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Des Knaben Wunderhorn / I. Band

Achim von Arnim: Des Knaben Wunderhorn / I. Band - Kapitel 204
Quellenangabe
typepoem
booktitleDes Knaben Wunderhorn Bd. I
authorAchim von Arnim und Clemens Brentano
year1987
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-001250-3
titleDes Knaben Wunderhorn / I. Band
pages7-415
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1805
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Schwere Wacht.

1. Jungfrau und Wächter.

Aus einer Sammlung ungedruckter Minnelieder im Besitz von C. B.

                Von hoher Art ein Fräulein zart,
Hört ich dem Wächter klagen,
Aus Herzens-Qual, zum erstenmal
Wollt sie die Liebe wagen,
Sie sprach: »Geselle mein Ungefälle
Ist nah und bringt mir Schmerzen,
Ach Wächter gut, ein argen Muth
Trag ich in meinem Herzen.«

»Einem werthen Mann, dem wünsch ich an,
Viel Glück und Heil mit Treuen,
Sein Tugend groß findt niemand blos,
Auf ihn ist wohl zu bauen,
Daß er wohl sey alles Wandels frey,
Ein Mann von hohen Ehren.«
»O Wächter mein, mag es wohl seyn,
So hilf mir Freude mehren.

Gut, Wächter! ich kann ihn ohne dich,
In mein Gemach nicht bringen,
O wolle mir nach meiner Begier,
Mein Leid nun helfen wenden,
Ich sag fürwahr, daß immerdar
Mit Gab ich dir's vergelte,
Kömmt er herbey, gut Wächter frey,
Den Gast gen niemand melde.«

Der Wächter sprach: »Zart Frau ich lach,
Thut mirs nicht übel kehren,
Meine Treu ich gab auf all mein Hab
Ein Eid mußt ich wohl schwören,
Und mit der Hand ich mich verband,
Des Herren Schad zu wenden,
Frau, daß ich thu, muth mir nicht zu,
So darf mich niemand schelten.

Mein Herr gebot mir auf den Tod,
Da er von hier wollt scheiden,
Zu wachen wohl, ich Wächter soll
Es thun bey meinem Eide,
Er sprach: Mit Schall sing, ruf und kall,
Sey munter an der Zinnen,
Hab in der Hut, mein Schloß und Gut,
So lang ich bin von hinnen.

Er sprach noch mehr, bey Treu und Ehr,
Thu's ehrlich mit mir meinen,
Wollt hier ein Gast eindringen fast,
So werf ihn todt mit Steinen,
Falsch Weg und Steg mit Sorg verleg,
Den Schaden mein zu wehren,
Hüt Wächter recht, getreuer Knecht,
Dein Gut will ich dir mehren.

Frau, ihr wißt wohl, daß ich nicht soll,
Thun Schaden mit Untreuen,
Dem Herren mein, es brächt mir Pein,
Und würd mich selbsten reuen.«
»Deinem Ungefäll, Wächter Gesell,
Will ich nun wohl vorkommen,
Folg meiner Lehr, mein Jungfrau Ehr
Soll mir seyn unbenommen.

Dazu dein Leib soll durch mich Weib,
Mit Lieb wohl seyn behütet,
Du siehest sonst das Mägdlein nie
Die hoch dein Lieb vergütet,
Der werthe Gast dein Leid und Last
Wird nehmen mit von hinnen,
Das Mägdlein gut, bringt dir den Muth,
Laß uns all drey gewinnen.«

2. Der lustige Geselle.

Frische Liedlein.

                Die Sonn die ist verblichen,
Die Stern sind aufgegangn,
Die Nacht, die kommt geschlichen,
Frau Nachtigal mit ihrem Sang,
Der Mond ist aufgegangen,
Da ruft ein Wächter gut:
»Und welcher hat Verlangen,
Und ist mit Lieb umfangen,
Der mach sich auf die Fahrt!«

Das erhöret ein Geselle,
Der schreit dem Wächter zu:
»Ach Wächter traut Geselle,
Gib deinen Rath dazu,
Wie ich das soll angreifen,
Daß ich käm vor die Thür?«
»Gar heimlich sollst du schleichen,
Ehe der Wächter thät pfeifen,
Daß man dich gar nicht spür.«

Der Knab trat gar verborgen,
Vor ihr Schlafkämmerlein,
Er sprach zu ihr mit Sorgen:
»Zart schönes Jungfräulein,
Neu Mehr will ich euch sagen,
Da ist kein Zweifel an,
Es lieget einer im Hage,
Der führt ein schwere Klage,
Es mag euer Buhle seyn.«

Die Jungfrau sprach mit Sinnen:
»Es hat dich sonst gedeucht,
Der Mond hat mir geschienen,
Die Stern han mir geleucht.«
»Der Mond der hat geschienen,
O zartes Jungfräulein,
Er liegt in grüner Aue,
Sein Leib ist ihm zerhauen,
In großen Treuen zwar.«

Die Jungfrau schrack gar sehre,
Ihr Herz war Leides voll,
Sie wollt kein Freud mehr hören,
Die Botschaft schmerzt ihr wohl,
Ein Hemd thät sie umschnüren,
Ein Hemdlein, das war weiß,
Den Knaben sie erblicket,
Ihr Herz vor Freud erquicket,
Gehrt ihn mit ganzem Fleiß.

Der Knab der thät sich schmiegen,
Gar freundlich an ihre Brust,
Sie thät den Knaben drücken
Mit ihrem freundlichen Kuß,
Der Knab fing an zu ringen
Mit der Jungfrauen zart,
Der Wächter an den Zinnen,
Fing an ein Lied zu singen,
Ein schöne Tageweiß:

»Gesegn dich Gott im Herzen,
Zart edles Fräuelein,
Du bringst meinem Herzen Schmerzen,
Es mag nicht anders seyn,
Von dir muß ich mich scheiden,
Zart edles Fräuelein,
Ich schwing mich über Heiden,
In Braun will ich mich kleiden,
Durch Veil und grünen Klee.«

3. Variazion.

Frische Liedlein.

        Aus hartem Weh, klagt sich ein Held,
In strenger Hut verborgen:
»Ich wünsch ihr Heil, die mir gefällt,
Komm schier löß mich aus Sorgen,
O weiblich Bild, wie schläfst so lang,
Willst du die Klag nicht hören,
Laß dich erwecken mein Gesang,
Schick dich zu Liebes Anefang,
Dein Lieb will mich bethören.«

Ein freier Wächter hört die Mähr,
Lag still an seiner Zinnen,
Er fragt, wer hier verborgen wär,
So hart nach Lieb thät ringen:
»Ey komm her Held, willt mir vertraun,
Dein Klag hilf ich dir decken,
Sehnst dich so hart nach meiner Frau,
Ohn Zweifel sollst du auf mich baun,
Freundlich will ichs auferwecken.«

»Mein Trauen gänzlich zu dir setz,
Wächter, O freyer Geselle!
Mein Kleid laß ich dir hie zuletz,
Mach uns kein Ungefälle:
Geh hübschlich dar, nimm dir der Weil,
Laß auch dein Gespan nicht merken,
Die Thürmer sehn aus Langeweil,
Schau daß dich keiner übereil.
Zu Hoffnung thu mich stärken.«

»Wach auf, herzallerliebste Frau,
Hört jämmerlichen Schmerzen,
Es singt ein Held vor grüner Au,
Fürwahr thu ich nicht scherzen.
Legt an Euer Wad, besorgt Euch nicht,
Euch soll nichts wiederfahren,
Merkt eben dem zu sein Gedicht,
Wie ihn ein Liebe aneficht,
Euer Liebe thut selbst bewahren.«

Der Held hub an zum drittenmal,
Groß Freud thät er da nehmen,
Er nahet zu des Herren Saal,
Dabey sie sollt erkennen,
Daß er ihr treuer Diener wär,
Sollt Gesellschaft mit ihm pflegen:
»Ach Wächter, ich hör gute Mähr!
An deiner Red spür ich kein Gefähr,
Schweig still, b'hüt uns vor Sorgen.«

Die Frau den Held gar schön empfing,
Küßt ihn an seinem Munde,
Zu rechter Lieb er mit ihr gunt,
Macht ihr viel Freud und Wonne,
Der Wächter sprach: »Nun lieget still,
Kein Sorgen thut Euch nahen,
Fürwahr ich Euch des Tages Ziel,
Mit ganzen Treuen nennen will,
Ich will Euch nicht verführen.«

Sie lagen lang in großer Lust,
Ihr Freud thät sich nur mehren,
Er griff ihr lieblich an ihr Brust:
»Thu dich zu mir herkehren.«
»Ich hör Antwort, der Wächter schreit,
Daß wir uns müssen scheiden,
Es nahet warlich nach der Zeit,
Daß ich von dir muß in die Weit,
in Schwarz will ich mich kleiden.«

Der Wächter sah am Firmament,
Daß sich die Nacht wollt enden:
»Ein scharfer Wind von Orient,
Thut uns den Tag hersenden,
Die Hähnlein krähen auf dem Hag,
Die Hündlein wollen jagen,
Die Nachtigal sizt auf dem Zweig
Singt uns eine süße Melodei,
Steht auf es will nun Tagen.«

Aus süßem Schlaf da ward erweckt,
Ein Fräulein minniglichen:
»Ach wie so sehr hat mich erschreckt,
Ein Wunder tugendlichen,
Der Ehren Gunst, der Liebe Kunst,
Die Stern sind abgewichen,
Nun scheid von mir, mein höchster Hort,
Red' vor mit mir ein freundlich Wort,
Der Tag hat uns erschlichen.«

»Ach und auch Weh, klagt sich ein Held,
Wie soll ichs überwinden;
Dazu noch wie einm schönen Weib,
Ich muß den Tag verkünden.«
Gar sehr erschrack die Auserwählt,
Nahm Urlaub von dem Reinen,
Ihr Herz hat sich zu ihm gesellt,
Das Fräulein thät vor ihrem Held,
Gar heftiglichen weinen.

»Gesegn dich Gott der uns beschuf,«
Redt es die schöne Fraue:
»Nach dir steht mir mein täglich Ruf,
Behüt dich Gott vor Leide.
Und spar mich zu dein Wiederfahrt,
Laß dich darmit nichts merken,
Dein Scheiden kränkt mich also hart,
Ich fürcht es wird gestiftet Mord,
Die Lieb läst sich nicht decken.«

Beschluß.

Herders Volkslieder. I. T. S. 118.

            Es wollt das Mädchen früh aufstehn
Und in den grünen Wald spazieren gehn.

Und als sie nun in den grünen Wald kam,
Da fand sie einen verwundeten Knabn.

Der Knab der war von Blut so roth,
Und als sie sich verwand, war er schon todt.

»Wo krieg ich nun zwey Leidfräulein,
Die mein fein Knaben zu Grabe weinn?

Wo krieg ich nun sechs Reuterknabn,
Die mein fein Knaben zu Grabe tragn?

Wie lang soll ich denn trauren gehn?
Bis alle Wasser zusammen gehn,

Ja alle Wasser gehn nicht zusammn,
So wird mein Trauren kein Ende han.«

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