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Deutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert

Erich Ebstein: Deutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert - Kapitel 2
Quellenangabe
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authorErich Ebstein
titleDeutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert
publisherVerlag von Julius Springer
editorErich Ebstein
year1926
correctorJosef Muehlgassner
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Einleitung.

Den beiden von mir im Verlage Julius Springer herausgegebenen Büchern: Ärzte-Briefe und Ärzte-Memoiren aus vier Jahrhunderten (Berlin 1920 und 1923) sollten eigentlich »Ärzte-Tagebücher und Reisehefte aus vier Jahrhunderten« folgen. Der Stoff ist aber so reich, daß ich vorläufig den bereits angekündigten Band zurückgestellt habe und heute erst

»Deutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert«

folgen lasse. Der Titel soll nicht besagen, daß aus den früheren Jahrhunderten keine Reden existierten. In dieser Beziehung sagt Heinz Amelung in der Einleitung zu seinen »Deutschen Reden aus fünf Jahrhunderten« (Berlin 1924), in den von Ärzten nur Rudolf Virchow erscheint: »Eine Sammlung deutscher Reden kann erst mit dem 16. Jahrhundert beginnen; einmal weil für die frühere Zeit keine zuverlässigen Quellen fließen, sodann aber auch, weil vorher nicht die deutsche, sondern die lateinische Sprache herrschend war im Gebrauch der Redner. Und wiederum kann die Zeit von Luther bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts ebenfalls nur karge Ausbeute liefern, da in diesen zwei Jahrhunderten das Latein durch das Französische ersetzt, nicht aber durch unsere damals noch nicht genügend ausdrucksfähige Muttersprache verdrängt war.«

Ich erwähne hier z. B. des großen holländischen Arztes Boerhaave Rektoratsrede vom Jahre 1731: »De honore medici, servitute«, in der er, wie Max Neuburger sagt, »seine Ehrfurcht vor dem vielseitigen planmäßigen Wirken des Naturgeschehens« wohl am schönsten zum Ausdruck gebracht hat.

Wer wird aber heute noch lateinische Ärzte-Reden lesen? Ich habe mich daher auf Ärzte-Reden in deutscher Sprache und auf Reden deutscher, österreichischer und schweizer Ärzte beschränkt.

Bei der Fülle des Stoffes, der gesammelt und gesichtet werden mußte, fiel die Auswahl schwer. Was in einem schmalen Bande nicht Platz hatte, wurde wenigstens dem Titel nach in »Bibliographie und Quellennachweis der Ärzte-Reden« verwiesen. Einen Anspruch auf Vollständigkeit kann und darf diese Bibliographie nicht machen: sie ist nur ein erster Versuch, der jederzeit für bestimmte Zwecke weiter ausgebaut werden kann.

In der von mir besorgten Auswahl der Ärzte-Reden kam es mir einmal darauf an, Forscher über ihr eigenes Arbeitsgebiet im freien Wort zu zeigen, wie z. B. Ehrlich, Virchow usw. Eine andere Gruppe der chronologisch angeordneten Reden soll die Forscher in gegenseitiger Beurteilung zeigen. So hören wir z. B. Griesinger über Schoenlein sprechen.

Eine dritte Gruppe der Reden behandelt gelegentlich festlicher Anlässe allgemeinere Themata in ihren Beziehungen zur Heilkunde, so z. B. sprechen über das Denken in der Medizin Helmholtz, über den selbständigen Wert des Wissens Rokitansky, über Geschichte des Wissens du Bois-Reymond, über Rerum cognoscere causas Pettenkofer.

Eine vierte Gruppe der Reden dieses Buches ist bei Eröffnung der Klinik oder bei Antritt des Lehramts ( Schoenlein, Oppolzer, Wunderlich) oder beim Verlassen desselben ( Reil, Naunyn) gehalten.

Besonders frisch wirken aus dem Stegreif gesprochene Reden, wie die von den Chirurgen Bergmann und Kocher gehaltenen Ansprachen, die auf ein Leben voll Erfolg und Erfahrung zurückblicken, sowie die wahrhaft erfrischende von Heinrich Hoffmann, dem Dichter und Zeichner des Struwwelpeters. So sagt auch Heinz Amelung, daß das Ideal von Beredsamkeit die Rede aus dem Stegreif ist. »Das Feuer, das den Redner selbst durchglüht, auch in andern zu entzünden – das ist das Geheimnis des Erfolges.«

Vor kurzem hat der Münchener Literarhistoriker Fritz Strich zwanzig »Deutsche Akademiereden« (München, Meyer und Jessen 1924, 355 Seiten) in einem Bande vereinigt in der Absicht, »die große Bedeutung zu zeigen, welche der Geist der akademischen Anstalten und Persönlichkeiten für das Leben der Nation besitzt«. Unter ihnen finden wir den Physiologen Emil du Bois-Reymond (Über die Grenzen des Naturerkennens). Wir haben in diesen Akademiereden von Friedrich von Schiller bis auf Ulrich von Wilamowitz-Möllendorf meist Abhandlungen in Vortragsform O. L. B. Wolff, dem wir ein »Handbuch der weltlichen Beredsamkeit« (Leipzig 1848) verdanken, hat neben der politischen und gerichtlichen Rede: »Die Konvenienzrede«. Wolff (S. 405) versteht darunter »im allgemeinen diejenigen Reden, welche bei besonderen Gelegenheiten gehalten werden. ... Streng genommen bilden sie größtenteils nur eine Übergangsgattung von den Abhandlungen zu den Reden und beschäftigen sich vorzüglich mit wissenschaftlichen oder der Wissenschaft verwandten Gegenständen.«.

Es muß auffallen, daß Goethe dabei fehlt. Aber er war kein öffentlicher Redner; er erschrak, als Franz Joseph Gall ihm ernstlich versicherte, daß er seinem ganzen Wesen nach zum – Volksredner geboren sei: »da sich bei meiner Nation nichts zu reden fand«. So verlor Goethe, der Öffentlichkeit und Feierlichkeit so sehr scheute, z. B. bei seiner Rede zur Wiedereröffnung des Bergwerks zu Ilmenau, den Faden und blieb stecken.

Wer darf nun aber als ein »guter« Redner bezeichnet werden? Der Chirurg Ph. Fr. von Walther (gest. 1849) hat in seiner Rede auf den Anatomen Ignaz Döllinger (München 1841, S. 28) mit Recht hervorgehoben: »Bekanntlich ist die Katheder-Beredsamkeit eine ganz andere als die parlamentäre, die kirchliche Eloquenz und die oratorische in den Gerichtssälen. Die Studenten sind über die erste die besten Richter. Sie besitzen einen natürlichen Instinkt zur Unterscheidung des guten von dem mittelmäßigen Dozenten, welcher nicht leicht täuscht und irreführt. Sie übersehen große, selbst ungemessene, mehr zufällige Mängel des Vortrages, wenn derselbe sonst gut, kernhaft und sie geistig anregend ist. Nur derjenige Universitätslehrer ist gut, welchen die Studenten gerne hören.«

In seiner Abhandlung »Die menschliche Rede und das Leben« (Leipzig und Wien 1914, S. 16) hat Franz Strunz den guten Redner folgendermaßen gekennzeichnet: »Wer Eindrücke schmucklos und doch mit eigener Farbe wiedergeben kann, ist ein guter Redner. Das Interesse des Hörers entzündet sich daran. Nur Wirkliches – nicht die Rede, die gedächtnismäßiger Aneignung entspringt, – ist der Anteilnahme des modernen Menschen gewiß. Wirklich ist, was in der Seele Ereignis ist«.

Der Psychiater Pelman hat einmal sehr richtig betont: »Die erfolgreichsten Reden sind, wenn man sie liest, mitunter recht dürftig« (Psych. Grenzzustände. Bonn 1909, S. 46 f.)

Der Kliniker Naunyn bemerkt in seinen »Erinnerungen, Gedanken und Meinungen« (München 1925, S. 365), daß ihn die frei sprechenden Redner selten befriedigt haben; »sie schweiften ab, ermüdeten hierdurch und durch den Mangel an Schärfe und Anschaulichkeit des Ausdrucks sehr gewöhnlich besonders dadurch, daß sie zu lange sprachen. Ein warnendes Beispiel derart war Virchow! Von ihm habe ich nur eine vortreffliche ›Rede‹ gehört, und die war sicher gut vorbereitet. Die besten Redner, die ich von medizinischen Kathedern gehört habe, waren Bergmann (der Vater), Frerichs, Jolly (in Straßburg), Volkmann. Bei allen, außer hier und da bei Frerichs, war sehr kennzeichnend das völlige Fehlen jeder »Schönrednerei«.

»Sprach Bergmann, so war es«, wie sein Biograph Buchholtz erzählt, »vom ersten bis zum letzten Wort ein hoher Genuß, ihm zuzuhören. Von flammender Begeisterung für die Wissenschaft getragen, in klarster Beherrschung des Gegenstands floß seine edelgeformte klangvolle Sprache in vollem Strom dahin, oft sich zu schönem Pathos erhebend, an rechter Stelle auch des zierlichen Humors nicht entbehrend. In der Schilderung von Krankheitszuständen, in dramatischer Wiedergabe des Krankheitsverlaufs war er Meister. Reiches geschichtliches Wissen, eine überraschende Kenntnis der klassischen und modernen schönen Literatur standen ihm zu Gebot, und so schmückten Zitate, Vergleiche und Hinweise oft seine Rede. Durch die Macht seiner Worte hat er nicht am wenigsten seine Hörer und Schüler gefesselt.« (a. a. O. S. 343).

Vom Chirurgen Robert Volkmann konnte ich keine eigentliche Rede entdecken; er scheint »mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit« ( Trendelenburg, Die ersten 25 Jahre der d. Ges. f. Chirurgie. Berlin 1923, S. 30 f.) oft temperamentvoll in die Diskussionen der Chirurgengesellschaft eingegriffen zu haben, wie auch Carl Thiersch, der sonst gerne schwieg. So sagt Trendelenburg von ihm (a. a. O. S. 169): » Thiersch schwieg mehr als er redete, aber wenn er das Wort nahm, so wußte man, daß es sich lohnte, aufzumerken, sei es, daß er knapp und sachlich über eigene wissenschaftliche Arbeit berichtete, sei es, daß er zum Schluß einer längeren Diskussion, pro und contra bedächtig gegeneinander abwägend, das Ergebnis zusammenfaßte. Gestalt und Rede erinnerten dann an den Chorführer in der antiken Tragödie. Und immer waren die Zuhörer in gespannter Erwartung der Blitze, die in der Wolke olympischer Ruhe schlummerten« Ebenso sagt Stromeyer ( Ebstein, Ärzte-Memoiren. Berlin 1923, S. 257 f.) von Dupuytren, daß sein Organ biegsam und sonor war, und man kein Wort von dem verlor, was er sagte. Man wurde bei ihm an die römischen Redner erinnert, welche einen Flötenbläser neben sich hatten, der sie an das poco più und poco meno erinnerte. Dupuytren sprach in der Klinik nie mit seinen Schülern. Die von Dupuytrens Schülern herausgegebenen Leçons orales geben keine richtige Vorstellung von seiner Klinik, sie sind zusammengestoppelt, seine Vorträge waren improvisiert.«. Als geflügeltes Wort kursiert noch heute der Satz: »Ich denke, wir werden auch am besten daran tun, die Schußwunden, wie bisher, offen zu lassen und die Diskussion zu schließen«.

Der Chirurg Trendelenburg meint, die Gabe des Redens sei übrigens bei ihm weniger entwickelt gewesen, »als für einen Professor wünschenswert ist«. (Aus heiteren Jugendtagen. Berlin 1924, S. 17.)

Bei dem Psychiater Friedrich Jolly, den Naunyn besonders als Redner hervorgehoben hatte, rühmt Ernst Siemerling (Zur Erinnerung an Fr. Jolly. Berlin 1904, S. 19), daß er »als Lehrer mit feiner Beobachtung ein hervorragendes Talent der plastischen Wiedergabe« verband.

Vom Kliniker Frerichs sagt Wilhelm Ebstein (in: E. Ebstein, Ärzte-Memoiren, Berlin 1923, S. 367): »Alles, was er sagte, war im Gehirn fest wie eingehämmert. Er sprach bedächtig, nachdenklich, eindringlich und dadurch aufs höchste die Aufmerksamkeit fesselnd.«

Die einzige Rede, die von Frerichs gedruckt vorliegt, war die Eröffnungsrede beim Kongreß für innere Medizin in Wiesbaden (20. April 1882). Sie war nach B. Laquer (Riedel-Archiv 1925, Nr. 2) klassisch im Stil und enthielt eine großzügige Darlegung über die zentrale Stellung der inneren Medizin zu den übrigen Gebieten der Heilkunde in ihrer wissenschaftlichen Verarbeitung wie in ihrer Vertretung nach außen.«

In der zweiten Sitzung des Wiesbadener Kongresses (26. April) sprach Robert Koch über die Ätiologie der Tuberkulose. »Wer Koch jemals hat öffentlich sprechen hören, wird ohne weiteres anerkennen, daß er in Art und Wirkung seines Vortrags den Vergleich mit Frerichs, einem Meister des Worts, aushielt. Phrasenlos und schlicht, auf den Kern vordringend, war Robert Koch von jener »genialen Nüchternheit« erfüllt, wie sie auf ganz anderem Gebiet einst Theodor Mommsen als charakteristisch für die Größe eines Julius Cäsar hingestellt hat.« ( B. Laquer.)

Was Virchows Rednergabe anlangt, so mag – entgegen Naunyn – hier betont werden, daß seine sprichwörtliche »Genauigkeit« sich auch in seinen Reden zeigte. So erzählt Semon (British medical Journal vom 13. Sept. 1902), daß er sich zweier Gelegenheiten erinnert, bei denen Virchow tatsächlich noch dabei war, sein englisches Manuskript zu korrigieren, während sich seine Zuhörerschaft bereits versammelte, so daß Semon die größte Schwierigkeit hatte, ihn noch rechtzeitig auf die Rednerbühne zu bringen.

Andrerseits rühmt sein Schüler Rudolf Beneke (Jena 1921, S. 37 f.) an seinem Lehrer die »Fähigkeit, ex improviso die schwierigsten Probleme jederzeit in abgerundeter Form, in geistvoller Beleuchtung darzustellen«. Es unterstützte Virchow dabei »ebenso die Sicherheit seines auf eindringender Arbeit beruhenden Wissens, die Kraft seines untrüglichen, alles umfassenden Gedächtnisses, die Wärme seines Gefühls«. So macht Beneke darauf aufmerksam, daß Virchow 1877 auf der Naturforscherversammlung nach den großen Reden von Häckel, Naegeli und Klebs am nächsten Tage in der Hauptversammlung den berühmten erwidernden und abwehrenden Vortrag »Über die Freiheit der Wissenschaft im modernen Staatsleben« ganz unvorbereitet hielt. Sie kann in dem Bande »Rudolf Virchow und die Naturforscherversammlungen« (Leipzig 1922), den Sudhoff herausgegeben hat, bequem nachgelesen werden. Diese 16 Reden besitzen noch heute, wie Beneke mit Recht sagt, den »Zauber der Neuheit.«

Über Johannes Lucas Schoenlein berichtet Steffens (Was ich erlebte. Bd. 10, S. 319, 1844), daß er eine »Scheu vor öffentlichem Auftreten« gehabt habe, und Griesinger, dessen schöne Gedenkrede auf Schönlein wir lesen, ging »eigentliche Beredsamkeit« ab. Nach Wunderlich hat er die wichtigeren seiner Vorträge sorgfältigst ausgearbeitet. »Wo er improvisierte, war er schlicht und einfach, aber immer klar und bei der Sache bleibend. Wie viele seiner schwäbischen Landsleute war er gewandter mit der Feder als mit dem gesprochenen Worte. Man hat nicht mit Unrecht gesagt, daß etwas Goethesches in Griesingers Darstellung war.«

Des Pathologen Karl von Rokitanskys theoretische Vorträge litten »durch die Schwäche und fast gesuchte Eintönigkeit der Stimme; er sprach wie jemand, der eine Anekdote erzählt, von der er fürchtet, daß sie einem Teil der Hörer schon bekannt sei«. Indes ließ Rokitansky als akademischer Redner bei feierlichen Gelegenheiten die Vortragskünste des Redners nicht vermissen und zeigte ein bedeutendes Talent zur philosophischen Spekulation. ( R. von Scheuthauer in: Gurlt-Hirsch, Band 5, S. 66 f., Kußmaul in den »Jugenderinnerungen« usw. und V. Czerny, Frankfurter Zeitung vom 19. Februar 1904, Nr. 50.)

Den Physiologen Emil du Bois-Reymond nennt Max Verworn (Vossische Zeitung vom 5. Nov. 1918) einen glänzenden Redner. »Was seine Hörer und Leser immer wieder von neuem fesselte, war nicht nur die hohe Warte, von der er die großen Fragen, welche die Menschheit bewegen, mit überlegenem Geiste behandelte, sondern auch die Gründlichkeit, mit der er das tat, und die unvergleichliche Schönheit der Form und des Ausdrucks sowohl wie der Gedanken.«

In ähnlicher Weise hatte der freie mündliche Vortrag des Anatomen Ignaz Döllinger »eine tief eindringende magische Kraft, deren letzte Ursache ein noch der Forschung würdiges Geheimnis ist. Es ist die Macht des Wortes, welches lebt und belebt, da hingegen der Buchstabe tötet, eine Schranke und Hemmung des lebendigen Wortes ist. Es gehört zu dem Wesen deutscher Universität, daß zwischen dem Lehrer und den Zuhörern sich gleichsam eine organische Kontinuität bildet, vermöge welcher jener in diese seine Gedanken mittelbar hineinträgt und sie also die Wissenschaft innerlich suszipieren.« ( Walther a. a. O., S. 28 f.)

An dem Münchner Chirurgen Joh. Nepomuk von Nußbaum (gest. 1890) rühmt E. von Bergmann einen »klinischen Lehrer von hinreißender Beredsamkeit, einen Meister in der Kunst, auch einen spröden Stoff fesselnd darzustellen«. Dabei wird der Glockenklang seiner Stimme, die klar und kräftig im Ausdruck war, hervorgehoben. ( Angerer, in: Deutsche med. Wochenschr. 1891.)

Vom Hygieniker Max von Pettenkofer erzählt Carl von Voit (München 1902, S. 150 f.), daß »der Eindruck seiner schön gefügten, mit äußerst wohlklingender Stimme gesprochenen Worte, besonders wenn er in Eifer geriet, ein so hinreißender war, daß niemand sich demselben zu entziehen vermochte. Und doch war er kein eigentlicher Redner, denn er schrieb seine größeren Vorträge und Reden, weil es ihm auf eine ganz bestimmte Fassung ankam, stets auf und las sie ab; jedoch hatte der Hörer auch da den Eindruck, als ob er vor ihm erst seine Gedanken konzipiere und frei vortrüge. Sollte er unvorbereitet sprechen, dann stockte er öfters in der Rede und räusperte sich und man sah es ihm an, wie schwer es ihm manchmal wurde, für das, was er sagen wollte, das richtige Wort zu finden; jedoch waren auch diese seine frei gesprochenen Reden stets von Bedeutung, voll von Ideen und oft von köstlichem Humor.«

Wenn ich hier einige Beispiele von mehr oder minder »guten« Rednern von medizinischen Kathedern herab gegeben habe, so ist es gewiß zweierlei, ob einer Theoretiker ist oder im wesentlichen nur seine »Klinik« hält. Gerade Naunyn (a. a. O. S. 366) hat in dieser Beziehung zusammengefaßt: »Der klinische Vortrag muß als ein durchaus demonstrativer ›frei‹ gehalten werden.«

Auch Krehl hat jüngst (Münch. med. Wochenschr. 1925, Nr. 23) über die klinische Vorlesung sich u. a. dahin geäußert, daß sie nicht nur »ein Vortrag über Vorgänge der Wissenschaft« ist, »sondern sie ist auch Leben. Leben, in dem ein Arzt am Krankenbett handelt.« Nach Krehl gibt es »so viele Formen der klinischen Vorlesung, wie es Menschen gibt, die sie abhalten«.

In seinem Buch »Über das Lehren und Lernen« (Wien 1876, S. 356 ff.) hat sich Billroth die Frage vorgelegt: »Wie soll man die Männer erkennen, welche zu Schulbildnern geeignet sind?« Wenn er das freilich für ein vielleicht überhaupt nie ganz lösbares Geheimnis hält, so unterscheidet er zwei Hauptkategorien unter den Universitätslehrern.« »Beiden gemeinsam ist das innerlich notwendige Interesse an der Sache, die Unmöglichkeit, die Gedanken darüber zurückzuhalten, der Drang zu lehren, das Bewußtsein, es zu können.«

Billroth faßt schließlich seine Ansicht dahin zusammen, »daß die ›Schulenstifter‹, die großen Naturforscher und Ärzte, immer etwas Schwärmerisches, Phantastisches, zum Universellen Hindrängendes hatten, daß sie stets, wenn sie von Wissenschaft sprachen, auf ihre Schüler den Eindruck machten, als seien sie inspiriert, daß sie meist zugleich einen Hang zum Künstlerischen, oft nicht selten zugleich Dichter, Maler, Musiker waren, und daß sie durch ihre ganze Erscheinung, so verschieden sie auch sein mochte, für die Jugend etwas unüberwindlich Anziehendes, Priesterliches, Dämonisches hatten«.

Im gleichen Sinne wie Billroth hat später Wilhelm Ostwald in seinem Werk: Große Männer. 5. Aufl., Leipzig 1919, S. 371 ff.) zwei Haupttypen von Naturforschern unterschieden, die Klassiker und Romantiker. Der Hauptpunkt ihrer Verschiedenheit liegt in der »Reaktionsgeschwindigkeit ihres Geistes. Die Klassiker sind die Langsamen, die Romantiker die Geschwinden«. Dieser Unterschied macht sich bereits in der Jugend geltend. »Bei den schnell reagierenden Romantikern« ist die Erscheinung der Frühreife besonders deutlich, so z. B. bei Humphry Davy und Liebig, während sie bei den Klassikern Robert Mayer und Helmholtz »nicht so auffällig in den Vordergrund tritt.« »Der Romantiker ist von Begeisterung erfüllt,« oder hat, wie Billroth sich ausdrückt, »den Drang zu lehren, das Bewußtsein, es zu können.« Denn er ist »von Begeisterung erfüllt und vermag sie auf andere zu übertragen« ( Ostwald). Damit sind die Vorbedingungen eines erfolgreichen Lehrers gegeben. Von allen Lehrern der Wissenschaft ist nach Ostwalds Urteil » Liebig der erfolgreichste und eindrucksvollste gewesen, und die von ihm gebildete Schule hat an Einfluß und Bedeutung alle anderen Schulen überragt, die je von anderen wissenschaftlichen Lehrern persönlich entwickelt worden sind. Dies beruht auf der romantischen Beschaffenheit von Liebigs Geist«.

Unter diesem Gesichtspunkt möge die vorliegende Auswahl von Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert betrachtet werden.

»An der Rede erkennt man den Mann.«

Leipzig, den 11. Juni 1925. Erich Ebstein.

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