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Des Knaben Wunderhorn / I. Band

Achim von Arnim: Des Knaben Wunderhorn / I. Band - Kapitel 112
Quellenangabe
typepoem
booktitleDes Knaben Wunderhorn Bd. I
authorAchim von Arnim und Clemens Brentano
year1987
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-001250-3
titleDes Knaben Wunderhorn / I. Band
pages7-415
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1805
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Der unschuldige Tod des
jungen Knaben.

Fliegendes Blat.

                Es liegt ein Schloß in Oesterreich,
Das ist ganz wohl gebauet,
Von Silber und von rothem Gold,
Mit Marmorstein gemauert.

Darinnen liegt ein junger Knab,
Auf seinen Hals gefangen,
Wohl vierzig Klafter unter der Erd,
Bei Ottern und bey Schlangen.

Sein Vater kam von Rosenberg,
Wohl vor den Thurm gegangen:
»Ach Sohne, liebster Sohne mein,
Wie hart liegst du gefangen!«

»Ach Vater, liebster Vater mein,
So hart lieg ich gefangen,
Wohl vierzig Klafter unter der Erd,
Bey Ottern und bey Schlangen.«

Sein Vater zu dem Herrn hinging,
Sprach: »Gebt mir los den Gefangnen,
Drey hundert Gulden geben wir,
Wohl für des Knaben Leben.«

»Drey hundert Gulden die helfen euch nicht,
Der Knabe der muß sterben,
Er trägt von Gold eine Kett' am Hals,
Die bringt ihn um sein Leben.«

»Trägt er von Gold eine Kett' am Hals,
Die hat er nicht gestohlen,
Hat ihm ein zart Jungfrau verehrt;
Dabey sie ihn erzogen.«

Man bracht den Knaben aus dem Thurm,
Gab ihm die Sakramente:
»Hilf reicher Christ vom Himmel hoch,
Es geht mit mir am Ende.«

Man bracht ihn zum Gericht hinaus,
Die Leiter muß er steigen:
»Ach Meister, liebster Meister mein,
Laß mir eine kleine Weile!«

»Eine kleine Weile laß ich dir nicht,
Du möchtest mir entrinnen,
Langt mir ein seiden Tüchlein her,
Daß ich seine Augen verbinde.«

»Ach meine Augen verbinde mir nicht,
Ich muß die Welt anschauen,
Ich seh sie heut und nimmermehr,
Mit meinen schwarzbraunen Augen.«

Sein Vater beim Gerichte stand,
Sein Herz wollt ihm zerbrechen:
»Ach Sohne, liebster Sohne mein,
Dein'n Tod will ich schon rächen.«

»Ach Vater, liebster Vater mein,
Meinen Tod sollt ihr nicht rächen,
Brächt meiner Seele schwere Pein,
Um Unschuld will ich sterben.

Es ist nicht um das Leben mein,
Noch um meinen stolzen Leibe,
Es ist um meine Frau Mutter daheim,
Die weinet also sehre.«

Es stund kaum an den dritten Tag,
Ein Engel kam vom Himmel,
Sprach: Nehmt ihn vom Gerichte ab,
Sonst wird die Stadt versinken!

Es währet kaum ein halbes Jahr,
Der Tod, der ward gerochen,
Es wurden auf drey hundert Mann
Des Knaben wegen erstochen.

Wer ists, der uns das Liedlein sang,
So frey ist es gesungen?
Das haben gethan drey Jungfräulein,
Zu Wien im Oesterreiche.

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