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Des Seefahrers Nettelbeck Lebensgeschichte

Joachim Nettelbeck: Des Seefahrers Nettelbeck Lebensgeschichte - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDes Seefahrers Joachim Nettelbeck höchst erstaunliche Lebensgeschichte
authorJoachim Nettelbeck
year1994
publisherHerwig Verlag
addressGöppingen
isbn3-9801307-9-7
titleDes Seefahrers Nettelbeck Lebensgeschichte
pages7-199
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1821
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Hier in Hamburg fand ich eine neue Ladung für mich nach Lissabon. Von der Reise selbst ist nichts Besonderes zu berichten. In Lissabon besorgte seit langem der Korrespondent John Bulkeley die Geschäfte des Großschen Hauses. Eines Tages war ich von ihm zur Mittagstafel eingeladen. Auf dem Wege zu ihm kam ich über einen großen Platz, wo ich bereits aus der Ferne ein großes Menschengedränge bemerkte. Ich trat näher und sah ein riesiges Zelt, auf dessen Spitze zu meiner Verwunderung die preußische Flagge wehte.

Das mußte ich mir natürlich genauer ansehen. Ich drängte mich mit Mühe durch den Menschenhaufen, bis ich zum Eingang des Zeltes kam. Dort standen ein paar baumhohe preußische Grenadiere mit ihren hohen blanken Spitzmützen. Fast hätte ich die braven Landsleute hier unter fremdem Himmel treuherzig begrüßt, als ich noch zu rechter Zeit bemerkte, daß mich ein paar Wachspuppen getäuscht hatten. Anscheinend stand ich am Eingang eines Wachsfigurenkabinetts, dem diese martialischen Gestalten nur als Aushängeschild dienten. Neugierig beschloß ich einzutreten. Hinter solchen Türhütern mußte wohl noch mehr stecken, und so war es auch wirklich!

So getreu und natürlich, als ob er lebte, stand mitten im Zelt der alte König Friedrich. Ein Richterschwert hielt er in der Hand, und vor ihm lag ein Mann mit Weib und Kindern auf den Knien, die um Gerechtigkeit zu flehen schienen. Ihm zur Rechten war eine große Waage angebracht. In der einen Schale dieser Waage thronte eine Bildsäule der Gerechtigkeit, welche die andre, die mit Papieren und Akten angefüllt war, in die Höhe gehoben hatte. Zur andern Seite stand eine Gruppe preußischer Generale und Justizpersonen. Im Hintergrunde sah man in großen leuchtenden Buchstaben und in portugiesischer Sprache ein Schild: »Gerechtigkeitspflege des Königs von Preußen«. Darunter aber stand der Name »Arnold«. – Hier war also der berühmte Prozeß des Müllers Arnold dargestellt, der damals in ganz Europa Aufsehen erregt hatte. Wem dennoch das Ganze unverständlich blieb, dem half ein Ausrufer, der die Geschichte laut und pathetisch herzuerzählen wußte.

Alles horchte und schien tief davon ergriffen. Auch mir hämmerte das Herz. Ich wußte mich kaum zu fassen, ich drängte mich dicht an die Gruppe heran, und so gut ich die fremde Sprache radebrechen konnte, rief ich: »Mein König! Ich bin Preuße!« – Diese wenigen Worte fielen den Menschen, die um mich waren, wie Feuer in ihre Herzen. Die ganze Schar umringte mich, sank auf die Knie und hob die Hände zu mir empor. »Gloria dem König von Preußen!« rief der eine. – »Heil ihm!« der andre. – »Heil für die strenge Gerechtigkeit!« »Leuchtendes Beispiel für alle Regenten der Erde! Heil ihm!« Mit jedem Augenblicke vermehrte sich das Geschrei und Getümmel.

Die Tränen drängten sich mir aus den Augen. Ich neigte mich rings herum; ich legte die Hand aufs Herz; ich dankte stammelnd und suchte einen Ausweg durch die Menge. Zwar machten sie mir willig Platz, aber sie folgten mir und riefen: »Vivat der gerechte König!« – Nie in meinem Leben fühlte ich mich geehrter und glücklicher, ein Untertan des großen Friedrichs zu sein! Mein Herz ward mir zu schwer.

Endlich wankte ich wieder die Gasse hinauf, aber mit einem Schweife von Menschen hinter mir, der sich mit jedem Augenblick vergrößerte und den König von Preußen laut hochleben ließ. Mit Mühe flüchtete ich mich in das Haus meines Korrespondenten.

Hierauf erzählte ich meinen Tischgenossen das wunderbare Erlebnis. Ich berichtete auch die Arnoldsche Prozeßgeschichte, so gut sie mir bekannt war. Einer von den Kontoristen versicherte jedoch, über diesen Gegenstand noch genauere Auskunft geben zu können. Er holte eine kleine portugiesische Flugschrift, die in geschichtstreuer Darstellung dem Gerechtesten der Könige bei diesem Volke ein verdientes Ehrenmal setzte.

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