die gesamte Naturkunde war ein starker Baum, als dessen goldene Frucht die Medizin erschien. Eine unglückselige Methodik hat in neueren Zeiten diese goldene Frucht vom lebengebenden Stamm gerissen und durch den absoluten Gegensatz der Theorie und Praxis die Natur zur Unnatur verdreht. Diesen unnatürlichen, geistlosen Gegensatz auszugleichen, zu zeigen und nachzuweisen, daß Theorie und Praxis ein und dasselbe, daß sie identisch seien, dieses ist die eine und erste Aufgabe der Klinik. Dieses bildet das wissenschaftliche Problem. Weil aber die Medizin nicht bloß Wissenschaft, sondern auch Kunst ist, so hat die medizinische Klinik auch noch eine zweite Aufgabe zu lösen, und diese ist die künstlerische. Unter Kunst verstehe ich die Darstellung irgendeiner Idee in einer entsprechenden endlichen Form. Die Idee, mit deren Darstellung sich die Medizin befaßt, und wodurch sie zum Range einer Kunst erhoben wird, ist die Idee der Gesundheit, oder richtiger zu sprechen: die Idee des Lebens. Entweder sucht nun die Medizin als Kunst des Lebens das anders schon gegebene zu erhalten und in seiner Integrität zu bewahren, und in dieser Beschäftigung erhält sie den Namen Hygiene. Sie beschäftigt uns in den klinischen Vorträgen nur wenig; denn sie bildet das Gebiet der sogenannten medizinischen Polizei. Unser Objekt dagegen sind jene Störungen, jene Trübung der Lebensidee, welche man Krankheit nennt. (Daher auch die Benennungen Therapie und Klinik.) Die Krankheit selbst betrachten wir auf zwei Weisen. Einmal als ein ens sui generis, als etwas für sich Bestehendes, als einzelnes isoliertes Ding. Das ärztliche Tun zerfällt von diesem Standpunkte in die Untersuchung und in die Behandlung, welche beide sich zueinander verhalten wie Möglichkeit und Wirklichkeit, ein Bedingendes zum Bedingten. Die Untersuchung ist entweder Anamnestik, sofern aus dem Vergangenen das Gegenwärtige erörtert wird, und Semiotik, sofern sie die Zeichen der Krankheit aufstellt, welche entweder durch dies Gemeingefühl von innen her und von dem Kranken oder von außen durch den äußeren Sinn angeschaut werden. Beide zusammen geben die Diagnostik. Der Behandlung geht als Zwischenglied und vermittelndes Gebilde die Indikation voraus, d. h. die Einsicht der Bedingungen, durch welche der Heilungsprozeß eingeleitet werden kann. Indem nun der Arzt die gefundene Indikation durch einen freien Willensakt realisiert und diesem Experimente die Metamorphose der Krankheit als Naturnotwendigkeit folgt, insofern ist er auch imstande, den Erfolg vorauszusagen, die Prognose zu bilden. Ein Beispiel wird das Gesagte Ihnen versinnlichen. Hepatitis.

Dieser einen Anschauungsweise, welche die Krankheit als etwas Gegebenes und isoliert und für sich bestehend betrachtet, steht eine andere gegenüber, welche sich bestrebt, auszumitteln, durch welche kosmische und tellurische Einflüsse und Potenzen denn doch wohl die vorliegende Trübung der Lebensidee in irgendeinem Individuum veranlaßt wurde, und wie und auf welche Art die Krankheit des Individuums mit dem Krankheitszustande der ganzen Gattung zusammenhängt. Diese Anschauungsweise zerfällt also in Nosogenie und in die Bestimmung des genius epidemicus. Pleuritis. Die Bestimmung des genius epidemicus wird uns ihrer Wichtigkeit wegen ganz besonders beschäftigen. Es fragt sich, was versteht man denn unter der Benennung genius epidemicus. Man begreift unter diesem Namen gewöhnlich das Gemeinschaftliche, was mehrere der Form und dem Wesen nach verschiedene Krankheiten miteinander haben, so z. B. sagt man: Der genius epidemicus ist der entzündliche oder, um richtiger zu sprechen, der synochale, wenn alle Unterschiedsformen, sie mögen nun ihren Sitz in der Leber oder in den Nieren, im Gehirn oder auf der Haut haben, die Synocha neben ihren eigentümlichen Symptomen vor sich hertragen, man sagt, der genius epidemicus sei der gastrische, wo gelb belegte Zunge, Üblichkeiten und Neigung zum Erbrechen, gelbe Farbe um den Mund, heftige drückende Schmerzen in der Stirngegend u. dgl. die Meningitis wie die Hepatitis, die Pleuritis und das Erysipelas, die febris intermittens und den Typhus begleiten. Dieses von kosmischen und tellurischen Einflüssen abhängige Gemeinschaftliche an den Krankheiten, was häufig jahrelang dasselbe bleibt, bildet nach unserer Ansicht doch nicht einzig und allein den genius epidemicus. Wir befassen unter dieser Benennung noch eine andere Erscheinung, welche die Folge des Jahreszyklus in den Funktionen der verschiedenen Systeme des Menschenorganismus ist. Sie wissen, meine Herren, daß die einzelnen Systeme des Menschenbildes eine jährliche Entwicklungsperiode durchlaufen, auf deren Höhe sie dann auch am leichtesten und häufigsten erkranken. So fällt z. B. der Kulminationspunkt in der jährlichen Evolution des chilopoetischen Systemes in den Sommer, während jener des Respirations-Systemes im Winter eintritt; daher sehen wir im Sommer vorzüglich, ja ausschließlich Krankheiten des Darmkanals und der ihm adhärenten Gebilde, im Winter dagegen (Krankheits)formen der Respirationsorgane und des Gefäßsystems. Diejenigen Herren, welche im verflossenen Sommersemester den klinischen Vorträgen beigewohnt haben, werden sich erinnern, daß anfangs Anginen, später gastrische Fieber, Cholera, Ruhr, Hepatitis, Lienitis (geherrscht haben). Dieses Neben- und Aufeinandersein der Krankheiten, die Erforschung, wie sie sich der Zeit nach auseinander entwickeln, gewährt jenem Arzt, welcher das Höchste seiner Kunst nicht in das Technische und Rezeptschreiben versetzt, ein hohes, wahrlich nicht bloß wissenschaftliches Interesse; denn auf diese Art findet er in der Natur Krankheitsformen nebeneinander, welche in unseren Lehrbüchern weit auseinander stehen, er erblickt ein gemeinschaftliches Band zwischen Dingen, welche man ihm als höchst heterogen und verschieden dargestellt hatte; auf diese Weise wird es ihm klar, daß auch in der Medizin, wie in den übrigen Doktrinen der Naturwissenschaft ein natürliches System möglich sei, was freilich bis jetzt noch unter die Desiderata gehört. Denn die geistreichen Winke, welche der größte Arzt unserer Zeit, der herrliche Autenrieth, gegeben hat, sind leider auf einen sterilen, unfruchtbaren Boden gefallen. Um Ihnen anstatt vieler Beispiele nur eines anzuführen, so bilden Erysipelas und Febris intermittens, Cholera und Angina, Dysenteria und Febris gastrica, Hepatitis und Typhus icterodes eine einzige große Krankheitsfamilie, durch gemeinschaftliche Charaktere, durch wesentliche Merkmale zu einem Ganzen verbunden; aber sehen Sie nur einmal nach in allen unseren Nosologien und Lehrbüchern der Therapie, wie weit sind diese Krankheiten nicht von einander weggestellt und getrennt.

Die medizinisch-klinischen Vorträge haben also eine doppelte Tendenz, eine wissenschaftliche und eine künstlerische. Gemäß der ersteren suchen sie den Gegensatz zwischen Theorie und Praxis auszugleichen, zufolge der zweiten bemühen sie sich, die Idee des Lebens und der Gesundheit im Individuum und in der ganzen Gattung zu realisieren, da die Krankheit aber die Gesundheit vernichtet und das Leben trübt, so bildet die Krankheit das vorzüglichste Objekt der Klinik; die Krankheit betrachten wir ferner einmal als für sich bestehend und isoliert, das anderemal als ein notwendiges Glied in der Reihe der Krankheitsmetamorphose des ganzen Menschengeschlechtes. In ersterer Beziehung geht unser Handeln auf Bildung der Diagnose, Prognose, die Indikation und deren Verwirklichung durch das Experiment, in der zweiten Beziehung suchen wir den genius epidemicus auszumitteln, d. h. wir suchen das Gemeinschaftliche und Übereinstimmende an den verschiedenen und mannigfaltigen Krankheitsformen auf und ermitteln dadurch ihre Verbindung in große natürliche Familien und Gruppen.

Um nun diese verschiedenen Probleme der Klinik soviel als möglich zu lösen, denke ich es auf folgende Weise zu halten, und ich schmeichle mich schon darum mit der Hoffnung, meine Herren, daß Sie sich an diese Einrichtungen streng halten werden, weil ich überzeugt bin, daß niemand unter Ihnen ist, welchem der Zweck seines Hierseins dunkel wäre.

Die sämtlichen Herren teile ich in zwei Klassen, nämlich die auskultierende und die praktizierende. In die erste Klasse gehören alle jene, welche zum ersten Male die Klinik besuchen, sie werden sich zu Ihrem eigenen Vorteile nicht gleich anfangs mit der Behandlung von Kranken befassen, sondern sich begnügen, das, was sie in den Vorlesungen über Semiotik, Pathologie und Therapie gehört und auf Treu und Glauben angenommen haben, jetzt in Wirklichkeit zu erblicken und aufmerksam zu prüfen. Nach Verlauf von einigen Monaten können Sie jedoch, wenn Sie wollen, auch Kranke nicht bloß zur Beobachtung, sondern auch zur Behandlung übernehmen. Die zweite Klasse begreift jene Herren, welche hier oder anderswo schon klinischen Vorträgen beigewohnt haben. Ihnen werde ich die eintretenden Kranken zur Beobachtung und zur Behandlung anvertrauen und zwar nach folgenden Bestimmungen:

In der Ordnung, wie die Herren sich unterzeichnet haben, in derselben Ordnung übernehmen sie auch die eintretenden Kranken, doch werde ich dafür Sorge tragen, daß eine gleichmäßige Verteilung der akuten und der chronischen Krankheiten stattfindet.

Das Krankenexamen stellt derjenige, welcher einen Kranken übernommen hat, selbst an und stellt die Diagnose, indem er die Erscheinungen exponiert, welche sein Urteil bestimmen. Auf die Diagnose wird er sodann den Heilplan gründen und die Mittel mit Entwerfung der Formel angeben, welche er als die passendste für die Realisierung desselben erachtet.

Den übernommenen Kranken besucht der praktizierende Arzt, wenigstens bei akuten Krankheiten, täglich zweimal, abends und morgens mit mir bei der Visite, wo er über den Stand der Krankheit am vorhergehenden Abend referiert und die Veränderungen und Modifikationen in Vorschlag bringt, welche ihm die Metamorphose der Krankheit notwendig zu erheischen scheint. Um Störungen und Inkonvenienzen vorzubeugen und um die bestehende Vorschrift polizeilicher Anordnungen des Hauses nicht zu stören, bestimme ich für die Abendvisite die Stunde von 6-7, ich werde Ihnen zu diesem Ende Einlaßkarten zustellen, welche Sie zu ihrer Legitimation an die Torleute vorzeigen.

Von jedem Kranken verfertigt derjenige Herr, der ihn übernommen hat, die Krankengeschichte, welche er bis zum Ende der Krankheit fortführt und im Falle des tödlichen Ausgangs den Sektionsbericht beifügt. Bei akuten Krankheiten wird die Geschichte am Ende der Krankheit öffentlich verlesen, hingegen bei chronischen, wo die Ausmittlung der vorausgehenden Übelseinsformen das Hauptmoment für die Diagnose und den Heilplan bildet, wird der praktizierende Arzt die Güte haben, den Tag nach der Aufnahme die Krankheitsgeschichte zu verlesen.

Alle Krankengeschichten werden nach dem Austritte oder dem Hinscheiden des Kranken mir übergeben, um sie für die monatliche Übersicht der Vorfallenheiten in der Anstalt zu benützen; denn ich habe im Sinne, am Schlusse eines jeden Monats Sie zu einer gelegenen Stunde zusammenzurufen, um ihnen eine Übersicht vorzulegen, Sie mit dem genius epidemicus und den herrschenden Krankheitsformen bekannt zu machen und soviel als möglich nachzuspüren, wie die Ausprägung der Krankheiten und ihr Gang und Verlauf von den gleichzeitigen kosmischen und tellurischen Verhältnissen bedingt und abhängig sei.

Endlich stelle ich noch die dringende Bitte an Sie, den übernommenen Kranken alle Aufmerksamkeit und Sorgfalt zu schenken und auf den Krankensälen wie auf den Fluren und Gängen jene Stille, jenen Anstand und jene Dezenz zu beobachten, welche die leidende Menschheit in so hohem Grade in Anspruch nimmt. Die tiefe Gemütlichkeit und das humane Betragen, wodurch sich die Mitglieder der deutschen Universitäten in den neuesten Zeiten einen so wohlgegründeten Ruhm erworben haben, verbürgt mir auch die Gewährung dieser meiner Bitte.

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