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Detektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 1. Band

Robert Kraft: Detektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 1. Band - Kapitel 9
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDetektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 1. Band
publisherH.G. Münchmeyer
correctorreuters@abc.de
senderGeorge Huberty
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VIII. Jussuf el Fanit.

Hundert Fragen stürmten auf Nobody ein, die er in seinem Kopfe ordnen und einzeln beantworten mußte.

Wenn das fährtenkundige Mädchen nun Spuren fand und daraus Schlüsse ziehen konnte? Wo waren jetzt seine Begleiter, und was würden sie tun, wenn er nicht wieder zum Vorschein kam? Wo befand sich Marguérite?

Das sind nur drei Fragen von den hundert, die er lediglich mit Vermutungen beantworten konnte – aber Sorge machte ihm keine einzige, und das zu wissen, ist für uns die Hauptsache.

Nobody hatte doch nur alle diese Verwicklungen herbeigeführt, um zu versuchen, sie zu lösen – er selbst stellte Hindernisse auf, um sie zu beseitigen – er schaffte sich Gegner, um mit ihnen zu ringen, um sich mit ihnen an Kraft, List und Mut zu messen – – und irrte er sich einmal, unterlag er sogar einmal, so schnellte er nur mit um so größerer Kampfesfreudigkeit empor.

Das war vielleicht das Geheimnis, wodurch sich dieser Mann so jugendlich erhielt. Nobody führte zwei Devisen: »Des Lebens Freude ist der Kampf« – und »Ich will nicht siegen, sondern kämpfen.«

Außerdem nun war er Regisseur, Schauspieler und Zuschauer zugleich, und als Zuschauer interessierte ihn jetzt vor allen Dingen, wie sich ›Vater Gabriel‹ aus den Verwicklungen in dieser Komödie mit seiner Höhle – um einen vulgären, aber treffenden Ausdruck zu gebrauchen – noch ›herausfitzen‹ würde.

Wiederum hätte er jetzt so gern während der Abwesenheit des Mädchens die Felsenwohnung ausspioniert. Wie er dabei über das Halten seines Versprechens gedacht hätte, darüber wollen wir nicht rechten. Er tat es nicht. Die Gefahr war zu groß, daß er bei seinem Umherschleichen von der Zurückkehrenden überrascht wurde. Denn so weit ging seine Lust an außergewöhnlichen Situationen nicht, daß er sich einem Abenteuer hingab, um alle anderen Chancen einzubüßen.

Nein, in diesem Falle durfte nicht er von Gabriele, sondern mußte das Mädchen von ihm in Verlegenheit gebracht werden. Hierzu war sein Plan schon fertig.

Er wollte der Zurückgekehrten sagen, er habe, ohne sonst etwas unterscheiden zu können, wieder einen schwachen Schein vor den Augen. Denn da mußte das sich verstellende Mädchen irgend eine Sicherheitsmaßregel treffen, und was sie dann tun würde, darauf war er äußerst gespannt.

Doch es sollte alles ganz anders kommen.

Nach einer halben Stunde erschien Gabriele wieder. Sie trug jetzt also den weißen Burnus eines Beduinen oder auch den einer Beduinenfrau. Die Kleidung beider Geschlechter ist so ziemlich dieselbe. Ja, sie trug sogar das besondere Kopftuch, mit welchem die Beduinenfrau ihr Haar vor dem Flugsande schützt. Es wird also ausdrücklich betont, daß sie nicht etwa als Mann erscheinen wollte. Freilich war bei der großen, schlanken Gestalt sonst schwer zu unterscheiden, ob der weite Burnus einen Mann oder eine Frau verhüllte.

»Ich habe die Höhle gefunden, in der du gestern geblendet worden bist,« sagte sie, »aber aus den vorhandenen Spuren nichts Besonderes schließen können. Nach Sal Bekr bin ich gar nicht erst gegangen, jener Baron ist doch nicht mehr dort, und die Verfolgung der Missetäter weiter aufzunehmen, bin ich alter Mann nicht mehr imstande; ich bin auch schon zu lange Einsiedler gewesen, selbst in dem Dorfe würde ich ganz fremd und hilflos wie ein Kind sein. – Nun, mein lieber junger Freund, muß ich dir etwas mitteilen. Es fällt mir recht schwer. Ich bin nämlich zu der Ansicht gekommen, und das dürfte auch die richtige sein, daß du nur das zufällige Opfer einiger Schurken geworden bist. Man hat nicht gerade dich berauben und blenden wollen, es hätte auch irgend jemand anderes sein können – es kam nur darauf an, Jussuf el Fanit eines Bubenstreiches mit scheinbar handgreiflichem Beweis zu bezichtigen, um seinen Ruf als den eines edlen Mannes, den er bisher trotz alledem immer gehabt, zu ruinieren. Verstehst du, wie ich das meine? Nun allerdings warst gerade du ein sehr geeignetes Hilfsmittel dazu. Der ganze Anschlag wurde von Europäern geplant. Wenn es nicht direkte Verbrecher sind, so haben sie doch Verbrechercharaktere. Du, ein bekannter Detektiv, hieltest dich gerade in Kairo auf, da wurdest du vorgeschoben, an dir haben sich jene Schurken nebenbei ihr Mütchen gekühlt.«

»Ja, das dürfte das Richtige sein,« murmelte der Blinde gedrückt. »Aber warum fällt dir so schwer, mir das zu sagen?«

»Nicht das. Etwas anderes ist es, was mir Kummer bereitet. Aber es geht nicht anders, ich habe eine heilige Pflicht zu erfüllen. An Jussuf el Fanit ist eine Schandtat verübt worden, vielleicht eine größere, als man dir zugefügt hat. Dir haben die Schurken das Augenlicht geraubt, dem Jussuf el Fanit die Ehre. Das heißt, ich spreche im Sinne eines Beduinen, der lieber Auge und Hand verliert, als daß er sein Wort bricht, ganz abgesehen davon, daß er beim Barte des Propheten falsch geschworen, ein Mädchen geraubt, einen harmlosen Fremden geplündert haben soll. – Ich weiß, wo sich Jussuf el Fanit gegenwärtig befindet. Er muß sofort von allem in Kenntnis gesetzt werden, daß er ohne Zögern die Verfolgung der Bösewichte aufnimmt und seine Ehre wiederherstellt. Wer soll ihn aufsuchen? Nur ich kenne sein Lager, und ich darf das niemandem verraten. Also muß ich selbst unverzüglich die weite Reise antreten.«

»Sagtest du nicht, die Oase, in welcher er lagert, befinde sich hundert Meilen von hier?« fragte der Blinde niedergeschlagen.

»So ist es.«

»Und da willst du mich so lange verlassen?«

»Es geht nicht anders, mein lieber Sohn,« sagte das junge Mädchen als ›Vater Gabriel« mit trauriger Stimme, machte aber dabei ein recht vergnügtes Gesicht. »Doch ich lasse dich natürlich nicht allein ...«

»O, du kannst mich ja in das nächste Dorf bringen.«

»Nein, nein!« rief Gabriele hastig. »Du bedarfst der Pflege, die du in Sal Bekr nicht finden würdest, auch nicht in Medinet. Oder hast du jemanden, zu dem du durchaus gebracht werden möchtest?«

Mit ängstlicher Spannung blickten ihre Augen auf seine Lippen, als hinge von seiner Antwort gar viel ab, ihr Seelenheil.

»Ich habe auf der ganzen Erde keinen einzigen Menschen, der sich um mich kümmert.«

»Das ist gut! – – Ich meine: dann ist es gut, daß ich da einen Menschen weiß, der sich deiner mit liebender Pflege annehmen wird. – Jetzt muß ich von dieser Person sprechen, und dadurch erfährst du zugleich, wie es kommt, daß ich mit dem Wüstenräuber Jussuf el Fanit so gut bekannt bin. Ich kann mich dir doch anvertrauen?«

»Unbedingt.«

»So höre denn!«

Und das Mädchen erzählte. Es war eigentlich ein ganzer Roman, aber wir geben ihn so kurz wie möglich wieder.

Heinrich Volker hieß der Deutsche, welcher mehr aus Abenteuerlust als aus zwingenden Gründen nach Amerika ausgewandert war. Er hatte etwas Vermögen und viel praktischen Unternehmungsgeist. Während er im Wilden Westen seinen Neigungen lebte, schaute er immer mit nüchternen Augen um sich, legte sich dann auf Pferdezucht und ward einer der größten Pferdehändler Amerikas.

Da kam ihm die Idee, der amerikanischen Pferderasse arabisches Blut zuzuführen. Kurz entschlossen, auch immer noch etwas abenteuerlich veranlagt, ging er nach Arabien, um hier womöglich auf irgend eine Weise eine echte Wüstenstute zu gewinnen. Daß er eine solche nicht kaufen konnte, wußte er, und es war von vornherein sein Entschluß, ein Beduine zu werden, wenigstens eine Zeitlang. Aber trotzdem der gewandte Reiter wirklich Anschluß an Beduinen fand und wie ein Stammesmitglied behandelt wurde, gelang es ihm doch nicht, ein Pferd aus einer der fünf edlen Rassen zu erlangen.

Die afrikanischen Wüsten sollten hierzu günstiger sein als das asiatische Arabien. Er ging in die libysche Wüste und fand wiederum gastfreundliche Aufnahme, beim Stamme der Alud-Beduinen, welche durch ihre Koheyen berühmt sind, beteiligte sich an ihren Jagd- und Kriegszügen.

Es war keine Liebe aus Spekulation, welche der noch junge, unverheiratete Mann dort zu der Tochter des Scheichs faßte. Er wurde Muselmann und heiratete sie, und seine Liebe war so echt, daß er über seinem Weib ganz die Koheye und die Rückkehr nach Amerika vergaß. Er blieb bei den Beduinen, ward später ihr Scheikh.

Delina schenkte ihm einen Sohn, welcher Jussuf genannt wurde, dann eine Tochter. –

Dies alles klang ganz glaubhaft und entsprach auch wirklich den Tatsachen.

Jetzt aber schaltete die Erzählerin etwas Unwahres ein, allerdings nur dadurch, daß sie sich selbst für den Vater Gabriel ausgab.

Das war ein französischer Missionar gewesen, welcher unter den Beduinen Bekehrungsversuche machte. Er hatte wenig Glück und lief desto mehr Gefahr, einmal massakriert zu werden.

So kam er auch zu dem Stamme der Aluds, gerade als das Mädchen geboren worden war. Hatte er sonst keinen Erfolg, so gelang es ihm doch, dem deutschen Scheikh ins Gewissen zu reden, daß er wieder zur christlichen Religion zurückkehrte. Auch der kleine Jussuf wurde getauft, aus ihm ein Johannes gemacht, das Mädchen erhielt zu Ehren des Missionars den Namen

Gabriele, und auch die Mutter nahm den ursprünglichen Glauben ihres Mannes an.

Durch diese vierfache Bekehrung aber hatte sich der deutsche Scheikh bei den Beduinen unmöglich gemacht. Er mußte sie verlassen, wenn die Verabschiedung auch in aller Güte erfolgte. Es hatte für Heinrich Volker nichts zu bedeuten. Die Erinnerung war in ihm erwacht, er wollte wieder nach Amerika, wo sein Kompagnon das Pferdegeschäft noch immer betrieb.

Während die kleine Familie auf der langen Wanderung nach Kairo war, fand Heinrich eines Abends in der Wüste einen halbverschmachteten Mann. Er hatte zu einer Gesellschaft gehört, welche Antilopen jagen wollte, war abgekommen, hatte die Karawane nicht wiedergefunden und war dem Tode nahe. Heinrich nahm den jungen Engländer mit in sein Zelt und dann mit nach Kairo. Dort bedankte sich der Gerettete und ging, ohne daß seine Geschenke angenommen worden waren.

Heinrich blieb mit seiner Familie einige Zeit in Kairo. Wie er eines Tages in die gemietete Wohnung zurückkam, fehlte den jammernden Kindern die Mutter. Es konnte nur eine gewaltsame Entführung vorliegen, und Heinrich wußte sofort, wer der Täter gewesen sei.

Schon während der Wüstenreise hatte ihn nur die ihm heilige Gastfreundschaft daran gehindert, dem jungen Engländer, dem er das Leben gerettet hatte, dieses Leben wieder zu nehmen oder ihn doch wieder in die Wüste hinauszustoßen. Denn jener hatte sein junges Weib immer mit Blicken betrachtet, welche die Entrüstung jedes Mannes erweckt hätten.

Nun hatte der Schurke sein Ziel mit Gewalt erreicht, und alle Bemühungen, ihn und Delina wiederzufinden, blieben erfolglos, soweit es die ersten Wochen betrifft.

Was nun folgt, könnte erst recht den Inhalt eines großen Romans bilden.

Obgleich Heinrich der Wiedererlangung seines geliebten Weibes seine ganze Zeit und Kraft widmete, so vergingen doch Jahre, ehe Heinrich erfuhr, wer der Räuber überhaupt sei, wie er in Wirklichkeit hieß.

Jahre vergingen wieder, ehe er den Aufenthaltsort des englischen Lords erfuhr.

Und dann begann eine jahrelange Verfolgung des übergeschnappten Lords, der um den Besitz seiner Beute mit rasender Eifersucht kämpfte, eine wilde Jagd um die ganze Erde mit den wildesten Szenen, von denen die harmloseste die war, daß der hin und wieder gestellte Lord die Araberin zum Fenster hinaushielt und sie fallen zu lasten drohte, wenn Heinrich einen Schritt in das Zimmer wage.

Aber so oft der Räuber auch eingeholt wurde, er entkam immer wieder mit seiner Beute.

Bisher hatte er, besonders da ihm Delina nicht freiwillig folgte, er sie also als Gefangene mit sich schleppte, immer nur unzivilisierte oder solche Länder aufgesucht, wo die Justiz ohnmächtig ist.

Zuletzt aber wandte sich der Lord direkt nach England und verschanzte sich hinter den Mauern seines Schlosses.

Das sollte ihm wenig nützen. Jetzt, dachte Heinrich, sei der Räuber endgültig gestellt, jetzt müsse er die Gefangene ausliefern; denn in England herrscht doch Gerechtigkeit!

Aber gerade hier in diesem Lande, welches sich das kultivierteste der Erde nennt, sollte Heinrich die furchtbarste Enttäuschung erleben.

Gewalt geht vor Recht, und wer am meisten Geld hat, hat am meisten Gewalt. Heinrich jedoch hatte gar keine Mittel mehr. Sein Geschäft hatte er schon längst verkauft, die kostspielige Verfolgung und was sonst noch alles damit zusammenhing, hatte ihn ruiniert, zum Bettler gemacht.

Der reiche Lord aber wußte vor Gericht nichts von der ganzen Sache. Er bewies, daß er überhaupt niemals in Aegypten gewesen sei. Und dieser alte Bettler wollte in der libyschen Wüste Beduinenscheikh gewesen sein? Das war ja ein Narr!

Heinrich kam denn auch richtig ins Irrenhaus.

In Wirklichkeit aber war der englische Lord der Wahnsinnige, den man frei herumlaufen ließ. Die Verfolgung hatte achtzehn ganze Jahre lang gewährt, Delina lebte immer noch als Gefangene des Lords, war aber als Araberin schon längst verblüht, und er war noch immer ihr gegenüber der vor eifersüchtiger Liebe rasende Tyrann, der sie als seine Göttin verehrte, ohne auch nur zu wagen, ihr den Fuß zu küssen. Es war eben eine fixe Idee.

Heinrich entsprang der Irrenanstalt, drang in das Schloß, sein Dolch traf den überraschten Lord, und dieser erschoß im Sterben Delina, auch noch im Tode sie dem rechtmäßigen Gatten entrückend. Hiermit war die Tragödie aus.

Der Mörder entkam nach Amerika, wohin ihm freilich die Steckbriefe folgten. Doch er wollte sich dort nur mit seinen Kindern vereinigen, um dann für immer zu verschwinden.

Die beiden kleinen Kinder hatte er, als die Tragödie begann, zuerst in Kairo in gute Hände gegeben, dann später, als der Vater erst noch den Namen und Aufenthaltsort des Entführers auskundschaftete, waren Johannes und Gabriele gewöhnlich bei ihm gewesen, die Aufenthalte in großen Hauptstädten, wo Heinrich Erkundigungen einzog, dauerten immer lange Zeit, da kamen die Kinder einstweilen in Pension, und dann, als die wilde Jagd anfing, wurden die nun schon den Kinderschuhen Entwachsenen von Heinrichs Kompagnon, der jenen aber ausgezahlt hatte, aufgenommen. Sie wohnten auf einem sogenannten Rancho, einer Farm für Pferdezucht, und wurden auch mit beschäftigt. Es war zwar ein etwas wildes Leben zwischen Cowboys, doch fehlt es auf solch einer großen Farm mit Herrenhaus auch nicht an gebildeter Gesellschaft.

Der unglückliche Mann hatte nur noch einmal seine Kinder wiedersehen wollen, ehe er sich zurückbegab in die libysche Wüste. Aber Johannes, wie Gabriele ließen den Vater nicht allein ziehen, sie begleiteten ihn. Das brauchte nicht allein Mitleid mit dem alten, verlassenen Manne gewesen zu sein, da mochte sich auch das Beduinenblut geregt haben.

Also zurück zu der Stätte, wo Heinrich sein Glück gefunden und verloren hatte, wo beide Kinder, die nun aber schon erwachsen waren, geboren worden. Sie wurden wieder Beduinen.

Der alte Vater starb bald, und Johannes, der wieder den Namen Jussuf angenommen hatte, wurde – zum Wüstenräuber, welcher die englischen Salzkarawanen plünderte.

Der Grund, weshalb er zum Räuber geworden, liegt ja klar auf der Hand: Rache!

Doch nein, er war kein Räuber, er plünderte ja auch nicht. Er nannte sich den Herrn der Wüste und forderte nur einen Tribut.

Seine Rache an des Vaters Mörder, wie er ganz England nannte, sollte noch weit furchtbarer werden. Dieses Tributnehmen von englischen Karawanen war nur ein Vorspiel. Der phantastische Jüngling hatte nichts Geringeres vor, als nach und nach sämtliche Beduinenstämme um sich zu sammeln und dann, wenn es so weit war, als Befreier des Vaterlands die Engländer mit bewaffneter Hand aus ganz Aegypten zu vertreiben. Bis dahin duldete er sie noch im Lande, betrachtete sie aber als Tributpflichtige und verschaffte sich zugleich auf ›ehrliche Weise‹ viel Geld, was ihm beim zukünftigen Kriege gut zustatten kommen würde.

Das heißt, die himmelstürmenden Pläne des phantastischen Jünglings deutete Gabriele jetzt nur ganz leise an. *

Desto mehr war sie bemüht, den Wüstenräuber als einen hochedlen Menschen hinzustellen, welcher niemals eine Gewalttat beging und es nur im höchsten Notfall zum blutigen Kampfe kommen ließ. Das war dann immer die Schuld der Karawanenführer, die den Tribut verweigerten,

»Und wo ist Gabriele?« fragte Nobody.

Er wußte nun bereits, daß er in dem Mädchen, welches jetzt die Rolle des wahrscheinlich schon gestorbenen Vaters Gabriel spielte, die Schwester des Wüstenräubers vor sich habe, und noch immer war er gespannt, wie sie sich ›herausfitzen‹ würde.

Gabriele war dem armen Vater in die Wüste gefolgt, um ihn zu pflegen. Als er starb, wollte sie den Bruder nicht verlassen; aber sie hatte schon zu viel von der Welt gesehen, war schon zu sehr an moderne Kultur gewöhnt, um wieder ein echtes Beduinenmädchen werden zu können, dessen ganzes Interesse sich um das Melken der Kamele und Ziegen, um das Herbeitragen von Wasser und das Zubereiten des Durra-Mehles dreht.

»Von der anderen Seite betrachtet, liebt Gabriele gerade solche häusliche Arbeiten über alles. Sie ist überhaupt ein eigentümliches Mädchen. Wohl fing sie auf der amerikanischen Farm mit ihrem Bruder um die Wette die wilden Pferde ein; aber unter den rohen Cowboys fühlte sie sich niemals wohl; aus der Prärie kommend, mußte sie das Ledergewand mit einer modernen Toilette vertauschen können, um den Gesellschaftssalon zu betreten – ebensogern aber band sie die Schürze vor und arbeitete in der Küche.

»Kurz, das unstete Wanderleben im Beduinenzelt war nichts für sie, da fühlte sie sich unglücklich. Aber sie wollte sich auch nicht vom Bruder trennen. Dieser wußte Rat. Er entdeckte zufällig einmal in einem wilden Wüstengebirge eine in den Felsen gehauene Wohnung, oder doch viele Kammern, jedenfalls ein Heiligtum oder eine Begräbnisstätte der Ureinwohner dieses Landes ...«

»Hier im Geiergebirge?« unterbrach Nobody die Erzählerin.

»Wie kommst du darauf?« stutzte das Mädchen, beruhigte sich aber gleich wieder. »Nun ja, du mußt es erraten, das Geiergebirge ist ja auf dieser Seite des Nils das einzige, welches auf den Namen eines Gebirges Anspruch machen kann. Ja, hier im Geiergebirge fand Jussuf den versteckten Zugang zu den Felsenkammern. Er richtete sie für die Schwester als Wohnung ein, ließ aus Kairo richtige Möbel kommen, gab ihr alles, was sie nur wünschte. Sogar ein Klavier bekam sie.

»O, es ist ein glückliches Leben, welches Gabriele dort im Innern des Berges führt, freilich sehr einsam, aber sie weiß sich zu beschäftigen, und dann kommt ab und zu ihr Bruder zu Besuch, oft genug, damit er unter ihrer Pflege frische Wunden heilen läßt, und dann bleibt er stets längere Zeit bei ihr, und Gabriele kann nach Herzenslust für ihn kochen und sonst für den geliebten Bruder sorgen. Sie plaudern und scherzen, sie musizieren zusammen, und das ist dann erst recht ein glückliches Leben – bis die Abschiedsstunde schlägt, und Jussuf wieder als Wüstenräuber zu seinen Beduinen muß, und die Schwester wartet wiederum auf seine Rückkehr.«

Während die Erzählerin jedoch so das ›glückliche Leben‹ schilderte, machte sie durchaus kein glückliches Gesicht, im Gegenteil, sie mußte sich sogar anstrengen, um das weinerliche Zittern ihrer Stimme zu verbergen.

»Ist sie denn ganz allein in der Felsenwohnung?«

»Ja, ganz allein. Warum sollte sie denn auch ...« Die Sprecherin stockte, und Nobody sah ganz deutlich, wie sie jetzt etwas bereute, wie sie ihren Kopf anstrengte, um schnell einen begangenen Fehler wieder gutzumachen. Sie hatte eben nicht viel Zeit gehabt, ihren Plan, den sie mit dem Blinden vorhatte, fix und fertig auszuarbeiten,

»Das heißt,« setzte sie hastig hinzu, »sie hat einen Diener bei sich, einen alten Beduinen, der zum Wüstenleben untauglich geworden ist, und der kommt als Gesellschafter, umsoweniger in Betracht, weil der arme Mann taubstumm ist.«

Aha, dachte Nobody, diesen taubstummen Diener muß sie sich erst besorgen. Ich blind, der taubstumm – das wird ja eine nette Gesellschaft werden!

»Zu diesem Fräulein Gabriele Volker nun werde ich dich bringen, in ihre Felsenwohnung,« fuhr sie fort. »Dort wirst du von sorgsamen Frauenhänden gepflegt, bis du wiederhergestellt bist, daß du auch als Blinder in die Welt zurückkehren kannst. Oder du kannst dort bleiben, so lange es dir gefällt. Was sagst du dazu, mein lieber, junger Freund?«

Nobody hielt es für seine Pflicht, erst einige Einwendungen zu machen.

»Aber wenn sie nun nicht damit einverstanden ist? Sie muß doch erst ...«

Ein Lachen unterbrach ihn, und dieses Lachen klang fröhlicher und heller, als es für einen alten Eremiten erlaubt ist, und da sie es selbst merkte, hustete ›Vater Gabriel‹ schnell mit möglichst tiefer Stimme.

»Ich bin ja vorhin schon bei ihr gewesen, sie brennt vor Verlangen danach, den armen Unglücklichen pflegen zu dürfen, sie trifft schon Vorbereitungen dazu.«

»Wie alt ist die Dame denn?«

»22 Jahre.«

Nobody hatte also richtig kalkuliert.

»Ja, aber eine junge Dame – ganz einsam – und nun soll ich ...«

»O, sei doch über solch kleinliche Prüderie erhaben!« unterbrach ihn ›Vater Gabriel‹ salbungsvoll. »Not kennt kein Gebot. Ich halte dich für einen anständigen Mann, und Gabriele ist trotz ihrer Jugend – wenn man mit 22 Jahren noch jung ist – und trotz ihres sanften Charakters schon sehr selbständig.«

Ei, wenn ›Vater Gabriel‹ wüßte, wie er sich jetzt verraten hatte! Der alte Mann sagte: wenn man mit 22 Jahren noch jung ist! Ja, es ist gar schwer, mit 22 Jahren einen Alten spielen zu wollen! Da gehört noch mehr dazu als nur eine zitterige und salbungsvolle Stimme.

»Uebrigens,« fuhr Gabriele fort, »ist doch auch immer der Diener bei ihr. Ach, verdirb ihr doch die Freude nicht! Sie ... sie – weißt du, sie bemuttert so gern, wie eben solche junge Mädchen sind! Sie selbst kann nicht die lange Wüstenreise zum Bruder machen, da muß ich hin, und du kannst doch nicht allein hier in meiner armseligen Höhle bleiben. – Komm, ich bringe dich gleich zu ihr, sie wartet schon auf uns. Es ist gar nicht weit von hier.«

Nobody war bereit dazu. Sein heimliches Ergötzen an dieser Komödie wuchs immer mehr, ebenso nahm seine Spannung zu, wie das Mädchen all diese Verwicklungen lösen würde, und dann wurde er noch von einem anderen Empfinden beherrscht.

Denn in den nächsten Minuten würde ›Vater Gabriel‹ die Maske des alten Mannes fallen lassen, dann zeigte er sich als junges Mädchen.

Er stand auf, wurde wieder an beiden Händen gefaßt und so aus der Höhle herausbugsiert, zwischen den gefährlichen Spalten hindurch – das heißt zwischen den Türen, Stühlen, Tischen und Teppichen, daß er nichts Verdächtiges streifte.

Alles wurde glücklich passiert, und das Mädchen war so vorsichtig gewesen, schon vorhin alle Türen geöffnet und sonstige Hindernisse beseitigt zu haben.

Zuerst also wieder durch die Küche, dann wieder durch das Zimmer mit den Kleiderschränken, jetzt ging es einer anderen Tür zu, es zeigte sich ein hochelegant eingerichtetes Zimmer, dann eine Bibliothek mit Bücher- und Notenschränken, denn da stand auch ein polierter Stutzflügel, dann kam ein kleineres Gemach mit Bambusmöbeln. Hier wäre der ›Blinde‹ durch Unvorsichtigkeit seiner Führerin beinahe mit einem Schaukelstuhle karamboliert; nur durch seine eigene Geschicklichkeit vermied er es im letzten Augenblick. – Ja, noch mehr, er selbst mußte seine rückwärts gehende Führerin in unauffälliger Weise manchmal dirigieren, denn fast hatte diese einmal mit den Ellenbogen eine kostbare Alabasterlampe vom Tischchen geworfen.

An der Wand hing ein Vogelbauer, und da plötzlich fing ein Kanarienvogel zu schmettern und zu rollen an. Entweder hatte das Mädchen vergessen, dem Vogel Instruktionen zu geben, oder das unglückliche Vieh war aus der Rolle gefallen.

Es war des Blinden Pflicht, seiner Verwunderung über den Gesang eines Kanarienvogels im Wüstengebirge Ausdruck zu geben, doch Gabriele kam ihm zuvor.

»Hörst du den Kanarienvogel singen? Gabriele hat viele, der hier ist ihr entflogen, wir haben ihn noch nicht wieder einfangen können. Jetzt wird er mich wie gewöhnlich begleiten.«

Diese Vorsicht war nicht nötig, der Vogel ließ nichts mehr von sich hören.

Aus dem Bambuszimmer gelangte sie durch die letzte Tür ins Freie, in den Hof, der vielleicht zehn Meter im Durchschnitt hielt, von glatten, sehr hohen Felswänden rings umschlossen.

Was Nobody bisher von Zimmern gesehen hatte, konnte nur ein kleiner Teil der ganzen Felsenwohnung sein, denn überall an den Wänden zeigten sich noch andere Türen und Fenster – moderne Holztüren und die Fenster mit Glasscheiben versehen, was natürlich nicht aus der Zeit der alten Pharaonen stammen konnte.

Sie standen also im Freien, und das Mädchen ließ seine eine Hand los,

»So, die gefährlichen Spalten hätten wir hinter uns. Jetzt brauche ich dich nur noch an einer Hand zu führen. In fünf Minuten sind wir da. Der Weg ist ganz eben, aber es geht immer durch Schluchten, ein richtiges Labyrinth, kein Fremder könnte sich darin zurechtfinden.«

Ein neuer Akt der Komödie begann!

Sie marschierten also durch das Wirrsal von Schluchten – das heißt, sie spazierten auf dem kleinen Hofe immer im Kreise herum oder die Führerin machte scharfe Ecken, und dabei versuchte sie noch durch Bemerkungen den Eindruck zu verstärken, der Blinde bewege sich wirklich in wilden Gebirgsschluchten.

»Jetzt geht es hier links hinein. – Hier oben spannt sich über die Schlucht eine natürliche Brücke, welche die Beduinen die Höllenbrücke nennen. – Nun hier rechts hinein. – Vorsicht, eine Spalte! Jetzt kommt ein Tunnel, du mußt dich etwas bücken ...«

Ach, wenn der ›Blinde‹ doch nur einmal hätte nach Herzenslust lachen dürfen!

»Nein,« durfte der Aermste nur denken, »ich habe schon manche Humoreske gelesen, manche Humoreske selbst erlebt, aber solch eine burleske Harlekinade ist mir denn doch noch nicht vorgekommen! So etwas bringt eben nur so ein Mädchen fertig, das irgend einen listigen Anschlag vorhat.«

Und das sollte erst die Einleitung zu der neuen Komödie sein!

»Wir sind am Ziel,« sagte Gabriele stehenbleibend. »Weißt du, wo du dich hier befindest?«

»Ich kann ja nichts sehen,« murmelte Nobody gedrückt.

»Mitten in einem rings von himmelhohen Felswänden eingeschlossenen Hofe, zu welchem kein einziger Mensch den Eingang findet, der in das Geheimnis nicht eingeweiht ist, und die natürlichen Mauern sind unübersteigbar. – Hier, was fühlst du?«

Sie hatte seine Hand an einen Türrahmen gelegt, ließ ihn auch die Tür selbst betasten.

»Eine ... eine ... wahrhaftig, es ist eine richtige Holztür!« stellte sich Nobody erstaunt.

»Nun komm herein!«

Es war dasselbe Bambuszimmer, welches sie vor fünf Minuten verlassen hatten. Jetzt aber durfte der Blinde getrost an Möbel stoßen und auf den Teppich treten, jetzt durfte auch der Kanarienvogel singen.

»Fräulein Volker! Gabriele!« rief das Mädchen und klatschte in die Hände.

Jetzt kam es darauf an, wie sie die Komödie zum glücklichen Schluß bringen würde.

»Ah, da ist sie schon. – Hier, meine liebe Gabriele, ist der unglückliche Mann, von dem ich dir erzählt habe. Er ist bereit, bei dir zu bleiben, so lange ich abwesend bin. Sein Name ist Nobody. Aber nenne ihn nur Alfred, und du, mein lieber Sohn, nenne die junge Dame auch nur Gabriele. Nun gebt euch die Hände!«

Die Rollentäuschung wurde ebenso geschickt ausgeführt, wie sie im Grunde genommen einfach war. Ein Schauspielertalent gehörte freilich dazu, auch vor einem Blinden. Im allgemeinen jedoch wirkte das Ganze auf den ›Blinden‹ urkomisch.

Gabriele ließ seine Hand los, steckte schnell einen bereitgehaltenen, dicken Ring an den Finger, trat auf dem weichen Teppich geräuschlos einen großen Schritt vor und vor den Blinden hin und ergriff mit der durch den Ring markierten Hand die von Nobody, welche dieser gehorsam ausgestreckt hatte.

»Armer, unglücklicher Mann! Was müssen Sie gelitten haben!«

Einem wirklich Blinden gegenüber wäre die Täuschung vollkommen gelungen. Er konnte sogar sehr feine Ohren haben.

Zunächst muß schon damit gerechnet werden, daß der Betreffende gar nicht auf den Verdacht zu kommen brauchte, der alte Gabriel und die junge Gabriele könnten ein und dieselbe Person sein, es lag ja gar kein Grund zu der Annahme vor, daß das Mädchen zwei Rollen zugleich spielte.

Der deutlich fühlbare Siegelring mußte einen Blinden irritieren. Ferner bekam er eine ganz andere Hand zu fühlen. Das Mädchen hatte bereits mehrmals eine große Muskelkraft bewiesen, und wenn man seine Hand auch nicht größer oder arbeitshart machen kann, so doch durch Anspannung der Muskeln, schon der Armmuskeln, im allgemeinen härter, starrer – und von solch einer kräftigen Hand war der Blinde bisher geführt worden, während er jetzt eine weiche Frauenhand zu fühlen bekam.

Nun schließlich noch eine etwas hellere, weichere Stimme – bedeutend brauchte der Klangunterschied gar nicht zu sein – ein etwas anderer Akzent, besondere Ausdrücke, und auch der langjährige Blinde mit seinem Gehör und seinem Gefühl hätte nichts von der Täuschung bemerkt.

»Vater Gabriel hat mir schon alles erzählt, und Ihnen wird er erzählt haben, daß es mein Bruder nicht gewesen ist, der an Ihnen dieses entsetzliche Verbrechen begangen hat. Doch sprechen wir gar nicht mehr davon! Sie haben doch keine Schmerzen mehr? Nur das eine muß ich noch fragen.«

Nobody, welcher nach den ausgestandenen Leiden als Blinder keine weltmännische Sicherheit mehr zu zeigen brauchte, murmelte etwas, was eher wie eine Entschuldigung klang, daß er nichts sehen könne.

»Nun seien Sie mir herzlich willkommen. Sie sind hier zu Hause.«

Zuerst aber mußte sie wieder den Vater Gabriel spielen, der die lange Wüstenwanderung sofort antreten wollte und sich verabschiedete.

Das hinderte sie nicht, auch einmal als Fräulein Gabriele mit hineinzusprechen, während sie dann als Vater Gabriel ihrer Stimme einen tiefen Klang gab, wobei sie den Kopf seitwärts wendete und die Hand trichterförmig vor den Mund hielt, vor allen Dingen mit väterlichem Wohlwollen und recht salbungsvoll.

»So lebe denn wohl, mein lieber Sohn. Es ist eine weite Wanderung, die ich antrete. Vor drei Wochen kann ich nicht zurück sein. – Wo ist denn Gabriele? Ah, sie ist eben hinausgegangen. Setze dich einstweilen hierher, mein Sohn, sie wird gleich wiederkommen.«

Der Blinde wurde auf das Sofa niedergedrückt, seine Führerin ging als Vater Gabriel im Beduinenburnus hinaus und kam nach fünf Minuten als die richtige Gabriele in einem bequemen, aber modernen Hauskleide wieder herein.

Er solle nur ganz tun, als wenn er zu Hause wäre. Ob er Hunger habe, ob er schlafen wolle, ob er sonst etwas wünsche.

Nobody wollte gar nichts. Er stellte sich schüchtern.

»Aber ein Bad werden Sie erst nehmen, nicht wahr? Wollen Sie warm oder kalt?«

»Können Sie denn auch ein Bad heizen?« fragte Nobody interessiert.

»Ja, mit Petroleum. Ich habe eine vollkommene Einrichtung dazu.«

»Woher bekommen Sie denn aber das Wasser? Vielleicht hat Ihnen Vater Gabriel auch mitgeteilt, daß ich schon einmal im Geiergebirge gewesen bin, und hier herrscht doch die größte Dürre.«

»Ja, aber es gibt eine Felsspalte, aus welcher ein Quell hervorkommt, allerdings nur tropfenweise, dafür aber auch im heißesten Sommer, wenn selbst die Oasenbrunnen versagen. Es ist der Abfluß des gesammelten Taus, der sich jede Nacht auf einem großen Plateau niederschlägt, auch im dürrsten Sommer in genügender Menge, um wenigstens zehn Menschen immer mit Trinkwasser zu versehen. Diese seltsame Quelle liegt hier in der Felsenwohnung, deshalb glaube ich gar nicht, daß es eine Begräbnisstätte war, wie Vater Gabriel meint, sondern früher einmal einen Zufluchtsort von lebendigen Menschen bildete. – Kommen Sie, ich will Ihnen alles zeigen.«

Also so schlau war sie sogar, daß sie jetzt den früheren Angaben des ›Vater Gabriels‹ widersprach!

Nobody bekam alles zu sehen, oder Gabriele machte ihn doch auf alles aufmerksam, und man hörte heraus, daß sie etwas stolz war auf ihre tadellose Wohnungseinrichtung mitten in der Wüste.

Nur das kam Nobody komisch vor, daß er doch alles schon gesehen hatte, es waren ja dieselben Zimmer, die sie nochmals durchschritten.

»Sie müssen immer tun, als wären Sie ganz zu Hause, es steht Ihnen alles zur Verfügung, und Sie werden schon mit der Zeit lernen, sich überall zurechtzufinden,« sagte sie, immer in mitleidigem, tröstendem Tone, während sie ihn an der Hand von Zimmer zu Zimmer führte, den Zweck jedes einzelnen erklärend, die Einrichtung beschreibend, manchmal auch seine Hand Möbel und Gegenstände berühren lassend.

So legte sie jetzt seine Rechte an die in Glasschränken stehenden Bücher.

»Hier ist das Bibliothekzimmer. Alles ist vorhanden, was ein gebildeter Mensch gelesen haben muß, und jede neue Erscheinung auf dem Büchermarkt, die von Wichtigkeit ist, habe ich vier Wochen später hier. O, wir leben hier in der Wüste auf der Höhe der Kultur! Da lese ich Ihnen immer vor. Und hier,« seine Hand mußte die geschnitzten Posaunenengel des Klaviers betasten, »das ist ein Bechsteinscher Stutzflügel. Können Sie im Wüstengebirge mehr verlangen? Spielen Sie Klavier? Ja? Können Sie etwas aus dem Kopfe? Ach, spielen Sie mir etwas vor!«

Es war ein etwas starkes Verlangen, daß der gestern Geblendete ihr heute einen Walzer vorspielen sollte, aber die Situation war überhaupt eine ganz fremdartige, da hatte das zweiundzwanzigjährige Mädchen durch die lange Einsamkeit eine gewisse kindliche Naivität beibehalten oder sich eine solche wieder angeeignet, und dann zeigte es sich auch, daß dieses Klavier ihr ganz besonderer Stolz war.

Nobody setzte sich, griff mit sicherer Hand Akkorde, spielte geläufig einige Fugen und ging dann zu einem faszinierenden Salonstück über.

Gabrieles Staunen war nicht gering, den Blinden so spielen zu sehen. Ihr eigenes Spiel konnte von keiner großen Bedeutung sein.

»Herrlich, herrlich, Sie spielen ja entzückend!!« rief sie ein über das andere Mal. »Und alles aus dem Kopfe! Sie können mehr als ich! Sie müssen mein Lehrer werden! Ach, das wird ja herrlich, wenn wir vierhändig zusammen spielen!«

Und nachdem sie sich ausgestaunt hatte, sagte sie mit etwas verlegener, aber auch freudestrahlender Miene: »Merken Sie nicht etwas an dem Klavier? Ich habe es nämlich schon seit vier Jahren hier. Fällt Ihnen gar nichts daran auf?«

Ja, Nobody hatte etwas gemerkt: nämlich, daß das sonst noch sehr gute Klavier total verstimmt war. Kein Akkord klang mehr rein. Gestimmt worden mußte es allerdings in den vier Jahren mehrmals sein, sonst hätte es nicht mehr so wenigstens einigermaßen geklungen. Man bekommt manchmal auf noch ganz anderen Klavieren einen Kunstgenuß zu hören.

Nobody aber hatte aus der Frage sofort herausgehört, was für eine Antwort das schöne Mädchen so gern gehabt hätte.

»Allerdings, ich wundere mich, daß das Instrument so vorzüglich gestimmt ist. Wer besorgt denn das?«

»Na, ich selbst! rief jetzt Gabriele freudestrahlend. »Ach, Sie glauben gar nicht, was ich für eine Not damit gehabt habe, als es nicht mehr richtig klang, und als ich es zum ersten Male stimmen wollte! Ich hatte gar keine Ahnung davon! Na, was ich da erlebt habe, ach jeh, ach jeh! Dort oben war der Baß, und hier unten quietschte es!«

Nobody hätte nimmermehr geglaubt, daß dieses Mädchen, welches als ›Vater Gabriel‹ und auch schon vorher so ernst ausgesehen hatte, so heiter sprechen konnte. Er durfte getrost mit in das Lachen einstimmen.

Uebrigens hatte sie da wirklich eine ansehnliche Leistung vollbracht, als sie das Klavier, welches über das Mittelmeer gekreuzt war und in diesem heißen Klima zuerst ganz außer Rand und Band gekommen sein mußte, wieder so in Ordnung gebracht hatte. Das Stimmen will gelernt sein, und wer nicht die Gabe dazu besitzt, der lernt es nie, das musikalische Gehör allein reicht dazu nicht aus.

Nach diesem Aufenthalt ging es weiter, und wiederum amüsierte sich Nobody köstlich, als sie ihm die wohlbekannte Küche zeigte, ihm den Petroleumofen erklärte.

Dort war auch die Kammer mit den Binsen, aber auf diese ehemalige ›Höhle‹ machte sie ihn nicht aufmerksam.

Gabriele nahm eine Lampe, sie betraten einen andern Raum, dem man die natürliche Felsspalte ansah, vielleicht nur durch den Meißel erweitert. Aus einem Rohre, welches einfach in ein Loch der Wand gesteckt war, sickerten Tropfen hervor und fielen in ein untergestelltes Gefäß.

Der Blinde mußte lauschen und tasten.

»Innerhalb 24 Stunden sammeln sich etwa 40 Liter an, das genügt vollkommen für zehn Menschen, und ein einzelner braucht nicht mit Wasser zu sparen.«

»Sie haben nur noch einen alten Araber als Diener bei sich?«

»Hat Vater Gabriel es Ihnen schon gesagt? Ja, einen alten, taubstummen Mann. Ich habe ihn gerade fortgeschickt. – Kommen Sie, ich will Ihnen gleich Ihr Schlafzimmer zeigen.«

Den taubstummen Diener hatte sie mit auffallender Hast erledigt, Nobody hoffte nur, daß sie sich ihn gar nicht erst zulegen würde. Dann mußte sie sich auch noch das Wort ›zeigen‹ abgewöhnen. Ein anderer als Nobody wäre dadurch leicht in Versuchung gekommen, sich einmal mit seinen blinden Augen aufmerksam umzuschauen.

Jetzt aber sollte er eine große Ueberraschung erleben. Gabriele öffnete wieder eine Tür.

»Das ist das Schlafzimmer meines Bruders, wenn er mich besucht. Ein anderes kann ich Ihnen nicht anbieten. Fremdenzimmer habe ich nicht. Ist es nicht hübsch eingerichtet? Sie werden sich darin schon behaglich fühlen. Ach, entschuldigen Sie ...«

Sie meinte, weil sie vergessen hatte, daß er ja blind war, die hübsche Einrichtung ja gar nicht sehen konnte,

Nobody aber hätte sich am liebsten die Augen gerieben.

Die ›hübsche Einrichtung‹ bestand aus dem im Orient unvermeidlichen Teppiche und aus einer französischen Bettstelle, aus absolut nichts weiter, sonst trat überall der nackte Felsen hervor, und die Bettstelle enthielt vorläufig nur eine Matratze. Nobody hätte schwören können, daß die Bettstelle soeben erst aufgeschlagen und der Teppich eben erst hereingelegt worden war.

Wozu diese Vorspiegelung falscher Tatsachen? Wozu benutzte sie auf diese Weise die Blindheit ihres Gastes, während sie auch noch tat, als habe sie vergessen, daß er blind sei, und ihn um eine Entschuldigung bat?

Hier lag ein Rätsel vor.

Nun konnte, wie schon erwähnt, Gabriele gar nicht lügen, sie wurde ganz rot, als sie dies sagte – also doch ein Zeichen, daß sie mit guter – oder mit böser? – Absicht eine Unwahrheit sprach. Aber warum nur?

Vor allen Dingen mußte Nobody etwas erwidern, um nicht ihr Mißtrauen zu erwecken. Es durfte ihm doch nichts auffallen,

»Wenn aber nun Ihr Bruder kommt, und er findet sein Schlafzimmer besetzt?« fragte er scherzhaft.

»O, der ist vor vier Wochen nicht zu erwarten, oder doch nicht früher als Vater Gabriel, und dann findet sich schon ein Platz. Nun folgen Sie mir in das Badezimmer. Ich habe die Petroleumflammen, welche den Ofen heizen, gleich angesteckt, als ich hörte, daß Sie kamen. Das Wasser dürfte schon warm sein.«

Ohne Prüderie führte sie ihn in die Badestube, ohne Prüderie wies sie ihm alles an, was er zum Bade brauchte, und wenn sie dennoch etwas errötete, sogar dem Blinden gegenüber, so zeigte dies nur ihren reinen Charakter. Sie selbst sagte, wie sie die Sache auffaßte.

»Nehmen Sie an, ich sei eine barmherzige Schwester, Sie befinden sich in meiner Pflege, und es ist ja auch tatsächlich so. Finden Sie sich zurecht? Es liegt alles handbereit.«

Hier allerdings, wo sie es gerade nicht tat, hätte sie von einer ›hübschen Einrichtung‹ sprechen können. Es war sogar eine luxuriöse Badeeinrichtung, im modernsten Palaste konnte man keine prächtigere finden, soweit es die Möblierung betraf.

Am meisten wunderte sich Nobody über das Bassin, und aus diesem konnte er wiederum eigentümliche Schlußfolgerungen ziehen.

Das Bassin oder die Wanne war in einen stehengelassenen Block des feinkörnigen Granits hineingehauen. Es war ja möglich, daß schon vor Hunderten von Jahren die Bewohner dieses hohlen Felsens für ein Bad gesorgt hatten, aber dieses Bassin hier, so wie es jetzt war, mußte ganz neu sein, und es konnte nicht von auswärts bezogen sein, es hing mit der Felswand zusammen.

Erst vor zwei Jahren, Nobody wußte es ganz bestimmt, war nämlich in dem kunstsinnigen Frankreich unter den Geldleuten die Mode aufgekommen, marmorne Badebassins außerhalb mit Skulpturen zu bedecken. Eine tonangebende Persönlichkeit fängt mit dem Luxus an, es wird darüber in der Gesellschaft gesprochen, andere machen es nach, illustrierte Zeitungen bringen Abbildungen, und den Bildhauern ist eine neue Erwerbsquelle geschaffen.

Hier stellten die Skulpturen eine Reihe von badenden Nymphen in künstlerischer Vollendung dar.

Wer hatte das gemeißelt? Nobody zweifelte stark daran, daß das junge Mädchen die Künstlerin sei.

Doch hierüber konnte er sich leicht Aufklärung verschaffen, als Blinder mußte er ja sowieso den Rand des Bassins betasten.

»Was sind denn das für Skulpturen?«

Sie errötete – ein Zeichen, daß jetzt wieder eine Unwahrheit kam.

»Dieses Bassin hat mir Vater Gabriel aus dem Felsen gemeißelt, und der alte Missionar ist ein tüchtiger Bildhauer und Künstler, er hat einige Figuren erhaben herausgearbeitet.«

Warum sagte sie nun wieder diese Unwahrheit? Warum schob sie wieder den jedenfalls gar nicht existierenden Vater Gabriel vor?

Das Ganze und alles, was mit diesem Mädchen zusammenhing, war ein Rätsel, und es kamen immer neue Rätsel hinzu.

Eine kleine Falle wollte ihr Nobody doch noch stellen, und er konnte es auch wagen.

Die Szenen, welche die Nymphen darstellten, waren durchaus nicht obszön, aber immerhin, es waren doch badende Mädchen, und diese waren doch einem alten, frommen, weltentsagenden Eremiten nicht entsprechend, der hätte an einer Badewanne doch eher die Szene gewählt, wie Christus von Johannes getauft wird.

Tastend strich die Hand des Blinden über die menschlichen Gestalten.

»Was sind das für Figuren? Menschen? Was stellt die Skulptur dar?«

»Das? Johannes tauft Christus,« lautete die prompte Antwort.

Nobody hätte sich beinahe auf die Lippen gebissen. Genau dasselbe, was er gedacht hatte, sprach das Mädchen aus – als Unwahrheit!! Das war ja köstlich!

So, Blinder, nun taste und unterscheide, ob das nackte Mädchengestalten oder Männerfiguren aus der Bibel sind!

Aber wozu nur dies alles? Wozu diese Verheimlichung und absichtliche Täuschung der blinden Augen?

Auf einem Stuhle lagen handbereit Handtuch und was man sonst noch zum Baden braucht, ferner die Unter- und Oberkleider eines Beduinen – aus der Garderobe ihres Bruders – und der Blinde erklärte, daß er sich allein zurechtfinden könne.

»Hier auf dem Stuhle steht auch eine Klingel. Fühlen Sie dieselbe? Wenn Sie fertig sind, so klingeln Sie.«

Damit entfernte sich Gabriele, und Nobody entkleidete sich, auch jetzt noch, selbst da er überzeugt war, nicht heimlich beobachtet zu werden, den Blinden markierend, und stieg in das in dem Petroleumofen wenigstens lauwarm gewordene Wasser.

Er hatte Zeit, über das Erlebte nachzugrübeln.

Wir wollen von seinen Grübeleien nur einiges Wenige erwähnen.

Nobody zweifelte nicht an der Wahrheit der ihm erzählten Geschichte. Das heißt, dieses sein Vertrauen müssen wir etwas näher erklären, woraus wir dann später noch ersehen werden, weshalb dieser Detektiv niemals einen falschen Schluß ziehen konnte.

Es muß heißen: er sah keinen Grund, weshalb die ihm erzählte Geschichte nicht wahr sein könne.

Hierbei ist ein großer Unterschied.

Ebenso sagte er: ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln, daß ich wirklich die Tochter von Heinrich Volker und die Schwester des Wüstenräubers Jussuf el Fanit vor mir habe.

Daß Gabriele erst den alten Missionar gespielt hatte, dabei fand Nobody gar nichts Rätselhaftes. Die junge, im Wüstengebirge spazieren gehende Dame hatte sich doch nicht gleich zu erkennen geben gewagt, dem Blinden gegenüber durfte sie selbst einen alten Mann spielen, das mit dem Vater Gabriel war ein plötzlicher Einfall gewesen, dann aber, als sie beschloß, den Blinden bei sich zu behalten, mußte sie diese Rolle auch weiterspielen, bis sie die Personen wieder vertauschte.

Warum aber hatte sie dem Blinden das ›hübsch eingerichtete‹ Schlafzimmer des Bruders gezeigt, als dasselbe noch gar nicht eingerichtet war?

Sah das nicht fast gerade aus, als ob der Bruder überhaupt niemals hierher käme?

Auf die Kleidung eines männlichen Beduinen, die sie ihm hingelegt hatte, gab Nobody gar nichts.

Kurz und gut, das eine stand bei Nobody fest: das Mädchen war nicht so einsam, wie es sich stellte, mit irgend jemandem mußte Gabriele verkehren, und wenn es nicht ihr Bruder war, dann ein anderer, und diesen geheimnisvollen Jemand wollte Nobody eben ›Herauskriegen‹, eher ging er nicht von hier fort.

Und nun: wo war jetzt Marguérite? Nobody hätte darauf schwören mögen, daß sie sich jetzt als Gefangene hier in dieser Felsenwohnung befand. Aber er schwor nicht – er wollte sie finden. Er wollte alle Rätsel lösen.

Das Bad war beendet, er kleidete sich als Beduine an, klingelte, und Gabriele holte ihn wieder ab.

Da er versicherte, nicht müde zu sein, blieben sie zusammen. Aber Appetit habe er wirklich, und nun war ihr Schreck groß, daß das Essen noch nicht fertig sei.

Der Blinde sollte nicht allein sein, er mußte mit in die Küche kommen, es sich in einem Schaukelstuhle mit der türkischen Pfeife des Bruders bequem machen, und nun fehlten bloß noch die Kinder, so hätte sich in der Küche ein reizendes Familienleben entwickelt, wie es etwa in England in der möblierten Küche zu Hause ist.

Frisches Fleisch und Gemüse fehlte, das mußte durch Konserven vertreten werden, und während nun Gabriele kochte und briet und dämpfte und die Kartoffeln abgoß und die Suppe quirlte, erzählte sie ganz ausführlich, wie und woher sie alle diese Lebensmittel bekam. Das bildete das Gespräch, und die beiden disputierten mit Wichtigkeit darüber, ob man in die angesetzten Kartoffeln gleich eine Handvoll Salz tun müsse oder erst, wenn sie kochten, und ob man das Mehl besser mit kaltem Wasser oder mit warmem anrühre.

Vor allen Dingen bemerkte Nobody hierbei, wie häuslich dieses Mädchen war, mit welcher Leidenschaft sie kochte, und daher auch dieses Küchengespräch. Aber ihre Vorliebe für die edle Kochkunst war nicht ihr eigentlicher Charakter. Sie hatte als Vater Gabriel sich selbst gekennzeichnet; sie ›bemutterte‹ gern. Und das ist auch ein wunderschöner Ausdruck für einen Charakterzug, ohne welchen das Weib kein Weib ist. Dem kleinen Mädchen, das nicht ihr Lieblingspüppchen hat, mit dem es lacht und weint, um das es sich sorgt und ängstigt – diesem kleinen Mädchen ist für später nicht viel zuzutrauen. Oder aber, es wird einmal etwas ganz Großes, hoch über die Mitschwestern emporragend!

Dieser jungen Dame hier im Beduinenkostüm sah man es ganz deutlich an, wie glücklich sie war, daß sie einen Menschen hatte – nicht nur eine Puppe, sondern einen richtigen lebendigen Menschen, für den sie nach Herzenslust sorgen durfte, und daß er blind war, das war ihr im egoistischen Muttergefühl nur um so lieber, und nur hieraus entsprang ihre wahre Kochwut. Für sich selbst bereitete sie vielleicht das notwendigste Essen mit der größten Gleichgültigkeit.

Und wie dachte Nobody über dieses Küchengespräch, über die Kartoffel- und Mehlgeschichte und über die ganze Salzerei?

Amüsierte er sich nicht über sich selbst, daß er sich über so etwas unterhalten mußte und konnte?

Nein, er fand das gar nicht lächerlich.

Nobody war sozusagen ›auch nur ein Mensch‹; und der Mensch ist ein ganz merkwürdiges ... Geschöpf.

Da gibt es Menschen, welche für gewöhnlich rohe, grobe Patrone sind, gewalttätige Kerls, die mit Maulschellen um sich werfen, die an nichts glauben, was sie nicht suhlen, fressen und saufen können, rechte Runkse.

Nun aber wird so ein Runks plötzlich auf das Krankenlager geworfen – ein Beinbruch, er muß in Gips liegen – und da kommt ein mildes Antlitz und eine zarte Hand, die ihn pflegt und ihm das weiße Bettzeug glattstreicht – – ach, und da wird der rohe Runks plötzlich so sanft wie ein Lämmchen – und da hat er plötzlich so selige Empfindungen, die er früher gar nicht gekannt hat – da wird ihm manchmal so heiß ums Herz – und da kann er sich so über das Blümchen freuen, das ihm die zarte Hand aufs Bett legt – über so ein Blümchen, dem er bisher nicht die geringste Beachtung geschenkt hatte, weil er's ja doch nicht fressen konnte – und da läuft über seine Bettdecke eine Fliege – und er klatscht sie nicht tot, sondern er staunt, was für wunderbar feine Beinchen doch solch eine Fliege hat – und er freut sich, wie zierlich sie die Flügelchen putzt ...

Oder ist es nicht so? Ja, es ist so! Es ist ganz gut, wenn man einmal in Gips gelegt wird.

Nobody war kein solcher Runks. Er war auch nicht krank, nicht einmal blind. Aber wie er jetzt so mit der türkischen Pfeife im Schaukelstuhle saß und dem am Herde waltenden Mädchen zuschaute, da wurde er plötzlich von der ungeheuren Wichtigkeit der Frage durchdrungen, ob man die Kartoffeln gleich beim Ansetzen salzt oder erst beim Aufkochen, und ob man das Mehl mit kaltem oder mit heißem Wasser anrührt, und da überkam ihn ein so unbeschreibliches Behagen, wie er es noch nie gekannt hatte, und all seine Gedanken summierten sich in den Worten: Ach, wenn es doch immer so bliebe! Und nun kam gleich ein fragender Gedanke: warum kann es denn nicht immer so bleiben?

Ja, so geht es im Leben! Es ist lächerlich – aber schön! –

Der Tag war noch lang, und was sich nun an diesem Nachmittage noch alles ereignete, das wollen wir mit möglichster Kürze wiedergeben – mit fahrplanmäßiger Kürze. Manchem Leser und besonders mancher Leserin dürfte es vielleicht lieber sein, wenn es ausführlicher geschildert würde, aber solch ein Fahrplan ist übersichtlicher.

Um 3 Uhr: Mittagessen in der guten Stube, wobei Nobody auf dem Sofa sitzt und Gabriele ihm gegenüber auf einem Stuhle.

3 Uhr 55: Gabriele spielt ihm etwas auf dem Klavier vor.

4 Uhr 13: jetzt muß Nobody spielen.

4 Uhr 38: jetzt spielen sie alle beide.

5 Uhr 2: es wird Kaffee gekocht.

5 Uhr 33: es wird Kaffee getrunken, und jetzt sitzen alle beide auf dem guten Sofa.

5 Uhr 52: Nobody fragt, ob Gabriele singen kann.

5 Uhr 56: Gabriele wünscht, daß sie ein Vöglein wäre, um übers Meer zu fliegen, und Nobody begleitet sie – nämlich auf dem Klavier.

6 Uhr 8: jetzt singt Nobody. Was er gesungen hat, steht nicht in seinem Tagebuche. Das hat er wahrscheinlich selbst nicht gewußt.

6 Uhr 16: Nobody singt ein anderes Lied, das Lied von den beiden Grenadieren, die aus Rußland zurückkommen, von denen der eine, weil sein Kaiser gefangen ist, nun zu Frau und Kindern zurückkehren will, worüber er sich ganz mordsmäßig freut, während der andere Grenadier sich lieber ins Grab legen will, bis ihn sein Kaiser wieder herausholt, und seine Frau und Kinder sollen einstweilen betteln gehen. – Gabriele ist ganz weg.

6 Uhr 30: jetzt singen sie alle beide zusammen, und wenn es nicht das Duett aus Don Juan gewesen ist, wo die Zerline nicht mit aufs Schloß kommen will, weil sie aus guten Gründen Angst hat, dann war es etwas anderes.

6 Uhr 42: es wird duster.

6 Uhr 44: Gabriele steckt die Lampe an und besorgt das Abendbrot, Nobody aber bleibt diesmal in der guten Stube auf dem Sofa sitzen.

7 Uhr 8: Abendbrot. Nobody sitzt immer noch auf dem Sofa, nicht aber Gabriele wie beim Kaffeetrinken, die hat sich gerade an das entfernteste Tischende gesetzt. Glücklicherweise ist der Tisch nicht sehr groß.

7 Uhr 14: Nobody seufzt.

7 Uhr 15: Gabriele seufzt desgleichen.

7 Uhr 16: jetzt seufzen sie alle beide.

7 Uhr 20: Gabriele wirft ihr Weinglas um.

7 Uhr 23: Nobody gießt sich eine ganze Büchse Oelsardinen über seine gute Beduinenhose.

7 Uhr 25: Gabriele hätte beinahe die Lampe umgeworfen, wenn der Blinde nicht schnell zugegriffen, und ihr ist das gar nicht aufgefallen. Das läßt tief blicken.

7 Uhr 29: Nobody sagt »Ach ja!«

7 Uhr 30: Gabriele sagt nach langem Besinnen »Ach nein!«

7 Uhr 35: Nobody bekommt rote Backen.

7 Uhr 36: Gabriele bekommt noch rötere Backen

7 Uhr 38: Sie sagen alle beide gleichzeitig »Jaja!«

7 Uhr 41: Nobody denkt sich etwas.

7 Uhr 42: Nobody nimmt einen moralischen Anlauf.

7 Uhr 43: Gabriele wirft ihr zweites Weinglas um.

7 Uhr 44: Nobody beschließt, noch ein bißchen zu warten.

7 Uhr 46: Nobody kann es nicht mehr aushalten.

7 Uhr 50: Da gibt es einen gewaltigen Plauz, Nobody ist vom Sofa gefallen. Aber er hat es so einzurichten gewußt, daß er gerade auf die Knie zu liegen kommt, und wie er nun so daliegt, da sagt dieser Unmensch ganz unverfroren aus dem Stegreif – nein, sagt es nicht, sondern jauchzt es:

»Gabriele, ich liebe dich!!!«

 

O, das hätte nicht kommen sollen!

Und doch, es war ganz fahrplanmäßig. Aber Gabriele schien nicht gewußt zu haben, daß dieser Schnellzug schon so früh abging.

Und was tat nun Gabriele, als sie ihren Irrtum gewahrte?

Sie sprang auf und schlug die Hände vor das Antlitz, welches eben noch so geglüht hatte und nun plötzlich ganz weiß geworden war.

»Ach, warum haben Sie das getan!!«

Mit diesem Worte eilte sie hinaus.

»Gabrieeööle!!!« klang es ihr nach.

Aber sie kam nicht wieder.

»Ach, ich Hornochse!«

Ja, Nobody hätte nicht gleich so wie ein Stier auf seine Knie hinplauzen sollen. Das sah er jetzt selbst ein. Er erkannte sich selbst nicht wieder. Daran mußte seine Blindheit schuld sein.

Doch da kam sie schon zurück. Sie hatte ein langes Bambusrohr in der Hand. Nobody dachte erst, sie wollte ihn hauen. Er saß wieder ganz artig auf dem Sofa – als Blinder.

»Gabriele!«

»Mein Herr?«

»Ich wollte ...«

»Sie wollen jetzt schlafen gehen, nichtwahr?«

»Nein, ich wollte Ihnen ...«

»Ich denke doch, es ist besser, wenn Sie jetzt schlafen gingen.«

»Ich bin noch gar nicht müde.«

»Aber ich bin sehr müde.«

»Dann gehe auch ich schlafen.«

Sie kickste ihn mit dem langen Bambusrohr vor die Brust.

»Fassen Sie den Stab an, ich führe Sie.«

Nobody griff zu und trabte gehorsam wie ein Pudel hinter ihr her. Jetzt waren beide durch das lange Bambusrohr getrennt.

Als er die Tür erreicht hatte, paßte ihm die Führung nicht mehr, er blieb stehen und tastete mit der anderen Hand. Das Mädchen zog vergebens, Nobody stand wie ein blinder Ochse.

»Kommen Sie!«

»Ich werde mich stoßen,« klagte er.

»Nein, Sie werden sich nicht stoßen.«

»Gabriele, geben Sie mir doch lieber Ihre Hand, ich fürchte mich so,« flehte Nobody.

»Nein, ach nein, der Stock genügt vollkommen.«

»Verflucht, wenn ich nur nicht blind wäre,« dachte der unverbesserliche Sünder und trabte wieder gehorsam am Stocke nach.

Auf diese Weise ward er glücklich in sein Schlafzimmer bugsiert, das schon durch eine Lampe erleuchtet war, und jetzt allerdings konnte man von einer ›hübschen Einrichtung‹ sprechen. Es war sogar eine luxuriöse, orientalische Einrichtung, von welcher nur das französische Bett und der moderne Waschtisch eine Ausnahme machten.

Gabriele mußte Nobodys Badezeit fleißig dazu benutzt haben, dieses Schlafzimmer einzurichten, und schon wollte er sie im Innern um Verzeihung bitten, in dem Glauben, es sei wirklich die Schlafstube des Bruders, die vielleicht nur wegen eines ›großen Reinemachens‹ einmal ausgeräumt gewesen war ... ja, aus welchem Grunde aber hatte sie da auf seine Blindheit spekuliert und ihn glauben machen wollen, die vollständige Einrichtung sei noch in dem Zimmer selbst?

War das nur ein für einen Mann unbegreiflicher Stolz der Hausfrau oder vielmehr ein Widerwille, dem fremden Gaste ein ausgeräumtes Zimmer zu zeigen?

Nein, das Rätsel blieb bestehen. Doch jetzt grübelte Nobody nicht darüber nach, er dachte an anderes.

Um ihn zu führen, hatte Gabriele doch vorausgehen müssen und war wegen des langen Stockes bis hinten an das Fenster gekommen, während Nobody sich noch in der Mitte des Zimmers befand, und dieses war schmal, Gabriele stand zwischen Bett und Wand, und da konnte keins am anderen vorbei.

»Halt!« kommandierte sie. »Fühlen Sie links den Waschtisch?«

»Ich fühle ihn,« murmelte Nobody. »Gabriele ...«

»Fühlen Sie rechts das Bett?«

»Ich fühle es. Ach, Gabriele ... Fräulein Gabriele –«

»Werden Sie sich allein ins Bett finden?«

»Nein!« war die prompte Antwort.

Er sah recht wohl, daß sie die Sache gar nicht so tragisch nahm. Sie tat zwar, als ob sie furchtbar beleidigt worden wäre, aber so sah sie gar nicht aus, im Gegenteil, sie machte ein recht verschmitztes Gesicht, und jetzt wandelte sie sogar die Lachlust an. Aber sie wußte sich zu beherrschen.

»Das tut mir leid. Aber Sie werden sich schon zu helfen wissen. Die Beduinenkleider können Sie doch mit leichter Mühe abstreifen, dann legen Sie sich nur ins Bett, wie es kommt, und morgen früh wird ein Diener zur Stelle sein.«

»Ach, Gabriele,« begann Nobody nochmals im kläglichsten Tone, »wir haben uns doch so gut vertragen, und nun ...«

»Das ist Ihre eigene Schuld, mein Herr. Lassen Sie den Stock los, kommen Sie noch etwas näher!«

Gehorsam ließ Nobody den Stock los – nur zu gern gehorsam – und ging mit ausgebreiteten Armen in die schmale Spalte hinein. Jetzt war sie gefangen!

Aber nein, es sollte anders kommen. Ob sie nun ahnte oder nicht, was er vorhatte – sie wußte ihm zu entgehen. Mit jener elastischen Schnellkraft der Gemse, die sie heute schon einmal gezeigt hatte, stand sie plötzlich mit gleichen Füßen auf dem Bett, sprang über Nobodys ausgestreckten Arm hinweg und stand im nächsten Augenblick jenseits des Bettes am Boden auf dem weichen Teppich, und dieses Manöver war nicht nur mit absoluter Geräuschlosigkeit ausgeführt worden und mit solcher Leichtigkeit, daß das Bett kaum eine Spur ihres Fußes verriet, sondern auch mit solch einer fabelhaften Schnelligkeit, daß Nobody sie gar nicht hatte hindern können, selbst wenn er es als Blinder gedurft.

»Gute Nacht, mein lieber Freund, schlafen Sie recht wohl,« erklang es da hinter ihm mit unendlich weicher, zärtlicher Stimme und ...da war die Lampe ausgeblasen!

Die Lampe! Sie war des verliebten Nobodys letzte Hoffnung gewesen, als er sein schönes Wild sich wiederum entgehen sah.

Er hatte nämlich gedacht, sie müsse doch noch einmal hereinkommen, um die brennende Lampe herauszuholen oder auszublasen. Und nun hatte sie es schon jetzt getan! Natürlich, wozu braucht denn auch ein Blinder zum Entkleiden eine Lampe?

Nobody stand im Finstern.

»Kreuzhimmeldonnerwetterschockschwerenot noch einmal!!! Nobody, du bist ein Esel! Nobody, du bist ein Kamel! Nobody, du bist ein ... ein ... ein doppelkohlensaures Nashorn! Amen.«

Nachdem er diesen Abendsegen gebetet hatte, riß er sein Beduinenkostüm ab und stieg ins Bett.

Ja, er war sehr unzufrieden mit sich. Aber auch gleich so auf die Knie zu plauzen, daß das Täubchen ja davonfliegen mußte! Er hätte niemals gedacht, daß er solch eine Ungeschicklichkeit begehen könnte. Er war nicht nur unzufrieden mit sich, sondern er war grenzenlos unglücklich!

Doch hatte sie ihm denn nicht so zärtlich ›Gute Nacht‹ gewünscht? Ach, wie lieblich klang ihm das noch in den Ohren!

Das hinderte aber nicht, daß er sich trotzdem tief, tief unglücklich fühlte. Und dennoch so selig! Es war also so ein schmerzlichschönes, bittersüßes Gefühl, mit welchem Nobody dann wie ein sechzehnjähriges Mädchen sein Kopfkissen liebreich umarmte, es erst küßte und dann hineinbiß und sich dabei sagte, daß er der allergrößte Narr sei, der außerhalb des Irrenhauses unter Gottes schöner Sonne herumspaziere.

Und dann hatte er einen schrecklichen Traum – einen Traum, den Herkules einst bei der Königin Omphale in Wirklichkeit erlebte, indem nämlich der schwermütig gewordene Heros Wolle spann, während sich Omphale die Löwenhaut umhing und mit seiner Keule spielte.

Gabriele, als Beduine gekleidet, verfolgte hoch zu Roß einen Indianerhäuptling, fing ihn mit dem Lasso, warf ihn nieder, bändigte ihn, tötete ihn, skalpierte ihn, und als sie so weit fertig war, sagte sie: »Da liegt er, der Herr Bankier Abraham Isaak Meyer aus Rixdorf, der mit den Effekten durchgebrannt ist, er hatte sie unter seiner Kopfhaut versteckt, ich wußte es ja gleich.« – Und daneben stand Nobody, wusch Kinderwindeln und hing sie zum Trocknen auf.

O, es war ein entsetzlicher Traum! Der Schläfer ächzte und schwitzte vor Todesangst. Und Nobody hat doch schon einmal gesagt, daß er nie träume. Es gibt eben in allem Ausnahmen. Der Traum währte auch nicht lange, so fiel Nobody in einen tiefen, erquickenden Schlaf.

So tief dieser aber auch sein mochte, so genügte doch ein ganz geringes Geräusch, das Streifen eines Gewandes an einem Gegenstand, der allerleiseste Luftzug, welcher nicht in dieses geschlossene Gemach gehörte, um den Schläfer sofort zu wecken, und augenblicklich war Nobody bei vollem Bewußtsein.

Er stellte sich schlafend, verstand es aber, unter den Lidern hervorzusehen, ohne daß der schärfste Beobachter in nächster Nähe etwas von einem Blinzeln gemerkt hätte.

Ein schwacher Lichtschein traf seine Augen, er kam näher, Nobody sah eine Lampe, eine weißgekleidete Beduinengestalt ...

Gabriele! Sie hatte nicht schlafen können, sie besuchte ihn mitten in der Nacht!!

Doch nein, es war Gabriele nicht, durfte es nicht sein!

Nobody war sich bewußt, außerordentliche Fähigkeiten zu besitzen, welche unter Tausenden, vielleicht auch unter Millionen Menschen nur einem einzigen verliehen sind, von denen sich jene anderen Menschen nicht einmal etwas träumen lassen, und damit rechnete er stets – auch als Sehender.

Es war in der Tat Gabriele, welche jetzt die Lampe auf den Tisch setzte. Aber sie hatte das Gesicht verhüllt, trug um die Brust einen Lasso geschlungen und hatte im Gürtel Dolch und Pistolen stecken.

Sie wollte also als männlicher Beduine erscheinen und trat auch als solcher auf, jetzt und später, und kein Mensch wäre auf den Verdacht gekommen, daß sich unter dem Beduinenkostüm ein Weib verstecke.

Dieser Mann hier aber erkannte auf den ersten Blick, daß es nur ein Weib sein könne – woraus er es sofort erkannte, das eben war eine ihm selbst fast unbegreifliche Gabe.

Wäre er jetzt aber ein Sehender gewesen, so würde er keine Ausnahme von anderen Menschen gemacht haben, er hätte trotzdem getan, als glaube er, wirklich einen Mann vor sich zu haben.

Hierin liegt nämlich eine Methode, deren Geheimnis der scharfsinnige Leser wohl verstehen wird, und hierauf beruhten nicht zum geringsten Teil dieses Privat-Detektivs beispiellose Erfolge.

»Effendi!!«

Die Stimme war ein klein wenig tiefer und vor allen Dingen viel härter oder metallischer, und jeder andere Mensch wäre gar nicht auf die Vermutung gekommen, es könne die des Weibes sein, welches er bereits hatte sprechen hören.

Unser Detektiv aber hörte den gleichen Klang sofort wieder heraus. Er hätte wirklich blind sein können, er wäre nicht getäuscht worden. Das war Gabriele!

Nobody wußte, was er tat, als er, ohne die Augen zu öffnen, sehnsüchtig die Arme ausstreckte.

Er war von der Stimme im Schlafe gestört, aber nicht geweckt worden.

»Gabriele!!« flüsterte er – also im Traume.

»Wache auf, Effendi!« erklang es wieder in schroffem Tone.

Der Beduine ging an das Bett, rüttelte den Schläfer und trat schnell wieder einen Schritt zurück.

Nobody war emporgefahren, blickte mit starren Augen um sich, ohne diese einmal auf der vor ihm stehenden Gestalt haften zu lassen.

Er spielte die Rolle eines Blinden meisterhaft.

»Wo bin ich?« murmelte er erst, und dann, als ob ihm nach und nach die Erinnerung zurückkehre, setzte er nach einer kleiner Pause mit sichtbarer Hoffnungsfreudigkeit hinzu: »Rief mich nicht jemand? Gabriele, bist du es?!«

»Ich bin Jussuf el Fanit, ihr Bruder, und komme, von dir Rechenschaft zu fordern,«

Während sie dies sagte, schlug sie das Tuch zurück, welches ihr unbequem sein mochte, und zeigte offen ihr Gesicht!

Sie hatte sich also überzeugt, daß ihr Gast auch nach dem Schlafe als total Blinder aufgewacht war. Jetzt spielte sie nur noch mit Stimme und Worten den Bruder.

Allerdings zeigte ihr Gesicht jetzt nicht mehr die weichen Züge, die Nobody gestern in der Küche und mehr noch dann beim Abendessen wahrgenommen hatte, es war kalt und energisch.

Aber die Augen? Hingen die nicht mit ängstlicher Spannung an den Zügen des Blinden?

»Jussuf el Fanit – ihr Bruder ... ich denke, der ist weit, weit entfernt von hier?« murmelte Nobody, sich noch immer schlaftrunken stellend.

»Nein, Ich befand mich auf dem Wege hierher und traf den Mann, welchen wir Vater Gabriel nennen. – – Hast du ausgeschlafen, Effendi?«

Nobody richtete sich höher empor.

»Ja.«

»Ich dachte es auch,« erklang es spöttisch, aber Nobody hörte sofort heraus, daß dieser Spott erkünstelt war, und er wartete mit Spannung darauf, den Grund dieser Verstellung zu erfahren.

»Ich dachte auch, daß du ausgeschlafen haben kannst. Weißt du, wie lange du geschlafen hast?«

»Nein. Wie lange denn?«

»Die Sonne steht schon im Mittag.«

Oho, dachte Nobody, wenn es hier Hähne gäbe, so würden die noch nicht gekräht haben. Ich schätze es erst auf Mitternacht!

Nun wußte er natürlich auch gleich, um was es sich handelte.

Gabriele hatte nicht schlafen können. Jetzt kam sie als der plötzlich unvermutet zurückgekehrte Bruder, redete dem Blinden mitten in der Nacht vor, es sei schon Mittag, er habe schon an die 15 Stunden geschlafen

Und dabei stand die brennende Lampe auf dem Tisch! Es war eigentlich etwas stark, wie sie es mit dem Blinden trieb! Nein, es war köstlich!

»Kannst du dich allein ankleiden?«

»Ich glaube es.«

»So tue es ...nein, es ist nicht nötig, du kannst ...«

Allein Nobody war schon mit gleichen Beinen aus dem Bett gefahren, innerlich immer mehr belustigt.

»Und ich befehle dir, bleibe liegen!!« erklang es da hastig im herrischsten Tone, dabei wurde ihr schönes Antlitz von einem dunklen Rot übergossen.

Gut, Nobody gehorchte, er zog seine Füße wieder zurück. Diese ihre Schamhaftigkeit machte einen sehr günstigen Eindruck auf ihn.

»Für das, was wir zu verhandeln haben, kannst du liegen bleiben. Oder hast du Hunger?«

»Durchaus nicht. Sagtest du nicht, du wolltest Rechenschaft von mir fordern? «

»So ist es. Vater Gabriel hat mir schon alles erzählt, meine Schwester wiederholte es mir, und jene Schurken, welche meinen Namen mißbrauchten, werden meinem rächenden Arm nicht entgehen, wodurch auch du furchtbar gerächt werden sollst. Aber meine Schwester erzählte mir auch noch etwas anderes.«

»Was denn?« fragte Nobody harmlos.

»Du fragst auch noch?« rief der vorgebliche Räuber grimmig. »Meine Schwester nahm dich gastfreundlich auf!«

»Ich bin ihr sehr, sehr dankbar dafür.«

»Und du entblödetest dich nicht, ihr Vertrauen, mit welchem sie sich dir als Pflegerin und Wärterin eines Blinden nähern mußte, zu mißbrauchen?«

»Wie, ich hätte ihr Vertrauen ... ge – mißbraucht?!« durfte Nobody mit berechtigter, staunender Entrüstung rufen.

»Indem du ihr sagtest, daß du sie liebtest!«

Jetzt war wiederum eine Pause nötig.

»Ich tat es,« erklang es dann leise. »Aber war denn das ein Verbrechen?«

Der große Eindruck, den diese Frage hervorrief, war auf dem schönen Antlitz Gabrieles zu lesen. Sie mußte sich mit Gewalt beherrschen, um ihre Stimme nach wie vor rauh und befehlend erklingen zu lassen.

»So? Ist das etwa keine Verletzung der Gastfreundschaft?«

»Wenn ich sie liebe und ihr meine Liebe gestehe? Nein. Denn ich hielt deine Schwester für ein Mädchen, welches noch frei ist. Oder ... sie ist ... doch nicht etwa ... schon gebunden?«

Der Blinde wußte in seine Stimme den richtigen Ausdruck zu legen, seine Spannung, seine Angst.

»Nein, das ist sie nicht.«

»Gelobt sei Gott!!«

»So ist deine Liebe aufrichtig?«

»Du fragst auch noch?!«

Jetzt ruhten ihre Augen mit ganz anderem Ausdruck auf ihm; aber gar so schnell durfte der ›Bruder‹ doch nicht nachgeben.

»Ich kann nicht daran glauben. Deine Liebe wird nur eine augenblickliche Leidenschaft sein. Du hast Gabriele doch nicht einmal geseh ... ich wollte sagen: du warst mit Gabriele doch erst wenige Stunden zusammen, als du ihr schon deine Liebe erklärtest.«

»Sprich es nur aus: du hast meine Schwester noch nicht einmal gesehen. – Jussuf el Fanit, hast du noch keine Liebe zu einem Mädchen gefühlt?«

Die Antwort ließ etwas auf sich warten.

»Nein,« kam es dann zögernd heraus.

»Das glaube ich auch, daß du, Fräulein Jussuf, noch keine solche Liebe, die ich meine, zu einem Mädchen gefühlt hast,« dachte Nobody ironisch, und laut sagte er:

»Du lügst, Jussuf el Fanit!«

Gabriele hätte beinahe über ihrem Erröten vergessen, bei diesem kecken Wort als echter Beduine wild aufzufahren und nach dem Dolche zu greifen, es kam erst nachträglich, wenigstens mit der Stimme, und sie machte ihre Sache sehr gut.

»Was wagst du zu sagen, ungläubiger Hund?«

»Du lügst,« wiederholte Nobody ruhig. »Vater Gabriel hat mir alles erzählt, ich kenne deine Geschichte, du bist ein noch junger Mann, und du lügst, wenn du sagst, du hättest noch nie ein Mädchen sehnsuchtsvoll geliebt!«

Der vorgebliche Wüstenräuber brauste nicht wieder auf.

»Ich habe einen Schwur abgelegt, nie ein Weib zu nehmen, so lange ich nicht ein gewisses Ziel erreicht habe, und dieses Ziel ist noch gar weit entfernt,« erklang es dann etwas unsicher.

»Deshalb kannst du immer in deinem Herzen die Liebe zu einem Weibe nähren, und du hast es auch schon getan, oder du bist kein irdischer Mensch!«

Das Schweigen war auch eine Antwort.

»Nun sage, Jussuf el Fanit, fuhr Nobody fort und legte in seine Stimme einen schwärmerischen Ton, »als du nun zum ersten Male Liebe zu einem Weibe empfandest, brauchtest du da auch viele Tage, ehe du dies erkanntest, oder war es nicht ein einziger Augenblick, da du hättest laut aufjubeln mögen: ich liebe dich, ich liebe dich!! – und wäre das dann nicht dein heiliger Ernst gewesen?«

Wieder blieb die Antwort aus.

»Vielleicht hast du es damals nicht gerufen. Ich aber habe das Wort laut gejubelt. Bedenke nur die ganzen Verhältnisse – wie mich Gabriele fand – wie sie mich pflegte – mich als Blinden, der den Tag zuvor noch sehen konnte ... bedenke dies, und alles ist erklärt.«

»Nein, noch kann ich dir nicht ganz trauen,« nahm endlich Gabriele als Bruder des Mädchens, um das es sich handelte, das Wort, und ihre Stimme klang gepreßt. »Vater Gabriel hat dir also alles erzählt. Dann weißt du auch, daß die, die du liebst, die Schwester eines Wüstenräubers ist.«

»Ich weiß es. Was tut das? Ich liebe sie.«

»An den Händen ihres Bruders klebt Blut.«

»Ich liebe sie.«

»Ihr Bruder ist ...wird ein Mörder genannt.«

»Ich liebe sie,« wiederholte Nobody immer wieder.

»Das sagst du und darfst du sagen, weil du Gabriele wohl für wissend, aber für unschuldig an den Taten ihres Bruders hältst.«

Schon die Augen, die mit so ängstlicher Spannung an den Zügen des Blinden hingen, verrieten, daß sie auf diese Andeutung hin ein Zurückschrecken, mindestens ein Stutzen erwartete. Allein keine Spur davon,

»Ist sie ihrem Bruder beim Abfangen der Karawanen behilflich?« fragte Nobody ruhig. »Das hatte ich nicht geglaubt.«

»Warum hättest du das nicht geglaubt?« erklang es mit hörbarer Erleichterung.

»Ihr ganzes Wesen macht nicht diesen Eindruck.«

»Du hast recht. Dennoch ist sie ihrem Bruder behilflich, die Karawanen zu ... plündern, wie die Leute von mir sagen. Du weißt, weshalb ich dies tue. Vater Gabriel hat dir alles erzählt, so brauche ich mich dabei nicht aufzuhalten. Ich verfolge ein Ziel; ich bin ein geborener Beduine und will das Land meiner Mutter von der englischen Knechtschaft befreien, wenn diese auch noch nicht dem Namen nach besteht. Ich sehe weiter, ich sehe Aegypten schon als einen Vasallenstaat des unersättlichen Englands, und dem strebe ich schon jetzt entgegen. Genug davon! Meine Schwester teilt mit mir diese meine Ansicht, mein Streben und meine Arbeit. Während ich der Räuber bin, ist Gabriele die Spionin. Sie kundschaftet die Salzkarawanen aus, welche von Medinet el Fayum abgehen, von denen ich dann Tribut verlange, die ich, wenn mir dieser verweigert wird, mit ... Kugel und Schwert bestrafe.«

»Also in dieser Weise ist Gabriele dabei beschäftigt!« sagte Nobody ganz ruhig, als habe er etwas recht Interessantes gehört.

»Du findest gar nichts dabei?«

»Nein, was denn?«

»Frage nicht so versteckt. Ich bin ein Wüstenräuber ...«

»Ich denke, du nennst dich den Herrn der Wüste?« unterbrach Nobody ihn. »Ja? Nun, Jussuf el Fanit, so laß dir hierüber meine Ansicht mit kurzen Worten sagen. Du wirst mich verstehen: es muß auf der Erde doch einmal eine Zeit gewesen sein, da es noch keinen König gegeben hat. Wer war der erste? Derjenige, welcher zu seinen Anhängern zum ersten Male sagte: ich bin euer König! – welcher Kraft genug hatte, diesen Königstitel zu vertreten, sich als König zu behaupten. So nenne du dich den Herrn der Wüste, nenne dich Aegyptens König – und hast du die Kraft und die Macht, diesen Titel zu verteidigen, so bist du der Tradition nach im Rechte. Ich habe gesprochen.«

Fürwahr, überzeugender hatte Nobody nicht reden können – besonders nicht einem Weibe gegenüber! und da ging der Beduine mit ausgestreckter Hand, die mit einem ledernen Stulphandschuh bekleidet war, auf ihn zu und erfaßte mit kräftigem Griffe die seine.

»Sei mein ... Schwager!«

Beinahe hätte sie sich verraten, und beinahe hatte Nobody die Beduinengestalt an sich gezogen, hätte sie mit dem anderen Arm umschlungen und hätte lachend gesagt:

»Mein alter Vater Gabriel, mein tapferer Jussuf el Fanit, meine liebe Gabriele – der Scherz hat nun am Ende; du bist die allerliebste Braut ...«

Doch er tat es nicht, er beherrschte sich. Denn noch war er seiner Sache nicht ganz sicher, sie konnte deswegen immer noch einen Bruder haben, welcher der echte Jussuf el Fanit, der echte Wüstenräuber war; er hielt vielleicht nur die Zeit noch nicht für gekommen, sich als Sehender zu erkennen zu geben, unter der Maske des Blinden konnte er am besten beobachten, und schließlich freute er sich als Zuschauer auf die Komödie, welche jetzt wieder kommen mußte.

»Dank, tausend Dank!« murmelte er mit erstickter Stimme.

Auch Gabriele hielt es für besser, ihn noch auf etwas aufmerksam zu machen.

»Ein Hindernis steht nicht im Wege, Gabriele ist Christin geblieben.«

»Ich weiß es, sie sagte es mir bereits.«

»Und auch Vater Gabriel ist ja wieder da, er ist ein zur Trauung berechtigter Missionar – – und warum sollt ihr, wenn ihr euch liebt, die Trauung noch aufschieben?«

Oho!! dachte Nobody.

Doch es war nur ein Staunen, daß die Komödie so weit getrieben wurde. Wäre er sicher gewesen, daß ein wirklicher Geistlicher die Trauung vollziehen werde, er hätte auch dann keinen Augenblick gezögert. Er war ein Mensch, und diesem Menschen war eben die Liebe ins Herz geschlagen.

»Aber ... aber ... ich weiß ja gar nicht, ob mich Gabriele liebt?« sagte er kleinlaut und nicht gerade mit Verstellung.

»Das, Alfred, laß dir von ihr selbst sagen, sie erwartet dich draußen,« erklang es im herzlichsten Tone.

»Kleide dich schnell an, Caliban wird dir dabei behilflich sein, der taubstumme Diener, von dem dir meine Schwester schon erzählt haben wird.«

Gabriele ging, statt ihrer trat der Genannte in das Zimmer und machte seine Anwesenheit zunächst durch lautes Auftreten und anderes Geräusch bemerkbar.

Er führte seinen Namen mit Recht, ohne freilich kaum etwas davon zu wissen, sonst hätte er sich wohl für diesen Namen bedankt.

Caliban heißt in Shakespeares Schauspiel ›der Sturm‹ jener mißgestaltete Hexenbastard, und auch dieser Caliban hier war ein kleiner, verwachsener Mann, und das Abstoßendste an ihm war, daß er durch ein Unglück oder zur Strafe wegen eines Vergehens seine Nase eingebüßt hatte, statt deren hatte er im Gesicht nur zwei häßliche Löcher.

Der Detektiv aber fand an der Mißgestalt sofort noch etwas anderes heraus, was ihn jetzt am allermeisten interessierte. Offenbarer Haß war es, der aus den Augen funkelte, als sich der kleine Araber dem vermeintlichen Blinden näherte.

Im Moment hatte Nobody alles erkannt. Freilich konnte er sich irren, aber es war doch eine starke Vermutung. Er konnte sich diese gehässigen Augen sofort erklären.

Zunächst mußte er Gabriele im stillen um Verzeihung bitten, denn er war doch der festen Ueberzeugung gewesen, daß sie sich, um mit dem fremden Manne allein sein zu können, also auch zum Teil mit aus jungfräulicher Scham, erst schnell einen Diener zugelegt hatte, und hatte sie ein Geheimnis zu wahren, so war dem Blinden gegenüber ein Taubstummer ja die geeignetste Person – vorausgesetzt, daß dieser sogenannte Caliban wirklich taubstumm war.

Nun aber änderte Nobody sofort, als er den Mann sah, seine Ansicht. Nein, der war nicht zum ersten Male hier, der war hier zu Hause! Er war nur abwesend gewesen. Warum diese gehässigen Augen? Hätte diese Mißgestalt für gewöhnlich solch einen tückischen Blick gehabt, so konnte sich Nobody gar nicht vorstellen, daß ein Mädchen wie Gabriele solch einen Charakter, dessen häßliche Seele in den Augen lag, immer um sich dulden konnte. Nein, für gewöhnlich waren das ganz andere Augen – jetzt aber waren sie mit Haß und Eifersucht auf den Mann gerichtet, der zwischen ihn und seine Herrin treten wollte; er wußte wohl schon, daß sich die beiden liebten, daß nachher eine Trauung, wenn auch nur zum Schein, stattfinden sollte – und aus alledem mußte Nobody mit unbedingter Sicherheit schließen, daß Caliban schon länger hier und in alles eingeweiht war.

»Wer ist da?« rief Nobody, das Gesicht und jede Bewegung des sich ihm Nähernden aufs schärfste, wenn auch unauffällig, beobachtend.

Nein, nichts verriet, daß sich der Mann nur taub stelle, er war es wirklich, und der geborene Taube ist auch immer stumm, er hat das Sprechen nicht gelernt.

Caliban faßte Nobodys Hand, führte sie an seine Lippen und Stirn, auf diese Weise seine Ehrfurcht bezeugend, er der Diener, jener der Herr, aber Nobody sah dabei immer die Augen mit grimmigem Haß auf sich gerichtet.

Mit Hilfe des Arabers hatte der Blinde seine Beduinentoilette schnell beendet, und zehn Minuten später, nachdem ihn der angebliche Jussuff[Jussuf] el Fanit als Wüstenräuber verlassen hatte, ruhte derselbe, nachdem er Lasso, Dolche, Pistolen und Stulphandschuhe abgelegt hatte, als Gabriele und als liebeglühende Braut an seiner Brust – und das noch in derselben Nacht, so gegen ein Uhr herum!

Sie herzten sich und küßten sich, wie es jedes andere Liebespaar tut. Es kann allerdings ein Unterschied dabei sein. Je mehr geistig entwickelt der Mensch ist, desto größer ist die Kraft seiner Liebe im Augenblicke der Leidenschaft – mit anderen Worten: desto stärker kann er lieben – und hiernach beurteilt, waren es zwei sehr intelligente Menschen, die sich jetzt herzten und küßten.

»Beim ersten Blick, da ich dich sah, liebte ich dich, denn ich bemitleidete den Blinden, und Mitleid ist Liebe.«

»Vom ersten Augenblick an, da ich deine Nähe fühlte, liebte ich dich; denn ich fühlte deine Nähe durch Sympathie, und Sympathie ist Liebe.«

Mitten im trauten Gespräch verdüsterte sich das schöne Antlitz der Braut plötzlich, es drückte ängstliche Sorge aus. Als Jussuf hatte Gabriele vergessen, dem Geliebten etwas mitzuteilen – etwas, wodurch das Glück des Ehelebens gestört werden konnte.

»Jussuf hat dir doch gesagt, daß ich manchmal tagelang abwesend sein und dich dann allein lassen muß?«

»Nein, davon sprach er nicht. Wozu das?«

Gabriele gab ihm eine kurze Schilderung ihres Anteils an dem abenteuerlichen Gewerbe ihres Bruders. Sie reiste von Zeit zu Zeit nach Kairo, auch bis nach Alexandrien, um dort als elegante Weltdame die abgehenden Karawanen wie überhaupt den ganzen englischen Salzhandel auszukundschaften.

»Auch habe ich hier die Korrespondenz zu besorgen.«

»Die Korrespondenz?« lächelte Nobody. »Kommt hierher auch die Post?«

»Allerdings. Die Taubenpost. Wir sind mit den großen Städten Aegyptens wie mit vielen Oasen durch Taubenpost verbunden. Ich werde es dir später zei ... erklären. Nun aber sprich, Geliebter! Wie wird das werden, wenn ich dich manchmal allein lassen muß, wenn es dir auch nicht an aufmerksamer Bedienung fehlen wird? Ich bin durch Versprechen gebunden, diese meine Arbeit zu tun.«

»Dieses Versprechen mußt du halten. Ich werde mich zu beschäftigen wissen, und ich erachte die Ehe für die glücklichste, in welcher Trennungspausen vorkommen, welche mit Sehnsucht ausgefüllt werden. Jedes Wiedersehen erneuert die alte Liebe mit neuer Macht, besonders, weil man beim Alleinsein merkt, was man für immer verloren hätte, wäre es eine Trennung für immer.«

Nobody wußte stets das Richtige zu treffen. Hiermit war diese Sache erledigt, und es wäre merkwürdig gewesen, hätte Gabriele erst versichert, ihm während ihrer Reisen treu bleiben zu wollen.

Die Trauung fand statt, wobei Gabriele gleichzeitig drei Personen spielte: sich selbst als Braut, Vater Gabriel als Pastor und ihren Bruder als Zeugen. Wir wollen uns nicht mehr dabei aufhalten, wie sie die Komödie ausführte. Sie brachte es fertig. Sie sprach als Braut das Jawort, als Vater Gabriel die Formel und den Segen, und wenn es sein mußte, ließ sie auch einmal den Bruder sprechen.

Der einzige, welcher selbständig handelte, war Caliban als zweiter Zeuge dieses Ehebündnisses, aber nun erst recht als ein stummer. Nobody bekam nur einmal einen unverstellten Händedruck zu fühlen.

Auch Caliban spielte seine Rolle sehr gut. Aber wie er sich gebärdete, wenn er sich von seiner Herrin unbeobachtet glaubte! Nobody fand alle seine Vermutungen bestätigt, er fand noch mehr heraus.

Wie glühend die Augen der Mißgestalt aufflackern konnten, mit welch verzehrender Leidenschaft sie auf Gabriele hafteten, wenn diese ihm den Rücken wandte, und mit welch furchtbarem Hasse sie sich dann wieder offen dem vermeintlichen Blinden zukehrten, vor dem er sich nicht zu verstellen brauchte!

Was hier vorlag, war ja ganz klar. Caliban hing nicht nur mit treuer Hingebung an seiner Herrin, sondern er war einfach in sie verliebt, und zwar mit jener wilden Leidenschaft, welche gerade solchen schwächlichen, verkrüppelten Menschen oft innewohnt.

Allerdings konnte es sein, daß er sich dieser sinnlichen Liebe zu seiner Herrin bisher noch gar nicht bewußt geworden war, denn sonst hätte das Gabriele wohl einmal bemerkt, mochte er seine Leidenschaft auch noch so gut verbergen können. Ein Weib fühlt so etwas sofort heraus.

Die Bedeutung der Ehe aber mußte er kennen, er wußte, um was es sich hier handelte, Gabriele hatte ihn doch natürlich in alles vertrauensvoll eingeweiht, und nun mit einem Male erwachte alles mit wilder Leidenschaft, was bisher in ihm nur geschlummert hatte, der glimmende Funke loderte plötzlich zur verzehrenden Flamme empor, und mit furchtbarem Hasse der Eifersucht betrachtete er den Mann, der ihm den Gegenstand seiner stummen Liebe geraubt hatte.

Vor dem mußt du dich hüten, sagte sich Nobody, der bringt dir bei der ersten Gelegenheit Gift bei. –

Auch Nobody hatte kräftig sein Jawort gesprochen.

Diese Trauung ist ungültig, dachte er dabei.

Das heißt, so dachte er als Detektiv, nicht als junger Ehemann. Er war glücklich. Und was kann man vom Leben mehr verlangen?

Erinnerte er sich denn dabei gar nicht seiner Gefährten, die draußen in vollkommener Ungewißheit seines Schicksals auf ihn harrten?

Nein, das tat er nicht! Dieser Mann, welcher kalt die fernsten Möglichkeiten berechnete, verstand auch die Kunst, das Glück des Augenblicks zu genießen, ohne mit sorgenden Augen in die Zukunft zu sehen, und die Verbindung dieser beiden Gaben, wenn man sie benutzt, das ist die wahre Lebensweisheit!

Dann verabschiedeten sich Vater Gabriel und Jussuf schnell. Das wurde wieder ebenso geschickt gemacht. Gabriele war wieder eine ungespaltene Person. Caliban wurde entlassen, und die beiden Neuvermählten waren allein in ihrem Heim.

Dabei war es noch immer Nacht, und die junge Frau redete dem Gatten vor, es sei schon später Nachmittag!!

Wenn sich Nobody die Situation vergegenwärtigte, so hätte er am liebsten hellauf gelacht. O Weiberlist, o Weiberlist!!

Ihr Gutes und für den jungen Ehemann sehr Angenehmes hatte diese Weiberlist natürlich. Gabriele bereitete nun schnell ein Hochzeitsessen, wobei der ›Blinde‹ zusah, in der Küche wieder im Schaukelstuhle sitzend und seine Türkenpfeife rauchend. Viel Aufhebens wurde nicht gemacht. Des Hochzeitlers Versicherung, gar keinen Hunger zu haben, war aus doppeltem Grunde glaubwürdig, denn einmal war es doch noch gar nicht so lange her, daß er zu Abend gegessen hatte, obgleich er es nicht wissen sollte, aber sein Magen war doch ebensowenig blind wie seine Augen – und zweitens ist ein junger Mann nach der Trauung doch überhaupt nicht so sehr aufs Essen erpicht – und als die Morgensonne das östliche Firmament rötete, sollte es schon wieder Abend sein. Nobody war am Ziele seiner Wünsche, ein anderes Schlafzimmer als das seine eröffnete sich ihm als menschliches Paradies, und da Gabriele jetzt den aus der Balance gekommenen Kalender wieder korrigieren wollte, so wurde es eine gar lange Hochzeitsnacht – und doch immer noch zu kurz für den, der keine Uhr schlagen hört.

 

Am nächsten Morgen, der also regelrecht mit Sonnenaufgang begann, war es das erste, daß die junge Frau das Frühstück bereitete, und nun allerdings, nach diesem langen Fasten, mußte es sehr ausgiebig werden.

Daß der Herr Ehegatte wiederum in der Küche saß, braucht kaum erwähnt zu werden, dagegen möchte gesagt werden, daß ihm vor Hunger immer die Pfeife ausging.

»Wo ist Caliban?« fragte er, und zwar aus einem ganz egoistischen Grunde. »Könnte er dir nicht helfen?«

Es ging ihm also nicht schnell genug.

»Caliban hat bereits in dieser Nacht die Felsenwohnung wieder verlassen. Denn,« setzte die junge Frau mit verschämtem Lächeln hinzu, »jetzt habe ich ja meinen treuen Diener als Anstandsperson nicht mehr nötig.«

Nobody empfand es so überaus wohltuend, daß sie auch dem vermeintlichen Blinden gegenüber so oft errötete.

Jetzt aber beschäftigte ihn ein anderer Gedanke. Er sah vor sich die vor Liebe und Eifersucht glühenden Augen des Taubstummen.

»Er ist ein treuer Mensch, auf den du dich absolut verlassen kannst?«

Das beste Zeichen, wie sie an des Taubstummen Treue glaubte, war, daß sie auf diese Frage gar keine direkte Antwort gab, sondern gleich die Geschichte des Unglücklichen erzählte.

Caliban war das Opfer des unter den Beduinen wie unter allen Naturvölkern herrschenden Aberglaubens. Das heißt, unter den Kulturvölkern herrscht zwar auch genug Aberglaube, noch heute, aber er wird doch wenigstens bekämpft.

Eine Beduinenfrau genas eines Kindes, welches ohne Nase zur Welt kam. Bei den sonst so gefunden Wüstenbewohnern war das etwas Unerhörtes, da mußte Zauberei dahinterstecken, der Taubstumme stand schon immer in bösem Rufe – die Nase wurde ihm abgeschnitten, ohne daß dadurch das Kind eine andere Nase bekam.

Es ist eine barbarische Grausamkeit, aber wollen wir hochentwickelten Kulturmenschen in unserem eigenen Lande Umschau halten und uns an unserer eigenen Nase zupfen. Ein Beduine wiederum würde es abscheulich finden, daß man einen Menschen zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe verurteilen kann und dann, wenn sich nach einigen Jahren Sträflingsarbeit seine Unschuld herausstellt, den für immer ruinierten Mann seinem Schicksale überläßt.

»Mein Bruder fand den Unglücklichen in der Wüste, denn man hatte ihn dann auch noch dem Verschmachtungstode preisgegeben. Er nahm ihn zu sich, gab ihn mir in Pflege, und als er wiederhergestellt war, blieb er als mein Diener bei mir. Mein Bruder hatte ihn Caliban genannt, und es war sehr unrecht von mir, daß ich diesen Namen beibehielt. Nun ist es zur Gewohnheit geworden. Ich habe mein Unrecht auch wieder gutzumachen gesucht, habe ihn mit unsäglicher Mühe schreiben und lesen gelehrt. Ach, das war eine Arbeit, ehe ich dem Taubstummen das beibrachte! Er konnte ja nicht einmal eine Zeichensprache! Dem Beduinen ist ein Taubstummer etwas so Ungewöhnliches, daß niemand an so etwas gedacht hatte. Nun aber vergilt mir der Arme meine Mühen reichlich durch seine Liebe und Treue.«

Nobody sah ein, daß es keinen Zweck gehabt hätte, Gabriele vor dem Taubstummen zu warnen. Als Blinder hätte er seinen Verdacht auch gar nicht begründen können.

»Und wohin ist er denn jetzt?«

»Er bringt Brieftauben nach Medinet zurück und holt neue, welche dort zu Hause sind. Das ist seine Beschäftigung, und während meiner Abwesenheit muß er die Brieftauben füttern und pflegen.«

»Brieftauben? Ich habe mich gleich gewundert, als ich von dieser Postverbindung hörte. Alle Versuche, die Brieftaube in der Wüste zu benutzen, sind doch gescheitert, die Tiere erliegen regelmäßig dem heißen Wüstenwinde, es braucht gar kein Samum zu sein.«

»Ja, aber wir benutzen hier einheimische Wüstentauben, welche, wie sich der Beduine vor dem Samum an den Boden legt, unter dem heißen Winde hinwegstreichen. Eine andere Taubenart besitzt freilich diesen Instinkt nicht.«

»Also gebraucht ihr Atnas? Ich denke, die Atna ist ein Standvogel, der nie seine Oase verläßt?«

»Wir haben es gelernt, Selmas als Brieftauben abzurichten,« war die Antwort. –

Vielleicht führt eine schöne Leserin den Vornamen Selma, ohne zu wissen, daß dies ein arabisches Wort ist und daß es unter den Araberinnen und noch mehr unter den Beduinenfrauen der Wüste ebensoviele Selmas gibt, wie bei uns Emmas und Annas.

Wenn man zum ersten Male in ein Beduinenlager kommt, und man hört, wie so viele der nackten Kinder und der vermummten Weiber von den ritterlichen Herren der Wüste ›Selma!‹ gerufen werden – ›Selma hinne e Selma fi‹ – ›Selma hier und Selma dort‹ – das mutet einen zuerst ganz merkwürdig an. Nur, daß es der Araber auf der letzten Silbe betont, wie überhaupt alle auf a endigenden Worte bis zu drei Silben: Abdalláh und Mustaphá.

Ursprünglich aber ist ›Selma‹ eine Wüstentaube. Es gibt davon zwei Arten: eine größere, welche sich in den Oasen aufhält, schon mehr Haustaube, und eine kleinere, ein gelbes, zierliches Täubchen mit weißer Federkrone, das den Beduinenlagern folgt, ohne sich zähmen zu lassen – die das Schiff umschwärmende Möve – außerordentlich scheu und so schnell, daß der Raubvogel nur der im Sande versteckten Brut gefährlich werden kann. Das ist die eigentliche ›Selma‹, die Flugtaube, während die andere, die ›Atna‹ die Standtaube ist.

Auf Menschen angewandt ist Atna stets ein Schimpfwort, es bezeichnet eine dicke, schwerfällige, faule Person; Selma aber ist ein Lieblingsname des Arabers, den er häufig – und das ist wohl keine Beleidigung – auch schönen Tieren beilegt, besonders Windhunden und edlen Pferden. So sollte ja auch die ›Wüstenbraut‹ welche Jussuf el Fanit ritt, eine Tochter der ›Flugtaube‹ sein, also der Selma.

Einen wilden Falken kann man an den Finger gewöhnen, aber keine Möwe, so wenig wie eine Flugtaube der Wüste an Haus und Hof. Doch den Geschwistern war es durch Züchtungsversuche und besondere Behandlungsweise gelungen, die scheue Selma zu zähmen und als Brieftaube zu verwenden, und wie sie das fertig gebracht hatten, das bildete das Gesprächsthema der Neuvermählten während des Frühstücks – übrigens gar kein so unpassendes Gespräch für sie, das über Tauben.

»Komm, Geliebter, du sollst unsere Tauben sehen – – ich meine, ich will dich überall herumführen und dir alles erklären, ich darf jetzt keine Geheimnisse mehr vor dir haben.«

Hand in Hand gingen sie in den Hof hinaus. Gabriele schloß eine Tür auf. Sie traten ein in das Heiligtum, und es waren weniger Sehenswürdigkeiten, welche das Mädchen erklärte, als daß es dem nunmehrigen Gatten alle Geheimnisse der Wüstenräuber preisgab, wodurch ein mehr politisches Gespräch daraus wurde, soweit die ›Wüstenpolitik‹ in Betracht kam.

Diese in den Felsen gemeißelten Kammern enthielten den Proviant und die Ausrüstungsgegenstände der Räuber, in langen Jahren weniger aufgespeichert für die Zeit der Not, als vielmehr für jene Zukunft, da Jussuf el Fanit seine phantastischen Pläne, die Befreiung Aegyptens von der vermeintlichen Herrschaft Englands, verwirklichen wollte.

Die unteren Räume waren ausschließlich mit Proviant angefüllt, der sich jahrelang hält, meist den Karawanen abgenommen, welche den Tribut verweigert hatten, aber Gabriele sagte, es sei auch noch viel hinzugekauft worden.

Desgleichen enthielten diese unteren Räume auch große Quantitäten Heu und Hafer.

Eine Steintreppe führte in die erste Etage hinauf. Hier waren die nach und nach angesammelten Beduinenkleider untergebracht, ferner Waffen und Munition. In langer Reihe standen Gewehre aller Art aufgebaut, zum größten Teile Beute, aber auch Militärgewehre modernster Konstruktion, welche auf Bestellung geliefert worden waren.

»Wer bringt diese Sachen immer hierher?«

»Natürlich unsere Leute. Aber dabei ist ein Geheimnis. Die erbeuteten oder gekauften Vorräte werden immer auf einer bestimmten Stelle eines Felsenplateaus im Geiergebirge niedergelegt, stets bei Nacht, dann müssen sich die Beduinen entfernen, und kommen sie am anderen Morgen wieder hin, so ist alles von Geisterhänden fortgetragen worden. Ich sage von Geisterhänden, weil es nämlich oftmals so große Quantitäten sind, daß zahlreiche Menschenhände dazu gehörten, um sie unterzubringen. Das ganze Felsenplateau ist eine Art von Aufzug oder eine Versenkung, auf diese Weise wird alles in das Innere des Felsens geschafft und von meinem Bruder, von mir und Caliban nach und nach untergebracht.«

»So weiß kein anderer Beduine etwas von dieser Felsenwohnung?«

»Von der Felsenwohnung wohl, wenn auch schon hierüber die abenteuerlichsten Gerüchte zirkulieren. Die Hauptsache aber ist, daß niemand den Eingang kennt. Außerdem nun versteht mein Bruder sich mit einem geheimnisvollen Nimbus zu umgeben, das gehört nun einmal mit zu seinem abenteuerlichen Berufe, deshalb wird auch das Geheimnis des Fahrstuhls gewahrt, und wenn unsere Leute von solch einer Vorrichtung gar keine Ahnung haben, so sind sie doch eher geneigt, an meinem Bruder dienstbare Geisterhände zu glauben, als daß in diesem Felsen noch viele Menschen wohnen. Ich werde dich dann zu der Vorrichtung führen und sie dir erklären.«

Wie Gabriele noch so sprach, führte sie den Blinden an einer Tür vorüber, welche dadurch von den anderen Türen abstach, daß sie von Eisen und mit starken Riegeln und Schlössern versehen war.

Und Gabriele sagte nichts von dieser Tür! Der Blinde aber durfte nichts davon gemerkt haben! Etwas wie ein bitteres Weh beschlich den sonst so stählernen Mann, weil sie ihm trotz ihrer gegenteiligen Versicherung Geheimnisse vorenthielt, merkte er doch, wie sie ihn nicht nur nach der anderen Seite hinzog, damit er die eiserne Tür nicht zufällig fühle, sondern wie sie auch hastig sprach, als ob sie ihn dadurch schneller an der Gefahr vorbeibringen könne.

Nun stand aber auch der Entschluß bei ihm fest, so lange noch den Blinden zu spielen, bis er die ihm vorenthaltenen Geheimnisse durch eigene Kraft gelöst hatte – natürlich hinter dem Rücken der Geliebten.

Gleich darauf aber sollte Nobody etwas erleben, was ihm wieder das große Vertrauen bewies, das Gabriele ihm entgegenbrachte.

Im Hintergrunde des Ganges, in dem sie sich befanden, sah Nobody abermals eine eiserne Tür, das mußte sogar eine Panzertür sein, und auf diese führte ihn Gabriele direkt zu, forderte ihn auf, sie zu betasten.

»Weißt du, was das ist?«

»Das fühlt sich gerade an, wie eine ... wie eine Geldschranktür.«

»Und du hast auch das Richtige getroffen. Nun, Geliebter, sollst du auch meinen, unseren Schatz sehen – fühlen.«

Es war kein Schlüssel nötig, an der Tür war das modernste Vexierschloß angebracht, eine Scheibe mit den verstellbaren Buchstaben des Alphabets. Ehe Gabriele daran drehte, brachte sie den Mund an Nobodys Ohr.

»Kein Geheimnis soll zwischen uns sein,« flüsterte sie, obgleich sie doch wußte, daß hier kein dritter in der Nähe war, der den Weg zur Schatzkammer hätte erlauschen können. »So vernimm denn das Wort, welches ich sonst keinem Menschen verraten würde: Garibaldi – der Name des Befreiers Italiens öffnet die Tür zu unserem Allerheiligsten – – und das ist leider wieder einmal das schnöde Geld.«

Nachdem sie die Buchstaben zu dem Namen des italienischen Revolutionärs, dem die beiden phantastischen Geschwister eine etwas gar zu große Verehrung zollen mochten, geordnet hatte, konnte sie die Tür öffnen.

In der kleinen Kammer befand sich nichts weiter als ein Panzerschrank. Gabriele öffnete ihn wiederum durch eine Vexiervorrichtung, Nobody bekam den aufgespeicherten Schatz der Wüstenräuber zu sehen, als Blinder zu fühlen und seine Geschichte zu hören.

Es war an diesem Schatze der Wüstenräuber nichts besonders Märchenhaftes, auch konnte er nicht durch seine Größe imponieren.

Das einzige, was an Ali Babas Höhle erinnerte, war eine kleine Schatulle mit altertümlichem Schmuck, besonders mit solchen Ringen, wie Gabriele einige an ihren Fingern trug. Jussuf hatte diese Schatulle, selbst ein Kunstwerk alter Schmiedearbeit, in der Nähe von Medinet an einer ehemaligen Begräbnisstätte gefunden. Es mußten der Arbeit nach die Ringe und Kleinodien von alten Kreuzrittern sein, wozu noch der Schmuck von Orientalen und Orientalinnen kam, das Ganze war jedenfalls die Beute eines Leichenschänders, der gefallene Kreuzritter geplündert hatte, diesen den eigenen und den fremden Schmuck abnehmend.

Die Kleinodien repräsentierten allerdings einen ansehnlichen Wert, Nobody taxierte, daß selbst ein Jude eine halbe Million Mark dafür geboten hätte, und für einen Altertumsfreund oder sonstigen Liebhaber waren sie einfach unschätzbar. Aber mit so etwas darf man nicht rechnen, man kann nur nach dem Pfandwerte taxieren. Und um nun einen Krieg mit England zu führen, dazu reichte der Inhalt dieser Schatulle noch nicht aus, noch weniger das Häufchen englische Goldstücke, in welchem die Hand des Blinden wühlen mußte, genau tausend Stück, 20 000 Mark, das sollte der reelle Kriegsfond sein, und obgleich der Wert des vorhandenen Papiergeldes ein zehnfach größerer war, so nahmen sich die schmutzigen Banknoten aller Länder, wenn man an einen Krieg mit England dachte, in dem großen, stählernen Schubfache wahrhaft kläglich aus.

Das größte Wertstück des Schrankes bildeten offenbar die Kontrakte, durch welche sich englische Salzhändler dem Wüstenräuber zu einem regelmäßigen Tribute verpflichtet hatten, das war wirklich eine Goldquelle, man mußte nur warten. Gerade aber als Gabriele hiervon sprach, drückte ihr Gesicht Sorge aus, der sie auch durch Worte Ausdruck verlieh.

»Die Beduinen können meinen Bruder nie verstehen,« sagte sie niedergeschlagen, »es ist ihnen unbegreiflich, daß sie sich nur mit einem Tribute, mit dem zehnten Teile der Ware begnügen sollen, wenn ihnen niemand wehren kann, sich der ganzen Karawane zu bemächtigen. Freilich mußt Du bedenken, daß mein Bruder nicht einen ganzen Stamm von Beduinen als Scheikh befehligt – solche wahren Beduinen respektieren wohl den Schutzbrief und begnügen sich mit einem Tribut – sondern es sind ja fast nur wegen irgendeines Vergehens Ausgestoßene, es sind eben Räuber, die mein Bruder um sich versammelt hat, und er muß manchmal seinen ganzen Einfluß aufbieten, muß seinen geheimnisvollen Nimbus zu wahren wissen, um die Gelüste dieser Räuberbande in Schach zu halten.«

In diesem Augenblicke, während sie so sprach, und während Nobody den Schmuck der Schatulle zwischen seinen Finger hindurchgleiten ließ, sah er in einiger Entfernung Calibans häßliches Gesicht.

Die Tür der Schatzkammer war offen geblieben, draußen standen große Säcke, hinter einem solchen sah Nobody das Gesicht der Mißgestalt. Es war möglich, daß Caliban schon längere Zeit dort versteckt stand, Nobody hatte nur zufällig hingeblickt.

Es war eine erschreckende Teufelsfratze, Haß, Neid, Gier, Bosheit – alle Leidenschaften spiegelten sich in den tückisch blitzenden Augen wider, wie er die beiden vor dem offenen Geldschränke beobachtete.

Nobody blickte nicht mehr hin. Kaltblütig überlegte er. Sollte er jetzt plötzlich sehend werden? Oder wie konnte er sonst Gabriele auf seine Entdeckung aufmerksam machen, ohne sich als Sehender zu verraten?

Nein, er beschloß, gar nichts von dem heimlichen Beobachter zu wissen, er wollte sich in nichts mengen, wollte abwarten, was Caliban jetzt und später noch tun würde. Dann konnte er ja immer noch handelnd eingreifen, wenn auch im letzten Augenblicke. Das war es ja eben, was Nobody so liebte.

Aber Fragen stellen durfte er, zumal da der Taubstumme ja nichts hörte.

»Weiß Caliban von diesem Schatze?«

»Gewiß. Alle unsere Beduinen wissen darum. Das heißt, sie wissen, daß mein Bruder die Schatulle mit dem Geschmeide gefunden hat und hier aufhebt, ebenso auch, wie hoch sich unser barer Kassenbestand beläuft.«

»Ich meine, ob Caliban hier diesen Ort kennt, wo das Geld und die Kostbarkeiten aufbewahrt werden.«

»Ja, Caliban ist in alles eingeweiht.«

»Er kennt auch das Vexierwort?«

»Alles, alles.«

»Er könnte also auch die Kammer und den Geldschrank öffnen?«

Gabriele blickte den Sprecher mit großen Augen an.

»Ich glaube, Geliebter, du hegst Mißtrauen gegen meinen Diener. O, das darfst du nicht. Caliban ist treu wie Gold, nein, treu wie ... wie ... wie ein Hund. Man soll den Menschen nicht mit einem Hunde vergleichen, aber in diesem Falle trifft es doch zu. Ehe ich an Calibans Treue zweifelte, würde ich lieber mir selbst nicht trauen.«

Konnte der Taubstumme der Herrin auch auf solch eine Entfernung die Worte vom Munde lesen? Denn plötzlich verwandelte sich sein häßliches Gesicht, nur der Haß blieb, die Bosheit verschwand daraus, und solch ein Gesicht, in dem sich so deutlich Haß mit Liebe paarte, hatte der heimlich beobachtende Nobody noch nie gesehen.

Gabriele drehte sich langsam um, und Caliban tauchte hinter seinem Ballen unter.

»Nun will ich dir noch die Tauben zeigen.«

Der Geldschrank wurde verschlossen, sie verließen die Kammer, es ging wieder eine in den Felsen gehauene Treppe hinauf, welche vom Hofe aus immer noch durch Fenster erleuchtet wurde.

Hier oben aber änderte sich das Bild. Hier waren keine Kammern mehr, sondern es war ein einziger Saal, die Decke von stehengelassenen Säulen gestützt, der rings um den Hof herumlief, aber nicht mehr von diesem sein Licht empfangend, sondern von außen, und zwar durch unregelmäßig angebrachte, schießschartenähnliche Oeffnungen, und die meisten dienten als Taubenschläge.

Zunächst konstatierte Nobody, ohne sein Sehen im geringsten zu verraten, daß ihnen Caliban nachschlich. Lautlos huschte er von Säule zu Säule, und dann standen auch genug Säcke und Kisten mit Taubenfutter herum, hinter denen er sich verbergen konnte.

Dann wandte Nobody seine Aufmerksamkeit den Tauben zu, wenn er anscheinend auch nur den Erklärungen des Mädchens lauschen durfte.

Hinter jeder Oeffnung, die als Flugloch diente, war ein großer Drahtkäfig angebracht, mit einer Vorrichtung, welche der ankommenden Taube wohl das Einschlüpfen gestattete, sie aber nicht wieder herausließ.

Jede Taube hatte eine Nummer, allerdings nicht kenntlich gezeichnet. Man hatte die Nummer im Kopf, und dadurch, daß die einzelnen Käfige nur gewisse Nummern enthielten, wurde die Sache ja auch sehr erleichtert.

Die zur Botschaft bestimmte Taube bekam um den Hals einen Federkiel gebunden, welcher den kleinen Brief in Geheimschrift enthielt. Die Flugtaube ist so scheu und fliegt so schnell, daß in den drei Jahren noch keine einzige einem menschlichen, vierbeinigen oder geflügelten Jäger zum Opfer gefallen war. Vermehren sich diese Vögel trotzdem nicht so ungeheuer, so kommt das nur daher, weil von Raubtieren desto mehr Brut vernichtet wird.

Nobody sah auch ein Pult, auf welchem ein großes Buch lag. In diesem wurden die abgehenden und ankommenden Briefe gewissenhaft registriert.

Gabriele erklärte soeben an einem Käfig die Vorrichtung, welche das Flugloch abschloß, als sie plötzlich stockte. Nicht dieser, sondern der nächste Käfig war es, der ihre Aufmerksamkeit erregte.

»Das sind die aus der Hyänenschlucht,« murmelte sie, »die Zahl stimmt, es sind zehn, und die eine trägt einen Brief um den Hals? Da muß aber doch eine davongeflogen sein!«

Schnell war sie hingegangen, und ehe sie der Taube den Federkiel abnahm, untersuchte sie die Klappe am Flugloch.

»Ja, die Falle funktioniert nicht richtig, sie gibt nach, eine Taube ist ohne Botschaft nach der Hyänenschlucht davongeflogen, und das ist Calibans Schuld!« rief sie erzürnt.

Da sah Nobody wieder des mißgestalteten Zwerges häßliches Gesicht hinter einer Säule auftauchen, verzerrt von Haß und Hohn, und da wurde in Nobodys Kopfe eine Ahnung zur Gewißheit!

»Dann solltest du ihm doch nicht so viel Vertrauen schenken.«

»Nein, nein,« sagte aber Gabriele, sofort wieder besänftigt, »das kann schon einmal vorkommen, mir selbst ist es schon passiert, daß ich die Falle nicht gleich wieder in Ordnung gebracht habe, wenn eine Taube hereingekommen ist. Das ist nämlich nötig. Die Vorrichtung ist eben noch nicht so, wie sie sein sollte, wir müssen noch eine bessere Falle ersinnen.«

Wenn dieser Caliban nur keine Falle für dich ersonnen hat, dachte Nobody, und laut fragte er:

»Und was enthält nun die Botschaft?«

»Ich sehe schon nach, wenn sie mich nur nicht etwa ...,« murmelte Gabriele, ohne den Satz zu vollenden.

Sie hatte die betreffende Taube gefangen, ihr die Federspule abgenommen, zog aus dieser ein dünnes, zusammengerolltes Papierchen hervor, öffnete es und betrachtete es mit einer am Halse hängenden Lupe.

Nobody stand neben ihr, es konnte ja ein Zufall sein, daß er seine Augen gerade auf das Papier in ihrer Hand gerichtet hatte, und so glanzlos seine Augen auch waren, der Detektiv brauchte keine Lupe, um die Pünktchen und Strichelchen deutlich zu erkennen. Enträtseln konnte er die Geheimschrift freilich nicht so ohne weiteres.

Dagegen bemerkte er, wie das leichtgebräunte Gesicht des Mädchens, welches er sein Weib nennen durfte, plötzlich aschfahl wurde, das Papier zitterte in ihrer Hand.

»O weh, Geliebter, kaum habe ich dich gefunden, so muß ich dich schon wieder ...«

Mit einer energischen Bewegung raffte sie sich empor.

»Um Gottes willen, was ist, Gabriele?!« rief Nobody.

»Nichts, was ich dir nicht schon gesagt hätte,« suchte sie sich unbefangen zu stellen. »Freilich ist es sehr schmerzlich für uns, übermorgen muß ich dich auf zwei bis drei Tage verlassen – ein Befehl meines Bruders ruft mich nach Alexandrien.«

Sie sprach die Unwahrheit! Nobody hatte ja gar keine Ursache gehabt, an ihren Worten zu zweifeln, war diese Botschaft doch für die Neuvermählten schon schlimm genug, aber ... er fühlte es förmlich mit dem ihm eigenen Instinkt, daß die Brieftaubenpost noch etwas ganz anderes enthalten mußte ... und da sah er wieder Calibans grinsendes Gesicht, und dieses erzählte ihm erst recht eine Geschichte des Verrats.

»Gabriele, das wirst du nicht tun!«

»Ich muß, ich muß, die Pflicht ruft, und bedenke, ich habe es dir vorher gesagt, und was du mir versprochen hast!«

»Du hast recht,« murmelte er gedrückt, aber sein Entschluß stand bereits fest, daß er sie nicht ziehen lassen würde. In ihr Verderben, und wenn es auch nur ein eingebildetes war, ließ er sie nicht ziehen, dazu war ihm das eben erst gewonnene Mädchen zu teuer.

»Wann wirst du gehen?«

»Uebermorgen. Doch frage nicht genauer, Geliebter. Ich werde mich unbemerkt entfernen; wenn du aufwachst und findest das Lager neben dir leer, so weißt du, daß ich gegangen bin. Doch warum denn so traurig! Ich reise ja nur nach Alexandrien, bequem wie eine Dame; mir droht absolut keine Gefahr, in drei Tagen bin ich bestimmt und wohlerhalten zurück, und unterdessen lasse ich dich unter dem Schutze des treuen Caliban.«

Nobody bedauerte, daß sich Gabriele herumgedreht hatte, so daß der nachschleichende Caliban wieder verschwunden war.

»Ich will die Botschaft erst eintragen und gleich die Bestätigung abschicken, dann können wir weiter drüber sprechen,« sagte Gabriele, und jetzt nahm sie ihn, um ihn mit sich nach dem Stehpult zu führen, nicht nur bei der Hand, sondern sie umschlang ihn mit dem ganzen Arm, so geleitete sie ihn hin, und Nobody fühlte an dem Zittern ihres Körpers, was in ihr vorging.

Feder und Tinte waren vorhanden, der Blinde hatte die Augen auf das Buch gerichtet, er sah, wie sie die Botschaft unter Datum und Nummer eintrug, und zwar in arabischer Uebersetzung, die er lesen konnte. Sie lautete:

»Komme sofort nach Hyänenschlucht. Wir sind von Arnauten umzingelt. Höchste Gefahr. Said ben Kofir.«

Und ohne Zögern schrieb sie daneben auf die andere Seite die Antwort, welche sie dann abschicken wollte:

»Ich komme sofort!«

Auf die Angabe eines Namens wartete Nobody vergebens, sie war von hier abfliegenden Brieftauben nicht nötig.

Gabriele wandte sich einem Schrank zu, welcher Federspulen und das andere Material enthielt, um die Taube mit der Botschaft abzuschicken, schrieb das Zettelchen mit Geheimschrift, ließ die Taube abfliegen.

Dies tat sie einige Schritte von Nobody entfernt, den sie unterdessen an dem Pulte hatte stehen lassen.

So hätte er einstweilen die auf der aufgeschlagenen Seite eingetragenen Berichte, Fragen und Antworten lesen können, und wohl las er da auch, wie aus Kairo schon gestern gemeldet worden war, daß auf der ottomanischen Bank noch kein auf den Namen Nobody ausgestellter Scheck eingelöst worden sei; aber wie Gabriele in ihrer glücklichen Liebe ihm hiervon noch gar nichts mitgeteilt hatte, ihre Rache ganz vergessen zu haben schien, so dachte auch Nobody jetzt an anderes als daran, die Gelegenheit weiter zu benutzen, um in dem Registerbuche zu studieren.

Es war ihm ganz klar: nicht übermorgen, auch nicht erst diese Nacht wollte sie ihn verlassen, sondern jetzt sofort! Sie wagte es ihm nur nicht direkt zu sagen, sie gab vor, noch zwei Tage bei ihm bleiben zu können, und dabei suchte sie jetzt schon nach einem Grund, um sich sofort von ihm zu verabschieden. Was sollte Nobody tun? Er sah schon die Falle, in welche die Geliebte gelockt werden sollte, der eifersüchtige Caliban hatte sie gebaut, und wenn Nobody auch noch nicht im geringsten wußte, was das für eine Falle war, so ahnte er doch die ihr drohende Gefahr. Mit der Unzufriedenheit der Räuber, welche lieber jede Karawane plündern wollten, anstatt sich nur mit einem Tribut zu begnügen, hing es offenbar zusammen.

Da stand bei ihm fest, daß er die Geliebte nicht in diese Gefahr ziehen ließ. Aber wie ihr alles offenbaren? Dazu mußte er die Maske des Blinden fallen lassen. Doch wenn er dies nun auf einmal getan, was hätte Gabriele dann gesagt, daß sie ihm so unendlich viel falsche Tatsachen vorgespiegelt hatte? Ihre Verlegenheit, ihre Scham mußte ja grenzenlos sein!

Nein, er durfte nur nach und nach wieder sehend werden, und so lange wenigstens mußte er sie hier festhalten.

Das war Nobodys Plan, ganz gut erdacht; aber der Mensch denkt, ein anderer lenkt.

Die Brieftaube war entlassen worden. Gabriele schlang wieder den Arm um den Geliebten und führte ihn davon.

»Also noch zwei Tage können wir zusammen sein,« sagte sie mit zitternder Stimme, sich im Gehen an ihn schmiegend. »Und dann soll es ein um so fröhlicheres Wiedersehen werden. Ich brauche keine Vorbereitungen für meine Abwesenheit zu treffen, Caliban ist immer bei dir, und du kannst dich auf ihn verlassen wie auf mich selbst. Nur in einem will ich dich noch für alle Fälle unterrichten, falls du doch einmal auf dich selbst angewiesen sein solltest und diese versteckte Felsenwohnung ohne fremde Hilfe verlassen müßtest. Sie hat nämlich noch einen bequemeren Ein- und Ausgang als den, den wir zuerst benutzten, und den will ich dir zeigen, du kannst ihn auch ohne leitende Hand finden.«

Sie führte ihn denselben Weg wieder hinab, bis an die Tür des Bambuszimmers, erklärte ihm, wo er sich jetzt befände, hieß ihn, die Schritte zu zählen und an der Wand entlangzutasten. Auf diese Weise gelangten sie an ein größeres Tor, Gabriele stieß es auf, eine lange Passage, welche durch den massiven Felsen gemeißelt war, und Nobody sah vor sich einen weiten Talkessel, aber wiederum von hohen Felswänden eingeschlossen, und richtig im Freien konnte er sich auch noch nicht befinden, sonst wäre das hier ja ein ganz offener Zugang zu dem Versteck gewesen, den durch Zufall jeder hätte finden können.

Aber hier sah es doch ganz anders aus als drinnen in dem kleinen Hofe, hier herrschte schon die freie Natur.

»Jetzt lege die linke Hand an die Felswand und zähle wieder die Schritte, und wenn du ...«

Gabriele brach mit einem leisen Schrei ab und setzte wie zum Sprunge an, um zu entfliehen, floh aber nicht, denn sie hätte der furchtbaren Gefahr, die sie gewahrt, nur den Geliebten allein ausgesetzt, sie umschlang ihn vielmehr noch fester und stierte mit entsetzten Augen auf die große, gelbe Schlange, die nur einen Schritt von den beiden sich mit geblähtem Halse am Boden aufgerichtet hatte, um sich im nächsten Augenblick auf einen von ihnen zu stürzen und ihm den tödlichen Biß beizubringen.

Es war ein Moment der furchtbarsten Gefahr, das Mädchen hatte sich unter dem stechenden Blick des Reptils zur Statue verwandelt, nur den Geliebten preßte es an sich.

Da plötzlich riß sich dieser von ihr los, ein Sprung, ein Griff, er hatte die Schlange am Schwanze gepackt, sie wirbelte durch die Luft und lag mit zerschmettertem Kopfe am Boden.

Es war eben alles nur ein einziger Augenblick gewesen, im nächsten schon wandte sich der ›Blinde‹ mit lächelndem Gesicht an die noch immer wie erstarrt Dastehende.

»Mein alter, guter Vater Gabriel – mein lieber Schwager – meine allerliebste Gabriele und mein Weib ...«

Mit diesen Worten hatte er den Arm erhoben, um nun seinerseits die Geliebte zu umschlingen und an sich zu ziehen. Er sollte nicht dazukommend

Der Blick, den Gabriele vorhin auf die drohende Schlange geheftet hatte, war nicht entsetzter gewesen als der, den sie jetzt auf den Mann richtete, dessen sonst so ausdruckslose, erloschene Augen ihr plötzlich so lachend entgegenleuchteten.

Da kam wieder Leben in sie, mit abwehrend ausgestreckter Hand taumelte sie einen Schritt zurück.

»Du bist nicht mehr blind!« schrie sie.

»Nein, und ich bin nie blind gewesen.«

»Du – bist – nie – blind – gewesen?« kam es ächzend über ihre Lippen.

»Nein, und jetzt hat die Komödie ein Ende, jetzt ...«

Ein unartikulierter Schrei! Gabriele hatte sich blitzschnell umgewandt und war geflohen, wieder in das offene Tor zurück.

Nobody eilte hinter ihr her. Er wußte, was jetzt auf dem Spiele stand. Aber sie war schnell wie der Wind. Als er den Hof erreicht hatte, sah er sie schon in dem Bambuszimmer verschwinden.

»Gabriele, meine Gabriele, erhöre mich doch!!«

Da stieß er mit dem Taubstummen zusammen, der den vermeintlichen Blinden wie ein Gespenst entsetzt anblickte.

Den mußt du vor allen Dingen festnehmen! raunte ihm eine innere Stimme zu, oder es war seine kühle Berechnung, und er hatte sich auf Caliban gestürzt, ihn zu Boden geworfen, von einer Portiere die lange Schnur gerissen und ihn an Händen und Füßen gebunden.

»Hilfe, Hilfe!!« zeterte der Krüppel.

Nobody hatte jetzt keine Zeit, sich darüber zu wundern, wie der Stumme plötzlich so schön sprechen konnte, er hörte draußen auf dem Hofe flüchtige Hufschläge, er sprang hinaus.

Da jagte in weiten Sätzen ein prächtiges, gelbes Roß mit schwarzen Vorderfüßen davon, und auf dem Rücken des Wüstenrenners saß ein Beduine, die Lanze in der Hand.

»Gabriele, Gabriele!!!« schrie der Mann, welcher in rasender Eile dem Tore zujagte, nach welchem auch der Reiter seinen Weg nahm.

Sie hatte den Ruf gehört, sie wandte sich im Sattel und senkte grüßend die Lanze.

»Lebewohl, Geliebter, auf Nimmerwiedersehen!« erklang es noch einmal in schmerzlichem Tone zurück, und dann war sie verschwunden.

Als Nobody das andere Ende des Felsentores erreicht hatte, sah er in dem Tale weder Roß noch Reiter.

 

In einem hochgelegenen Felsenkessel lagerten noch immer Nobodys Gefährten, sowie deren Gefangene, von denen sie den durch das Bein geschossenen Hammed als Verwundeten pflegen mußten; aber sie sämtlich würden selber bald der Pflege bedürfen. Vor drei Tagen hatte Nobody angefangen, den Blinden zu spielen. Am anderen Tage, also vorgestern, waren sie Zeugen der Szene geworden, wie der Blinde von der eleganten Modedame getränkt worden, wie Marguérite dazwischengekommen war, die heimlichen Beobachter konnten auch davon erzählen, wie die Modedame, nachdem sie den Blinden fortgeführt hatte, wieder zurückgekommen war und mit einer Kraft, die man der schlanken Gestalt nimmermehr zugetraut, die gefesselte Marguérite davongetragen hatte.

Von da an wurde keine dieser drei Personen mehr gesehen, alle waren wie vom Erdboden verschwunden.

Und seit dieser Zeit also lag Flederwisch mit seinen Leuten und den Gefangenen, die seiner Obhut anvertraut waren, in dem ausgemachten Versteck, auf die Rückkehr des ›Masters‹ wartend.

Der Proviant und das mitgenommene Wasser, das sie doch auch mit den Gefangenen zu teilen hatten, war fast erschöpft, nun noch dazu diesem glühenden Sonnenbrände ausgesetzt, Nobody kam nicht zurück, und sie wußten nicht, was sie jetzt anfangen sollten.

Die Dazwischenkunft der fremden Dame mußte Nobodys ganzen Plan geändert haben, wofür die Wartenden nun unschuldig zu leiden hatten.

Soeben war ein Kriegsrat abgehalten worden.

»Ist er morgen früh noch nicht hier,« erklärte Flederwisch, »so müssen wir ihn suchen.«

»Ist nicht mehr nötig,« sagte eine Stimme, welche keinem der an der Beratung Beteiligten angehörte, und in ihrer Mitte stand der Erwartete.

»Teufel, Nobody, Sie haben aber unsere Geduld auf eine harte Probe gestellt!« rief Flederwisch, aber es klang eher jubelnd denn ärgerlich. »Wo haben Sie so lange gesteckt? Was haben Sie unterdessen getan?«

»Verliebt, verlobt, verheiratet und verloren,« war Nobodys lakonische Antwort.

»Was?!«

»Ich habe mich unterdessen verheiratet.«

»Machen Sie keinen Unsinn!«

»Hoho! Werden Sie nicht beleidigend! Sie haben einen regelrechten Eheknüppel vor sich!«

»Sie haben – unterdessen – geheiratet?« staunte Kapitän Flederwisch mit ungläubigem Gesicht, und die anderen spitzten nicht schlecht die Ohren. »Wen denn?«

»Eine Dame.«

»Das kann ich mir lebhaft denken, wenn Sie nun einmal geheiratet haben!« lachte der junge Kapitän, dessen ganze Verstimmung plötzlich wie weggeblasen war. »Doch nicht etwa die Pariser Puppe in dem Spitzenkleid?«

»Haben Sie die gesehen?«

»Ja, wie Sie von ihr getränkt wurden, wie sie die Felsen hinaufsprang, wie Madame Lenois dazwischenkam, die von jener dann wie ein Mehlsack über die Schulter geworfen und davongetragen wurde.«

»Hat sie?«

»Wer zum Teufel ist es eigentlich?«

»Die eben ist meine Frau geworden. Aber ...« Nobody nahm dem Nasenkönig die brennende Pfeife aus den Zähnen, steckte sie in den eigenen Mund und paffte ohne Umstände weiter, »aber... Herrgott, ist das ein stinkiges Kraut! – aber sie ist mir schon wieder durchgebrannt.«

Auf dem vertieften Felsplateau erscholl aus rauhen Kehlen ein herzliches Gelächter. In solch trockener Weise konnte eben nur ihr ›Master‹ sprechen, und gerade dann bevorzugte er diesen Ton, wenn es sich um das Wichtigste handelte, wenn ein anderer Mensch, der gar nicht nervös zu sein brauchte, vor Aufregung aus der Haut gefahren wäre.

»Und wissen Sie, wer meine durchgebrannte Frau ist? Das ist eben der Wüstenräuber Jussuf el Fanit. Jetzt habe ich's ganz bestimmt heraus.« –

Er erzählte. Was wir schon wissen, braucht nicht wiederholt zu werden. Er hatte den Taubstummen, welcher plötzlich nicht nur sprechen, sondern auch vortrefflich hören konnte, hypnotisiert, um noch alles zu erfahren, was er wissen mußte.

Daß Gabriele und Jussuf el Fanit ein und dieselben Personen seien, daß der Wüstenräuber also von dem Mädchen gespielt wurde, war ja von vornherein Nobodys starke Vermutung gewesen; aber doch immerhin nur eine Vermutung, und das blieb sie, auch als sich z. B. Gabriele dem Blinden gegenüber direkt für den Wüstenräuber ausgab, als sie in dem Taubenstall durch die Botschaft zur Hilfe gerufen wurde und die zusagende Antwort gab – ja sogar, als sie dann als bewaffneter Beduine entfloh.

Nobody ließ sich niemals beirren, daß es dennoch einen echten Jussuf el Fanit geben konnte, und daß er nur dessen Schwester vor sich hatte. Erst als ihm der hypnotisierte Caliban, der in alles eingeweiht war, diese Vermutung bestätigte – da erst ließ Nobody die Ansicht, daß es doch nur die Schwester des Wüstenräubers sein könne, fallen. Nun natürlich war er auch nicht im mindesten verwundert. Es ist dies ja auch nicht etwa das starrköpfige Festhalten einer Ansicht, sondern es ist vielmehr ein bewundernswerter Gedankengang der Logik, welcher den Philosophen wie den Untersuchungsrichter zum genialen Künstler stempelt.

Allerdings hatte sie einmal einen Bruder Jussuf oder Johannes gehabt. Aber der mußte schon längst gestorben sein, so gut wie der Vater Gabriel. So viel nur stand fest, daß seit den drei Jahren, in welchen sich der Wüstenräuber Jussuf el Fanit den Karawanen furchtbar machte, dieser immer von Gabriele in männlicher Verkleidung gespielt worden war, und dem auf einem amerikanischen Rancho aufgewachsenen Mädchen war das auch recht gut zuzutrauen.

Das Folgende hatte Nobody nicht von Caliban erfahren, sondern war durch eigenen Schluß darauf gekommen, es liegt überhaupt klar auf der Hand: der weibliche Wüstenräuber blieb auch in männlicher Verkleidung immer noch ein Weib, das zu Zeiten auch etwas sentimental sein konnte, außerdem war es phantastisch veranlagt – und wenn Gabriele einmal des Wüstenlebens überdrüssig wurde, und wenn es ihr Geschäft, das heißt, ihr Räuberleben erlaubte, so zog sie sich als gebildete Dame in die Felsenwohnung des Geiergebirges zurück, kleidete sich nach der neuesten Pariser Mode, brannte sich die Locken, trieb klassische Musik – bis sie dann wieder als Jussuf el Fanit Salzkarawanen überfiel. Auch während dieser Erholungspause widmete sie sich übrigens ihrem Geschäft, ihrem idealen Ziele, denn sie hatte ja zugleich hier ihre Brieftaubenstation.

O ja, solch ein Leben war – wie man zu sagen pflegt – gar nicht so ohne. Das stimmte besonders mit der Geschmacksrichtung unseres Nobody überein. –

Jetzt mußte er sich erst mit dem Objekt beschäftigen, welches er gerade vorhatte – mit dem Hypnotisierten.

Wie die Erzählung des ›Vater Gabriel‹ über Heinrich Volkers Schicksale im Grunde genommen auf buchstäblicher Wahrheit beruht hatte, so auch die über den Taubstummen.

Caliban war als Kind wirklich taub gewesen, und da er nichts hörte, lernte er nicht sprechen, und dem Taubstummen war aus besagtem Grunde wirklich die Nase abgeschnitten worden. Der weibliche Jussuf el Fanit hatte sich des Unglücklichen erbarmt. Da aber war Caliban schon nicht mehr taub gewesen, das Gehör hatte sich nachträglich eingestellt, es hatte sich nur noch niemand damit beschäftigt, dem überhaupt zurückgebliebenen Krüppel auch das Sprechen beizubringen. Gabriele aber hatte sich dieser mühsamen Arbeit mit Erfolg unterzogen.

Als Gabriele nun den Blinden in ihre Felsenwohnung aufnahm, befahl sie dem ihr bedingungslos gehorchenden Diener, sich wieder taubstumm zu stellen – aus welchem Grunde, das bedarf wohl gar keiner Erläuterung – und eben, weil Caliban selbst viele Jahre lang wirklich taubstumm gewesen war, brachte er es fertig, daß, obgleich es zehnmal leichter ist, die Rolle eines Blinden zu spielen als die eines Tauben, selbst der scharf- und feinsinnige Detektiv getäuscht wurde.

Hiermit ist ein Widerspruch gelöst, den ein kritischer Leser gefunden haben könnte.

Sonst hatte Nobody seine Diagnose über den Krüppel ganz richtig gestellt, von dem Hypnotisierten erfuhr er es.

Caliban war seiner Herrin mit der Treue eines unbestechlichen Hundes ergeben, aber er war doch ein Mensch. Als er sah, wie seine Herrin von dem fremden Manne geküßt und geliebkost wurde, da erwachte etwas in dem Herzen des armen Krüppels, was er bisher noch gar nicht gekannt hatte. Zum ersten Male wurde er sich bewußt, daß er seine Herrin anders liebe, als wie ein Hund seinen Herrn liebt – ihm gehörten diese Liebkosungen, ihm gehörten diese Küsse – und da mußte er natürlich auf den fremden Mann einen furchtbaren Haß werfen.

Nun muß man bedenken, daß Caliban ein zurückgebliebener Mensch war, mit der Schlauheit und der Leidenschaft eines Affen – kurz und gut, sein Plan war schon fertig, der alles vernichten mußte, um alles besitzen zu können.

Die furchtbarste Leidenschaft war aber mit einem Male bei ihm hervorgebrochen; den fremden Mann zu töten, das genügte ihm nicht mehr. Jetzt wollte er auch das besitzen, was vermeintlich ihm allein gehörte.

Die aus 46 Mann bestehende Räuberbande lagerte gegenwärtig in der sogenannten Hyänenschlucht, nur wenige Reitstunden von dem Geiergebirge entfernt. Gabriele hatte damals eine falsche Angabe gemacht, um das lange Ausbleiben des ›Vater Gabriel‹ zu begründen.

Caliban war in alles und jedes eingeweiht, also auch in die Stimmung der Räuber, er kannte diese sogar noch viel, viel genauer als Gabriele oder als Jussuf el Fanit, denn der weibliche Räuber glaubte nur an ein Mißvergnügen seiner Leute, weil er ein Plündern der Karawanen nicht duldete, während unter ihnen schon längst der Geist der Rebellion gärte. Nur dadurch, daß Jussuf el Fanit bisher seinen Nimbus zu wahren gewußt hatte, wozu selbst das viel mit beitrug, daß er auch diesen feinen Leuten, die ihren Scheikh für einen Mann hielten, noch nie sein Gesicht gezeigt, hatte er den offenen Ausbruch der Meuterei noch verhindert. Nur die Furcht vor des Anführers unheimlicher Lederschlinge war es, die sie noch zum Gehorsam zwang.

In der so langen Hochzeitsnacht der Neuvermählten war Caliban nach der Hyänenschlucht geeilt und hatte gesagt:

»Jussuf el Fanit, den ihr euren Scheik nennt, den ihr so fürchtet, der euch die Beute vorenthält, der euch die Karawanen nicht plündern läßt – – dieser Jussuf el Fanit ist ein Weib!! Dieses Weib ist eine Frankin! Diese Frankin ist eine Christin, eine ungläubige Hündin! Diese Hündin buhlt jetzt, während ihr in der versengenden Wüste schmachten müßt, auf weichen Teppichen mit einem ungläubigen Hund von einem Franken! Und vor dieser Hündin beugt ihr eure stolzen Nacken? Schämt euch, ihr freien Söhne der Wüste! Auf zur Rache! Dieses hinterlistige Spiel hat schon zu lange gewährt, nun ist es genug! Bestraft die Frevlerin und nehmt, was euch mit Recht gehört, ich will euch dahin führen, wo sie die Schätze verborgen hat!«

Das war der kurze Inhalt der langen Rede gewesen, die der Verräter gehalten hatte.

Er hatte sich nicht geirrt, der Funke war in ein Pulverfaß gefallen. Das christliche Weib als Scheikh war eine Unmöglichkeit. Verehrung und Furcht verwandelten sich in Haß und Verachtung, und die Hauptsache war die längst zurückgehaltene Habgier.

Der zur Zeit zurückgekehrte Caliban sandte noch eine Taubendepesche ab, daß alles in Ordnung sei, um den Anschlag auszuführen, auch die Beduinen hatten Tauben bei sich, sie gaben vor, von Arnauten, das sind türkische oder ägyptische Polizeisoldaten, angegriffen worden zu sein, riefen ihren Anführer zu Hilfe, bestimmt wissend, daß er sofort herbeieilen würde, um ... ihn dann selbst zu fangen. Selbstverständlich bemächtigten sie sich dann der bisher aufgestapelten Beute, verzierten mit dem vorgefundenen Golde ihre Waffen oder hingen die durchlöcherten Münzen ihren Weibern in die Ohren, und dann konnten sie noch immer Karawanen plündern, sie hatten ja die Mache von ihrem Scheikh gelernt, den brauchten sie nun nicht mehr. –

Das ist alles, was wir zu wissen brauchen.

»Ich werde doch immer von einem geradezu wahnsinnigen Glücke verfolgt, mir wird die Sache nun bald unheimlich!« setzte Nobody seinen Ausführungen noch hinzu.

Dieser Ausruf war natürlich etwas schwer verständlich oder man mußte diese Ansicht von einer besonderen Seite auffassen, und das tat denn auch Kapitän Flederwisch.

»Sie meinen, weil Sie das Mädchen, von dem Sie nichts mehr verlangen konnten, als was es Ihnen nun schon gegeben hat, gleich wieder ohne Umstände losgeworden sind?«

Nobody machte sehr große Augen.

»Nöh, nöööhh, geehrter Herr Kapitän, da haben Sie mich aber gänzlich mißverstanden!! Können Sie fechten? Ja? Eigentlich sollte ich Sie jetzt gleich auf krumme Pistolen fordern, daß Sie mir so etwas zutrauen. Na, ich nehme es Ihnen nicht übel. Ihre Vermutung liegt auch sehr nahe. Nein, dieser Jussuf el Fanit ist seit gestern mein geliebtes Weib, darauf lasse ich nichts kommen.«

»Diese Trauung ist doch nicht gültig,« sagte Flederwisch, nur um etwas zu sagen, denn er war etwas unwirsch, weil er immer noch nicht im geringsten wußte, wo Nobody eigentlich hinauswollte.

»Eigentlich, ja. Vor der Welt ist sie ungültig. Aber für mich ist sie gültig. Ich war ein Blinder und weiß nicht anders, als daß Vater Gabriel mich rechtskräftig verkuppelt hat. Gabriele ist mein legitimes Weib, auch wenn sie mir jetzt durchgebrannt ist. Da müßte Vater Gabriel uns erst wieder auseinanderkuppeln. – Na ja, so ganz stimmt die Sache ja nicht, und wenn ich Herrn Jussuf el Fanit jetzt auch in einen richtigen Weiberkittel stecken werde, daß ich ihn als meine Frau präsentieren kann, so in die Zwangsjacke der Ehe lasse ich mich deswegen noch nicht pressen.«

»Das heißt, Sie werden das entflohene Mädchen wiederzuerlangen suchen?«

»Haben Sie das nun endlich begriffen, o scharfsinniger Schmugglerkapitän? Gewiß, ich lasse meine Frau nicht mehr in der Wüste herumlaufen, ich hole sie mir wieder. Sie verstehen aber wohl nicht, wie ich da von einem so wahnsinnigen Glücke sprechen kann? Passen Sie mal auf, Kapitän, ich werde Ihnen die Sache klarlegen. Dieses Wettermädel hat mich armen Blinden doch ganz gehörig an der Nase herumgeführt. Stimmt das nicht?«

»Na und ob! Es ist leicht begreiflich, daß sie sofort davonfloh, als Sie gestanden, überhaupt niemals blind gewesen zu sein.«

»Ja, sie muß einen heillosen Schreck bekommen haben. Und nun die jungfräuliche Scham! Denn schon vorher, gleich als sie mich in ihr Felsenloch einführte, was ich da ... never mind, sprechen wir nicht darüber; wenn Sie verheiratet wären, dann wäre es etwas anderes, aber einem keuschen Junggesellen, wie Sie einer sind, kann ich so etwas nicht erzählen ... Feixt nicht so, Jungens, oder lacht wenigstens geräuschlos und nicht wie die Brüllaffen, wir sind hier nicht an Bord des Schiffes, sondern in einer von Räubern unsicher gemachten Wüste. – Also, Kapitän: einmal hätte ich mich doch als Sehender legitimieren müssen, und das zwar sehr bald, da ich Calibans Verrat ahnte, und ich hätte meine geliebte Frau doch nicht wieder in die Wüste fliehen lassen, daß sie sich bei einem Karawanenüberfall einmal gelegentlich in den Leib stechen läßt. Ich hätte die Schamerfüllte also mit Gewalt festgehalten. Nun aber denken Sie bloß mal an, was es mich für Mühe gekostet hätte, das phantastische Mädchen zu überzeugen, daß sein ganzer Plan mit der Befreiung Aegyptens Unsinn ist. I, da hätte ich mir doch gleich die Zunge aus dem Halse reden können, und es hätte auch nichts genützt, ich wäre bei der überhaupt nicht schlecht ins Fettnäpfchen getreten! – Da gerade, wie ich noch simuliere, wie ich das am besten anfange, schmiedet das kleine, eifersüchtige Ungeheuer schon seinen verräterischen Plan, die Wüstenräuber sollen ihren bisher so hochverehrten Scheikh degradieren, ihn gefangennehmen, um ihn zu plündern. Verstehen Sie nun, was diese von Caliban angezettelte Verschwörung für mich für einen ungeheuren Vorteil bedeutet?«

»Ja, jetzt beginne ich wenigstens zu ahnen, was Sie eigentlich meinen,« murmelte Flederwisch. »Die Meuterei ihrer eigenen Leute, auf deren Treue sie bisher geschworen hat, muß ihr allen Glauben an die Ausführbarkeit ihres ganzen Planes rauben, da brauchen Sie nun gar nicht mehr erst zu reden.«

»Stimmt, jetzt begreifen Sie mich. Nun zweitens: wie ich noch so grübele, auf welche Weise ich wieder sehend werden soll, da kommt plötzlich eine Schlange und macht allen meinen Grübeleien ein Ende, ich bin plötzlich nicht mehr blind. Die Schlange, das Sinnbild des Fluches, der den Menschen aus dem Paradiese getrieben hat, ist für mich zum Segen geworden. Drittens hat das Mädel – meine liebe Frau, wollte ich sagen – gleich ein Pferd bei der Hand, das Vieh ist so fix, daß ich es nicht einholen kann, außerdem renne ich Glückspinsel vorher noch mit Caliban zusammen, der mich erst recht aufhält, so daß ich bei der Verfolgung zu spät komme – und dies alles hat verursacht, daß ich jetzt, anstatt in der Wüste herumjagen zu müssen, mich hübsch gemütlich in die kühle Felsenwohnung setzen kann, meine Pfeife rauche und einfach nur zu warten brauche, bis mir die Räuber selbst meine liebe Fran zurückbringen, aber nicht mehr als den wilden Lassowerfer, sondern eben als meine Frau, heil und unversehrt, von ihrem Wahne geheilt. Verstehen Sie nun, inwiefern ich Hans im Glücke bin?«

Nein, so ganz verstand Flederwisch seine Auseinandersetzungen doch nicht. Er merkte nur, wie dieser Mann auch die fatalste Sache von der gemütlichen Seite aus betrachtete.

»Ich finde gerade, daß Gabriele in der größten Gefahr schwebt.«

»Wieso denn?«

»Wenn die verräterischen Beduinen ihren Anführer als Weib und Christin erkannt haben, werden sie an der Gefangenen ihr Mütchen kühlen.«

»Nein, das ist ganz ausgeschlossen. Kein Haar werden sie ihr krümmen. Denn Caliban hat sich natürlich die Prämie für seinen Verrat zugesichert. Zunächst mich. Ich muß ihm ausgeliefert werden. Wenn es in der Wüste Ameisenhaufen gäbe, so würde er mich wohl verkehrt mit dem Kopfe nach unten in einen solchen hängen. Zweitens hat er sich als Lohn seine einstige Herrin ausbedungen. Die muß ihm gebunden ausgeliefert werden. An der will er nicht sein Mütchen, sondern seine Liebe kühlen. Wird sie ihm vorenthalten, so bekommen die Räuber natürlich auch die tausend Goldstücke und den anderen Klimbim nicht, und darauf haben es die Räuber hauptsächlich abgesehen. Und es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als den Wunsch des Krüppels zu erfüllen, denn nur Caliban kann sie in die Felsenwohnung einführen.«

Ja, jetzt allerdings sah auch Flederwisch ein, daß es so, wie alles gekommen, das beste gewesen war. Es war wenigstens viel Glück im Unglück.

Nobody gab dem Nasenkönig die ausgerauchte Pfeife zurück.

»Jochen, du wirst die Rolle Calibans spielen und die anrückenden Räuber in die Felsenwohnung führen, damit wir sie dingfest machen. Du hast die Größe des kleinen Mannes, bei dir gelingt die Täuschung am besten.

Eigentlich möchte ich dir die Nase abschneiden, dann wärst du ihm noch ähnlicher, aber es wäre schade um deine schöne Gesichtstrompete. Die Räuber können auch erst in der Nacht hier sein. Arabisch kannst du genug, um sie zu empfangen.«

»Ich kann ja kein Wort arabisch!«

»Kannst du nicht ›bst!‹ sagen?«

»O ja, das kann ich: bst.«

»Das genügt vollkommen für unsere Zwecke. Dieses arabische Wort bst heißt auf deutsch so viel als: halt's Maul. – Du winkst ihnen – bst – gehst ihnen voran – bst – und wenn sie einmal zögern, so drehst du dich um, winkst ihnen und sagst immer nur: bst. – Es wird schon gehen. Nun vorwärts, in vier Stunden können die Räuber hier sein, und wir haben noch Vorbereitungen zu treffen.«

Sie machten sich unter Nobodys Führung auf den Weg, zwischen sich die Gefangenen nehmend, von denen der in den Schenkel geschossene Hammed getragen werden mußte.

»Wo ist eigentlich die Prinzeß? fragte Flederwisch einmal.

»In der Felsenwohnung. Gesehen habe ich sie noch nicht, aber ich weiß, wo sie sich befindet. Gabriele hat sie hinter Schloß und Riegel festgesetzt. Das ist auch so etwas, weswegen ich mit meiner Frau noch eine schwierige Auseinandersetzung haben werde. Ihre Scham, daß sie mir etwas ganz anderes vorgeflunkert hat, wird grenzenlos sein, und sie hätte doch eigentlich gar keinen Grund dazu.«

Nobody nahm denselben Weg, den vor drei Tagen Gabriele ihn geführt hatte, nur daß er jetzt den Tunnel mit einer Stearinkerze erleuchtete. Hinter der Barriere befand sich wirklich eine tiefe, breite Bodenspalte, über welche sich durch einen ganz einfachen Mechanismus eine Steinplatte legte, die in der gegenüberliegenden Felswand eingelassen war, also eine Art Zugbrücke, die zugleich die Tür verschloß.

Nobodys Gefährten staunten nicht wenig, als sie sich plötzlich in einer modern und komfortabel eingerichteten Wohnung sahen. Ehe sie es sich darin bequem machten, bis ihre Tätigkeit wieder in Anspruch genommen wurde, brachten sie die Gefangenen unter, zu denen sie nun auch noch Caliban gesellten, den sie noch in hypnotischem Schlafe auf dem Sofa sitzend gefunden hatten.

Nobody aber hatte erst noch eine andere Aufgabe zu erledigen. Gabriele hatte ihm heute längst nicht alle Geheimnisse der Felsenwohnung gezeigt. Den Pferdestall, in dem Serpanje gestanden, und in dem sich noch ein zweiter edler Renner befand, hatte er selbst gefunden, desgleichen den Aufzug, durch welchen die Waren herabgelassen werden konnten, und den er heute nacht noch zu benutzen gedachte, um die Räuber zu fangen.

Hinter jener eisernen Tür, an der ihn Gabriele so schnell vorbeigeführt, hatte er die gefangene Marguérite vermutet, und der hypnotisierte Caliban hatte diese seine Vermutung bestätigt, ihm auch gesagt, wo er den Schlüssel dazu fand.

Diesen holte er jetzt und begab sich hinauf in die erste Etage. Als er die eiserne Tür geöffnet hatte, zeigte sich in kurzem Zwischenraum eine zweite, die nur von außen verriegelt war. Er legte das Ohr daran. Ja, darin raschelte etwas, jetzt wurde ein Stuhl oder Tisch gerückt.

Der noch als Beduine gekleidete Nobody schlug das Gesichtstuch herab, schob den Riegel zurück und trat kurz entschlossen ein.

Es war ein mit Diwans, Teppichen und Kissen sehr behaglich eingerichtetes Zimmer oder vielmehr der Anfang einer ganzen Zimmerflucht, denn Türen führten noch weiter. Die Fenster, welche nach jenem freien Tale gingen, waren stark vergittert.

Beim Eintritt des vermummten Beduinen sprang eine weißgekleidete Gestalt von einem Tischchen, welches sie an das Fenster gerückt hatte.

Es war Marguérite, die ihr schwarzes Kleid mit einem weißen Burnus vertauscht hatte. Sie sah leidend aus, obgleich sie keinen Mangel zu leiden brauchte, denn ein niedriges Tischchen war mit Delikatessen besetzt, die man hier gar nicht vermutet hätte.

Mit ängstlicher Spannung betrachtete sie den Vermummten.

»Ich glaube, das ist ein Mann,« sagte sie endlich in französischer Sprache, als jener das Schweigen nicht als erster brechen wollte.

»Sie haben es erraten, Madame,« war die höfliche Antwort, und niemand hätte Nobodys Stimme erkannt. »Ich nehme an, Sie werden hier als Gefangene festgehalten.«

Die ängstliche Spannung wich einem jubelnden Glück.

»Gerettet!« jauchzte sie auf. »Nicht wahr, Sie kommen als mein Befreier?«

»Gemach, gemach,« wurde jetzt etwas schroffer abgewehrt. »Wer sind Sie, Madame? Erst muß ich den Grund wissen, warum Sie hier hinter Schloß und Riegel gefangengehalten werden!«

Mit fliegenden Worten erzählte Marguérite – natürlich lauter Lügen. Sie schilderte alles ihrem ursprünglichen Plane gemäß, wie sie es auch dem blinden Nobody erzählt haben würde.

Als sie den Blinden endlich gefunden hatte, war schon eine rätselhafte Dame bei ihm gewesen, von dieser war sie überwältigt und gebunden worden; als Marguérite aus ihrer Betäubung erwachte, hatte sie sich hier befunden, ohne im geringsten zu wissen, wo sie eigentlich war.

»Hat die rätselhafte Dame Sie schon wieder besucht?«

»Mehrmals.«

»Als modern gekleidete Dame?«

»Nein, in einem Beduinenkostüm. Zuletzt allerdings auch in einem Hauskleide. Wer ist das nur?«

»Bitte, lassen Sie mich erst fragen. Was sagte die Dame?«

»Sie fragte mich aus.«

»Was fragte sie?«

»Sie fragte ... fragte ... wer ich sei, wie ich hierher käme, und ähnliches mehr.«

»Und in welcher Beziehung Sie zu dem Blinden ständen, nicht wahr?«

»Natürlich, natürlich, das war doch die Hauptsache. Sie hält mich doch nur aus Eifersucht gefangen.«

»Und da sagten Sie?«

»Jener Unglückliche sei mein Verlobter.«

»So, so. Nun, Madame, das Blatt hat sich hier gewendet.«

»Zu meinen Gunsten?« fuhr sie freudig auf. »Wer sind Sie, mein Herr? Sie sind kein richtiger Beduine.«

»So wenig wie Mr. Huxley und Mr. Wall.«

Nobody schlug den Gesichtsschleier zurück.

Das Nennen der beiden Namen, diese bekannten Gesichtszüge, diese Augen, die ihr entgegenblitzten – – Marguérite taumelte mit einem gellenden Schrei zurück.

»Alfred! – Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr!! – Du bist ja blind!!«

»Nein, Madame, ich bin nicht blind, war niemals blind, ich habe nur die Rolle gespielt, die Sie mir in der Komödie zugeteilt hatten. Eine nette Komödie! Ich weiß alles. Auch Ihre beiden verbrecherischen Genossen sind als Gefangene in meinen Händen.«

Da lag das schöne Weib auf den Knien.

»Erbarmen, Alfred, Erbarmen! Ich tat es nur aus ... aus ... ich war wahnsinnig, als ich auf diesen teuflischen Vorschlag einging. Nein, es ist deine eigene Schuld, weil du mich ...«

»Sparen Sie die Worte! Ich könnte Sie der Justiz ausliefern, Sie würden Zuchthaus bekommen, leider nicht lebenslänglich, und dann würde ich Ihren Wahnsinn immer wieder zu fürchten haben. Ich selbst nehme Sie in Zuchthausstrafe, und zwar, damit Sie mich dann nicht wegen Freiheitsberaubung anzeigen und ich überhaupt fernerhin vor Ihnen sicher bin, gleich in lebenslängliche. Die Verantwortung nehme ich auf mich. Zunächst werde ich Sie auf etwas schmälere Kost setzen.«

Mit diesen Worten hatte er das ganze mit Speisen besetzte Tischchen genommen, und ehe sich Marguérite wieder erhoben, hatte er schon wieder das Zimmer verlassen. Sie hörte nur noch, wie draußen der Riegel vorgeschoben wurde, ihr Rufen blieb unbeantwortet.

Es scheint, als ob Nobody, welcher damals zu Flederwisch geäußert hatte, dieses Weib, das in blinder Liebesleidenschaft handelte, sei entschuldbar, seine Ansichten hierüber geändert habe. Das ist aber nicht der Fall, er hatte mit Marguérite nur seinen bestimmten Plan vor, um sie von dieser Leidenschaft zu ihm zu heilen, wie wir noch später sehen werden.

Zunächst trug Nobody das Tischchen hinab und gab Ali, dem Neger, den Auftrag, dafür der Gefangenen Brot und Wasser zu bringen.

Dann stieg auch er wieder hinauf, aber gleich in die zweite Etage, wo sich die Taubenschläge befanden, und gerade, als er den Saal betrat, hörte er ein Schnappen, welches eine soeben angekommene Taube beim Passieren des Flugloches verursacht hatte.

Es stimmte, in dem Käfig, der die Tauben für die Hyänenschlucht enthielt, hatte eine einen Federkiel am Halse befestigt.

Nobody fing sie, rollte das Papierchen auseinander und war nicht verwundert, keine Geheimschrift zu finden; denn die Botschaft war für Caliban bestimmt, und dieser war in jene nicht eingeweiht, sein Kopf hatte sich bei dem Versuch, sie ihn zu lehren, als zu schwach bewiesen.

Die aus der Hyänenschlucht kommende Botschaft lautete:

»Die Betrügerin ist in unseren Händen. Wir kommen. Said ben Kofir.«

Der Anschlag war geglückt, und Nobody, welcher jetzt eigentlich durch einen von Caliban gereichten Schlaftrunk bewußtlos daliegen sollte, vielleicht auch an Händen und Füßen gebunden, traf seine Anordnungen, um die treulosen Räuber zu empfangen.

 

Wir begleiten jetzt die fliehende Gabriele, ohne uns mit den Empfindungen zu beschäftigen, welche das Herz des Mädchens bewegten, zerfleischten, denn das wäre unmöglich.

Vorbei, vorbei, alles verloren!! Das mag der einzige Gedanke gewesen sein, der sie beherrschte, als sie vor dem Geliebten, der gar nicht blind gewesen war, floh.

Aber mit ihrer Flucht konnte sie auch einen Zweck verbinden, das Bewußtsein kehrte ihr schnell zurück, daß sie ihre in Gefahr befindlichen Gefährten nicht in Stich lassen durfte, ganz unbewußt hatte sie ihr Pferd auch schon jener Richtung zugelenkt.

»Es war ein kurzes Liebesglück – jetzt bin ich wieder der Wüstenräuber Jussuf el Fanit!«

Wie der Sturm flog der edle Wüstenrenner über den gelben Sand; weit vorgebeugt saß die Reiterin in dem arabischen Sattel. Sie hatte den dichten Gesichtsschleier herabgelassen, um sich vor dem glühenden Flugsand zu schützen, nun war sie doch auch wieder Jussuf el Fanit, der nie sein Antlitz zeigte, und trotz des sausenden Rittes zog sie unter dem Burnus den langen Lasso hervor, rollte ihn auf und wickelte ihn sichtbar schräg um die Brust.

Zwei Stunden vergingen, und das weit ausgreifende Wüstenroß hielt noch dasselbe Tempo ein wie im ersten Augenblick. Unentwegt spähte Gabriele in die endlose Wüste, die sich zunächst noch völlig eben vor ihr ausstreckte. Nach und nach aber wurde sie immer welliger; schon kamen kleine Hügel, welche nicht nur der Wind aus Sand zusammengetragen hatte, vielmehr war dieser hier weggeweht worden, und nacktes Felsgestein zeigte sich.

Je mehr die Wüste diese neue Formation annahm, desto mehr mäßigte Gabriele den Lauf ihres Pferdes und desto aufmerksamer spähte sie nach allen Seiten, auch manchmal große Bogen reitend und in dem weichen Sand nach Spuren suchend.

Aber kein Mensch zeigte sich, kein lebendes Wesen, keine Fährte war zu entdecken.

Da endlich gewahrte sie in weiter, weiter Ferne auf einem Hügel die winzige Gestalt eines Menschen. Gabriele suchte keine Deckung, sie hielt nur ihr Pferd an, welches wie eine Statue stand. Unter dem Burnus kam ein Fernrohr zum Vorschein, sie setzte es vor das Auge und schraubte.

»Wenn es nicht ein verkleideter Arnaut ist, so halte ich ihn für einen der unsrigen,« murmelte sie. »Ich möchte überhaupt gar nicht mehr an einen Ueberfall durch Arnauten glauben.«

Sie sprang ab, nur ein Wink, und das dressierte Pferd legte sich hinter einem Hügel platt an den Boden, und nun war ein langer Schleichweg von Hügel zu Hügel nötig, eine halbe Stunde verstrich, ehe die Anschleichende wagen durfte, den ersten verabredeten Geierpfiff hören zu lassen.

Sie wußte nicht, ob jener dort nicht vielleicht ein verkleideter Arnaut war, der Wache für seine Kameraden stand.

Das Signal wurde erwidert, es wurden noch andere gewechselt, meist nachgeahmte Tierstimmen, und dann war Gabriele ihrer Sache sicher, wie auch jener wußte, daß es nur der Scheikh sein konnte.

Jetzt ein gellender Trillerpfiff aus einer silbernen Pfeife, und Serpanje kam angaloppiert, um seine Herrin wieder auf den Rücken zu nehmen.

Sie hatte den Wachtposten erreicht, der sich vor dem Anführer ehrfurchtsvoll verneigte, nacheinander mit der Hand Mund, Stirn und Brust berührend.

»Was ist hier vorgefallen?«

»Es ist alles still.«

»Ich denke, ihr seid von Arnauten entdeckt und angegriffen worden?«

Der Beduine machte nur ein verwundertes Gesicht.

»Wo ist Said ben Kofir?«

»In der Schlucht.«

Kopfschüttelnd ritt Gabriele weiter, und wenn man Blicke fühlen könnte, so hätte sie den Hohn aus dem herausgefühlt, der ihr nachgesandt wurde.

Nach einer kurzen Strecke fiel die Ebene jäh in ein tiefes Tal ab – eine Erscheinung, die man in der Wüste häufig findet. Solche Täler oder richtiger Kessel entstehen und vergehen wieder. Sie füllen sich nach und nach mit Flugsand, sie wachsen förmlich zu, ein Wirbelwind streicht darüber, und der Kessel ist auf genau derselben Stelle wieder da.

Offen vor Gabrieles Augen breitete sich unten das Lager der Räuber aus, aber kein einziges Zelt war zu sehen. Die selbst von den übrigen Bewohnern der Wüste Geächteten führten nicht einmal Zelte mit sich, unter denen sie sich vor dem kalten Tau der Nacht schützten. Außer den Pferden und dem, was sie bei sich hatten, wurden sie nur noch von vielen Kamelen begleitet, welche Proviant und Wasser für Menschen und Tiere trugen.

Wohl war es ein ziemlich steiler Abstieg, doppelt gefährlich durch den lockeren Flugsand, der jeden Stein bedeckte, doch das konnte jedes arabische Pferd leisten, das mit seinen unbeschlagenen Hufen ausgezeichnet klettert, und diese Koheye hier schien nun gar wie seine Herrin die Eigenschaften einer Gemse zu besitzen.

Es entstand einige Unruhe unter den lagernden Beduinen, die meisten erhoben sich, alle blickten nach dem herabkommenden Reiter, aber ein besonderer Empfang wurde dem Scheikh nicht bereitet. Auch wurde so wenig wie vorhin der sonst übliche, arabische Gruß gewechselt. Es schien gar keine Trennung stattgefunden zu haben, denn so wollte es der Anführer.

»Said ben Kofir!«

Ein schon ältlicher Araber, das tiefbraune Gesicht mit Narben bedeckt, näherte sich dem vom Pferde gestiegenen Scheikh.

»Hast du eine Brieftaube abgesendet?«

»Wer bist du denn, daß du so fragst?«

Diese Frage, dieser höhnische Ton, dieses tückische Gesicht – – Gabriele hatte plötzlich eine hellsehende Vision, ihr erster Griff war nach dem Gürtel, in dem sie sonst Waffen zu tragen pflegte ... zu spät, schon war sie von hinten umschlungen, zwei Fäuste, die einem Riesen angehören mußten, hatten ihre Handgelenke umspannt.

»Verrat!!« schrie Gabriele.

Da sah sie diese beiden kolossalen, von Sehnen und Muskeln strotzenden Fäuste, und sofort gab sie jedes Widerstreben auf, aber nicht deshalb, weil ihre Verteidigung gegen den hinter ihr stehenden Herkules nutzlos gewesen wäre, sondern es war mehr eine psychische Wirkung, welche die beiden Hände auf sie ausübten, und sie sprach ein klassisches Zitat mit einer Variation aus.

»Auch du, Mustapha!« sagte sie in klagendem Tone, und dann nichts mehr. Vom ersten Augenblick an, da sie alles erkannt hatte, ergab sie sich in ihr Schicksal.

Jetzt waren sämtliche Männer aufgesprungen und herbeigeeilt, im Nu hatte sich um die drei Hauptpersonen ein großer Kreis gebildet.

»Wer also bist du denn?« wiederholte Said ben Kofir seine ironische Frage.

Leider wurde keine Antwort gegeben.

»Jussuf el Fanit kann sich jeder Fremde nennen,« fuhr der Stellvertreter des Scheikhs fort, »zumal wenn er sein Gesicht verhüllt. Laß doch einmal schauen, ob du auch wirklich unser Scheikh bist?«

Mit diesen Worten hatte er ihr Kopftuch gelüftet, ein todblasses Mädchenantlitz zeigte sich.

»Inschallah, Caliban hatte recht, es ist wirklich ein Weib!« erklang es im Chor.

Said zog ihr das Tuch über den blondhaarigen Kopf.

»Allschallah, eine Frankin!!«

»Laßt sie den Koran küssen, damit wir sehen, ob Caliban auch hierin die Wahrheit gesprochen hat!«

Man hatte sie unterdessen gebunden, wenigstens ihre Hände; die heilige Schrift der Mohammedaner, welche in keinem Beduinenzelte fehlt, wurde gebracht und ihr zum Kusse vorgehalten.

Da öffnete sie zum ersten Male wieder die Lippen, um mit Festigkeit ein Wort zu sprechen.

»Ich bin eine Christin!«

»Es ist eine Christin!!« erscholl es im Chor... Wehe uns, wir haben eine Ungläubige unter uns geduldet, wir haben einer Ungläubigen gehorcht, wir haben mit einer Ungläubigen aus einer Schüssel gegessen!«

»Ist es wahr,« fragte Said ben Kofir, »daß du einen ungläubigen Franken, einen Blinden, bei dir aufgenommen hast, um mit ihm zu buhlen?«

»Ja.«

Es war ihr letztes Wort, es war die letzte an sie gerichtete Frage gewesen. Sie hatte sich selbst das Urteil gesprochen.

Die äußerste Schmach blieb ihr erspart. Es waren keine Juden, welche dem, dem sie kurz zuvor ihr ›Hosianna‹ zugejubelt hatten, wenige Tage später ins Gesicht spien – es waren Beduinen. Sie wagten nicht einmal, ihren Körper nach Waffen zu durchsuchen.

Sie wurde abseits geführt und mit dem Rücken gegen eine Felswand gestellt. Hier stand sie und hörte gleichgültig aus der Beratung der Beduinen, wie alles gekommen, von wem sie verraten worden war und weswegen.

Teilnahmlos hörte sie zu, teilnahmlos vernahm sie, wie sie dem Krüppel als Lohn für seinen Verrat ausgeliefert werden sollte, eine Beute für seine erwachten Begierden.

In einigen Beduinen begannen Zweifel aufzusteigen, ob dieses Weib, welches sich so leicht hatte fangen und binden lassen, auch wirklich der bisherige Scheikh sei. Vielleicht gab sie sich nur für diesen aus, man hatte ja noch nie sein Gesicht gesehen. Und wer hätte es für möglich gehalten, daß der furchtbare Jussuf el Fanit sich so spielend leicht in Fesseln schlagen ließ, ohne nur den geringsten Widerstand zu leisten?

Ach, diese armen Wüstenräuber wußten ja nichts von der lähmenden Kraft des Gedankens, des Leides.

Der Dichter wußte davon, und einem Dichter gab er es in den Mund, dem ritterlichen Troubadour Bertran de Born, unüberwindlich an Kraft und an Geist – – ›der sich gerühmet in vermess'ner Prahlerei, daß ihm nie mehr als die Hälfte seines Geistes nötig sei.‹ – Nein, es war keine Prahlerei gewesen, aber ...

»Da, wie Autafort dort droben,

Es kam ihr alles nur wie ein Traum vor, und gleichgültig hörte sie von dem schrecklichen Schicksal, das ihrer wartete.

Ihre Gedanken weilten nur bei dem Geliebten, den sie für immer verloren, ohne sich Rechenschaft zu geben, was dessen Los jetzt sein würde. Sie empfand den bitteren Schmerz wie eine süße Betäubung.

Da schrak sie empor aus ihrem Traume, denn es waren besondere Worte gewesen, die ihr Ohr getroffen hatten.

»Caliban könnte schon zufrieden sein, wenn wir ihm den Franken überlassen, daß er an diesem seine Rache kühlt. Aber dieses Weib soll der Krüppel nicht berühren.«

Da war Gabriele erwacht, und sie hörte noch mehr, sie erfuhr alles.

Caliban wußte noch nicht, daß der Franke kein Blinder war; während der Abwesenheit seiner durch eine falsche Botschaft fortgelockten Herrin wollte er dem Blinden einen betäubenden Trank beibringen, um ihn dann mit leichter Mühe noch völlig zu überwältigen und an dem Hilflosen, der ihm die Liebe seiner Herrin geraubt, seine Rache auszuüben – – und hätte Gabriele noch nicht gewußt, zu welcher Rache ein leidenschaftlicher, mit Phantasie begabter Araber fähig ist, so bekam sie es jetzt zu hören. Caliban hatte schon den Beduinen etwas davon vorgeschwärmt, was für Prozeduren er an dem ungläubigen Hunde vornehmen wolle.

Als sie das hörte, da verwandelte sich das Mädchen plötzlich wieder in den Wüstenräuber, der noch nie gefangen worden war, da begannen die mit Hanfseilen umschlungenen Hände hinter dem Rücken an einem scharfen Felsgrat zu reiben und zu feilen.

Um die Koheiye hatte man sich vorläufig nicht gekümmert. Das ledige Pferd hatte sich sofort seinen Kameraden beigesellt. Ein so kluges Tier es auch sein mochte, es war doch nur ein Tier, welches das Schicksal seiner Herrin nicht begriff, zumal, da man ganz schonend mit ihr verfuhr und kein Hilferuf, keine Klage aus ihrem Munde kam.

Aber Serpanje brauchte nur ein Zeichen, und dieses kam: ein gellender Pfiff! Freudig wiehernd warf sich das Pferd, welches eben Datteln geschmaust hatte, auf den Hinterfüßen herum, um zu seiner Herrin zu eilen, es war nicht mehr nötig, schon fühlte es, wer mit leichtem Satze in den Sattel gesprungen war, und sofort verwandelte sich die gelbe Wüstenbraut in einen Vogel, oder zuerst in eine Gemse, um aus der Schlucht herauszukommen.

»Haltet sie, haltet sie! Schießt sie nieder!«

So schrien die Beduinen, aber dabei stoben sie auseinander vor der Gestalt, die den Pferden zuflog, obgleich sie nicht einmal eine Waffe sahen.

Es war doch noch immer Jussuf el Fanit, noch immer war der um die Brust geschlungene Lasso zu sehen, und das genügte.

Nur zwei wagten es, sich der Fliehenden entgegenzuwerfen. Den einen streckte der Schlag einer zur Faust geballten Hand nieder, die sich in einen stählernen Hammer verwandelt hatte, der andere war im nächsten Augenblick überritten – und da klomm schon das gelbe Wüstenroß wie ein Steinbock die steile Wand empor.

Wohl krachten einige Schüsse, aber sie schienen keinen Erfolg zu haben, Roß und Reiter waren verschwunden.

Hiermit sei diese Zwischenszene in Kürze erledigt. –

Es war Nacht geworden, eine mondlose Nacht. An Aegyptens Himmel, an dem fast nie eine Wolke zu sehen ist, funkelten nur die Sterne, über die Wüste und das Geiergebirge ein unsicheres Zwielicht gießend.

Etwa zehn Meter hoch über dem Erdboden lag auf einem Felsen ein Mann ausgestreckt. Es war Nobody, welcher nach den erwarteten Räubern ausspähte, die kommen würden, um sich der Frucht ihrer Untreue und Calibans Verrates zu bemächtigen.

Nobody erkannte von hier aus deutlich die kleine, weiße Gestalt, welche sich dort unten zwischen den Felsen herumbewegte, aber das Sternenlicht war so schwach, daß nicht einmal des Detektivs scharfe Augen zu unterscheiden vermochten, wie dieser Caliban statt seiner zwei Löcher eine ganz gewaltige Nase im Gesicht hatte, und so gestattete das unsichere Sternenlicht noch weniger eine Unterscheidung der Bewegungen. Die Hauptsache war, daß Jochen Puttfarken eine ebenso kleine Figur wie der verwachsene Araber hatte, und wenn er dann noch das Gesichtstuch herabließ, so mußte die Täuschung unter allen Umständen gelingen.

Plötzlich tauchte hinter einem Felsen ein weißer Schatten auf. Anders läßt es sich nicht bezeichnen, denn Nobody konnte nur vermuten, daß es ein in einen weißen Burnus gehüllter Beduine war, und woher dieser plötzlich gekommen, wußte Nobody nicht.

Gleichgültig, es war der erste der ankommenden Wüstenräuber, von seinen Gefährten als Kundschafter vorausgesandt, ob die Luft rein und Caliban auf seinem Posten sei.

Nobody wandte seine Aufmerksamkeit seinem Helfershelfer zu. Dieser hatte den Beduinen ebenfalls gesehen, denn jetzt zog er schnell den dichten Schleier vor das Gesicht.

»Caliban!«

Es war eine harte, rauhe Stimme gewesen, die diesen Namen leise gerufen hatte.

Der Verabredung gemäß hob Jochen nur den Arm und winkte.

»Bst.«

Damit wandte er sich sofort, in dem Glauben, daß ihm jener gleich folgen würde, um zunächst diesen einen Beduinen gleich abzutun.

Aber so schnell ging die Sache nicht, der Mann zögerte, schien dem Frieden nicht recht zu trauen.

»Hast du den ungläubigen Hund von Franken überwältigt?« fragte der Beduine.

»Bst,« machte Jochen Puttfarken wieder und winkte noch heftiger.

Es war eine unglückliche Rolle, die Zwergnase da spielen mußte, besonders da er ja kein Arabisch verstand. Aber man hatte keinen anderen Ausweg gefunden, er war der einzige, der den kleinen Krüppel wenigstens einigermaßen vertreten konnte.

»Du hast ihn doch nicht schon getötet?« fragte abermals der Beduine, welcher jenem durchaus nicht folgen wollte.

»Bst, bst, bst,« fing Jochen Puttfarken jetzt an und arbeitete mit dem winkenden Arme in der Luft herum, als wolle er den Zögernden durch magnetische Striche beeinflussen.

»Bst, bst, bst, bst, bst.«

Da plötzlich geschah dort unten etwas, was sich kein anderer Mensch hätte erklären können.

Der Beduine hatte mit dem einen Arm eine merkwürdige Bewegung gemacht, und mit einem Male drehte sich Jochen Puttfarken wie ein Kreisel herum und ward von einer unsichtbaren Macht nach dem Beduinen hingerissen.

Nobody konnte also nicht die Ursache dieses Hinziehens erkennen, aber er wußte sofort alles.

Ein Lasso! So waren also auch die anderen Wüstenräuber mit dieser Lederschlinge ausgerüstet und wußten sie zu handhaben.

Doch warum ging der Beduine so vor? Ganz einfach! Verrat gegen Verrat!

Jetzt kam es darauf an, wie sich der Beduine benehmen würde, wenn er statt Calibans einen anderen fand.

Zwergnase war in der Gewalt des Lassowerfers,

»He, jü!« erklang es da im schönsten Danziger Platt. »Lat un tofräden, or ick laatsch di enn poor runner ...«

Ein leiser Schrei, dem kleinen Manne ward das Tuch vom Gesicht gerissen, er wurde freigelassen, der Beduine wandte sich zur Flucht, ein gellender Pfiff ertönte.

Schon aus dem leisen Schrei hatte Nobody genug gehört, jetzt wußte er wirklich alles, was passiert war.

»Gabriele, mein Weib! Halte sie fest, Jochen!!!«

Zu spät – Jochens Arme waren von dem Lederriemen noch an den Körper geschnürt – und da galoppierte hinter dem Felsen ein gelbes Roß hervor, schon nahm sie einen Anlauf, um in den Sattel zu springen – doch nur ein einziger Schritt, da kam von hoch oben eine weiße Gestalt herabgesaust, schlug dicht vor ihren Füßen, trotz des weichen Sandes, mit einem dumpfen Krachen nieder ... entsetzt war Gabriele zurückgeprallt, doch nur einen Augenblick, dann wollte sie sich mit einem gellenden Verzweiflungsschrei auf den Zusammengebrochenen werfen ... da richtete sich dieser schon wieder auf, sie wurde von zwei nervigen Armen umschlungen ...

»Ich lasse dich nicht, Gabriele, jetzt bist du mein für immer!!«

Aber sie gab nicht nach, und die ägyptischen Sterne beleuchteten die wilde Szene dort unten in der libyschen Wüste, wie ein Menschenpaar, das sich heiß liebte, in noch heißerem Kampfe miteinander um Tod und Leben rang ... wirklich um Tod und Leben, nur unter anderen Verhältnissen ... denn das Weib, dessen Burnus schon von frischem Blute gerötet war, von einer nachgesandten Beduinenkugel verwundet, hatte einen Dolch in der Hand und versuchte ihn in das eigene Herz zu stoßen, Nobody sah es wohl und wollte ihr die Waffe aus der Hand winden; um diesen Dolch ging der Ringkampf ... und da spritzt es rot auf, der warme Blutstrahl, der ihr Gesicht netzte, war aus des Mannes Brust gesprungen ... sie sah plötzlich sein Antlitz aschfahl werden ...

»Ich habe ihn ermordet!!!« gellte es, und da war es mit ihrer Kraft vorbei, die Reaktion trat ein, bewußtlos brach Gabriele zusammen.

 

Als sie wieder zu sich kam, wußte sie ganz bestimmt, daß sie in der Felsenwohnung in ihrem Bett lag, und sie wurde von einem unsagbar seligen Gefühle erfüllt.

Daran war ein Traum schuld. Zuerst allerdings mußte sie einen sehr bösen Traum gehabt haben, sie hatte noch ein unklares Bewußtsein davon, daß sie sich entsetzlich geängstigt hatte. Dann aber war es ihr gewesen, als seien menschliche Gestalten um sie herum, die es gut mit ihr meinten, besonders ein Mann, von dem etwas ausging, was sie mit jener unaussprechlichen Seligkeit erfüllte, wie überhaupt der ganze Zustand ein solcher war, für welche der Mensch noch keine Worte hat.

Dieser Mann hatte ihr zu trinken gegeben, dieser Mann hatte ihr Haar und ihre Wangen gestreichelt, und er hatte sie Gabriele genannt, und sie ihn Alfred, und das alles wußte sie ganz genau, obgleich sie ebenso bestimmt wußte, immer fest geschlafen zu haben. Auch fühlte sie sich so furchtbar schwach, und gerade diese Schwäche schien das selige Glück zu erzeugen.

»Ach, wenn es doch immer so bliebe!« murmelte sie traumverloren.

»Ja, warum kann es denn nicht immer so bleiben?« entgegnete fragend eine sonore Männerstimme.

Sie hatte die Augen aufgeschlagen, und sie sah ihn – Ihn, der den Inhalt ihrer Träume gebildet hatte, und mit einem verklärten Lächeln blickte sie in seine lieben Züge.

»Wie befindest du dich, meine liebe Gabriele? Bist du durstig?«

Er hatte zärtlich ihre Hand ergriffen, doch da erstarb das verklärte, es wich einem Ausdruck des Entsetzens – die Erinnerung war ihr zurückgekehrt.

»Ich habe Dich mit dem Dolche getroffen,« hauchte sie mit bebenden Lippen, »ich sah dein Blut fließen ...«

»Ach, das war ja gar nicht der Rede wert,« lachte er sorglos, »der Dolch ritzte nur meinen Oberarm, und ich bin etwas vollblütig. Das ist in den vier Tagen schon wieder geheilt.«

Einen Augenblick mußte die Erinnerung dem Staunen weichen.

»In – den – vier – Tagen?«

»Ja, ja, Gabriele, du hast vier Tage lang im Wundfieber gelegen. Aber es ist auch nichts weiter als ein Streifschuß gewesen, freilich ein tüchtiger, den dir deine treuen Wüstenräuber an der Brust beibrachten. Zwei Zoll weiter nach rechts, und wir hätten uns nicht lebendig wiedergesehen.«

Er hatte ihre Erinnerung wiederum geweckt, vielleicht mit Absicht. Hastig wollte sie ihm ihre Hand entziehen, und da ihr dies nicht gelang, schon wegen ihrer Schwäche nicht, wandte sie ihr Gesicht wenigstens der Wand zu.

»Laß mich – laß mich allein – laß mich und meine Schande fliehen!« stammelte sie mit herzzerreißender Stimme, der man ihren ganzen Jammer anhörte.

Und er konnte lachen!

»Gabriele, was machst du denn nur für Geschichten!«

Und da geschah das Wunder. Er hatte diese alltägliche, leere Redensart gelacht, aber es hatte in seinem Tone auch eine so unendliche Zärtlichkeit gelegen, auch im Drucke seiner Hand – und es wäre vielleicht gar nicht nötig gewesen, daß er noch weiter liebreich zu ihr gesprochen hätte – wie ihre Leiber und Seelen doch bereits zusammengehörten, wie jetzt auch ihr Blut zusammengeflossen, um den geschlossenen Bund rechtskräftig zu besiegeln – und sie hätten einander doch nichts vorzuwerfen und zu verzeihen, sie seien quitt, sie wären alle beide zwei scheinheilige Bösewichter gewesen – – diese tröstenden Scherze wären wahrscheinlich gar nicht nötig gewesen – »Gabriele, was machst du denn nur für Geschichten?!« – in dem herzlichen Tone lag der Zauber, der die Verwandlung zustande brachte – und da schwand der Eigensinn des kraftvollen Mädchens, das sich jetzt so hilflos wie ein schwaches Kind fühlte – und unter Tränen lachte Gabriele den geliebten Mann an.

 

Das Glück läßt sich nicht schildern.

Der große Philosoph Arthur Schopenhauer hat in längerer Abhandlung klargelegt, warum dies nicht möglich ist.

Der wahre Künstler braucht diese Beweisführung gar nicht gelesen zu haben, der fühlt ganz von allein heraus, daß er sich an die Schilderung eines glücklichen Zustandes im menschlichen Leben nicht heranwagen darf.

Ein echter, rechter Roman, der den Leser befriedigen soll, muß doch immer mit einer Heirat schließen. Erwachende Liebe, Sehnen, Ringen, Widerwärtigkeiten aller Art, Kummer und Schmerz – endlich siegt die Tugend doch – sie haben sich, Kuß, Schluß.

Da hört man oft den Leser sagen: gerade jetzt, wo die Geschichte hübsch wird, hört sie auf, und ich möchte doch so gern wissen, ob die beiden in ihrer Ehe glücklich sind.

Jawohl, der wahre Dichter wird sich hüten, dies versuchen zu wollen, denn er weiß, er ahnt es, daß sein Versuch jämmerlich mißglücken würde. Nur der Stümper probiert es, und der ist so beschränkt, daß er nicht einmal merkt, wie er immer wieder Fiasko macht. Die größten Dichter hingegen lassen ihren Helden lieber sterben im Augenblick des größten Glücks.

Es gibt nur eine einzige Art der Dichtkunst wie der Malerei, in welcher das Glück dauernd wiederzugeben ist, aber diese Form der Schilderung ist ohne Handlung – das ist die Idylle. –

Sie saßen Hand in Hand und engumschlungen auf dem Felsplateau und beobachteten schweigend, wie die Abendsonne mit purpurnem Scheine in der gelben Wüste untersank – ein Bild, in seiner Farbenpracht so wenig mit der Feder zu schildern wie das unaussprechliche Glück, von dem die beiden jetzt erfüllt waren – und daß Jochen Puttfarken mit seiner langen Nase in der Nähe hockte und mit dem Messer eine entsetzlich schmutzige Tabakspfeife auskratzte, störte das Idyll nicht – im Gegenteil, das gehörte dazu, denn seine Pfeife war verstopft gewesen, endlich hatte sie wieder Luft, und da war Jochen Puttfarken ebenfalls unsagbar glücklich, sein Gesicht strahlte vor eitel Seligkeit, und dazu wackelte er mit den Ohren.

Während diese drei Menschlein so überaus glücklich sind, die einen aus keinem anderen Grunde, als weil sie überhaupt noch leben und so Hand in Hand dasitzen dürfen, der dritte, aus dem jedenfalls viel triftigeren Grunde, weil seine Pfeife wieder Luft hat, wollen wir in möglichster Kürze alles erledigen, was wir noch wissen müssen, ehe wir in Nobodys Abenteuern hiermit einen Abschnitt eintreten lassen, um dann zu einem ganz neuen Thema überzugehen. Doch werden die Personen, welche jetzt nicht weiter behandelt werden, auch in diesem eine Rolle spielen.

Der sonst immer vom Zufall so begünstigte Nobody hatte ein kleines Unglück gehabt. Das Verhängnis der Wüstenräuber war auch sein eigenes geworden, freilich in viel geschwächterem Maße. Er drückte sich auch nur scherzend so aus.

Aber über den treulosen Beduinen hatte wirklich ein Verhängnis gewaltet. Um ihren Scheikh sofort in die Falle zu locken, hatten sie ihm die falsche Nachricht zugesandt, sie seien von Arnauten umzingelt, und ... da hatten sie den Teufel an die Wand gemalt!

Als sich die Beduinen nach der Flucht der Gefangenen in der Hyänenschlucht noch berieten, ob sie es jetzt noch wagen könnten, nach dem Geiergebirge aufzubrechen, als überhaupt noch eine allgemeine Verwirrung herrschte, da waren über die Ahnungslosen, welche keine Wachen mehr ausgestellt hatten, plötzlich die militärischen Wüstenreiter gekommen und hatten unter ihnen mit Gewehr, Revolver, Lanze und Säbel ein fürchterliches Blutbad angerichtet, selbst die auf Kamelen ruhenden Revolverkanonen und Mitrailleusen hatten mitgeholfen. Kaum der zehnte Teil der Räuber war lebendig in die Wüste entkommen.

Als Nobody davon erfahren, hatte er stündlich das Eintreffen von Soldaten im Geiergebirge erwartet, die nach der versteckten Felsenwohnung suchen würden, und hatte schon Vorbereitungen getroffen, um Gabriele als den ehemaligen Anführer der Räuberbande vor Nachstellungen zu schützen. Allein kein Mensch kam, keine Nachforschung amtlicherseits, gar nichts!

Auf welche Weise die ganze Sache im Sande der libyschen Wüste verlaufen ist, hat Nobody nie erfahren können. Uebrigens ist die Erklärung ja auch eine ganz einfache. Die verwundeten Räuber sind natürlich gefragt worden, wo Jussuf el Fanit sei, ob er sich unter den Toten oder Verwundeten befände oder ob er geflohen sei, nun mögen die Gefragten – vielleicht – auch erzählt haben, wie sich Jussuf el Fanit als ein Weib entpuppt habe und erst vorhin geflohen sei – aber das alles klang doch so unwahrscheinlich, und den Soldaten war doch so viel daran gelegen, als Helden und Befreier des Vaterlandes zu gelten, daß der amtliche Bericht einfach lautete: Wir haben Jussuf el Fanit mit seiner ganzen Bande vernichtet, das Land ist von der Geißel erlöst, ungehindert können die Karawanen fernerhin durch die Wüste ziehen – und damit basta!

Nun empfand Nobody dieses erfolgreiche Eingreifen des Militärs als schwere ›Geschäftsschädigung‹ – wie er sich nicht nur scherzhaft, sondern im Ernste ausdrückte. Denn bei allen Abenteuern war diesem Detektiv das › business ‹, das Geschäft, doch immer eine Hauptsache, die er nie aus den Augen ließ.

Das mit dem Wüstenräuber Jussuf el Fanit, der nie sein Gesicht zeigte, verbundene Geheimnis hatte er ja wirklich enthüllt, und was er hinter dem Schleier zu sehen bekommen, war ja auch sensationell genug.

Dieser geriebene Mann hätte es wohl sicherlich auch fertig gebracht, die ganze Räuberbande in sein Garn zu locken, sie gefangenzunehmen, und nun hätte er wieder einmal, wie er sich immer ausdrückte, und wie er es wirklich auch immer machte, ›von hinten angefangen‹.

Er wäre zu den englischen Salzhändlern gegangen, welche durch den Wüstenräuber so schwer geschädigt wurden, und hätte gesagt: »Was gebt ihr mir, wenn ich euch von dieser Geißel befreie, den Jussuf el Fanit und seine ganze Bande unschädlich mache?«

Aber – wohlverstanden – wenn er, der Privat-Detektiv Nobody, Berichterstatter von ›Worlds Magazine‹, sich hierzu verpflichtet hätte, dann hätte er die Räuber als Gefangene bereits in seiner Tasche gehabt! Das wäre der immer wiederkehrende Trick dieses Mannes gewesen, und die ganze Welt hätte mit Mr. World wieder einmal rufen können: »'s ist doch ein Teufelskerl!!«

Diesmal also war ihm das nicht gelungen, das Schicksal hatte es anders gewollt. Nun, wenn er es besonders auf pekuniären Erfolg abgesehen hatte, so hatte er trotzdem noch ein recht gutes Geschäft gemacht.

Erstens brachte ihm seine Frau – auch wenn Gabriele ihm nicht noch nachträglich rechtskräftig angetraut wurde – mit der Schatulle und dem anderen Inhalte des Panzerschrankes eine ganz erkleckliche Mitgift ein. Zweitens arbeitete Nobody, während Gabriele noch als Rekonvaleszentin in der Felsenwohnung weilte, an ihrer Seite bereits die Erzählung dieses ganzen Abenteuers mit dem weiblichen Wüstenräuber für seine Zeitung aus, und da diese neueste Sensation genügend zog, so war dies wiederum sein eigener Vorteil in Gestalt von barem Gelde. Und drittens konnte er als Beweise, daß alles auf Wahrheit beruhte, die zwischen Jussuf el Fanit und den englischen Salzhändlern abgeschlossenen Kontrakte vorzeigen, welche sich jetzt im Besitze des bekannten New-Yorker Multi-Millionärs und Rechtsanwaltes Edgard Falling befinden, der sie gegen schweres Geld für seine Sammlung von kuriosen Dokumenten kaufte. (Dieser Amerikaner erstand auch für zweiundeinehalbe Million Mark die Spazierstocksammlung des vorigen Prinzen von Wales, und wenn jemand irgend eine Kuriosität hat, so mag er sie nur an Rechtsanwalt Edgard Falling schicken, der kauft alles.) –

Caliban wurde laufen gelassen, desgleichen die beiden Araber, welche das Feuer geschürt hatten, um Nobody zu blenden, der durch das Bein geschossene Ali in Kairo einem Krankenhause übergeben.

Mr. Huxley und Mr. Wall aber wurden mitgenommen, desgleichen Margarete, als Gefangene, ohne Aufsehen zu erregen. In demselben Boote, welches Flederwisch zur Fahrt von Ismailia nach Kairo benutzt hatte, wurden sie unbemerkt nach dem Suez-Kanal transportiert und an Bord der Wetterhexe gebracht – zu einem Zwecke, den wir später kennen lernen werden.

Dann wurde die unterbrochene Fahrt nach den chinesischen Gewässern fortgesetzt, und es bedarf wohl weiter keiner Versicherung, daß auch Gabriele diese Reise mitmachte.

So war mit ihrer ersten Liebe zu einem Manne ihr phantastischer Plan gefallen, das Land ihrer Mutter vom englischen Joch zu befreien? Es wäre ja auch nur sehr vernünftig gewesen, hätte sie diese ganze Idee an den Nagel gehängt. Aber hatte sie nicht einen Schwur, wenn auch unüberlegt, getan, dies als ihre Lebensaufgabe zu betrachten, und so hatte sie also diesen Schwur vergessen?

Ja und nein. Wir haben schon oft genug gesehen, daß Nobody selbst nicht nur eine tüchtige Portion Phantasie besaß, sondern auch groß im Aushecken von phantastischen Projekten war, und Nobody war nicht der Mann, jemandem etwas zu nehmen, ohne ihm etwas anderes dafür zu geben – und wenn es auch nur eine Tracht Prügel gewesen wäre.

In diesem Falle aber gab Nobody dem geliebten Weibe anstatt des zerstörten ein neues Ideal, nur noch viel phantastischer und exzentrischer, daß kein anderer Mensch daraufgekommen wäre. Es zu verwirklichen, ward sozusagen seine Lebensaufgabe. In welchem Sinne er dieselbe zu lösen suchte, das werden schon die nächsten Erzählungen andeuten, die unter dem Haupttitel zusammengefaßt werden könnten:

 

Der Prinz von Monte Carlo.

Große Ausstattungsposse, verfaßt und in Szene gesetzt von Nobody und Kompanie.

 

Denn zunächst begab sich Nobody nicht mit nach jener Perleninsel, sondern an das nördliche Gestade des Mittelmeeres, nach Monte Carlo. Dort führte er mit Hilfe seiner Freunde zu einem bestimmten Zwecke die tollste Komödie auf, die je im menschlichen Leben in Szene gesetzt wurde. Nobody selbst tritt darin als der x-beinige, dickbäuchige Matrose Wilm auf und dirigiert geschickt das Ganze. Welche Rolle Kapitän Flederwisch hier spielt, werden unsere Leser bald selbst herausfinden, ebenso, daß das alles mit jener Felseninsel zusammenhängt, auf die wir Nobody später begleiten werden.

Wer sich aber Ende der siebziger Jahre in Monte Carlo aufgehalten hat, der wird sich auch der mysteriösen Persönlichkeit des sogenannten Prinzen von Monte Carlo erinnern, welcher damals die ganze Welt – oder doch die ganze Lebewelt – in Aufregung versetzte, ohne daß es jemandem gelang, das Rätsel zu lösen. Geheimnisvoll, wie der Mann, den man Prinz von Monte Carlo nannte, gekommen war, verschwand er eines Tages wieder, ohne die Maske seines Inkognitos gelüftet zu haben.

Hier nun wird das Rätsel zum ersten Male gelöst. Der herausgebende Verlag scheut sich nicht, eine Indiskretion zu begehen. In einer der nachfolgenden Erzählungen kommt wiederholt ein Steuermann Starke vor. Es ist dies in Wirklichkeit kein anderer als der jetzige Schriftsteller Robert Kraft, welcher ursprünglich Seemann, damals zweiter Steuermann auf Carnegies Jacht war und in Monte Carlo Nobodys intime Bekanntschaft machte.

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