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Deutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert

Erich Ebstein: Deutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert - Kapitel 12
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authorErich Ebstein
titleDeutsche Ärzte-Reden aus dem 19. Jahrhundert
publisherVerlag von Julius Springer
editorErich Ebstein
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Heinrich Hoffmann

(1809-1894)

Erwiderung auf den Trinkspruch zu seinem 50 jährigen Doktorjubiläum, gehalten in Frankfurt a. M. am 10. August 1883

Liebe Freunde, Berufs- und Tischgenossen! Der Mensch ist ein anderer im Frack, in der Uniform und ein anderer im Schlafrock oder gar in Hemdsärmeln. Wenn nun ein weises Sprichwort sagt: »Kleider machen Leute«, so gilt dies wahrlich meist für obige Kostüme. Heute morgen waren wir im Frack, und da hat man mir von mannigfacher Seite in feierlicher Anrede, freilich, wie ich nochmals allen Ernstes betonen muß, in viel zu schmeichelhafter Darstellung ehrenhafte Anerkennung und Freundschaft dargebracht; jetzt aber sitzen wir in ganz anderer Art beieinander, fröhlich gesellt, zwar nicht wirklich im Schlafrock oder Hemdsärmeln, aber doch kann ich sagen, da unsere Seelen allen Zwanges frei sind, wir sitzen in psychischen Hemdsärmeln und schmausen und trinken und singen. Ehrlich muß ich Ihnen gestehen, die jetzige Lage ist mir die liebere, angenehmere und die meiner Seelenkonstruktion entsprechendere, denn ich fühle mich jetzt weniger der Gefeierte, als der Mitfeiernde.

Als ich vor langen Jahren Medizin studieren wollte, war eines der ersten Bücher, welche mir mein seliger Vater schenkte, die kleine von Conradi in Göttingen verfaßte Propädeutik: »Einleitung in das Studium der Medizin.« Marburg 1828. Da waren denn im § 21-26 alle die schönen Anlagen und guten Eigenschaften aufgezählt, die ein tüchtiger Arzt haben müsse, und alles war mit griechischen und lateinischen Zitaten aus Hippokrates und Celsus belegt. Mir wurde schier angst über all die Tugenden und all die Würdigkeiten, die von mir armen jungen Gesellen verlangt wurden; und eine mir besonders eigene Eigenheit wurde sogar etwas scheel angesehen: der Frohsinn und die Heiterkeit! – Nun ich dachte, jeder gehe seine eigenen Wege! Und ich ging sie, und ich habe mich wohl dabei befunden. Ja! ich meine immer noch, daß eine gewisse stete Heiterkeit und Frische der Seele ganz und gar nötig ist für einen tüchtigen Arzt.

Meine lieben Freunde! Unser Herrgott hat sonderbare Kostgänger auf seiner Erde, und wunderliche Käuze gibt's in allen Ständen und Berufen; aber die bunteste Gesellschaft finden wir doch unter uns Ärzten. Jeder Beruf bildet das Individuum zu einer mehr oder weniger typischen Erscheinung aus, welche dann durch den persönlichen Charakter noch zu besonderer Subspezies ausgeprägt wird, keiner aber mehr als der ärztliche, weil er nicht allein sein Wissen und Können, sondern auch seine ganze Persönlichkeit zur Geltung bringen muß; es kommen ihm darin nur etwa die Pfarrer und die Schulmeister nahe.

Und welche vielfarbige Fauna sehen wir da vor uns erscheinen: Da ist der feine, modisch geschniegelte Salonarzt, der in sorglich grammatikalischem Hochdeutsch sich ausdrückt, und der derbe Naturbursche, der mit voller Bravour sein Provinzial- oder Lokalidiom spricht; der strenge würdevolle Doctor Medicinae, Chirurgiae et artis obstetriciae, der Mann mit der gesprochenen Lapidarschrift, der orakelnde Sarastro, die Sphinx mit der Allongeperücke, dem leider das lange spanische Rohr mit dem Goldknopfe verlustig gegangen ist; ferner der gebieterische, mit Absicht grobe Doktor, der wunderbarerweise so oft sich Vertrauen ertrotzt; dann sehen wir dagegen den Damentätschler, den Anempfinder, der jede Verordnung wie eine Pille mit dem Golde der Rede umgibt. Weiter begegnet uns der lateinische Brockenarzt; denn viele Leute glauben erst dann an ihre Krankheit, wenn sie einen ihnen ganz unverständlichen Namen auf »itis« gehört haben. Wir vergessen nicht den wohlgenährten behaglichen Kneiparzt, den Semperstudiosus; den frommen konventikelnden Doktor, den Nazarener, der zugleich den Krankentröster abgeben könnte, wenn er nicht zu sehr das Vorgefühl des Leichenpredigers erregte. Erwähnen will ich noch den Arzt der langen Visiten; mit was der die Zeit ausfüllt, weiß ich nicht; und den eiligen, sternschnuppengleich verschwindenden Momentanarzt, der oft genug fortgeht, ohne das Rezept verschrieben zu haben; dann den alle Tage zweimal am Bett erscheinenden Wichtigtuer; und den intermittierenden Arzt, den mit langen doktorfreien Intervallen, e tutti quanti! tutti quanti! – Es gibt noch manche Sorte von Ärzten, von denen will ich aber gar nicht reden, wie von dem neidischen, dem habsüchtigen, von dem unkollegialen Verleumder; das sind dyskratische Erscheinungen, pathologische Afterprodukte, von denen, dem Himmel sei Dank! unser Corpus medicum sich frei fühlt!

Wahrlich, wenn ich diese bunte Reihe aller dieser absonderlichen Gestalten erblicke, so käme mir fast die Lust an, eine Naturgeschichte der Ärzte zu schreiben; aber dazu fehlt mir die Zeit und der jugendliche Übermut, und diese Tischrede gäbe ja gar ein Buch. Ich will mich kurz fassen und Ihnen nur noch ein Weniges von der Heiterkeit des Arztes vorplaudern.

Die helle Himmelssonne scheint ebenso gütig und warm auf Doktors und Apotheker, wie auf Rentiers und Poeten, wenn auch Ärzte nur selten Rentiers und höchstens schlechte Poeten werden. Sind wir deshalb verurteilt, Nachteulen oder Fledermäuse zu sein, weil uns die Menschheit so oft nur ihre Nacht- und Trauerseiten zeigt? Im Gegenteil, es muß für den Arzt mehr als für die meisten andern eine Seelenstärkung und eine Herzenserfrischung sein, wenn er sich unter frohen, gesunden und heiteren Menschen befindet, gleichwie einem Kriminalrichter und einem Polizeimeister doch wohl erst recht wohl zumute sein kann, wenn er einmal in einen Kreis grundehrlicher und braver Leute eintritt, die nicht nach dem Zuchthaus riechen. Ja! ich meine, gar niemand könne auf Erden so recht von Grund der Seele heiter werden, als ein Arzt mitten unter fröhlichen, sorglosen, heiteren, trinkenden, singenden Menschenkindern.

Man möge mich nicht falsch verstehen; ich verlange nicht vom Arzte, daß er den Spaßmacher spiele oder ein Wanderlager von Witzen und Anekdoten mit sich führe. Er bedarf eines höher gearteten Frohsinns, er soll ein Humorist sein; dann mag er die Dinge von ihrer heiteren Seite betrachten, dann mag er die Schwächen der menschlichen Natur und Gesellschaft mit hellen Farben bekleiden; aber immer soll er dies mit liebevoller Gutmütigkeit tun und der Grundzug seines Wesens bleibe das tiefe Mitgefühl für die Schmerzen, den Kummer und das Leid, und auf seinen Lippen halte er stets ein ernstes, mildes Wort des Trostes bereit, so wie er ja auch eine leichte, wohltuende Hand für schmerzende Wunden haben soll. Die größte Freude soll es ihm bereiten, wenn er die Träne des Hoffnungslosen trocknen und die Mutlosigkeit in mildes dankbares Lächeln des Vertrauens verwandeln kann. Dazu soll ihm die Heiterkeit am Krankenbette helfen; so wird sein Scherz nie ein verletzender und so nur wird sein Trost ein überzeugender und wohltuender.

Alle Urteile sind subjektive, und jeder beurteilt die Dinge in ihm und um ihn von seinem persönlichen Standpunkte; so spreche auch ich vorzugsweise als Arzt einer Irrenanstalt, und als solcher meinte ich von je, der Eintritt des Arztes in eine Krankenabteilung müsse etwas vom Sonnenaufgang an sich tragen, er müsse Licht und Wärme verbreiten; und so sollte es in jeder Krankenstube sein. Gelang es mir am Morgen nur in einem Angesicht durch ein freundliches Wort, einen freundlichen Händedruck ein Lächeln, den Ausdruck herzlichen Vertrauens aufleuchten zu lassen, so war ich für den ganzen Tag zufrieden, so wie umgekehrt ich verstimmt und ärgerlich werden konnte, wenn ich meinte, mir vorwerfen zu müssen, daß ich gegen einen Kranken zu streng abweisend oder ungerecht gewesen sei.

Wer in einen dunkeln Keller geht, steckt sich ein Licht an, und im finsteren Stollen eines Bergwerks hat der Arbeiter eine Leuchte nötig. Nun wahrlich, wir arbeiten genug im Finstern und Traurigen, um des Lichts des frischen Mutes und der Leuchte des Frohsinns zu bedürfen. Es soll für den Irrenarzt die Mahnung gelten: »Was du nicht durch dein Wissen und deine Kunst dem Kranken leisten kannst, das gib ihm durch Teilnahme und Liebe! Und beim Himmel! es wird der Liebe der größere Teil deiner Aufgabe zufallen!«

Wenn ein gewöhnlicher Mensch nach Vauquelin nur 1,50 ‰ Phosphor im Gehirn enthält, so wäre zu untersuchen, ob so ein recht kreuzfideler Gesell nicht etwa das Doppelte oder Dreifache im Kopfe trägt. Wir wollen es abwarten, ob nicht die Neochemiker noch das phosphorsaure Hilarin aus dem Hirne herausreagieren werden. Wäre die Fröhlichkeit etwas Pathologisches, so hätten Mikroskopiker sicherlich schon auf den Bacillus jucundus oder auf den Micrococcus hilaritatis Jagd gemacht. Was das Licht und die Wärme für die Pflanze, was der Sauerstoff für das Blut, das ist die Heiterkeit für die Menschenseele; fehlen jene, so krankt die Blume farblos und blaß und der Leib bleichsüchtig und kraftlos, fehlt aber diese, so wird die Seele untüchtig und jammervoll.

Ein heiterer Sinn ist die reichste Gabe, die die gütige Fee Natur dem Erdgeborenen in die Wiege legen kann, und dies einzusehen, braucht man kein liederlustiger Seifensieder zu sein. So allmächtig aber auch die Natur ist, so kann sie doch ihren Kindern ohne Ausnahme nicht die Sorge, die Mühe und die Not ersparen, da ja jede Existenz auf Erden ein Kampf ist, und da nur in dem Kampf des Lebens das Glück gewonnen wird. Wir preisen also den glücklich, der in seinem Gemüt die Kraft hat, über alle Rauheiten des Wegs wegzukommen und über die Schluchten und Abgründe sicher wegzuspringen; glücklicher noch ist aber der, der andern dabei hilfreich die Hand reichen kann, um auf dem schweren Lebensgang gesund und wohlgemut vorwärts zu wandern. Und das kann der heitere Mensch, das kann vor allem der in heiterer Lebensanschauung wirkende Arzt. Das alte Sprüchwort müssen wir umkehren und sagen: »Ernst ist unsere Kunst, und heiter sei das Leben!«

Mit dem Schmerz und der Fröhlichkeit ist es doch ein einfach Ding; beide sind aus einem Stoff aus dem innersten Schatz der Seele; haben ja doch beide denselben höchsten Ausdruck: die Träne im Auge. Sie gleichen dem Golde; der ernste Schmerz ist die reine schwere Gold barre, die man aufbewahrt und für sich behält; aber die Heiterkeit, das ist das blinkende, fröhlich geprägte Gold, das muß unter die Leute, wenn es Wert haben und Gutes wirken soll. Der echte Mensch muß in sich einen gut verschlossenen Spar- und Kassenschrank, aber auch zugleich ein immer geöffnetes Portemonnaie haben. Den Ernst und den Schmerz für dich selbst, aber den Frohsinn für die andern! Das wäre der rechte seelenwirtschaftliche Grundsatz.

Die Heiterkeit der Seele gleicht auch dem Weine, der sich immer mehr veredelt, je älter er wird. Das Kind geht mit seiner Freude ganz im Spiele auf, aber das Spielzeug des Kindes zerbricht; der Jüngling erfreut sich seiner Ideale und seiner Liebe, aber die Träume der Jugend verwehen; der Mann erfreut sich an dem Bewußtsein erfüllter Pflicht, an die Erfolge aber schließen sich Tage genug des Mißlingens; nur die in das Alter hinüber gerettete Heiterkeit bleibt echt und rein und ungetrübt im Gefühle der Dankbarkeit, in der Zufriedenheit und dem Genügen am abgeschlossen Vollendeten; der Frohsinn des Greises ist der selbstloseste und dauerndste. Er hat die Probe des Lebens bestanden.

Und in diesem Sinne sind wir hier versammelt, und in diesem Sinne haben Sie mir, lieben Freunde, dieses schöne Fest bereitet. Ja, wir helfen uns heut frisch weiter auf schweren Wegen. Solche Feste, wie das heutige, sind Corrigentia und Roberantia in der Seelendiät des Arztes, und der Jubilarius ist ein psychisches Prophylaktikum, und die Speise- und Weinkarte sind für uns erprobte, offizinelle Rezepte. Solche Jubelfeste sind für uns eine Art Kontrollversammlung, wo wir dann gewahr werden können, wer noch kampffähig von dem Regimente vorhanden ist, und, wer bei dem Appell fehlt. Aber auch alte invalide Kameraden, die ein A. D. am Doktortitel tragen könnten, sind Ihnen noch willkommen.

Weiterhin haben solche Symposien durch ihre löblichen Zwecke etwas von Wohltätigkeitsanstalten und von milden Stiftungen, und es könnte einem schier eine fromme Kirchenstimmung und ein behagliches Tugendgefühl anwandeln. Doch unterdrücken wir heute diese Regung, da solchem Anflug doch der Flug unserer Lieder nicht ganz entsprechen würde. Ja, mir selbst sind diese schönen Stunden trotz aller der Reden und Lieder wie eine Ruhezeit in friedlicher Abendröte, die einen langen hellen Sonnentag beschließt.

Das Leben des Menschen soll, wenn er alt wird, einer umgekehrten Weberschen Ouvertüre gleichen; während diese mit sanftem Adagio beginnt und mit einem siegreichen Crescendo endet, so soll das Leben mit einem raschen Aufschwung beginnen und mit einem leis verklingenden Andante schließen. Man nennt dies dann die Weisheit des Alters und der ruhigen Selbstbeschaulichkeit. Ich meinesteils pflege die hergebrachte Frage: »Wie geht's?« mit einem freundlichen: »Bergab, aber bequem!« zu beantworten.

Jetzt aber will ich Ihnen nochmals für alle diese Liebe und Freundschaft aus warmem Herzen danken, und zu allerletzt noch für diese Aufmerksamkeit für mein Geplauder. Und schließen will ich mit folgendem Wunsche:

Ihr wollt mit frohem Becherklang,
Mit Jubelruf und Festgesang
Euch meines Alters freuen;
Nun wohl, da mach' ich selber mit
Und halte leidlich Schritt und Tritt:
Das hab' ich nicht zu scheuen.

Was auch das Schicksal Euch bestimmt,
Was auch das Leben bringt und nimmt,
Wird pflichtgetreu getragen;
Doch allen bleibe leicht das Blut
Und hell das Auge, frisch der Mut
Bis zu den letzten Tagen!

Und jedem, der es wünschen mag,
Dem soll dereinst der gleiche Tag
Die gleiche Freude bringen;
Ihm leuchte heller Abendschein
Ins still bewegte Herz hinein
Mit Klingen und mit Singen!

Nun aber, meine Herren, sind Sie das Hören satt, aber Sie haben frischen Appetit zum Essen gewonnen, und somit ist auch dieser mein Zweck erreicht.

Ich danke Euch allen nochmal herzlich in dem Wunsche: Möge Eure Arbeit gesegnet und Euer Sinn immerdar heiter sein! Dann werdet Ihr auch im Alter jung bleiben!

Und darauf leeren wir unsere Gläser!

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