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Deutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert

Erich Ebstein: Deutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert - Kapitel 4
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authorErich Ebstein
titleDeutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert
publisherVerlag von Julius Springer
editorErich Ebstein
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Johann Christian Reil

(1759-1813)

Aus seiner Abschiedsrede, gehalten bei Niederlegung seiner Professur in Halle, am 8. September 1810

Es sind jetzt dreiundzwanzig Jahre, die ich dem Dienste dieser Universität gewidmet habe, und es waren gerade die Jahre meines Lebens, in denen ich mit der ganzen Stärke des männlichen Alters zu wirken vermochte. Was ihnen voranlief, war eine unreife und gärende Jugend; was ihnen nachfolgt, sind die Hefen eines kränkelnden Alters. Also fast mein ganzes Tun und Treiben, durch welches ich ernsthaft in den Betrieb der Menschen eingegriffen habe, fällt in die Periode, die ich hier verlebte, und der heutige Tag windet mir den Erntekranz der Früchte meines ganzen Lebens. In der Tat ein merkwürdiger Tag, der mich zu den ernsthaftesten Betrachtungen auffordert! Ist jener Kranz denn so viel wert, daß mich ein Weib gebar? Hat sich nicht auch Unkraut unter den Weizen gemischt? Werden jene Früchte mir an meinem Todestage das Zeugnis reden, daß ich getan habe, was ich zu tun schuldig war? Diese meine Handlungen, die ich als einzelne Fäden in das Gewebe der Geschichte eingewebt habe, sind das Einzige, was von mir hier übrig bleibt, wenn die Erde den Staub zurückfordert, den sie mir nur auf kurze Zeit lieh. Ist dieses Überbleibsel eines ganzen Daseins auch des Jagens und Treibens, der vielen Not und des Kummers wert, den das Leben mit sich führt? Und was habe ich denn Gutes gewirkt? Freilich wünschte ich, daß es mehr gewesen wäre. Doch bin ich mit dem vollendeten Tagewerke, wenn ich es mit meinen Kräften vergleiche, nicht ganz unzufrieden. Die meisten Ärzte des nördlichen Deutschlands sind Zöglinge meiner Schule, und nicht leicht gibt es eine kultivierte Gegend, wo nicht einer meiner Schüler lebte. Viele derselben haben auf der ärztlichen Laufbahn die höchsten Stufen errungen, sind Leibärzte der Fürsten, Räte von Medizinalkollegien, berühmte Schriftsteller und Lehrer auf Universitäten geworden. Ich habe vorzüglich dazu beigetragen, den Ruf und die Zelebrität der hiesigen medizinischen Schule zu erhalten, welche Friedrich Hoffmann, Stahl, Juncker, Meckel und andere meiner Vorfahren einst begründeten. In die Periode meines hiesigen Lehramts fällt die merkwürdige Zeit, in welcher das Studium der Medizin sowie der Naturwissenschaften überhaupt, eine fast gänzliche Umwälzung erlitt. Es ist unglaublich, wie weit reeller der jetzige Unterricht im Verhältnis mit demjenigen ist, welchen ich genossen habe. Die Erklärungssucht hat der lebendigen Anschauung den Platz geräumt; die Idee ist an die Stelle der mechanischen Prinzipien getreten und die Beobachtung hat dadurch einen Standpunkt gewonnen, von dem aus sie die Dinge in ihrem natürlichen Verhältnis erblickt. Selbst das Tote ist zum Leben auferstanden, die Mechanik der Himmelskörper vergeistet und die Wissenschaft bis in die Tiefen der Erde eingedrungen, das Naturhandeln auf Gesetze zurückführend, die einerlei sind mit den Gesetzen denkender Geister. Schon jetzt hat diese Revolution eine große Ausbeute geliefert, und diese wird mit der Zeit wachsen, wenn nur erst die Stürme der ersten Gärung vorüber und die getrennten Gemüter dadurch vereinigt sind, daß sie sich gegenseitig verstanden haben. Niemand anders als den deutschen Gelehrten gebührt diese Wiedergeburt der Wissenschaften; und ohne Eitelkeit darf ich mich rühmen, daß ich unter diejenigen gehöre, die durch mancherlei Ideen, welche sie zuerst in Umlauf brachten, diese Katastrophe vorbereitet haben.

Leider kann ich mich hierbei der Bemerkung nicht entbrechen, daß in der realen Welt das Wissen tot und ohne Einfluß auf das geschichtliche Handeln bleiben könne. Die Gelehrten maßen es sich an, im Besitze aller Kenntnisse zu sein, die im Handeln leiten, und sie haben sich daher zu Zensoren der Geschichte der ganzen Masse aufgeworfen. Man sollte daher auch glauben, daß sie nicht allein die besten, sondern auch die tätigsten Staatsmänner, Feldherren, Künstler usw. wären. Allein gerade das Gegenteil! Es scheint, daß die Menschenkraft in dem Maße, als sie nach innen gekehrt ist, äußerlich abstirbt, daß das bloße Denken den Menschen verflüchtige, um von seiner ganzen Existenz nichts als einen leeren Schatten übrig zu lassen. Deutschland hat gewiß die tiefsten Denker und hat sie besonders in der letzten Zeit gehabt; aber es ist deswegen nicht glücklicher geworden. Wir dürfen nur auf die nächste Vergangenheit zurückblicken; die Geschichte des Tages hat sie gerichtet; sie ist in der Fülle eigener Überklugheit zugrunde gegangen. Wie verschieden ist diese Zeit von der Geschichte der Heroen, die Homer und Ossian besangen! Jene Gewaltigen der Vorzeit realisierten sich um so mehr, als sie weniger dachten; sie handelten, ohne sich selbst zu erkennen, und wurden gleichsam bewußtlos und durch einen göttlichen Instinkt zu kühnen und großen Taten getrieben. Bei den Menschen der früheren Zeit wirkte das äußere Leben in seiner vollsten Energie; Taten knüpften sich mit Taten wundersam zusammen und werfen noch jetzt einen Glanz auf die Geschichte ihrer Zeit, in deren Wärme selbst nach Jahrtausenden alles, was groß und kühn ist, keimen muß. Ihre Kriege, ihre Städte und Tempel, ihre Kunstwerke, ihre Tugenden und Laster zeigen uns selbst in den Ruinen dessen, was dieselben gewesen, Fragmente einer so kolossalen Kraft, daß wir mit Staunen an dieselben, als an etwas, das überirdischen Ursprungs scheint, hinaufschauen. Und diese Kraft ist nicht etwa das Eigentum einzelner Völker, der Griechen und Römer, der Horatier und der Helden, die in den Pässen bei Thermopylä fochten; auch die Deutschen hatten ihre Hermanne, die Schweizer ihre Telle, die Holländer ihre Trompe. – Doch die Heidenvölker sind noch nicht ganz verschwunden; auch noch jetzt vermag eine Kraft wie in den Zeiten der Griechen und Römer hervorzutreten, wo sich ihr gleiche Quellen, wie bei diesen, erschließen. Selbst der jetzige Augenblick spiegelt sich in dem Glanze einer Nation, die so allgemein und von so einem bewunderungswürdigen Heroismus ergriffen ist, daß die Schande der Sklaverei und die Verachtung des Todes nicht bloß die Männer kühn macht, sondern selbst die Schwachen, die Weiber, Greise und Kinder mit Löwenkräften beseelt. – Auf diesem Felde keimen Tugenden auf: Ehrgefühl, Tapferkeit, Gemeingeist, Vaterlandsliebe und Verachtung des Todes, die freilich nur, im Gegensatz der Selbstsucht und Gewalthaberei der Menschen, Tugenden sind, aber gerade in dieser Beziehung als ein Bollwerk gegen die Brutalität einen unendlichen Wert haben. Und wo gedeihen diese Früchte? Sie wurzeln in der Nacht der Gefühle und verdorren im Glanze der Vernunft. Die Geschichte hat es gelehrt, daß der neuliche Versuch der Holländer, die einen Preis auf den besten Beweis für die Unsterblichkeit der Seele setzten, um an diesen die Verpflichtung ihrer Bürger zu binden, dem Tode fürs Vaterland ohne Scheu entgegen zu gehen, in seinen Folgen ganz unfruchtbar geblieben ist. Ganz andere Motive, die den Verstand vorbeigehen, aber das Gefühl in seiner Tiefe ergreifen: Die Schande der Sklaverei, der Wert der Freiheit, das Beispiel der Geschichte, die öffentliche Achtung der Nation und andere ähnliche mystische Vorstellungen sind es, die jene Saiten des Menschen zum Ausklang bringen müssen ... Die Klassiker sind die beste Schule dazu! –

In einem Lande geboren, das in seinen Schlupfwinkeln die Trümmer des Biedersinns und der eigentümlichen Sitte, sowie die letzten Wurzeln der deutschen Freiheit am längsten grün erhalten hat, werde ich diese mir mit der Muttermilch eingeflößte Gesinnung, die jeder rechtschaffene Mann achten muß, sie mag klug oder unklug, zeitig oder unzeitig sein, als ein heiliges Unterpfand bis an das Ende meiner Tage bewahren. Es war daher natürlich, daß es mir in der Gegenwart nicht gefiel, die durch eine fremde Spannung ihre eigene Selbständigkeit verloren hat und in jedem Augenblick einen innern Zwiespalt zwischen meinem Herzen und meinem Verstande aufregte. Ich will beschließen, wo ich zu leben anfing, unter den Flügeln des preußischen Adlers, in dessen Schutze ich die glücklichsten Tage meines Lebens genoß. Doch werde ich auch dort mit treuer Anhänglichkeit aller derer gedenken, die mir hier teuer waren. ... Es ist eine liebliche Gruppe, worin der Zufall uns heute an diesem Orte zusammengeführt hat: Westphalen, Sachsen und Preußen in einem Kreise verschlungen. Mag diese Gruppe uns darauf hinweisen, daß wir alle Kinder eines Volkes sind, daß Eintracht die Wurzel der Stärke und Gemeingeist die Seele des öffentlichen Lebens sei. –

Ich sage allen, die an der Universität, die ich jetzt verlasse, lehrend mit mir wirkten, das herzlichste Lebewohl. Der Himmel schenke ihnen allen Weisheit, ihrem Herzen Wärme und ihren Lippen Honigseim, damit ihr Mund Weisheit rede, ihr Herz sie ans Herz bringe und ihre Zunge sie mit unvertilgbaren Zügen tief in die Seele der Jugend einpräge. Dann werden Schöpfungen aus ihren Hörsälen hervorgehen, durch welche das gesunkene Vaterland zu einem neuen Leben auferstehen kann. Er schenke ihnen Mut und Kraft zu einem Geschäfte, das sich durch äußere Vorteile so wenig belohnt, und welches jetzt vollends durch den Verlust der kleinen Auszeichnungen, deren es sonst genoß, ins gemeine Leben herabgezogen ist.

Endlich empfehle ich noch dem Schutze des Höchsten die gute Stadt, die durch ihr Altertum und durch ihre Geschichte, wie durch ihren Einfluß auf die Bildung von Deutschland und durch die Aschenkrüge so vieler berühmter Männer, die sie in ihren Mauern aufbewahrt, gleich ehrwürdig ist. Von ihrer ehemaligen Größe sind ihr freilich jetzt nur noch die Schatten übrig geblieben; aber diese Größe wird wiederkehren, wenn der Geist der Menschen unter uns wiederkehrt, der sie einst begründete.

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