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Des Knaben Wunderhorn / I. Band

Achim von Arnim: Des Knaben Wunderhorn / I. Band - Kapitel 213
Quellenangabe
typepoem
booktitleDes Knaben Wunderhorn Bd. I
authorAchim von Arnim und Clemens Brentano
year1987
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-001250-3
titleDes Knaben Wunderhorn / I. Band
pages7-415
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1805
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Ja wir fühlen es, wie die Sprache unter dem gewaltigen Triebe in solchen Punkten sich weitet, wir sehen dagegen die ruhige sinkende Erde asiatischer Steppen in der stillen Versteinerung (Steinfermentation) allmählig allem lebenden Eindrucke sich verschließen, jene Freiheit alter Sprache, die Starrheit der heutigen, sie sagen mehr, als ich sagen mag. Doch dieses wie so manches andere wunderbare Lied ist aus den Ohren des Volkes verklungen, den Gelehrten allein übrig blieben, die es nicht verstehen, alle Volksbücher sind so fortdauernd blos von unwissenden Speculanten besorgt, von Regierungen willkührlich leichtsinnigEs wäre mir leicht einige zu nennen, bey denen recht gute kräftige alte Bücher verboten, die seichtesten dafür eingeführt, doch hilft das nichts, vielleicht hilft ihnen diese Betrachtung, um schlechte moralische Komödien-Lieder und Schriften dem Volke nicht weiter aufzudrängen, daß keiner über das Heiligste schlecht schreiben kann, der nicht selbst schlecht ist, sie werden dann auch den Widerstand des Volks gegen neue Gesangbücher verstehen lernen. beschränkt und verboten, daß es fast nur ein Zufall, oder ein hohes Schicksal, wie uns so manches Wunderschöne in diesen Tagen angemahnt hat, zu fühlen und zu wissen, zu ahnden, zu träumen was Volkslied ist und wieder werden kann, das Höchste und das Einzige zugleich durch Stadt und LandWarum Tiek vor allen frühern Bearbeitern und Herausgebern ein unsterbliches Verdienst zukommt. das wird jedem mitfühlenden Leser seine herrliche Einleitung zu den Lalenbürgern bewähren; nicht Neugierde, sondern reiner Sinn für ihren Werth bestimmte ihn, er hielt das Große vom Gemeinen frey. Ich würde der beiden Jahrgänge des von Nicolai besorgten feinen Almanachs mit Lob erwähnen, wenn nicht durch die angehefteten schlechten Spässe, wunderliche Schreibart und Ironie gegen Herder die Wirkung dieser schätzbaren Sammlung aufgehoben worden. . Aber in den Gelehrten, wie sie vom Volke vergessen, so liegt gegenseitig in ihnen der Verfall des Volks, das tiefere Sinken der Gemüther, die Unfähigkeit mit eigenwilliger froher Ergebenheit dienen und mit unbesorgtem allgemeinen Willen zu befehlen, ja bis zur Unfähigkeit des Vergnügens, was die tiefste Entartung andeutet, die fast aufgegebene Freiheit des Lebens. – Die Gelehrten indessen versassen sich über einer eigenen vornehmen Sprache, die auf lange Zeit alles Hohe und Herrliche vom Volke trennte, die sie endlich doch entweder wieder vernichten oder allgemein machen müssen, wenn sie einsehen, daß ihr Treiben aller echten Bildung entgegen, die Sprache als etwas Bestehendes für sich auszubilden, da sie doch nothwendig ewig flüssig seyn muß, dem Gedanken sich zu fügen, der sich in ihr offenbahrt und ausgießt, denn so und nur so allein wird ihr täglich angeboren, ganz ohne künstliche Beihülfe. Nur wegen dieser Sprachtrennung in dieser Nichtachtung des besseren poetischen Theiles vom Volke mangelt dem neueren Deutschlande großentheils Volkspoesie, nur wo es ungelehrter wird, wenigstens überwiegender in besondrer Bildung der allgemeinen durch Bücher, da entsteht manches Volkslied, das ungedruckt und ungeschrieben zu uns durch die Lüfte dringt, wie eine weisse Krähe: wer auch gefesselt vom Geschäfte, dem läst sie doch den Ring niederfallen des ersten Bundes. Mit wehmüthiger Freude überkömmt uns das alte reine Gefühl des Lebens, von dem wir nicht wissen, wo es gelebt, wie es gelebt, was wir der Kindheit gern zuschreiben möchten, was aber früher als Kindheit zu seyn scheint, und alles, was an uns ist, bindet und lößt zu einer Einheit der Freude. Es ist, als hätten wir lange nach der Musik etwas gesucht und fänden endlich die Musik, die uns suchte! –

Es wird uns, die wir vielleicht eine Volkspoesie erhalten, in dem Durchdringen unserer Tage, es wird uns anstimmend seyn, ihre noch übrigen lebenden Töne aufzusuchen, sie kommt immer nur auf dieser einen ewigen Himmelsleiter herunter, die Zeiten sind darin feste Sprossen, auf denen Regenbogen Engel niedersteigen, sie grüßen versöhnend alle Gegensätzler unsrer Tage und heilen den großen Riß der Welt, aus dem die Hölle uns angähnt, mit ihrem Zeigefinger zusammen. Wo Engel und Engel sich begegnen, das ist BegeisterungSie weiß nichts davon, daß die Alten das Schöne gesucht und die Neuen das unterlassen: Ob es wohl einer kann lassen das Schöne nicht zu finden, oder es kann finden, wenn er es sucht! Alles was mit Lust im Gemüthe sich aufthut und findet ist schön, sey es Himmel oder Hölle, nur das Zufällige ist häßlich, aus kindischen Strichen wird nie ein Apollokopf, und ein Mahler der aus willkührlichen Punkten Gruppen zeichnet, macht höchstens eine Klingenprobe seines Genies, so der Dichter aus Endreimen. Der Mahler benuzt was ihm die Erfahrungen über die Farben geben, der Farbe in seinem verschlossenen Auge sich zu nähern, der Dichter was ihm die Sprache giebt, schaffend im widerstrebenden Stoff, der Reimer legt witzig zusammen, was lange schon vorhanden, er leimt eine Blume aus verschiedenen Blättern zusammen, die Fugen nennt er Originalität, die Leute verwundern sich erst darüber, dann sehen sie, daß alles daran welkt. , die weiß von keinem Streit zwischen Christlichem und Heidnischem, zwischen Hellenischem und Romantischem, sie kann vieles begreifen und was sie begreift, ganz, und rein, ein Streit des Glaubens wird ihr Wahnsinn, weil da der Streit aufhört, wo der Glaube anfängt; noch wahner der Streit über KunstAssonanz und andre Aeußerungen der Spracheinigung sind den Gebildeten bis auf unsre Zeit fremd gewesen, von den simpeln Recensenten verspottet, von ihren Freunden geheimnisvoll angepriesen, das Volkslied hat sie ohne Anmaßung, erkennt sie ohne Zwang, und zeigt sogar ihren besseren Gebrauch in Werken, die nicht für die Assonanz gewirkt sind, sondern nur in der Assonanz werden konnten. , welche nur ein Ausdruck des ewigen Daseyns. Wo Kugel auf Kugel trift, da sinken beyde einträchtig zusammen, wie die Hexameter zweyer Homeriden. Wen die Musik nur einmal wirklich berührt, den drängt und treibt sie etwas aufzusuchen, was nicht MusikSie hat in der Erfindung der Harmonie ein eichenfestes Haus sich erbaut, nicht in der Harmonie, wie sie in Büchern steht, sondern wie sie im Kopfe guter Instrumental-Komponisten, oder solcher Tonkünstler klingt, welche die Stimme als Instrument gebraucht haben, in Kirchenmusiken. Daraus folgt aber nicht die Nothwendigkeit dieser Harmonie, wo die Musik wieder im Worte gebunden erscheint. , worin sie ihre vorübereilende Macht binden kann. Im Alterthume scheint die Musik der Plastik näher verbunden, vor den Götterbildern tönend zu erscheinen, war ein Fest, die Memnonseule ist uns ein Symbol dafür; vielleicht war Musik eben so in der Zeit der Mahlerey dieser sehr nahe; allgemeiner ist Musik und ursprünglicher (bey uns besonders an den Ufern der Donau) dem Tanze, (am Rheine) dem Worte verbundenAus einem sehr erklärlichen Misverständnisse bey denen, die einer der Künste nur mächtig sich gern genügen wollten, entstand musikalische Poesie und poetische Musik, wenn aber etwas Poesie werden könnte, wäre es nicht Musik geworden, und umgekehrt. Diese beyden edlen Sinne des Geistes befinden sich dabey wie in der Fabel Storch und Fuchs bey gleicher Schüssel.
. Der deutsche Tanz, das einfache Zeichen der Annäherung, Verbindung und Aneignung wächst an den Ufern der Donau, bis zur reichsten inneren Bedeutsamkeit im oberösterreichischen Ländrischen, die Musik wächst und wetteifert mit ihm in hoher Erfindsamkeit und der Sinn beschränkt sich immer fester auf die gemeinschaftliche eigne Bildung des VolksWie nur sehr große Künstler andre fremde Meisterwerke lieben können, so hat auch der Haufe dort eine Abneigung gegen fremdartige Musik. So lieb es mir wäre, wenn der gute Geist der Zeit am Wiedermusiziren der Volkslieder sich rechtschaffen übte, so traurig ist mir, daß ich viele der besten Volksmelodieen aus Unkenntniß nicht mittheilen kann, weil doch vielleicht nur eine große innere Melodie für jedes vorhanden, ob die früher oder später einem Menschen ins Ohr fällt, das kann keiner sagen, aufhorchen kann jeder. . Es ist nicht jene wohlige frohmüthige Zärtlichkeit durch Schwaben und Oesterreich, die uns in den unzerrissenen Gegenden des Rheins ergreift, es ist öfter ein Spott der Liebe in der Liebe, ein Uebermuth, der sich verzagt stellt, ein Kind das sich vor unsern Augen hinter einen Strauch stellt, heraus rufend: Wo bin ich? So ist Melodie und auch ihr Wort, wo sie zu Worten kommt, in der Liebe (die sich selbander Einsamkeit ist), beym Weine, beym Jagdtreiben, auf Wallfahrten, oder wo das Alter die Sehnen der Füße abspannt:

Es ist nit lang, daß es g'regnet hat,
Die Bäumli tröpfle noch,
Ich hab einmal ein Schätzl gehabt,
Ich wollt ich hätt es noch.

Dagegen singen wohl die Jungen:

In dem Wasser schnalzt der Fisch,
Lustig wer noch ledig ist.

Was von den Sizilianern erzählt wird, die spielende Freudigkeit, in der alles zum Liede wird und ohne die Nichts ein Lied, die findet sich fast dort allein, wo ein Blat mit Reimen, die sie an Bildern, oder in Jagdbüchern absuchenEin trefflicher Aufsatz über Arbeits- Handwerks- Kinderlieder und Tanzlieder, der besonders den Unterschied zwischen dem deutschen Tanze und dem Reihentanze, so wie die eigene Natur des Schleifers mit Enthusiasmus entwickelt (im Bragur III. T. S. 207-284.) ist leider nicht vollendet, viele der dort erwähnten Lieder wünschte ich gerne ganz mittheilen zu können. , jung und alt erfreut. Als zwey eigenthümliche Wiederklänge dieses Sinns, welche statt zu wiederholen, die Worte umkehren sind die tiefgefühlten Berglieder der Bayrischen und Tyroler Alpen zu hören, so auch die rein witzigen Lieder, wie sie zur Zeit des Faschings in den Tanzkellern der Wiener Vorstädte umgehen, die kommen und gehen wie die Wünsche, wie die Sorgen der Zeit, ohne der Ewigkeit eingedruckt zu werdenDoch zur Probe einige aus dem Jahre 1802.

    1) Aus einem räthselhaften Quodlibet, oder eine Kaskonade:
Potz tausend, schaut fort läuft die Katz,
Geh Plasl lauf, halts auf,
Ein jeder Mensch hat seinen Schatz,
In diesem Lebenslauf.
Als d'Jungfer noch ein Jungfer war,
Hat's keine mehr seyn mögen,
Ich wust es alles auf ein Haar,
Ihr Pelz der hing voll Regen.
2) Aus einer Beschreibung der Neuigkeiten im Prater:
Auch ist eine Hütte, wie ihr wohl wißt,
Da last man sich wägen, wie schwer als man ist,
Ich ging auch einmal hin,
Z' wissen, wie schwer ich bin?
Der Kerl war ein Flegel, er sprach: Hörts der Herr,
Sie sind gewiß ein Schneider und sind gar nicht schwer.
Wer damit nicht zufrieden, noch mehr sehen will,
Geh grade von da aus zum Ringlspil,
Da drehen sich zwey und zwey
Rund herum in der Reih,
Oft schreien die Medeln, nicht gar so geschwind,
Es ist nicht wegen meiner, es ist wegens Kind.

Das Verhältniß dieser Lieder zu den Nationalopern der dortigen Vorstädte, wird schon aus diesen Proben fühlbar, die meisten dieser Singespiele sind der Anlage nach schön, ungeschickt und leer in der Sprache, gewöhnlich aber nur durch Fortsetzungen unangenehm.

. –

Vom Tanze verlassen in der Sommereinsamkeit, zu einfach anderer Kunst singt der Hirte an den Quellen des Rheins dem ewigen Schnee zu:

Ist noch ein Mensch auf Erden,
So möcht ich bey ihm seyn.
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