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Des Knaben Wunderhorn / I. Band

Achim von Arnim: Des Knaben Wunderhorn / I. Band - Kapitel 208
Quellenangabe
typepoem
booktitleDes Knaben Wunderhorn Bd. I
authorAchim von Arnim und Clemens Brentano
year1987
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-001250-3
titleDes Knaben Wunderhorn / I. Band
pages7-415
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1805
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Ritter Peter von Stauffenberg
und die Meerfeye.

Wahrhafte Geschichte Herrn P. v. St. Straßburg bey
B. Jobins Erben 1598.

I. Romanze.

            Vorüber zieht manch edler Aar,
Herr Peter ein theurer Ritter war,
Er war so keusch, er war so rein,
Wie seines Antlitz edler Schein,
Er war bereit zu jeder Zeit,
Zu Schimpf, zu Ernst, zu Lust, zu Streit.

In junger Kraft, in fremdem Land,
Sein Mannheit machte ihn bekannt,
Als er nach Hause kehrt zurück,
Bedenkt in sich sein hohes Glück,
Langsam zur Burg hinauf thut reiten,
Was sieht sein Knecht zu einer Seiten?

Er sieht ein schönes Weib da sitzen,
Von Gold und Silber herrlich blitzen,
Von Perlen und von Edelstein,
Wie eine Sonne reich und rein,
Der Knecht winkt seinen Herrn zu sich:
»Gern diente dieser Fraue ich!«

Der Ritter grüßt in großer Zucht,
Er drückt an sich die edle Frucht:
»Ihr seyd es Ritter, edler Herr,
Das Wunder das mich treibet her,
In allen Landen, wo ihr wart,
Hab ich euch glücklich stets bewahrt.«

»Kein schöner Weib hab ich erblickt,
Ich lieb euch wie es aus mir blickt.
Ich sah euch oft im tiefsten Traum,
Jezt glaub ich meinen Sinnen kaum,
Wollt Gott, ihr wärt mein ehlich Weib,
In Ehren dient ich eurem Leib.«

»Nun so wohl hin, sprach da die Zart:
Auf diese Red hab ich gewart,
Ich zog dich auf mit Liebeskraft,
Die alles wirkt, die alles schafft,
Ich bin die Deine, ewig dein,
Doch must du auch der Meine seyn.

Nie darfst du nehmen ein ander Weib,
Dir eigen ist mein schöner Leib,
In jeder Nacht, wo du begehrst,
Und Macht und Reichthum dir beschert,
Ein ewig endeloses Leben,
Will ich durch meine Kraft dir geben.

Unangefocht wirst du nicht bleiben,
Man wird dich treiben, dich zu weiben,
Wo dus dann thust, red ich ohn Zagen,
So bist du todt in dreyen Tagen;
Sieh weg von mir und denke nach,
Was dir dein eignes Herze sagt.«

»Nun herzigs Weib ist dem also,
So werdet meiner Treue froh,
Was soll ich für ein Zeichen haben,
Daß ihr von mir wollt nimmer lassen?«
»So trag von mir den goldnen Ring,
Vor Unglück schützet dich der Ring.«

Mit spielendem Kuß er Abschied nahm,
Zur Messe er nach Nußbach kam,
Da ging er mit den Kreuzen auch,
Und nahte sich dem Weiherauch,
Sein Leib und Seel er Gott befahl,
Er sollt ihn schützen überall.


II. Romanze.

                  Als er auf Stauffenberg nun kam,
Schnell sprang da ab der edle Mann,
Ein jeder wollt ihn sehen, hören,
Ein jeder wollt ihn höher ehren,
Von seinen Dienern große Eil,
Von Fraun und Mädchen groß Kurzweil.

Zu Bette trachtet nur der Herr,
Nach seiner Frau verlangt er sehr,
Viel herrlich Rauchwerk ward gemacht,
Das Bett verhängt mit großer Pracht,
Den Dienern bald erlauben thät,
Daß sie sich legten all zu Bett.

Er zog sich ab, sezt sich aufs Bett,
Und zu sich selber also redt:
»O hätt ich sie im Arm allein,
Die heut ich fand auf hohem Stein!«
Als er die Worte kaum noch sprach,
Die Schöne er mit Augen sah.

Viel froher Minne sie begehn,
Sie mochten einander ins Herze sehn,
Wenn einer thät dem nachgedenken,
So möchte ihn wohl die Sehnsucht kränken.
Als er erwachte, glaubt ers kaum,
Er fand den Ring, sonst wars ein Traum.


III. Romanze.

                    »Ihr wisset nun zu dieser Frist,
Daß unser Geschlecht im Abgang ist,
So nehmt ein Weib, berühmt und reich,
Ihr seyd schon jedem Fürsten gleich,
Wir bringen euch viel Fräulein schön,
Die euch gar gerne alle sehn.«

Herr Peter war erschrocken sehr,
Sein Bruder schweiget, da sprach der Herr:
»Ich dank euch edle Brüder mein,
Doch kann es also noch nicht seyn,
Zur Kaiserkrönung geh ich hin,
Nach Ruhm und Ehre steht mein Sinn.«

Die Meerfey gab ihm diesen Rath,
Sie hat es ihm voraus gesagt,
Sie giebt ihm Gold und edlen Schmuck,
Wie keiner ihn so herrlich trug,
Sie küsset ihn und warnet ihn,
Daß er sich nicht geb Weibern hin.


IV. Romanze.

              Der Zierlichste meinte ein jeder zu seyn,
Der Stauffenberger zog auch ein,
Seins Gleichen war zugegen nicht,
Der so zierlich einher ritt,
Der König nahm sein eben wahr,
Dazu die Frauen ernsthaft gar.

Trommeten fingen an zu blasen,
Die Pferde fingen an zu tosen,
Da lustig ward so Roß als Mann,
Wie das Turnier gefangen an,
Herr Peter alle darnieder rennt,
Er macht dem Rennen bald ein End.

Als nun der Abend kam herbey,
Von neuem ging Trommetenschrey,
Als sie zu Hof gegessen hatten,
Den fürstlichen Tanz sie allda thaten,
Des Königs Base schön geziert,
Den ersten Dank in Handen führt.

Von Gold und Perlen diesen Kranz,
Dem Ritter sezt sie auf zum Tanz,
Thät auf das gelbe Haar ihm setzen,
Thät freundlich ihm den Finger pfetzen,
Gab ihre Lieb ihm zu verstehn,
Durch manchen Blick schön anzusehn.


V. Romanze.

                    Der König lag in seinem Bett,
Des Nachts seltsam Gedanken hätt,
Und seine Gedanken gingen ein
In seiner Base Schlafkämmerlein,
Und immer schwerer kamen wieder,
Wie Bienen ziehn vorn Schwärmen nieder.

Am Morgen schickt er seinen Zwerg,
Zu Peter Herrn von Stauffenberg:
»Die Base mein von hoher Art,
Die Fürstin, jung und reich und zart,
Die will ich geben euch zum Weib,
Mit ihrem Kärntnerland und Leut.«

Kein Wort kam aus den Ritters Mund,
Erschrocken stand er da zur Stund:
»Mein Red halt mir für keinen Spott,
Und nimm hiemit zu Zeugen Gott,
Daß es mein ewger Ernst fürwahr,
Daß euer die Fürstin ganz und gar.«

Herr Peter sprach mit großen Treuen,
Der hohe Lohn könnt ihn nicht freuen,
Wie er der Meerfey schon verlobt,
Der Untreu sey der Tod gelobt,
Sonst sey er frey von Noth und Leid,
Mit Gut und Geld von ihr erfreut.

»Weh eurer Seele an dem Ort,
Sie ist verloren hier und dort,
Seht Gottes Auge nimmermehr,
Wenn ihr euch nicht von ihr abkehrt;
Sollt ihr 'nen Geist zum Weibe haben,
Nie werden euch die Kinder laben.

Dem Teufel seyd ihr zugesellt,
Ihr armer Mann! Ihr theurer Held!«
So sprach der Bischof und der König,
Der Ritter sagt darauf zum König:
»Es geht mir tief zu meinem Herzen,
Und Gottes Gnad will nicht verscherzen.«

Herr Peter ward verlobt sogleich,
An Gold und edlen Steinen reich,
O heller Glanz der Jungfrau fein,
Wem strahlet er mit Freudenschein.
Nach Stauffenberg sie ziehen fort,
Zu feyern ihre Hochzeit dort!

Ihr düstren Wälder auf dem Wege,
Was streckt die Aeste ihr entgegen,
Viel froher Schaaren ziehen ja,
Mit hellem Klange fern und nah,
Mit bunten Bändern, Scherz und Streit,
Ist alles Lust, ist alles Freud.


VI. Romanze.

                  Auf Stauffenberg zur ersten Nacht,
Zur schönen Frau sein Herze dacht,
Alsbald an seinem Arme lag,
Die sein mit steten Treuen pflag,
Sie weinte, sprach: »Nun wehe dir,
Du folgtest gar zu wenig mir.

Daß du ein Weib nimmst zu der Eh,
Am dritten Tag du lebst nicht mehr,
Ich sag dir was geschehen muß,
Ich lasse sehen meinen Fuß,
Den sollen sehen Frau und Mann,
Und sollen sich verwundern dran.

So nun dein Aug den auch ersieht,
So sollst da länger säumen nicht,
Denn es sich immer anders wendt,
Empfangt das heilge Sakrament,
Du weist, daß ich dir Glauben halten,
Auf ewig sind wir nun zerspalten.«

Mit nassem Aug sie zu ihm sprach:
»Herr denket fleißig nach der Sach,
Ihr dauret mich im Herzen mein,
Daß ich nicht mehr kann bey euch seyn,
Daß mich nun nimmer sieht ein Mann,
Ich fall in ewger Liebe Bann.«

Dem Ritter liefen die Augen über:
»Soll ich denn nie dich sehen wieder,
So seys geklagt dem höchsten Gott,
Der ende balde meine Noth,
Ach daß ich je zu Ruhm gekommen,
Daß mich ein fürstlich Weib genommen.«

Sie küßte ihn auf seinen Mund,
Sie weinten beide zu der Stund,
Umfingen einander noch mit Lieb,
Sie drückten zusammen beyde Brüst:
»Ach sterben das ist jezt euer Gewinn,
Ich nimmermehr wieder bey euch bin!«


VII. Romanze.

                  Kein Hochzeit je mit solcher Pracht,
Gehalten ward bis tief in die Nacht,
Viel Lieder und viel Saitenspiel,
Man hörte in dem Schlosse viel,
Und alles bey dem Tische saß,
Man war da fröhlich ohne Maaß.

Sie saßen da im großen Saal,
Alsbald da sah man überall,
Die Männer sahens und die Frauen,
Sie konnten beyde es anschauen,
Wie etwas durch die Bühne stieß,
Ein Menschen-Fuß sich sehen ließ.

Blos zeigt er sich bis an die Knie,
Kein schönern Fuß sie sahen nie,
Der Fuß wohl überm Saal erscheint,
So schön und weiß wie Elfenbein,
Der Ritter still saß bey der Braut,
Die schrie auf und schrie laut.

Der Ritter, als er den Fuß ersah,
Erschrack er und ganz traurig sprach:
»O Weh, o Weh, mir armem Mann!«
Und wurde bleich von Stunde an.
Man bracht ihm sein kristallnes Glas,
Er sah es an und wurde blaß.

Er sah in dem kristallnen Pokale,
Ein Kind das schlief beym lauten Mahle,
Es schlief vom Weine überdeckt,
Ein Füßchen hat es vorgestreckt,
Doch wie der Wein getrunken aus,
So schwand das Kindlein auch hinaus.

Der Ritter sprach: »Der großen Noth,
In dreyen Tagen da bin ich todt.«
Der Fuß, der war verschwunden da,
Ein jeder trat der Bühne nah,
Wo doch der Fuß wär kommen hin,
Kein Loch sah man da in der Bühn.

All Freud und Kurzweil war zerstört,
Kein Instrument wurd nimmer gehört,
Aus war das Tanzen und das Singen,
Turnieren, Kämpfen, Fechten, Ringen,
Das alles still darnieder leit,
Die Gäste fliehn in die Felder weit.

Die Braut nur bleibt bey ihrem Mann,
Der Ritter sieht sie traurig an;
»Gesegne dich du edle Braut,
Du bleibest bey mir, hast mir vertraut.«
»Durch mich verliert ihr euer Leben,
In geistlichem Stand will ich nun leben.«

Das heilge Oel empfing er dann,
Nach dreyen Tagen rief der Mann:
»Mein Herr und Gott in deine Händ,
Ich meine arme Seele send,
Mein Seel thu ich befehlen dir,
Ein sanftes Ende giebst du mir.«

Ein Denkmahl ward ihm aufgericht,
Von seiner Frau aus Liebespflicht,
Dabey sie baut die Zelle klein,
Und betet da für ihn so rein:
Oft betend kam die Meerfey hin,
Sie sprach mit ihr aus gleichem Sinn.

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