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Des Seefahrers Nettelbeck Lebensgeschichte

Joachim Nettelbeck: Des Seefahrers Nettelbeck Lebensgeschichte - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDes Seefahrers Joachim Nettelbeck hchst erstaunliche Lebensgeschichte
authorJoachim Nettelbeck
year1994
publisherHerwig Verlag
addressGppingen
isbn3-9801307-9-7
titleDes Seefahrers Nettelbeck Lebensgeschichte
pages7-199
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1821
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Joachim Nettelbeck

Des Seefahrers Joachim Nettelbeck höchst erstaunliche Lebensgeschichte

von ihm selbst erzählt

Am 20. September 1738 ward ich zu Kolberg geboren und bekam den Taufnamen Joachim. Sobald ich habe lallen können, stand mein Sinn darauf, ein Schiffer zu werden. Aus jedem Holzspan, aus jedem Stückchen Baumrinde, das mir in die Hand fiel, schnitzte ich kleine Schiffchen, rüstete sie mit Segeln von Federn oder Papier aus und ließ sie in Rinnsteinen, auf Teichen oder gar auf der Persante schwimmen.

Meines Vaters Bruder war Schiffer. Meine größte Freude hatte ich, wenn er mit seinem Schiffe hier im Hafen lag. Dann hatte ich zu Hause keine Ruhe, man mußte mich zur Münde lassen. O, welch ein vergnügtes Leben, wenn ich auf dem Schiffe war und bei den arbeitenden Schiffsleuten herumspringen durfte!

Als ich so etwa fünf oder sechs Jahre alt war, gab es hier bei uns und im Lande weit umher eine so schrecklich knappe und teure Zeit, daß viele Menschen vor Hunger starben. Der Scheffel Roggen galt den damals beinahe für unerschwinglich gehaltenen Preis von einem Taler acht Groschen. Von landeinwärts her kamen viele arme Leute nach Kolberg, die ihre kleinen hungrigen Würmer auf Schiebkarren mit sich brachten und Korn von hier holen wollten. Man erwartete nämlich in unserem Hafen Getreideschiffe, die der grausamen Not steuern sollten. Alle Straßen bei uns lagen voll von diesen unglücklichen, ausgehungerten Menschen. Meine Großmutter ließ täglich mehrere Körbe voll Grünkohl in unserem Garten pflücken und kochte einen Kessel voll nach dem anderen für unsere verschmachtenden Gäste. Mir ward das gern übernommene Ehrenamt zuteil, ihnen diese Speise in kleinen Schüsselchen zuzutragen. Da rissen mir denn Alte und Junge die Näpfe begierig aus der Hand oder auch wohl untereinander selbst vom Munde weg. Ich kann nicht aussprechen, welch einen furchtbaren Eindruck diese Szenen auf meine kindliche Seele machten.

Endlich langte ein Schiff mit Roggen auf der Reede an, dem sich tausend sehnsüchtige Augen und Herzen entgegenrichteten. Aber, o Jammer! Beim Einlaufen in den Hafen stieß es gegen ein Steinwehr des Hafendammes und nahm so beträchtlichen Schaden, daß es nur hundert Schritte weiter, der Münder Vogtei gegenüber, auf Grund sank. Sollte die kostbare Ladung nicht ganz verloren sein, so mußten schleunigst Anstalten getroffen werden, das verunglückte Fahrzeug wieder über Wasser zu bringen. Dazu wurden denn zwei Schiffe benutzt, die gerade im Hafen lagen und wovon das eine von meines Vaters Bruder geführt wurde. So konnte ich denn auch dieses Emporwinden aus nächster Nähe besehen. Mitunter ward ich auch wohl als unnütz und hinderlich beiseite geschoben. Um so besser habe ich all diese einzelnen Umstände im Gedächtnis behalten.

Ging nun auch das Wiederflottmachen des Schiffes glücklich vonstatten, so war doch das Korn durchnäßt und zum Vermahlen unbrauchbar. Die Hoffnung all der darauf vertrösteten Menschen war vereitelt. Die Kolberger Bürger kauften den beschädigten Roggen um ein Viertel des geltenden Marktpreises; und da mein Vater damals königlicher Kornmesser im Orte war, so ging auf diese Weise die ganze geborgene Ladung durch seine Hände. Jeder suchte mit seinem Kauf so gut als möglich zurecht zu kommen und ihn aufs schnellste zu trocknen. Alle Straßen waren daher mit Laken und Schürzen bedeckt, auf welchen das Getreide der Luft und der Sonne ausgesetzt wurde. Kurze Zeit darauf erschien ein zweites großes Kornschiff, und nun ward es endlich möglich, die fremde Armut zu befriedigen.

Im nächstfolgenden Jahre erhielt Kolberg durch des großen Friedrichs vorsorgende Güte ein Geschenk, das damals hierzulande noch völlig unbekannt war. Ein großer Frachtwagen voll Kartoffeln nämlich langte auf dem Markte an. Durch Trommelschlag erging in der Stadt und in den Vorstädten die Bekanntmachung, daß sich jeder Gartenbesitzer zu einer bestimmten Stunde vor dem Rathause einfinden sollte, da des Königs Majestät ihm eine besondere Wohltat zugedacht habe. Man ermißt leicht, wie alles in eine stürmische Bewegung geriet, und das um so mehr, je weniger man wußte, was es mit diesem Geschenk zu bedeuten habe.

Die Herren vom Rat zeigten nunmehr der versammelten Menge die neue Frucht vor, die hier noch nie ein menschliches Auge erblickt hatte. Dabei ward eine umständliche Anweisung verlesen, wie diese Kartoffeln gepflanzt und bewirtschaftet werden sollten. Besser wäre es freilich gewesen, wenn man eine solche Instruktion geschrieben oder gedruckt gleich mit verteilt hätte, denn in dem Getümmel achteten die wenigsten auf jene Vorlesung. Dagegen nahmen die guten Leute die hochgepriesenen Knollen verwundert in die Hände, rochen, schmeckten und leckten daran. Kopfschüttelnd bot sie ein Nachbar dem andern. Man brach sie auseinander und warf sie den anwesenden Hunden vor, die daran schnupperten und sie dann liegen ließen. Nun war ihnen das Urteil gesprochen. »Die Dinger«, hieß es, »riechen nicht und schmecken nicht, nicht einmal die Hunde mögen sie fressen. Was wäre uns damit geholfen?« – Ganz allgemein glaubte man, daß sie zu Bäumen heranwachsen, von welchen man zu seiner Zeit ähnliche Früchte herabschüttle. Alles dies ward auf dem Markte, dicht vor meiner Eltern Tür, verhandelt; es gab auch mir genug zu denken und zu verwundern und hat sich darum auch bis aufs Jota in meinem Gedächtnis erhalten.

Inzwischen ward des Königs Wille vollzogen und seine Segensgabe unter die anwesenden Garteneigentümer nach Verhältnis ihrer Besitzungen ausgeteilt, jedoch so, daß auch die Geringeren nicht unter einigen Metzen ausgingen. Kaum jemand hatte die erteilte Anweisung zu ihrem Anbau recht begriffen. Wer sie also nicht geradezu enttäuscht auf den Kehrichthaufen warf, ging doch bei der Auspflanzung so verkehrt als möglich zu Werke. Einige steckten sie hie und da einzeln in die Erde, ohne sich weiter um sie zu kümmern; andere – und darunter war auch meine liebe Großmutter – glaubten das Ding noch klüger anzugreifen, wenn sie diese Kartoffeln beisammen auf einen Haufen schütteten und mit etwas Erde bedeckten. Da wuchsen sie nun zu einem dichten Filz ineinander. Noch oft sehe ich in meinem Garten nachdenklich die Stelle an, wo die gute Frau solchergestalt hierin ihr erstes Lehrgeld gab.

Nun mochten aber wohl die Herren vom Rat gar bald in Erfahrung gebracht haben, daß es unter den Empfängern viele lose Verächter gegeben, die ihren Schatz nicht einmal der Erde anvertraut hatten. Darum ward in den Sommermonaten durch den Ratsdiener und Feldwächter eine allgemeine strenge Kartoffelbesichtigung veranstaltet und den Widerspenstigen eine kleine Geldbuße auferlegt. Das gab wiederum ein großes Geschrei und diente nicht gerade dazu, der neuen Frucht unter den Bestraften Freunde zu gewinnen.

Das Jahr nachher erneuerte der König seine wohltätige Spende durch eine ähnliche Ladung. Allein diesmal verfuhr man dabei höheren Orts zweckmäßiger. Es wurde zugleich ein Reiter mitgeschickt, der als geborener Schwabe des Kartoffelbaus kundig war. Er war den Leuten bei der Auspflanzung behilflich und besorgte ihre weitere Pflege. So kam also diese neue Frucht zuerst ins Land und hat durch immer vermehrten Anbau seitdem kräftig dazu beigetragen, daß nie wieder eine Hungersnot so allgemein und drückend bei uns hat um sich greifen können. Dennoch erinnere ich mich gar wohl, daß ich erst volle vierzig Jahre später, also 1785 etwa, bei Stargard zu meiner Verwunderung die ersten Kartoffeln im freien Felde ausgesetzt gefunden habe.

Ich mochte etwa in meinem achten Lebensjahre sein, als Pate Lorenz Runge mir neben anderen Weihnachtsgeschenken auch eine Anweisung zur Steuermannskunst in holländischer Sprache verehrte. Dieses Buch regte meine Phantasie so sehr an, daß ich Tag und Nacht darin studierte, bis mein Vater ein Einsehen hatte und für mich bei einem hiesigen Schiffer namens Neymann zwei Unterrichtstage wöchentlich in jener edlen Kunst ausmachte. Dagegen blieben die anderen vier Tage noch zum Schreiben und Rechnen bei meinem Lehrer Schütz bestimmt. Ein Jahr später aber ward die Steuermannskunst die Hauptsache und alles andere in die Neben- und Privatstunden verwiesen.

Mein Eifer für diese Sache ging so weit, daß ich im Winter, wenn des Nachts klarer Himmel war, oftmals bei strenger Kälte heimlich auf den Wall und die »Hohe Katze« ging und mit meinen Instrumenten die Entfernung der mir bekannten Sterne vom Horizont oder Zenit maß, um danach die Polhöhe zu berechnen. Meine Eltern glaubten natürlich, daß ich im warmen Bette steckte. Wenn ich dann des Morgens verfroren nach Hause kam, wunderte sich alles über mich und erklärte mich für einen überstudierten Narren. Schlimmer aber war es, daß man mich nun des Abends sorgfältiger bewachte und mich nicht aus dem Hause ließ. Dennoch suchte und fand ich oftmals Gelegenheit, bei Nacht wieder auf meine Sternwarte zu kommen, was mir aber manche schwere Ohrfeige von meinem Vater einbrachte.

Gleicher Lohn ward mir auch sonst noch für ähnlichen Eifer. Zu oft hatte ich gehört, daß ein Seemann vor allen Dingen gut klettern lernen müsse, um die Masten bei Tag und bei Nacht besteigen zu können. Ich war also sehr begierig, mich darin beizeiten zu üben. Hierzu fand ich eine erwünschte Gelegenheit durch die nähere Bekanntschaft mit dem Sohn des damaligen Glöckners. Er war in meinen Jahren und wollte auch Schiffer werden. Mit David kletterte ich außerhalb der Schulzeit in das Sparrenwerk und die Balkenverbindungen der großen Kirche bis hoch unter das kupferne Dach hinauf. Hier stiegen und krochen wir überall herum. Oftmals verirrten wir uns in der gewaltigen Verzimmerung dieses großen Gebäudes so sehr, daß einer vom anderen nichts wußte. Kamen wir dann wieder zusammen, so konnten wir uns nicht genug erzählen, wo wir gewesen waren und was wir gesehen hatten. Bis in die Spitze des Turmes krochen wir in dem inwendigen Holzverbande hinauf – so hoch, bis wir uns in dem engen Raume nicht weiter rühren konnten.

Bald aber wagten wir mehr. Es genügte uns nicht, bloß innerhalb der Kirche von Balken zu Balken zu schwingen. So kletterten wir denn auf das kupferne Dach. Wir stiegen durch die Glockenluken auf das Gerüst und von dort auf den First des kupfernen Kirchdaches. Im Reitsitz rutschten wir längshin vom Turm bis an den Giebel und auf gleiche Weise wieder zurück. Hundert und noch mehr Zuschauer gafften drunten zu unserer großen Freude nach uns beiden jungen Waghälsen in die Höhe. Auch mein Vater hatte sich das Kunststück mit angesehen. So konnte es nicht fehlen, daß mich bei meiner Heimkunft für diese Heldentat eine derbe Tracht Schläge erwartete.

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