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Deutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert

Erich Ebstein: Deutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert - Kapitel 19
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authorErich Ebstein
titleDeutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert
publisherVerlag von Julius Springer
editorErich Ebstein
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Paul Ehrlich

(1854-1915)

Moderne Heilbestrebungen

Vortrag, gehalten in der Hauptversammlung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Berlin am 24. Oktober 1912

Die Bekämpfung der Krankheiten der Menschen und die Linderung ihrer Schmerzen galt von jeher als eine Kunst, und die Bezeichnung der Ärzte als Heilkünstler war und ist eine vollberechtigte. Während in früheren Zeiten aber die Heilstoffe vorzugsweise dem Schatze der Natur entnommen wurden, ist es jetzt hauptsächlich die Chemie und die so hoch entwickelte chemische Industrie, die dem Heilkünstler und der Menschheit das Arsenal liefert. Allerdings liegt es in der Natur der Sache begründet, daß die Arbeit der Arzneimittellehre wesentlich der sogenannten symptomatischen Heilkunst zugute gekommen ist, d. h. demjenigen Zweck, der auf die Beseitigung einzelner Symptome: Fieber, Schmerzen, Schlaflosigkeit u. a. m. hinzielt. Man kann bei aller Anerkennung des Nutzens, den uns die reiche Schar der neuen Heilmittel am Krankenbett gebracht hat, sich doch nicht verhehlen, daß es sich hier im wesentlichen nur um symptomatische Mittel handelt, nicht aber um wirkliche »Heilmittel«, die die Krankheitskeime als solche vernichten und so das Übel an der Wurzel bekämpfen, wie es z. B. das Chinin bei dem Wechselfieber tut, bei dem es die Erreger, die Malariaplasmodien, zum Verschwinden bringt. Heilmittel dieser Art werden spezifische genannt; es ist verständlich, daß es das Hauptziel der ärztlichen Kunst sein muß, solche Spezifika ausfindig zu machen.

Erst die Errungenschaften der neuesten Zeit, die Lehre von den Krankheitserregern, die Bakteriologie, hat die breite Grundlage und die Vorbedingungen für derartige Studien geschaffen. Die Möglichkeit, eine Reihe sogenannter infektiöser Erkrankungen wie Tuberkulose, Rotz, Rückfallfieber, am Tier experimentell zu erzeugen, bot die Gelegenheit, die Wirkungen von Arzneimitteln auf den Verlauf der Krankheit viel eingehender zu studieren, als dies am Krankenbett möglich war. So ist es auch kein Zufall, daß aus derartigen Experimenten sich auch bald große Fortschritte in der Heilkunst ergaben und Erfolge erzielt wurden, die die moderne Medizin auf ein neues Niveau gehoben haben. Ich möchte nur als unvergängliche Marksteine die Bekämpfung der Tollwut durch die Pasteursche Schutzimpfung, die Tuberkulosestudien Robert Kochs und insbesondere die Entdeckung des Diphtherie-Heilserums durch Behring erwähnen. Durch dieses Heilserum wurde ein neues Prinzip in die Medizin eingeführt, indem in ihm ein richtiges Gegengift – Antitoxin – gegen das Gift der Diphtheriebazillen gefunden wurde. Aber noch andere Antikörper kann der Organismus erzeugen; diese sind nicht gegen die Bakteriengifte gerichtet, sondern wenden sich gegen die Bakterien selbst, indem sie diese entweder abtöten oder so abschwächen, daß sie den Abwehrkräften des Organismus, insbesondere der Tätigkeit der Freßzellen, unterliegen.

Diese Serumwirkungen gehören also zu den wichtigsten Phänomenen, über welche die Medizin zu berichten hat. Wir haben durch sie überraschende Abwehrvorrichtungen, über welche der Organismus verfügt, kennengelernt und weiterhin interessante Einblicke in den Modus natürlicher Heilvorgänge erlangt. Am bedeutungsvollsten sind in dieser Beziehung die Infektionskrankheiten, die kritisch verlaufen, d. h., bei denen im Lauf weniger Stunden das Fieber plötzlich abfällt und die Heilung eingeleitet wird. Eine solche Heilung, wie sie durch Krise z. B. bei der Pneumonie, der Lungenentzündung, eintritt, kommt dadurch zustande, daß im Lauf der Erkrankung ein Teil der Bakterien abgetötet wird, und daß diese Fraktion die Bildung bakterienabtötender Antikörper hervorruft, die sich im Blut immer mehr anhäufen und dann auf einmal, wenn ihre Konzentration eine genügende geworden ist, eine brüske Abtötung der Bakterien veranlassen, womit der Heilvorgang beginnt. In einer solchen Krankheitskrise hat die Natur das Beispiel einer Idealtherapie gezeigt, nämlich das der Vernichtung aller Parasiten in einem Zuge (Therapia magna sterilisans). Und dieses Beispiel war es auch, das mir vorgeschwebt hat, als ich mich meinen chemotherapeutischen Studien zuwandte. Non sumus magistri sed discipuli naturae – wir sind nicht Meister, sondern Schüler der Natur!

Man kann nun vielleicht fragen, warum denn solche Bestrebungen, den Erkrankungen mit künstlichen Stoffen, Chemikalien auf den Leib zu rücken, überhaupt notwendig waren, da wir doch durch die Heilsera über so wunderbare Substanzen verfügen. Aber im Laufe der Zeit hat sich gezeigt, daß die hervorragend günstige Wirkung der Sera nur an bestimmte Erkrankungen gebunden ist. Ich erwähne bei Menschen Diphtherie, Tetanus, weiterhin die durch Bazillen bedingte Ruhr und die Kinderlähmung. Aber bei einer Reihe wichtiger Erkrankungen ist es nicht möglich gewesen, Immunsera von genügender Wirkungskraft zu gewinnen. Und es läßt sich weiter zeigen, daß es eine Reihe wichtiger Erkrankungen gibt, bei denen überhaupt die Chance, durch das Serum Heilung zu bewirken, eine außerordentlich geringe ist. Und zwar handelt es sich hier im wesentlichen um chronische Erkrankungen und insbesondere solche, die mit Rekrudeszenzen oder Rückfällen verlaufen, wie Sumpffieber, Syphilis, Schlafkrankheit u. a. m. Hier versagt die Serumtherapie und müssen wir uns bestreben, die Krankheitskeime auf künstlichem Wege abzutöten. Und daß dies nicht unmöglich ist, darauf deutet ja schon die Erfahrung hin, daß die Lues durch Quecksilber, das Sumpffieber durch Chinin zur Heilung gelangen. Allerdings handelt es sich hier gewöhnlich um langwierige und wiederholte Behandlung, und es war daher ein besonderer Anreiz, durch systematische Versuche zu wirklichen Heilstoffen zu gelangen, d. h. solchen, die als » innere Desinfektionsmittel« wirken und also die Krankheitskeime radikal abtöten. Nun ist die Suche nach solchen Desinfektionsmitteln keine ganz leichte Sache. Ermöglicht wurde sie überhaupt erst durch den Umstand, daß wir dank den Fortschritten der medizinischen Wissenschaft Tiere infizieren und an derartig infizierten Tieren ein Heilmittel in ausgedehntestem Maße erproben konnten. Auf rein empirischem Wege lassen sich derartige Studien aber nicht erfolgreich durchführen. Das ist nur möglich, wenn wir eine leitende Theorie besitzen, die eine rationelle Versuchsführung ermöglicht. In diesem Sinne ist es mir vielleicht gestattet, auf die Theorie der Arzneiwirkung näher einzugehen.

Vor mehr als zehn Jahren habe ich auf Grund der Untersuchungen über Verteilung und Wirkung von Heilstoffen für die Synthese neuer Substanzen das Prinzip aufgestellt, daß man zunächst solche Substanzen auffinden müsse, die zu einem bestimmten Ort des Organismus, z. B. gewissen Zellen, Verwandtschaft haben, und daß man an diese Substanz Gruppen von hoher Wirksamkeit anhängen müsse, so daß die primäre Substanz als »Lastwagen« dient, der ein bestimmtes Heilprinzip an den gewollten Ort heranbringt. Ich glaube, daß diese Vorstellung zur Zeit noch weiter präzisiert werden kann durch einen neuen Vergleich mit einem Giftpfeil. Schon Paracelsus hat geäußert, daß die Arzneimittel »Spiculae« (Widerhaken) haben müßten, mit Hilfe deren sie sich in bestimmten Organen festsetzten. Im Sinne der modernen Chemie werden wir diese Spiculae als bestimmte chemische Gruppierungen auffassen müssen, die eine große Verwandtschaft besitzen zu bestimmten Gruppierungen, die in der Bakterienzelle sitzen, und die gewissermaßen als Angelhaken dienen. Im Sinne der üblichen medizinischen Terminologie würde ich das Spiculum als die »Haftgruppe« oder haptophore Gruppe bezeichnen und den Angelapparat der Bakterienzelle als Empfänger oder Chemozeptor.

Die Anwesenheit bestimmter Haftgruppen ist zwar eine notwendige Voraussetzung zur Giftwirkung, aber im allgemeinen keine für sich ausreichende. Es können an ein Bakterium sich Hunderte von Substanzen verankern und nur wenige sind imstande, eine Abtötung auszulösen. Es muß also in therapeutisch geeigneten Substanzen außer der Haftgruppe noch eine andere vorhanden sein, die als solche die Abtötung bedingt, und die daher als »giftende« oder toxophore Gruppe bezeichnet werden soll. Und dann hat es sich gezeigt, daß es notwendig ist, im allgemeinen noch eine dritte Gruppierung aufzufinden, die die Verbindung zwischen Haft- und Giftgruppe darstellt, und die daher gewissermaßen die Funktionen eines Bindegliedes ausübt. Im Sinne des obigen Vergleiches würde also die Haftgruppe des Heilmittels der Spitze des Pfeils, das Bindeglied dem Schaft des Pfeils und die Giftgruppe dem am Pfeilschaft angebrachten Pfeilgift entsprechen. Es könnte nun scheinen, als ob dieser einfache Vergleich nur eine reine Spekulation darstellte, und als ob es keinen Vorteil hätte, Gleichungen mit drei Unbekannten aufzustellen. Aber in Wahrheit liegen die Verhältnisse auf Grund schon bekannter Tatsachen doch viel günstiger, indem es möglich war, zwei von diesen Unbekannten gewissermaßen a priori auszuschalten.

Seit Urzeiten sind Substanzen von starker Giftigkeit und hohem therapeutischen Wert bekannt, insbesondere Quecksilber, Arsen, Antimon, Jod, Schwefel, die als besonders geeignet gelten mußten, als Giftgruppen und Arzneistoffe zu fungieren. Weiterhin ist es der Chemie schon längst gelungen, die obigen Metalle mit organischen Substanzen zu vereinigen; diese Kombinationen werden als metallorganische Verbindungen bezeichnet. Die organische Chemie unterscheidet zwei Hauptklassen: fette und aromatische Substanzen. Der einfachste Vertreter der aromatischen Substanzen ist das Benzol, welches aus der ringförmigen Verbindung von sechs Kohlenstoffatomen gebildet ist. Schon vorliegende Erfahrungen und Überlegungen wiesen darauf hin, daß das Benzol besonders zweckmäßig für die Konstruktion von Heilmitteln sein müßte. Es schien daher am zweckmäßigsten, Arsen oder Quecksilber mit dem Benzolrest zu vereinigen und die so erhaltenen Substanzen, die im Sinne obigen Vergleichs dem mit Gift versehenen Schaft entsprechen, mit geeigneten Haftgruppen zu versehen. Es wurden daher der Verbindung von Benzol mit Arsen, dem Arsenbenzol, ganz verschiedenartige Gruppen angehängt und die so erhaltenen verschiedenen Substanzen isoliert, jede für sich auf Desinfektion und Heilwirkung untersucht. Relativ leicht ist es, Substanzen ausfindig zu machen, die in wäßriger Lösung Parasiten abtöten und daher nach der Art der üblichen – äußeren – Desinfektionsmittel wirken. Aber leider handelt es sich ja bei der Heilung von Krankheiten um die Bekämpfung von Parasiten, die im lebenden Organismus mit seinen mannigfaltigen empfindlichen Zellen und Organen vorhanden sind. Schon Robert Koch hatte in seinem berühmten Versuch gezeigt, daß Milzbrandbazillen durch Quecksilberchlorid im Reagensglase abgetötet werden können, und zwar genügt hierzu schon eine hohe Verdünnung. Als er nun mit einem mit Milzbrand infizierten Meerschweinchen das Quecksilbersalz in einer solchen Menge injizierte, daß diese um ein Vielfaches größer war, als im Reagensglasversuch zur Abtötung ausreichte, zeigte es sich, daß unter diesen Umständen zwar die Meerschweinchen der Quecksilbervergiftung erlagen, daß aber die Milzbrandbazillen sich in der üppigsten Weise vermehrten. Es erklärt sich diese Tatsache ohne weiteres dadurch, daß auch die Gewebe des Meerschweinchens eine Verwandtschaft zu dem Quecksilber haben, und daß diese Verwandtschaft eine viel energischere war als die der Milzbrandbazillen, so daß in Wahrheit von dem Quecksilbersalz nichts an die Parasiten gelangen konnte, sondern daß der Körper alles für sich in Anspruch genommen hatte. Und genau demselben Vorgang begegnet man sehr häufig. Es geht daraus hervor, daß man solche Haftgruppen ausfindigmachen muß, die zu den Organen des menschlichen Leibes die allergeringste Verwandtschaft haben und demselben in lebenswichtigen Teilen nicht schaden. Über die Organverwandtschaft eines Mittels gibt aber die Höhe der ertragenen und der tödlichen Dosis vollen Aufschluß.

Wenn wir in den Rest der Phenylarsensäure (einer Verbindung des Benzolrestes mit Arsensäure) verschiedene Haftgruppen einführen, z. B. Chlor, Oxy, Cyan, Sulfo, so zeigt es sich, daß wir die Verbindung nach Belieben entgiften oder giften können. Es ist so gelungen, von einer Substanz ausgehend, eine Skala von Verbindungen herzustellen, deren Giftigkeit um das 1500fache schwanken kann. Die am meisten entgifteten Verbindungen – es sind das Derivate der Schwefelsäure – sind noch unschädlicher als Kochsalz. Ihnen stehen andererseits Substanzen gegenüber, die schon in kleinsten Mengen den Tod herbeiführen. Und dabei sehen wir, daß je nach der Art der Substitution ganz verschiedene Organe erkranken: Bald ist es der Darmkanal, und die Tiere sterben an profusen Diarrhöen, bald ist es die Leber, und die Mäuschen werden – ein seltener Anblick – gelbsüchtig und sterben an schweren Leberveränderungen, bald werden die roten Blutkörperchen aufgelöst. Wir sehen also, daß je nach der Wahl der angefügten Gruppen ganz verschiedene Organsysteme getroffen werden. Es erklärt sich dieses dadurch, daß in den verschiedenen Organen ganz verschiedenartige Angelhaken – Chemozeptoren – vorhanden sind, die bestimmte Haftgruppen energisch anziehen, etwa wie der Magnet das Eisen, und in dieser Beziehung kann daher das, was Paracelsus als Spiculum bezeichnet hat, was ich früher Haftgruppe des Arzneistoffes genannt habe, vielleicht noch treffender als Leitgruppe directrix bezeichnet werden.

Es geht hieraus hervor, daß die haptophore Gruppe gleichzeitig zwei Funktionen erfüllen muß, einerseits eine positive, darin bestehend, daß eine maximale Verwandtschaft zu den Parasiten besteht und eine negative, dahingehend, daß die Verwandtschaft zu den Körperzellen auf ein Minimum beschränkt ist. Wenn wir z. B. eine bestimmte Art eines Chemozeptors auffinden würden, der nur im Parasiten vorkommt, den Organen des Körpers aber vollkommen fehlt, so würden wir einen Stoff haben, der an und für sich vollkommen unschädlich ist und bei maximaler Einwirkung auf die Bakterien den Körper selbst vollkommen unberührt läßt. Er würde in diesem Sinne genau den Produkten des Organismus entsprechen, die ihrerseits nach Art von Zauberkugeln ihren Feind, die Parasiten, isoliert treffen.

Hoffen wir, daß es möglich sein wird, solche Zentralschüsse auch chemotherapeutisch zu leisten. Für ganz ausgeschlossen halte ich das nicht, da z. B. bei der Hühnerspirillose sich nachweisen läßt, daß 1/ 50. bis 1/ 100. Teil der Dosis toxica schwer infizierte Tiere vollkommen von ihren Parasiten befreit und der Heilung zuführt. Eine solche Dosis ist aber eine Nulldosis, die das Huhn nicht im allermindesten schädigen kann. So günstige Verhältnisse sind aber bisher nur selten gefunden worden, und man wird sich zufrieden geben, wenn man günstige therapeutische Effekte mit dem zehnten bis fünften Teil der Dosis tolerata erreichen kann.

Dieses sind im wesentlichen die Prinzipien, die leitend waren für die Konstruktion neuer Arzneimittel. Unter den zahlreichen untersuchten Verbindungen, die bei Trypanosomen- und Spirillenkrankheiten angestellt worden sind, hat sich im Tierversuch als die optimale erwiesen das Dioxydiamidoarsenobenzol, in dem die Arsengruppe als Toxophor, der Benzolrest als Träger und die Amidophenol-Gruppierung als Spiculum dient. Aber der Schritt vom Laboratorium zum Krankenbett ist ein außerordentlich schwieriger und gefährlicher. Es begründet sich dieses wesentlich in zwei Momenten: Erstens in der Tatsache, daß gerade beim Menschen unglücklicherweise sogenannte Idiosynkrasien existieren, die beim Tier nicht vorkommen. Es ist ja bekannt, daß bei einer Reihe sonst gesunder Individuen schon bestimmte, harmlose Genußmittel unangenehme Hautausschläge hervorrufen, so z. B. Erdbeeren und Krebse. Auch nach vielen, fast der Hälfte aller Arzneimittel können solche Überempfindlichkeitserscheinungen hervorgerufen werden. Und daß solche Erscheinungen bei der Anwendung von therapeutischen Agentien, die stark wirksame Radikale, wie Arsen, Quecksilber, enthalten, in besonders unangenehmer Weise auftreten müssen, wird nicht wundernehmen. Man wird daher verlangen müssen, daß für therapeutische Zwecke nur solche Substanzen in Frage kommen, bei denen eine essentielle Überempfindlichkeit nur in den allerseltensten Ausnahmen zu gelten hat. Aber hiermit sind die Schwierigkeiten noch nicht erschöpft. Es hat sich nämlich gezeigt, daß vielerlei Umstände, Fehlerquellen verborgener Art, schädliche Wirkungen auslösen können, die zunächst auf eine toxische Natur des bestimmten Arzneimittels bezogen werden und zur Diskreditierung desselben dienen müssen. So werden unter dem Einfluß von Sauerstoff die Körper der Arsenophenolreihe außerordentlich toxisch. Viel wichtiger ist aber der sogenannte Wasserfehler, dessen Aufdeckung erst Wechselmann gelungen ist. Es hatte sich nämlich gezeigt, daß im destillierten Wasser, wenn es nicht ganz frisch destilliert ist, sich häufig eine reiche Bakterienflora entwickelt, die auch dann noch ihre schädigende Wirkung ausübt, wenn sie durch Sterilisieren abgetötet ist. Die Schädlichkeiten, die durch diese Fehlerquelle bedingt waren, waren so außerordentlich groß, daß sie die eigentliche und wirksamste Form der neuen Arsenikalien in einer kontinuierlichen Serie von Injektionen verhinderten. Erst nachdem dieser Stein des Anstoßes weggeräumt und das, was ich als Kinderkrankheit der Injektionstherapie bezeichne, überwunden war, ist die Bahn für eine nutzbringende Therapie, wie sie für bestimmte inveterierte Krankheitsformen notwendig ist, freigelegt.

Es liegt mir fern, auf die ausgedehnte klinische Erprobung der neuen Mittel, an der sich tausende hervorragender Ärzte in intensiver Arbeit beteiligen, hier näher einzugehen, und ich beschränke mich darauf, nur einige wenige in Betracht kommende Gesichtspunkte auseinanderzusetzen.

Je nach der Eigenart der Erkrankung kann man nach vier therapeutischen Prinzipien verfahren:

1. Der erste Modus, die therapia sterilisans magna, entspricht dem alten therapeutischen Axiom »Frapper fort et frapper vite« und führt zur sterilisatio magna, der Sterilisation in einem Schlage. Und glücklicherweise hat sich herausgestellt, daß bei einer Reihe von Krankheiten die Befolgung des zweiten Teiles der Forderung: »frapper vite« genügt.

2. In manchen Fällen muß dieses Prinzip der Sterilisation mit einem Schlage verlassen werden, und zwar dann, wenn außerordentlich zahlreiche Parasiten im Organismus vorhanden sind, deren schädliche Leibessubstanzen, durch das Heilmittel zur Auflösung und Resorption gebracht, schweren Schaden auslösen können. In diesen Fällen wird man sich bemühen, die Abtötung der Parasiten in zwei bis drei Einzelakte zu zerlegen, entsprechend der Tyndallschen fraktionierten Sterilisation.

3. ist es bei manchen, insbesondere chronischen Affektionen, bei denen das Arzneimittel die Parasiten aus mechanischen Gründen nur schwer trifft, notwendig, nach dem Prinzip: »Gutta cavat lapidem« eine lange, über Wochen sich erstreckende Therapie – sterilisatio chronica – durchzuführen.

4. wird man in schwerer zu beeinflussenden Fällen möglichst eine Kombinationstherapie durchzuführen haben. Eine solche ist nur möglich bei Arzneimitteln, die in ihrer haptophoren Gruppierung prinzipiell verschieden sind, und die daher an verschiedene Strukturen der Parasiten angreifen. Wenn zwei derartige Stoffe dem Organismus zugeführt werden, so konvergiert die Wirkung nur in bezug auf die Parasiten, divergiert aber in bezug auf den Organismus, entsprechend dem alten Axiom: »Getrennt marschieren und vereint schlagen.«

Nach diesen allgemeinen Vorbemerkungen seien die zwei Grenzfälle der therapeutischen Beeinflussung kurz geschildert.

Zunächst das, was ich als therapia magna sterilisans bezeichne, die Befreiung des Organismus von den Parasiten in einem Schlage. Ich erwähne hier das Rückfallfieber des Menschen, welches durch eine Spirochätenform bedingt ist. Hier sieht man wenige Stunden nach der Salvarsaninjektion die Spirochäten aus dem Blut verschwinden, dementsprechend sinkt das Fieber kritisch im Lauf von wenig Stunden, und die Patienten sind in wenig Tagen von ihrer Krankheit dauernd befreit. Als zweite Erkrankungsart erwähne ich die Framboësie, die ebenfalls auf Spirochäten zurückzuführen ist, und die eine Geißel der Tropen darstellt. Auch bei dieser Erkrankung genügt gewöhnlich eine einzige Injektion, um vollkommene Heilung herbeizuführen. Ein Krankenhaus in Surinam, das ständig über 300 Framboësiekranke zu verpflegen hatte, konnte nach Einführung der Salvarsanbehandlung seiner Bestimmung enthoben und geschlossen werden, indem eine einzige Injektion genügte, die Krankheit zu heilen; die Patienten konnten bis auf zwei entlassen werden. Auch bei der der Framboësie so nahe verwandten Lues ist im allerersten Stadium durch eine einzige Injektion einer großen Dosis – wie aus dem Militärbericht Österreichs hervorgeht – in einem erheblichen Teil – über 50 Prozent der Fälle – vollkommene Ausheilung zu erzielen. Sicherer erreicht man aber in diesem Stadium den Zweck der abortiven Heilung durch etwas intensivere, mehrfache und eventuell mit Quecksilber kombinierte Kur. Hier scheint es möglich, an 95 Prozent Heilung heranzukommen. Bei der Aleppobeule ferner, der Angina Vincenti und den Erkrankungen der Mundschleimhäute, die durch Mundspirochäten bedingt sind, ist eine therapia sterilisans magna möglich; ja in vielen Fällen genügt hier schon eine lokale Behandlung durch Aufpinselung des Heilstoffes. Von Tiererkrankungen, die durch eine einzige Salvarsan-Injektion geheilt werden können, erwähne ich hier die für das Militär so wichtige Brustseuche der Pferde und weiterhin die Lymphangitis epizootica der Pferde, eine schwere eitrige Entzündung der Lymphstränge der Extremitäten, die in ungefähr 33 Prozent der Fälle den Tod herbeiführt.

Man wird aber nicht erwarten dürfen, daß ein solcher voller Erfolg bei allen Krankheitsformen in gleicher Weise erzielbar sein müßte. Wenn uns die Aufgabe gestellt wird, ein Zimmer zu desinfizieren, so ist diese ja jetzt relativ leicht zu lösen, aber es ist andererseits auch verständlich, daß an den Stellen, an denen die Gase des Formalins schwerer eindringen, an den sogenannten toten Ecken, die Keime nicht im mindesten getroffen werden. In gleicher Weise werden auch Parasiten, falls sie sich in derartigen toten Ecken des Organismus ansiedeln können, von dem Arzneimittel nicht erreicht. Der Versuch im großen hat auch gezeigt, wo solche toten Ecken des Organismus sich befinden. Es handelt sich hier um den Hohlraum, der zwischen dem Rückenmark und der Wirbelsäule gelegen ist und der von einer wasserklaren, fast zellfreien und eiweißfreien Flüssigkeit, der sogenannten Zerebrospinalflüssigkeit, ausgefüllt ist. Diese Beschaffenheit der Zerebrospinalflüssigkeit ist nur dadurch zu erklären, daß die Zellen, die dieselben sezernieren, für die Mehrzahl der Stoffe des Organismus eine außerordentlich geringe Durchlässigkeit besitzen und nur einer ganz beschränkten Anzahl von Substanzen den Durchlaß gestatten. Ebenso wie das Eiweiß werden auch großmolekulare Substanzen wie die modernen Arzneimittel – und auch das Salvarsan – zurückgehalten und gelangen daher nicht in das Innere der Zerebrospinalflüssigkeit. Befinden sich aber an dieser Stelle Parasiten, so sind diese durch die Eigenart der Sekretionszellen vor dem Angriff des Arzneimittels bewahrt. Diese Frage ist von ganz besonderer Wichtigkeit bei einer für die Kolonien so bedeutsamen Erkrankung, der Schlafkrankheit. In einem gewissen, relativ rasch eintretenden Krankheitsstadium finden sich in der Lumbalflüssigkeit Trypanosomen. Ist dieses eingetreten, so sind nach dem oben Gesagten die Heilchancen außerordentlich ungünstig. Professor Broden hat auf meine Veranlassung am Kongo jahrelang an schlafkranken Negern Heilversuche angestellt und konstatiert, daß durch eine besonders energische Kombinationsbehandlung mit Salvarsan und zwei verschiedenen trypanosomenfeindlichen Farbstoffen, einem gelben und einem roten (Trypaflavin und Tryparosan) sich bei Patienten, deren Spinalflüssigkeit noch frei von Veränderung ist, anscheinend in 90 Prozent Fällen durch eine etwa drei- bis viertägige Kur Heilung des Prozesses erzielen läßt. Ist aber das zentrale Nervensystem schon ergriffen, so versagt auch diese Behandlungsweise. Aber ich glaube, daß es verfrüht wäre, jetzt schon auch bei dieser Erkrankung die Flinte ins Korn zu werfen, da es sich bei den obigen Beobachtungen wesentlich um eine einmalige intensive Behandlung handelt und es möglich ist, durch eine chronisch intermittierende lang fortgesetzte Therapie schließlich doch dem gewünschten Ziel sich zu nähern. In dieser Beziehung möchte ich nur darauf hinweisen, daß auch bei der so eminent chronischen Rückenmarksschwindsucht, der Tabes dorsalis, eine einzige Injektion wenig nutzt, daß dagegen durch eine lange fortgesetzte Serienbehandlung mit Salvarsan großer Nutzen geschaffen wird.

Aus dem Gesagten geht hervor, daß das Spiculum des Salvarsans ganz verschiedenartige Parasiten angreift, daß also der Chemozeptor, der auf die Orthoamidophenolgruppe eingestellt ist, in der Klasse der Parasiten eine große Verbreitung haben muß. Scheint es doch sogar, daß auch Erkrankungen wie Scharlach, Pocken und Flecktyphus, weiterhin von reinen Bakterienerkrankungen, Milzbrand, Rotz, Rotlauf, eine deutliche und günstige Beeinflussung durch Salvarsan erfahren. Ob diese Beeinflussung zur Heilung ausreicht, wage ich nicht zu entscheiden, aber auf jeden Fall ermutigen die bisherigen Beobachtungen, beharrlich auf diesem Pfade fortzuschreiten, da die Möglichkeit besteht, daß man durch geeignete Applikationsweisen, chemische Verbesserungen des Präparats und geeignete Kombinationen auch bei diesen schweren Erkrankungen der wirklichen Heilung wird näherkommen können.

Ich habe bis jetzt fast ausschließlich von Infektionskrankheiten gesprochen, aber das Gebiet der Chemotherapie ist ja ein weit allgemeineres und umfaßt daher auch die Erkrankungen, die durch Veränderung der Zelltätigkeit hervorgerufen werden. Und hier sind es an erster Stelle die bösartigen Neubildungen, die das Interesse fesseln müssen. Das Problem ist hier insofern ein schwieriges, als sicher bei einem Teil der Neubildungen es sich nicht um etwas Parasitäres handelt, sondern um Abirrung körpereigener Zellen, die sogenannte Metaplasie. Die Tumorzellen sind mithin, im Gegensatz zu den Parasiten, nichts dem Körper Fremdartiges, sondern es handelt sich gewissermaßen um feindliche Brüder, und es ist deshalb a priori viel schwerer, spezifische Heilstoffe aufzufinden, da das Differential der Verwandtschaft zu chemotherapeutischen Agenden ein geringes ist. Die glänzenden Versuche A. v. Wassermanns, im Sinne der oben skizzierten Anschauungen über Organtherapie, das an und für sich unschädliche Eosin als Lastwagen für die zellschädigende Selengruppierung zu verwenden, ist in aller Gedächtnis, und es war daher wirklich für jeden Fachmann eine frappierende, a priori gar nicht vorauszusehende Tatsache, wie unter dem Einfluß des Eosinselens die rapide Verflüssigung des Tumorgewebes auftritt, für die ich nur ein einziges Analogon erwähnen möchte: Es ist das die grundlegende Tuberkulinreaktion tuberkulöser Herde. Und ihre Bestätigung haben die Beobachtungen auch durch die späteren Untersuchungen von Neuberg, der mit komplexen Metallsalzen arbeitet, gefunden. Das Interesse an diesem Gebiet ist jetzt ein ganz eminentes, und wir sehen, daß möglicherweise bei der Tumorbekämpfung eine ganze Reihe verschiedener Substanzen: Radium, Cholin, Kieselsäure, Mesothor eine elektive Zerstörung der Tumorzelle auslösen können. Wenn es sich im wesentlichen ja auch noch um Tierversuche handelt, so sehen wir gerade auf diesem so unendlich wichtigen Gebiet doch endlich einen Fortschritt in verschiedenster Richtung, so daß wir die Hoffnung hegen dürfen, daß es den vereinten Kräften in Zukunft gelingen wird, sei es mit isolierten, sei es mit Kombinationsmethoden dieser Geißel der Menschheit Herr zu werden. Aber die erste Voraussetzung solcher Studien und Erfolge ist das Bestehen wissenschaftlicher, gut ausgerüsteter Forschungsinstitute, in denen die vielfachen und schwierigen Aufgaben, die noch zu lösen sind, bearbeitet werden können. Ich muß es daher mit größter Freude begrüßen, daß sich an die Kaiser-Wilhelm-Institute für Chemie ein drittes Institut für experimentelle Therapie anschließen soll. Für die weitschauende Initiative Sr. Majestät im Namen der Wissenschaft und auch meinerseits den aufrichtigsten Dank auszusprechen, ist mir eine Pflicht und ein Herzensbedürfnis.

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