Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Olga Wohlbrück >

Des Ratsherrn Leinius Tochter

Olga Wohlbrück: Des Ratsherrn Leinius Tochter - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorOlga Wohlbrück
booktitleDes Ratsherrn Leinius Tochter
titleDes Ratsherrn Leinius Tochter
publisherVerlag der Wiking-Bücher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070915
projectid2f8a4d39
Schließen

Navigation:

Es ist eine Geschichte noch aus den Urgroßmuttertagen – aus der Zeit der Postchaisen und Musselinkleider, der Vatermörder und der Romantik. Sie ist mir von meiner Großmutter erzählt worden, und ich habe lange geglaubt, sie sei ihr selbst passiert oder noch eher ihrer Mutter, dem resoluten Ratsherrntöchterlein aus dem Badischen.

Sängerinnen waren sie ja beide gewesen – Großmutter freilich nur kurze Zeit. Ein vornehmer Herr aus Hannover hatte sich in Italien in sie verliebt und sie auf sein Schloß heimgeführt. Als er später zu Hof kam, wurde Mama der Königin vorgestellt – seitdem durfte sie nie mehr erwähnen, daß sie einmal beim Theater gewesen. Als sie starb, hing Großvater eigenhändig ihr Bild in der Ahnengalerie des Schlosses auf, und es nahm sich da wirklich gut aus unter all den hochgeborenen Verwandten.

Die Urgroßmutter aber, die partout nicht hatte von der Bühne lassen wollen, auch dann noch nicht, als ihre Enkelinnen sich schon siebenzackige Krönlein in die Taschentücher sticken konnten, die Urgroßmutter, die in Paris zu den Hofkonzerten in den Tuilerien geladen wurde und dabei über den höfischen Schnickschnack die respektlosesten und mokantesten Bemerkungen machte, die kam zur Strafe natürlich nicht in die Ahnengalerie, sondern mußte allzeit in Großmutters Schlafzimmer verbleiben mit allen andern gewöhnlichen Tanten und Onkeln, nur etwas feiner eingerahmt und mit einem kleinen Immortellenkranz rund herum.

Ich glaube aber kaum, daß sie sich etwas aus dieser Strafe gemacht hat, denn sie soll bei Lebzeiten immer mehr Freude gefunden haben an tollen Abenteuern als an äußeren Ehren.

Und darum glaube ich auch, daß die resolute Kornelia Leinius niemand anderes war als meine liebe Urahne, die mit ihrem Mädchennamen allerdings Margarete von Renneberg hieß, aber auch Ratsherrntochter war und eines schönen Tags – wie die Familienchronik erzählt – ihrer verwitweten Mutter durchging, um sich einer ausländischen Sängerin anzuschließen, der sie ihre spätere Ausbildung zum Theater verdankte.

Großmutter hütete sich, allzu deutlich zu werden, denn Großvater hielt auf Familie und liebte keine Romantik. Um dem lieben Herrn seine Ruhe im Grab zu lassen, will ich auch jetzt keine weiteren Vermutungen mehr äußern, sondern die Geschichte, die mir die Großmutter so hübsch erzählte und so oft in ihren Einzelheiten wiederholen mußte, auf meine Art niederschreiben.

Und jedesmal setzte Großmutter da ein, wo die besagte Kornelia Leinius, »ein wirklich vornehmes Fräulein«, wie ein Bündel Wäsche aus der Postchaise auf die Landstraße geschleudert wurde – gleichsam um von vornherein den großen Mut und den Leichtsinn dieser Kornelia recht deutlich vor Augen zu führen ... und dann fuhr sie fort zu erzählen, so lebendig und umständlich, als wäre sie bei allen Reden und Gegenreden selbst dabeigewesen.

Also das Fräulein lag da, halb betäubt – denn beim Sturz war sie über den Straßengraben hinweg auf eine Baumwurzel gefallen, die als Vorläufer eines kleinen Wäldchens ihre knotigen Arme ausstreckte. Etwas weiter von ihr ab lagen zwei Handtaschen aus feinem Seehundsleder, und vor ihr erhob sich aus einer Pfütze, triefend und schmutzbedeckt, der Pferdejunge.

»Das ist Ihre Schuld, Fräulein ...«

Das Fräulein hörte es kaum – sie war ganz blaß geworden, und ein feiner Streifen roten Bluts sickerte langsam von ihrer Schläfe herab auf das hübsche graue Baregekleid mit blauen Schleifen. Der Junge greinte los.

»Heiliger Vater, ich fahre nach Haus ... der Alte schlägt mir die Knochen entzwei ... Fahren Sie mit, Fräulein! Wenn ich fix bin, kommen wir schon in vier Stunden an, und keiner merkt was; der Alte kehrt erst in der Nacht zurück ... Fräulein, so sagen Sie doch was!«

Er machte ein blitzdummes Gesicht und verzog weinerlich den breiten Wund.

»Troll dich, feiger Bengel,« hauchte das Fräulein.

»Ich kann Sie doch hier nicht allein lassen – es sind noch gut zwei Stunden bis zur Hauptstadt!«

»Scher dich zum Kuckuck, Bengel. Die Stadt finde ich ohne dich.«

Sie schloß die Augen vor Ärger, aber im Grunde war sie froh, den dummen Jungen los zu sein, der ihr durch seine Mitwisserschaft noch Ungelegenheiten bereiten konnte.

Er ließ es sich nicht zweimal sagen. Das Mädchen hörte nun ein großes Gepolter, Zungenschnalzen, Hüh- und Hottrufen, Ächzen und Klirren von Holz und Eisen, das Rasseln und Rattern eines halbdemolierten Vehikels auf der ausgefahrenen holperigen Landstraße, und endlich fühlte sie das Anwehen einer dichten Staubwolke, die ihr den Atem benahm.

Na gottlob, den Jungen war sie los. Was weiter? Sie fühlte sich so schwach und zerschlagen, der rechte Fuß tat ihr derartig weh, daß sie nicht aufstehen konnte.

»Die Karriere fängt gut an,« murmelte sie vor sich hin.

Ob die Stimme heil geblieben war? ... Sie versuchte eine Skala: ha–ha–ha–ha– ha–ha–ha–ha ... es ging; schwach und piepsig war's ja noch, aber das würde sich schon wieder geben ... Wenn sie nur aufstehen könnte – oha ... nein ... jetzt war's unmöglich, sie mußte doch warten. Ach du lieber Herrgott im Himmel, wer weiß, wann sie nun nach der Stadt kam; heute konnte sie jedenfalls die Demoiselle Pigeon nicht mehr aufsuchen, die göttliche Pigeon, die in der Residenz alle Köpfe verdrehte und vom Fürsten eine Zulage aus der Privatschatulle erhielt, weil die Stadtoper zu arm war, die herrliche Sängerin zu bezahlen.

Vor drei Monaten hatte Kornelia sie zum erstenmal gehört, als sie zu Besuch bei ihrer Freundin in der Residenz weilte. Seitdem stand es bei ihr fest – auch sie mußte singen lernen, auch sie mußte zum Theater. Es war ein Eindruck gewesen, wie wenn sie als armes Straßenkind plötzlich in einen herrlichen Palast versetzt worden wäre ... Sie staunte all die großen Wunder an und konnte es nicht fassen, daß es Leute gab, die immer in diesem Palast, immer inmitten dieser Wunder lebten.

Noch zweimal war sie in der Oper gewesen, und jedesmal wurde sie fester in ihrem Vorsatz. Die Freundin lachte sie immer aus, und Kornelia fuhr nach Haus, gekränkt und erbittert, weil sie merkte, daß sie von der Seite auf keine Beihilfe zu rechnen hatte.

Zu Haus war sie wie verwandelt.

Die Mutter mit ihrer häuslichen Geschäftigkeit und ihren interessierten Fragen nach den neuesten Häubchenmoden in der Residenz machte sie förmlich krank. Die Damen, die sie nach der Demoiselle Pigeon ausfragten – mit lüsternem Blinzeln und verächtlichem Tonfall, widerten sie an. Wenn sie von der großen Kunst der Pigeon erzählte, fragten die Damen nach den Namen ihrer Anbeter, wenn sie von ihrer »himmlischen Stimme« sprach, tuschelten die Damen von ihrer Leibwäsche, die mit echten Spitzen besetzt sei und bei der Hoflieferantin der Fürstin angefertigt worden wäre.

Am schlimmsten wurde es aber, als der Onkel, Oberst Leinius, von einem Besuch in der Residenz zurückkehrte und von der französischen Chanteuse in dem gleichen Ton wie von den Ballettmädchen sprach. Da gab's schon gar keinen Respekt vor der Kunst, und als Kornelia einmal mit heißen Wangen für ihr Idol eintrat, da er sich verpflichtet fühlte, den früh verstorbenen Vater zu vertreten: »Ein wohlerzogenes Fräulein hat sich überhaupt nicht um die Demoisellen vom Theater zu kümmern. Das ist liederlich Volk, mit dem unsereins nichts zu tun hat!«

Sie wäre ihm beinah ins Gesicht gesprungen damals.

Na überhaupt dieser Onkel Oberst! ... Kornelia hatte ihn als Kind nie anders als Onkel Mörder genannt, weil er mit Vorliebe seine Kriegserlebnisse zum besten gab. Und dieser Name war ihr lange Zeit weder mit Worten, noch mit Ruten auszutreiben gewesen. »Onkel Mörder« blieb er trotz seiner vielen Orden auf der Brust, und niemals konnte man sie bewegen, ihm einen Kuß zu geben. Sie hatte eine krankhafte Angst vor Blut, und in ihrer kindlichen Phantasie stellte sie sich den Oheim immer inmitten eines Schlachtfeldes vor, im Blut watend und alles, was ihm entgegenkam, mit eigenen Händen niedermetzelnd.

Nun erstreckte sich diese furchtbare Roheit sogar auf ihre angebetete Pigeon! ... Das würde sie ihm nie verzeihen!

Eines Tages erzählte der Onkel, die Pigeon bleibe nur noch wenige Tage in der Residenz und beabsichtige, einen deutschen Diener und eine deutsche Gesellschafterin mit nach Paris zu nehmen, denn sie habe so viel Gefallen gefunden an den Deutschen, daß sie ihre Sprache weiter üben wolle. Aber es entschlösse sich hoffentlich nicht bald ein braves deutsches Mädchen, zu einer französischen Theatermamsell zu gehen.

»Wer weiß!« sagte Kornelia und blickte herausfordernd ihren Oheim an.

Es dauerte nun gar nicht lange, und Kornelia hatte ihren Plan gefaßt. Ihre Papiere waren noch von ihrer Konfirmation her in ihrem Gewahrsam, und in einem seidenen Börschen hatten sich im Lauf der Jahre manche Dukaten angesammelt.

Der dumme Pferdejunge vom Fuhrherrn nebenan fand sich bereit, in Abwesenheit seines Herrn, der manchmal weit über Land fuhr, die alte ausrangierte Postkutsche anzuspannen und das Fräulein »plein carrière« nach der Residenz zu bringen, wofür sie ihm drei harte Taler versprach und gleich bei Beginn der Fahrt auszahlte.

Und eine Stunde, nachdem Kornelia zärtlichen Abschied von ihrer Mutter genommen und wie immer das Mitfahren zu einer entfernten Base, die auf einem Gut lebte, abgeschlagen hatte, setzte sie sich mit ihren zwei gepackten Handtaschen in die alte Karosse und – heidi ging's über Stock und Stein, immer im Galopp, daß die Pferde schäumten und schließlich voller Wut dem Jungen die Zügel aus den Händen rissen, so daß ein Malheur passieren mußte und es nur verwunderlich blieb, daß bei dem Malheur nicht mehr drauf ging als ein paar Speichen im Rad.

Darüber verwunderte sich eigentlich auch Kornelia, und als sie nun so an die tolle Fahrt dachte und an die Verzögerung, die diese unfreiwillige Ruhepause hier mit sich brachte, und sie schon gern ein bißchen geweint hätte vor Zorn über das Mißgeschick und den Tölpel von Jungen – da sah sie plötzlich rote kleine Blutperlen auf ihr hübsches graues Baregekleidchen niederträufeln. Als sie nun aber die Hand in jähem Schreck an die Schläfe legte, zuckte sie mit einem lauten entsetzten Schrei zusammen und fiel ohnmächtig zurück.

Da lag nun das wohlgeborene Fräulein Kornelia Leinius allein und verlassen auf der staubigen Straße wie eine Landstreicherin, während sich ihre Mutter gerade den duftigen Honig und das herrliche Obst im Garten der Base schmecken ließ, Demoiselle Pigeon im Gasthof der Residenz ein neues Kostüm anprobierte, das sie zu ihrer Abschiedsvorstellung anziehen wollte, und der Pferdejunge wie vom Teufel besessen nach Haus jagte.

Die Sonne sank immer tiefer, die Vögel wurden lebendig in den Zweigen und schüttelten die Trägheit des heißen Tags vom Gefieder. Eine Handtasche hatte sich beim Fallen geöffnet, und ein Stückchen wohlgelungenen Hauskuchens war herausgekollert. Die zwitschernden Straßenräuber stürzten sich auf das unerwartete Wahl, jubelten und flatterten, lockten andere herzu und machten großen Spektakel. Das Fräulein hörte immer noch nichts, sie lag da mit geschlossenen Augen, und die Spatzen wurden immer frecher und lauter.

Im Wald, dem Saum nahe, ging währenddessen ein Mann spazieren; er war sehr traurig, obwohl er jung war, von stattlicher Figur und mit seinem bleichem Gesicht. Er war einfach, aber doch städtisch gekleidet; in der Hand hielt er ein Buch, auf dessen Rand er selbst Reime niedergeschrieben, unbeholfene Verse, aus denen eine tiefbetrübte Seele und großes Leid sprachen. Aber jedem Wort hatte er ein Notenköpfchen hingemalt, und das Ganze war ein Lied, das er soeben aufgeschrieben, ein trauriges Lied, über das ein gelehrter Musiker wohl den Kopf geschüttelt hätte, das sich aber doch gut singen ließ für einen einfachen, unglücklichen Menschen.

Der junge Wann verwunderte sich arg ob des großen Vogelspektakels, und wiewohl er sonst nicht neugierig war für Dinge, die außerhalb seiner Gedanken und Träume lagen, so trat er doch hinaus auf die Landstraße und entdeckte auf diese Weise die schnabulierenden Vögel, die bei seinem Anblick – und weil auch der Kuchen schon ziemlich aufgepickt war – flügelrauschend aufflatterten. Gleich darauf sah er auch die zwei feinen Ledertaschen und weiter ab den ausgestreckten Körper eines Mädchens.

Heftig erschreckt eilte er hinzu und beugte sich über die regungslos Liegende.

Dabei sah er denn auch, daß sie noch lebte, sah auch, daß sie ein feines Kleid anhatte, und daß durch den zerrissenen Handschuh ein kostbarer Ring, mit Edelsteinen geziert, hervorglitzerte. Und ganz unwillkürlich zog er die hilfsbereite Hand wieder zurück, als fürchte er, die vornehme Dame zu entehren durch seine Berührung.

Doch nun hörte er ein leises Stöhnen und blickte um sich. Jenseit der Landstraße sickerte träge ein halbversiegtes Bächlein. Schnell holte er nun Wasser, das er in seinem festgefügten Strohhut auffing, und netzte mit seinem groben, aber schlohweißen Taschentuch Stirn und Schläfen der Ohnmächtigen. Als sie aber gar nicht zur Besinnung kommen wollte, sondern ihn mit irren Augen ansah und heiße Fieberhitze in die eben noch so bleichen Wangen stieg, da suchte er die verstreut liegenden Taschen zusammen, stellte sie unter einen Baum und hob rasch entschlossen die Kranke wie ein Kind auf seine Arme.

Mit fest zusammengepreßten Lippen, ohne ein einziges Mal anzuhalten, ohne das Mädchen weiter anzusehen, trug er es durch den kleinen Wald an der Mauer eines Kirchhofs vorbei bis vor ein luftiges, kleines, weißangestrichenes Haus, das sich mit seinen grünen Fensterladen und frischen Weinranken gar traulich inmitten eines blühenden Gärtchens ausnahm.

Eine kleine ältliche Frau, die sich hastig und scheu bewegte, stand auf dem niederen Altan und beschnitt die allzu tief herabhängenden Weinranken.

»Mutter, ich bringe eine kranke Dame.«

Die Frau wendete sich erstaunt und erschreckt um.

»Eine Dame ...? Zu uns, Christian?«

»Da gab's nicht viel zu überlegen, Mutter, in diesem Zustand kann man sie nicht nach der Stadt bringen.«

Er erzählte mit ein paar Worten, wie er sie gefunden, und die Frau beugte sich über das fieberhafte Gesicht der Kranken. Ihr Sohn hatte recht, sie mußte sie bei sich aufnehmen, wiewohl sie es ungern tat, denn sie mochte den gelehrten Herren Doktoren nicht ins Handwerk pfuschen. Aber da sie der Natur manch Geheimnis abgelauscht hatte, manche Salbe, manch schmerzstillendes Mittel aus gesammelten Kräutern zu bereiten wußte, so hatte sie manch armem Menschen wieder auf die Beine helfen, müssen. Bezahlen ließ sie sich dafür nicht. Das hätte schon ihr Mann, der Amadeus Lorch, nicht gelitten.

Der verdiente allein sein gutes Geld mit der Abdeckerei, auf der er drei Knechte beschäftigte, und hielt streng darauf, daß alles nach Ordnung und Gesetz zuging, denn er war seines Zeichens Scharfrichter – der Erste auf viele hundert Meilen Umkreis und der vierte seines Geschlechts.

»Wir wollen sie in Lisbeths Zimmer legen,« sagte die Lorchin, wie der Volksmund sie nannte, und half behutsam die Kranke die steile Wendeltreppe hinauftragen.

Lisbeth war Christians Schwester, die – ebenso fein und zart wie die Mutter – vor einem halben Jahr gestorben war und jedes bißchen Frohsinn aus dem Haus mitgenommen hatte, das Christian in seiner äußerlichen, ländlichen Heiterkeit wie ein Hohn vorkam. Hätten sie doch alle nach seiner Ansicht in irgendeinem verborgenen lichtscheuen Stadtwinkel wohnen müssen, nicht inmitten der lachenden, sonnigen Natur, in der alles zu Licht und Leben strebte und das schreckliche, verabscheute Gewerbe seines Vaters Lügen strafte.

Ein echtes, liebes Mädchenstübchen war es, das man Kornelia angewiesen hatte. An den Wänden hingen kleine, buntbemalte Bildchen: Rebekka am Brunnen; Magdalena zu des Heilands Füßen, seinen Worten lauschend, während Maria in einer Laube den Tisch deckte; Jairus Töchterlein in dem Augenblick, da Christus sie vom Tod erweckte; daneben war mit vier Stecknadeln eine kleine, ungeschickte Zeichnung an die Wand befestigt: eine Familie beim Tischgebet ... darunter stand in großen, ungelenken Schriftzügen: »Komm, Herr Jesus, sei unser Gast.«

In einer Ecke bauschte sich ein bunter Kattunvorhang über lichten Kleidern, die die Mutter wohl nicht das Herz gehabt hatte, zu entfernen, und auf einer hohen Truhe aus geschnitztem Holz stand ein zierliches Vogelbauer mit einem ausgestopften Kanarienvogel, der in früheren Tagen die kleine Bewohnerin des stillen Mansardenstübchens mit seinem schmetternden Sang beglückt haben mochte. –

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.