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Gutenberg > Ludwig Fulda >

Des Esels Schatten

Ludwig Fulda: Des Esels Schatten - Kapitel 2
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDes Esels Schatten
authorLudwig Fulda
year1921
firstpub1921
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart und Berlin
isbn
titleDes Esels Schatten
pages121
created20091016
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Aufzug

Der Marktplatz von Abdera

Rechts vorn das stattliche Haus des Archon, mit Eingang an seiner seitlichen Front und einer Marmorbank an seiner Vorderseite. Links vorn Tempel der Aphrodite. Den Hintergrund nimmt das Rathaus ein, mit einem um mehrere Stufen gegen den Platz erhöhten Säulenvorbau, vor dessen beiden Mittelsäulen ein Marmorsessel für den Richter steht.

Erster Auftritt

Demokrit (sitzt links vorn auf den Stufen des Tempels, ganz in tiefe Beschaulichkeit versunken). Lichas, Kleophanes (zwei feine Herrchen, kommen von links geschlendert und begegnen dem) Eubuleus (der von rechts hinten selbstbewußt einherstolziert)

Lichas. Da kommt Eubuleus.

Kleophanes (ihm entgegen).     Teurer, sei gegrüßt.

Eubuleus. Seid mir gegrüßt, Kleophanes und Lichas.

Lichas. Ein schwüler Tag.

Kleophanes.                     Ein äußerst schwüler Tag.

Eubuleus. Ihr nehmt, beim Zeus, das Wort mir aus dem Mund.
Ein schwüler Tag, recht angetan zur Einsicht,
Wie groß der Scharfsinn unsrer Väter war, 8
Die hier, grad hier den Marktplatz angelegt,
Wo ringsum Häuser stehn, die Schatten werfen.

Lichas. Und wir, indem wir diesen Scharfsinn rühmen,
Bezeugen klärlich, daß wir ihn geerbt.

Eubuleus. Sehr gut gesagt.

Kleophanes.                     Vorzüglich.

Lichas.                                               Oder hat
Man je gehört von einem Abderiten,
Der auf die Welt kam ohne hellen Kopf?

Kleophanes. Das wär' ein Widerspruch in sich.

Eubuleus.                                                       Bloß Einer,
Versehentlich geboren in Abdera,
Schlug aus der Art. (Auf Demokrit zeigend)
                            Dort sitzt er.

Kleophanes.                                   Ja, der Narr
Der Querkopf Demokrit.

Eubuleus.                             Zwölf lange Jahre,
Stellt euch das vor, zwölf Jahre hat in Ländern,
So fern, daß uns ihr Name kaum bekannt,
Er sich herumgetrieben.

Kleophanes.                       Unbegreiflich!

Eubuleus. Und jetzt, vor kurzem endlich heimgekehrt,
Was tut er? Nützt er seine Zeit wie wir
Zu wichtigen Geschäften? Pflegt wie wir
Gewählten Umgang? Fügt sich unserm Zuschnitt?
Nein, Anstoß gebend lungert er umher,
Glotzt in die Luft und redet mit sich selbst,
Recht wie ein Tagedieb.

Kleophanes.                       Laßt uns ihn aufziehn!
        (Sie treten an ihn heran)
He, Landsmann, he! – Was schaffst du da? – Was treibst du? –
Hält dich das Spiel der Mücken so gebannt?

Lichas. Es scheint, er hört nicht gut. 9

Kleophanes (lauter).                       He, Demokrit!

Demokrit (wendet sich lächelnd ihnen zu).
Ihr wünscht?

Lichas.               Wir wüßten gerne, was du tust.

Demokrit. Je nun, ich denke.

Kleophanes (spottend).           Denkt euch doch, er denkt!

Lichas. Und das ist alles?

Demokrit.                       Das ist alles, freilich.

(Lachen der Drei)

Lichas. Das nennt er etwas tun!

Kleophanes.                             Haha, für uns
Wär' das so gut wie nichts getan.

Demokrit.                                         Das glaub' ich.

Eubuleus. Doch was, du Denker, hast du dir gedacht,
Da, mündig kaum, du deiner Vaterstadt
Den Rücken wandtest und so lang' sie miedest?

Demokrit. Wollt' mich ein wenig umsehn außerhalb.

Lichas. Und hast ein Dutzend Jahr' dazu gebraucht?

Demokrit. Ja, weil die Welt beträchtlich ausgedehnter,
Als von Abderas höchstem Dach sie scheint.

Eubuleus. Doch ist Abdera nicht ihr Mittelpunkt?

Demokrit. Von hier besehn, gewiß; und ihr sogar
Die Mittelpunkte dieses Mittelpunktes.

Eubuleus. Drum, hoff' ich, wirst am Ende deiner Müh'
Du Weitgereister uns Daheimgebliebnen
Schamvoll gestehn: Es gibt nur ein Abdera.

Demokrit. Unzweifelhaft! Nur ein Abdera gibt es.
Doch Abderiten traf ich überall.

Kleophanes. So trafst du wohl auch mitten auf dem Weg
Die unsichtbaren kleinsten Teilchen an,
Woraus, wie man erzählt, nach deiner Meinung
Die Welt besteht?

Demokrit.                   Sie treff' ich hier erst recht. 10

Eubuleus. Hier?

Lichas.               Wo denn?

Kleophanes.                       Zeig'!

Demokrit.                                     Ist doch von euch ein jeder
Des großen Alls unsichtbar kleiner Teil.

Kleophanes. Haha, wir klein!

Eubuleus.                             Unsichtbar wir, die Spitzen
Des Bürgertums, die Löwen der Gesellschaft?

Demokrit. Vom nächsten Dorf aus nicht mehr wahrzunehmen,
Um wieviel weniger vom nächsten Stern.

Lichas (halblaut, zu Eubuleus).
Er weiß nicht, was er redet.

Kleophanes (hat nach rechts geblickt). Laßt, ihr Freunde,
Den Einfaltspinsel! Dort im Säulengang
Entdeck' ich einen bessern Zeitvertreib:
Iris, die Tänzerin, hier angelangt
Vorgestern gradenweges aus Athen,
Wo höchlich man sie schätzt.

Eubuleus.                                   Was den Athenern
Gefällt, gefällt uns drum noch lange nicht.

Lichas (nach rechts blickend).
Hübsch aber ist sie.

Eubuleus (ebenso).         Hübsch! Das geb' ich zu.

Kleophanes. Und jedenfalls nicht spröde.

Eubuleus.                                               Mindestens
Nicht gegenüber Männern unsres Rangs.

Kleophanes. Die Zeit ist günstig. Unsre frommen Frauen
Sind zum Gebet im Tempel Aphroditens
Und wir vor ihnen sicher. Drum geschwind!

(Alle drei schleichen auf Zehen davon, nach rechts vorn) 11

Zweiter Auftritt

Demokrit (versunken wie vorher). Arethusa, Phila, Glauke (kommen aus dem Tempel, von) Theopomp (bis an dessen Schwelle geleitet)

Theopomp (der unwiderstehliche schöne Mann, mit pfäffischer Salbung).
Wohl euch, ihr Zierden edler Weiblichkeit!
Erneute Huld verheißt euch Aphrodite
Durch meinen, ihres Oberpriesters Mund.

Arethusa (ihn beiseite nehmend, leis und zärtlich).
Dank, Theopomp.

Phila (ebenso).               Dank, lieber Theopomp.

Glauke (ebenso). Dank, allerliebster, süßer Theopomp.

(Theopomp ab in den Tempel)

Arethusa. Man schreitet vom Altar der Liebesgöttin
Doch stets getröstet heimwärts.

Phila.                                             Und erquickt.

Glauke (nach rechts deutend).
Dort – unsre Männer!

Phila.                               Richtig!

Arethusa.                                       Welches Ziel
Beflügelt ihren Fuß bei solcher Hitze?

Glauke. Seht nur!

Phila.                   Ja, seht nur!

Arethusa.                                 Traut man seinen Augen?!
Sie flattern um das Weibsbild aus Athen,
Die durch und durch bedenkliche Hetäre!

Phila. Als wären sie nicht ehelich gebunden!

Glauke. Als nähmen wir's mit ihr an Reiz nicht auf!

Arethusa. Nenn', Glauke, nicht in einem Atem uns
Mit jener. Zu gewaltig ist der Abstand.

Phila. Doch unsre Männer hüpfen drüber weg. 12

Arethusa. Nur weil sie arglos auf den Köder beißen,
Den ausgelernte Buhlschaft ihnen wirft.

Phila. O, seht nur!

Glauke.                 Seht!

Arethusa.                       Ich sah bereits genug.
Die weltberümte Reinheit unsrer Sitten
Schwebt in Gefahr; ja, ganz Abdera wankt,
Wenn man's nicht schirmt vor diesem Ärgernis.
Laßt uns zum Archon gehn.

Phila (Leukippe gewahrend).         Hier seine Gattin.

Dritter Auftritt

Vorige. Leukippe (ist aus dem Haus des Archon getreten)

Arethusa (ehrerbietig). Gruß dir, Leukippe.

Leukippe.                                               Gruß, ihr Teuren, euch.

Arethusa. Vernimm! Wir kamen eben aus dem Tempel . . .

Leukippe. Da will ich eben hin.

Arethusa.                                 Da sahn wir . . . (nach rechts deutend) Schau!

Phila (beiseite, zu Glauke).
Absichtlich geht sie später zum Gebet
Als wir, um Theopomp allein zu finden.

Glauke. Verlornes Mühn, ich wette drum.

Phila.                                                     Ich auch.

Arethusa (zu Leukippe). Nun, wie bedünkt dich das?

Leukippe.                                                             Mir ganz unfaßbar
Wie Männer Augen haben für ein Weib,
Das nicht ihr eignes ist. Mein Mann, der Archon,
Zum mindesten hat Augen bloß für mich.

Glauke (beiseite, zu Phila). Wer's glaubt.

Arethusa.                                           Um so gerechter unsre Fordrung,
Daß er dem Unheil steuert. 13

Leukippe.                               Seid gewiß,
Ich selbst vertrete sie. (Nach hinten gewandt) Da kommt er grad
Vom Rathaus mit den Führern der Parteien.

(Sie treten alle etwas nach links zurück)

Vierter Auftritt

Vorige. (Ans dem Rathaus kommen debattierend) Archon (in der Mitte), Physignatos, Kinesias (zu seinen beiden Seiten und bewegen sich langsam nach vorn)

Archon (wohlgenährter, großspuriger Machthaber).
Ein Meisterstück war deine Rede heut,
Kinesias; ein gleiches Meisterstück
War deine Gegenrede, Physignatos.
Doch was ergibt sich draus?

Physignatos (selbstgefälliger Streber). Vermehrte Macht
Gebührt der Oberschicht.

Kinesias (engstirniger Parteimensch). Der Unterschicht.

Physignatos. Zu viele Freiheit hat das Volk.

Kinesias.                                                   Zu wenig.

Physignatos. Die Zügel sind zu locker.

Kinesias.                                             Sind zu straff.

Physignatos. Wir müssen rückwärts.

Kinesias.                                         Vorwärts müssen wir.

Archon. Zu viel, zu wenig; zu geschwind, zu langsam;
Zu locker und zu straff. Nehmt an, ihr Herrn,
Zwei Pferde ziehn, eins vorwärts, eins zurück,
Mit gleicher Kraft am Karren, – wie sodann
Verhält am klügsten sich des Karrens Lenker?
Er läßt getrost ihn auf dem alten Fleck.
Da habt ihr kurz und bündig meine Staatskunst.

Physignatos. Doch unser Gaul ist stärker. 14

Kinesias.                                               Nein, der unsre.

Physignatos. Wir werden sehn.

Kinesias.                                 Beim Styx, wir werden sehn.

(Physignatos geht nach rechts hinten ab, Kinesias nach links hinten, indem sie einander feindselige Blicke zuwerfen)

Leukippe (vortretend).
Hör', Onolaos! Dich, den Archon, ruf' ich.

Archon (sie umarmend).
Was bleibt vom Archon übrig denn vor dir,
Du mein Juwel, als ein beglückter Gatte?

Leukippe. Dir klagen muß ich einen Schmerz . . .

Archon.                                                             Ei, kennt
Nicht Struthion, dein vielbewährter Arzt,
Für alle deine Schmerzen stets ein Mittel?

Leukippe. Ich klag' ihn dir im Namen dieser Frau'n,
Die um die Unschuld ihrer Männer zittern.
Die fremde Tänzerin . . .

Archon.                               Fremd und doch heimisch;
Denn Abderitin ist sie von Geburt
Und soll in unserm Haus demnächst erweisen,
Was in Athen an Künsten sie gelernt.

Leukippe (nach rechts deutend).
Schon heut erweist sie's, wie du dort gewahrst.

Archon (hinschauend).
Hm, hm, ei sieh doch einer an, hoho.

Leukippe. Du bist entrüstet, hoff' ich.

Archon.                                             Überaus.

Arethusa. Wir fragen dich, den Hüter dieser Stadt:
Muß hier nicht was geschehn?

Archon.                                       Geschehn? Weshalb?
Den höchsten Vorzug meiner Herrschaft nenn' ich's,
Daß nichts geschah, seit ich am Steuer bin;
Denn alles, was geschähe, brächte Störung
Abderas hergebrachtem Gleichgewicht. 15

Glauke. Wenn aber unsern Gatten was geschieht?

Archon. Dem beug' ich vor durch meine Meisterschaft,
Unebenheit mit einem Hauch zu glätten.
Habt acht, ich führ' im Handumdrehn die Wackern
In unversehrtem Zustand euch zurück.

Leukippe. Mein Unvergleichlicher, du glättest alles.
Erleichtert kann ich nun zur Andacht gehn.

(Ab in den Tempel)

Archon (ihr nachrufend).
Ja, geh, du Heißgeliebte; geh.
        (Sobald sie ihm den Rücken gedreht hat, wendet er sich schäkernd zu den Frauen)
                                            Sie ging,
Und wärt ihr Holden halb so schlau wie niedlich,
Dann ließt ihr eure Männer Männer sein,
Um euch mit mir, der Obrigkeit, zu trösten.

(Die Frauen kichern)

Phila (nach rechts deutend).
Achtung! Sie nahen.

Archon.                         Legt euch auf die Lauer.

(Er zieht sich mit ihnen hinter sein Haus zurück)

Fünfter Auftritt

Demokrit. (Von rechts vorn kommt) Iris (umschwärmt von) Lichas, Kleophanes, Eubuleus. (Dann) Archon

Iris (einige lose Rosen in der Hand tragend).
Genug, ihr Herrn; ich bitt' euch, gebt mich frei.

Eubuleus. Sind wir nicht selbst Gefangne?

Lichas.                                                   Schlug dein Zauber
Uns nicht in Rosenketten?

Kleophanes.                           Zappeln wir
Nicht hilfsberaubt im Netze deiner Anmut? 16

Iris. Spart euren Honigseim für gröbre Gaumen.
Dem meinen widersteht er.
        (Sie bemerkt Demokrit und stutzt)
                                        Wer ist dies?

Eubuleus. Ein blöder Tropf, nicht der Beachtung wert.

Iris. Merkwürdig nur, daß er nicht mich beachtet.

Lichas. Er ist zu dumm dazu.

Iris.                                       Bis heut entdeckt' ich
Noch keinen Dummkopf, der in Ruh mich ließ.
Sein Name?

Eubuleus.         Zu viel Ehre, daß du fragst.

Iris. Nennt ihn!

Kleophanes.     Der Kerl heißt Demokrit.

Iris.                                                         Wär's möglich?
Ein sehr bekannter Name!

Kleophanes.                           Wer wird schneller
Bekannt als ein Hanswurst?

Eubuleus.                                 Schad jedes Blickchen,
Um das du seinetwegen uns verkürzest,
Die wir Abderas erste Bürger sind.

Archon (seit kurzem wieder aufgetaucht, hat sich der Gruppe behutsam genähert und tritt nun gewichtig dazwischen).
Von mir, dem allerersten, abgesehn.

Lichas (erschrocken).
Der Archon!

Archon.             Und in dieser Eigenschaft
Find' ich's mit unserm strengen Schamgefühl
Und makellosen Wandel unvereinbar,
Wenn erste Bürger – ersten Bürgerinnen,
Mit denen sie vermählt sind, zum Verdruß –
Auf öffentlichem Markt sich locken lassen
Von einer Circe.

Iris.                         Mit Verlaub, ich habe 17
Nicht sie gelockt; vielmehr, sie lockten mich,
Und zwar durchaus erfolglos.

Archon.                                     Eilt, ich rat' euch,
Den Donner, der euch droht, besänftigen.

Eubuleus. Den Donner?

Kleophanes.                 Merkten unsre Frauen . . .?

Archon (nach hinten deutend, wo die drei Frauen wieder erschienen sind).
                                                                      Alles.

Lichas (bestürzt). Ihr Götter!

Eubuleus.                           Arethusa!

Lichas.                                               Phila!

Kleophanes.                                                 Glauke!

(Sie eilen auf die Frauen zu und werden von ihnen wie Sträflinge nach links hinten abgeführt)

Sechster Auftritt

Demokrit. Iris. Archon. (Dann) Leukippe

Archon. Vergiß nicht, Grazienliebling, daß du hier
Am Sitz der Tugend bist und sorglicher
Als in dem argen Lasterpfuhl Athens
Acht haben mußt auf deiner Augen Feuer,
Damit kein Brand verheerend ihm entspringt.

Iris (die inzwischen umsonst versucht hat, mit Demokrit zu liebäugeln).
Vergiß nicht, Archon, daß ich meine Reise
Sogleich nach meiner Ankunft fortzusetzen
Entschlossen war und sie nur unterbrach,
Weil man mich dringend bat, auch hier zu tanzen.

Archon. Worauf wir alle fieberhaft gespannt.

Iris. Falls aber meine bloße Gegenwart
Ein Loch brennt in die Tugend von Abdera,
Will ich noch heut verschwinden. 18

Archon.                                           Und den Lorbeer
Im Stiche lassen?

Iris.                           Mein bescheidner Ehrgeiz
Begnügt sich mit dem Lorbeer von Athen.

Archon. Gemüse, weiter nichts! Der einzig echte
Wird ausgeteilt nur von uns Abderiten
Als unfehlbaren Richtern des Geschmacks.
Mag deinen Tanz die ganze Welt bewundern,
Uns gilt er keinen Deut, eh wir ihn selber
Mit überlegnem Urteil nachgeprüft.

Iris. Ist Urteil denn des Tanzes Zweck?

Archon.                                             Ausschließlich.

Iris. Nicht auch Ergötzen?

Archon.                           Was uns an der Kunst
Ergötzt, ist die Gelegenheit, zu zeigen,
Um wieviel klüger wir als andre sind.

Iris (ironisch). Mich reizt fürwahr die Probe drauf.

Archon.                                                             Du bleibst?

Iris. Sofern der Archon vor den Ehemännern
Mich ebenso beschützt, wie sie vor mir.

Archon (ihr näher tretend). Beschützt man Tänzerinnen sicherer,
Als wenn man selbst sich liebreich ihrer annimmt?
Was meinst du, Schätzchen?

Iris.                                           Wie?

Archon.                                             Ermunternd winkt uns
Der Augenblick. Mein treues Weib im Tempel,
Ich frei von Staatsgeschäften, hier mein Haus
Und drin ein lauschiges Gemach . . .

Iris.                                                       Ei, sag' mir,
Wie dies mit eurem strengen Schamgefühl
Und makellosen Wandel sich vereinigt?

Archon. Dadurch, daß niemand was davon erfährt. 19

Iris. Von solcher Tugend freilich ahnt man nichts
Im Lasterpfuhl Athens.

Archon.                             Komm, Herzchen, komm.

Iris. Vergib, Großmächtiger, ich habe niemals
Verhehlt, was ich getan, und niemals tu' ich,
Was ich verhehlen müßte.

Archon.                                 Schelm, du flunkerst.

Iris. So will's das Schamgefühl der Tänzerin.

Archon. Die beste Zeit verrinnt. Laß dich bereden . . .

Leukippe (erscheint mit Theopomp auf der Schwelte des Tempels, zärtlich).
Dank, Theopomp!

Theopomp.                 Der Segen Aphroditens
Geleite dich.

Leukippe (erschreckend). Mein Gatte!

Archon (ebenso).                               Meine Gattin!

(Theopomp ab in den Tempel)

Leukippe (eilt auf den Archon zu).
Wie find' ich dich?!

Archon.                       Inmitten meiner Amtspflicht.
        (Zu Iris streng)
Noch einmal, sieh dich vor. (Zu Leukippe) Die hat ihr Teil,
Von mir herabgeputzt bis zur Zerknirschung.

Leukippe. So folg' ins Haus mir, Liebster.

Archon.                                                   O wie gern!
Hab' ich doch, Liebste, nur auf dich gewartet.

(Beide ab ins Haus des Archon)

Siebenter Auftritt

Iris. Demokrit.

Iris (wirft dem Demokrit, der sich noch immer nicht um sie kümmert, ihre Blumen ins Gesicht).
Da, grober Holzklotz! 20

Demokrit.                       Dank dir, Blumenmädchen.
Ich kaufe nichts.

Iris.                         Wofür denn hältst du mich?

Demokrit. Dich? Für ein Weib.

Iris.                                         Hast du noch nichts von Iris,
Der Tänzerin, gehört?

Demokrit.                       Kann sein. Wohl möglich.

Iris. Sie warf dir diese Rosen zu.

Demokrit.                                 Weshalb?

Iris. Dir, Demokrit, von dem man in Athen
Erzählt, er sei der Weiseste der Weisen.

Demokrit. Wodurch verdien' ich dort so schlechten Ruf?

Iris. Wodurch verdien' ich deine Nichtbeachtung?

Demokrit. Will sagen: Wem ich Rosen warf, der werfe
Flugs mir zu Füßen sich. Da, nimm sie wieder.

Iris (wirft sie zu Boden und stampf darauf).
Du Garstiger! Gefall' ich dir so wenig?

Demokrit. Was liegt dir dran, die allen du gefällst?

Iris. An diesen allen liegt mir nichts. Mir liegt
An dir allein.

Demokrit.           Weil du die übrigen
Bereits geschirrt an dein Triumphgespann
Und ich der Eine bin, der dran noch fehlt.

Iris. Und wenn erstickt vom Weihrauch der Verehrer
Ich um so durstiger den Einen suche,
Dem ich Verehrung widmen kann?

Demokrit.                                         Dein Pfeil,
Haha, wie scharf gezielt! Und doch – er ritzt
Mich tiefer nicht als deiner Rosen Dorn.
Ob ich der Weiseste der Weisen sei,
Stell' ich dahin; doch keinem Weib gelingt's,
Zum Törichtsten der Toren mich zu machen.

Iris. Wär's gar so töricht, wenn du schön mich fändest? 21

Demokrit. Schön bist du. Grade dies hält mich dir fern.

Iris. Schön bin ich, sagst du? Sag's noch einmal, bitte!

Demokrit. Du hast's wohl noch nicht oft genug gehört?

Iris. Von dir möcht' ich es tausendmale hören.

Demokrit. Du forderst Unerschwingliches von mir.

Iris. Was kostet's dich?

Demokrit.                   Was Weibern äußerst wohlfeil,
Doch mir das teuerste Besitztum: Zeit.

Iris. So mag es bei dem einen Mal denn bleiben,
Und eben weil dir's unwirsch, widerwillig
Entschlüpfte, wiegt's mir tausend auf.

Demokrit.                                               Wozu
Spielst du mit mir? Gesteh's!

Iris.                                           Auf daß du mitspielst.
Ist Liebe nicht ein Spiel, das holdeste
Von allen, die man spielt zu zweien?

Demokrit.                                             Falsch!
Die Liebe, Kind, ist eine Nervenkrankheit,
Den Schlaf uns raubend und den klaren Kopf.

Iris (scherzend). Da wär' ich denn schon oft erkrankt gewesen
Und hätt' es nicht bemerkt.

Demokrit.                               Weil dieses Fieber
Dein Handwerkszeug nicht so verdirbt wie meins.
Ich wirke mit dem Hirn, du mit den Füßen . . .

Iris. Doch zwischen Hirn und Füßen pocht das Herz.

Demokrit. Das deine herrschend über die Vernunft,
Das meine fest von ihr im Zaum gehalten,
Ich bohrend ins Gestein, du drüber schwebend,
Kurz, ich die Schwere, du die Leichtigkeit.
Was hättest du von mir?

Iris.                                     Ich hätte dich.

Demokrit. Mich haben die Gedanken. Sei gewarnt.

Iris. Den ganzen Mann besitzt ein Weib doch niemals, 22
Und wenn geteilt sein muß, dann lieber noch
Mit den Gedanken als mit andern Frau'n.

Demokrit. Besitzt ein Mann denn je das ganze Weib?

Iris. Du könntest, wenn du möchtest.

Demokrit.                                         Gauklerin,
Willst du bereits mich vor der Täuschung täuschen?

Iris (stolz). Ich liebte viel, verließ und ward verlassen;
Doch täuschen konnt' ich nie. – (Da er lächelt) Du traust mir nicht?

Demokrit. Nun sag' nur noch, du seiest nach Abdera
Gekommen ganz ausschließlich meinethalb.

Iris. Wie sollt' ich ahnen, daß es einen Mann
In seinen Mauern birgt wie dich? Erklär',
Ich bitte dich, mir bloß, was dich verschlug
In dieses von ganz Griechenland verhöhnte,
Heillose Gimpelnest.

Demokrit.                     's ist meine Heimat.

Iris. Die meine gleichfalls. Aber ihr entrückt
Seit frühster Kindheit, hätt' ich sie gewiß
Nie mehr betreten, läg' sie nicht am Weg
Zum König Makedoniens, Kassander,
Der mich an seinen Musenhof berief.
So kam ich her, nur um vorbeizukommen,
Und schon die kurze Rast, bevor ich deiner
Ansichtig ward, wie hat sie mich gereut!
O, was für eine Stadt! O, was für Menschen!
Wie schal, wie dünkelhaft, wie gleisnerisch!
Zu nichts geschickt, nichts wissend, nichts begreifend,
Und doch in engster Enge so durchdrungen
Von ihrer eignen Götterähnlichkeit,
Daß alles, was nicht ihrer Armut gleicht,
In ihrem Aug' ein Schimpf und Greuel ist.
Auf mich, die Freie, die sich frei verschenkt, 23
Schau'n sie herunter, weil sie's heimlich treiben
Im feigen wechselseitigen Betrug:
Die Männer hinter mir wie gier'ge Hunde,
Die Frau'n im Tempel Aphroditens mehr
Dem Priester als der Göttin huldigend!
O Demokrit, wie kamen wohl wir beide,
Wir, die so meilenweit vom Stamm gefallen,
Wie kamen wir zu solcher Vaterstadt?

Demokrit. Mein Kind, nicht wo der Mensch geboren wird,
Nur wie der Mensch geboren wird, entscheidet,
Und ward er's unter einem guten Stern,
Dann löst er sich vom Boden, der ihn zeugte,
Worin die andern gleich der Pflanze haften,
Und wächst vom Bürger einer Stadt zum Bürger
Der weiten Welt.

Iris (lebhaft).               Ja, ja, so ist's! – Und doch,
Wie deut ich's, daß du vor der weiten Welt
Dich hier vergräbst?

Demokrit.                     Trag' ich sie nicht in mir?
Als Jüngling lief ich fort, empört wie du,
Durchzog den halben Erdkreis, überall
Der Menschen Sinn, der Dinge Sinn erforschend,
Und kehrte lächelnd heim. Ja, lächelnd, Kind,
Wie einer lächelt einem Satyrspiel,
In nichts verstrickt, was auf der Bühne vorgeht,
Hinschauend nur, sobald 's ihn unterhält,
Und wenn's ihn langweilt, seine Blicke wendend
In sich hinein.

Iris.                     Lehr' mich dies Lächeln, Meister!

Demokrit. Das geht nicht so geschwind.

Iris.                                                     Ich hab' Geduld.

Demokrit. Jedoch der König Makedoniens, 24
Der seine neue Tänzerin erwartet,
Wird ungeduldig werden.

Iris.                                       Mag er nur.
Ich kam nicht deinethalb; doch würdest du
Noch zweifeln, daß ich deinethalb verweile?

Demokrit. Nun fürcht' ich's fast – und fürchte fast noch mehr,
Daß mir's nicht unlieb ist, wenn du verweilst.

Iris (ihn küssend). So will ich hangen an der Weisheit Lippen.

Demokrit. Bedenk', was wird aus unserm Unterricht?

Iris. Ich zahl' ihn dir mit Küssen. – Fürchte nichts.
Du spendest mir ein Stückchen deiner Schwere,
Ich dir ein Stückchen meiner Leichtigkeit.
Was für Gefahr?
        (Man hört einen lauten Wortwechsel)
                        Ein Zank!

Demokrit.                               Ein regelrechter.

Iris. O komm, laß uns entfliehn.

Demokrit.                                 Nein, laß uns lauschen.
Denn wer nicht lächeln lernt, wenn Abderiten
Sich in den Haaren liegen, lernt es nie.

(Sie ziehen sich in den Hintergrund zurück, bleiben dort während des folgenden noch eine Weile beobachtend sichtbar und verschwinden dann hinter dem Tempel)

Achter Auftritt

Struthion, Anthrax (kommen von links vorn, in heftigem Streit einander überschreiend, so daß man sie erst allmählich versteht)

Struthion (atemlos und in Schweiz gebadet).
Verruchter Strolch, daß dich der Tartarus
Verschlinge! 25

Anthrax.           Filz, daß dir der Höllenhund
Dreimäulig fahr' in deine Hammelbeine!

Struthion. Zeus treffe dich mit seinem Wetterstrahl!

Anthrax. Poseidon spieße dich auf seine Gabel!

Struthion. Den Strick dir um den unverschämten Hals!

Anthrax. Den Knüttel dir auf dein verdammt Gesäß!

Struthion. Das wirst du büßen, Gauner, sag' ich dir!

Anthrax. Das wird dir schlecht bekommen, feiner Kunde!

Struthion. Du wirst mir haften!

Anthrax.                                 Haften – ich? Wer haftet?
'nen Dreck dir haft' ich. Haften wirst mir du!

Struthion. Es gibt zum Glück noch Richter in Abdera.

Anthrax. Jawohl, die gibt's, damit sie dich verknaxen,
Du Schmutzfink!

Struthion.                 Nein, du Erzhalunke, dich!

Anthrax Wart's ab!

Struthion.               Warts ab!

Anthrax                                 Nun findet sich's!

Struthion.                                                         Nun gilt es!

Anthrax. Wir sind am Ort.

Struthion.                         Wir sind's.

Anthrax.                                           Und dies die Stunde,
Wo hier wird Recht gesprochen öffentlich.

Struthion. Dich fordr' ich, Lump, vor diesen Richterstuhl.

Anthrax. Dich, wärst du nicht freiwillig da, dich nähm' ich
Und schleifte dich wie ein Stück Vieh vor ihn.

Struthion. Gericht!

Anthrax.                 Gericht!

Struthion.                             Wo bleibt Philippides?

Anthrax (rufend). Stadtrichter, heda, holla! 26

Neunter Auftritt

Vorige. Philippides (begleitet von) zwei Gerichtsdienern (kommt aus dem Rathaus. Später) Physignatos, Kinesias

Philippides (ein schon ziemlich wackeliger Alter). Welch ein Lärm!
Zur Stelle schon ist das Gericht.
        (Er nimmt Platz auf dem Marmorsessel. Die Gerichtsdiener stellen sich zu beiden Seiten von ihm auf die Stufen)
                                              Seid ihr
Die Widersacher?

Struthion, Anthrax.   Ja!

Philippides.                     Wer klagt?

Struthion.                                         Ich!

Anthrax                                                   Ich!

Struthion. Den da verklag' ich.

Anthrax.                                 Ich verklage den.

Philippides. Zwei Kläger also. Klag' und Gegenklage.
Nennt Namen mir und Stand.

Struthion.                                   Kennst du mich nicht,
Philippides?

Philippides.       Wie werd' ich dich nicht kennen?
Zogst du mir doch erst gestern einen Zahn.

Anthrax. Und mich nicht auch?

Philippides.                             Ja, dich und deinen Esel,
Der manches liebe Mal mich trug.

Anthrax (stolz).                                 Nicht wahr?
Ein Esel, Herr, wie's keinen zweiten gibt!

Philippides. Als Mensch kenn' ich euch beide gut; als Richter
Hingegen bin ich blind wie Themis selbst.
Drum sagt: Wer seid ihr? 27

Struthion.                           Ich bin Struthion,
Der Arzt.

Anthrax.       Und Anthrax ich, der Eseltreiber.

(Physignatos, von rechts, und Kinesias, von links, tauchen kurz nacheinander im Säulenvorbau des Rathauses auf, spitzen die Ohren und folgen der Verhandlung mit steigendem Anteil)

Philippides. Was also klagt ihr, Struthion und Anthrax?

Struthion. Der Lümmel hier . . .

Anthrax.                                   Der Pflasterstreicher da . . .

Struthion. Dem ich . . .

Anthrax.                       Der mir . . .

Struthion.                                       Als ich mit ihm . . .

Anthrax.                                                                       Nachdem er . . .

(Sie reden unverständlich durcheinander)

Philippides. Sprecht einer nach dem andern.

Struthion.                                                   So beginn' ich.

Anthrax. So fang' ich an.

Philippides.                     Sprich, Struthion, zuerst.

Anthrax. Warum denn er zuerst?

Philippides.                                 Warum denn du?

Anthrax. Weil ich im Recht bin.

Struthion.                                 Just im Gegenteil,
Ich bin im Recht!

Philippides.               Das wird sich bald erhellen,
Wenn ihr der Reih' nach redet.

Anthrax.                                       Hol's der Henker!

Struthion. Die Sache, die war so . . .

Anthrax.                                         Das lügt er schon!

Philippides. Still!

Struthion.           Ich, als Arzt, muß öfters über Land,
Im nächsten Flecken Kranke zu besuchen,
Drei Stunden weit von hier. Weil nun heut' nacht
Mein eigen Reittier, meine Eselin, 28
Ein Füllen hat geworfen, mietet' ich
Zu vorbenanntem Zweck heut früh den Esel
Des Treibers mir.

Anthrax.                   Den Esel, wohlbemerkt!
Er mietete den Esel.

Philippides.                   Ja, den Esel.

Anthrax. Nichts als den Esel, Herr.

Struthion.                                     Ich ritt; er folgte
Mit seinem Stecken spornend hinterher.
Der Pfad geht über eine dürre Heide,
Wo heut so mörderisch die Sonne stach,
Daß halben Wegs erschöpft, nach Kühlung lechzend,
Ich innehielt und aus dem Sattel stieg.
Kein Baum, kein Strauch, kein schattenspendend Etwas
Ringsum zu sehn – so blieb mir keine Wahl,
Als in des Esels Schatten mich zu setzen,
Solang' nur, bis ich Kraft gesammelt hätte
Zum Weiterritt.

Anthrax.                 In meines Esels Schatten!

Struthion. Doch der da scheucht mich polternd auf: Was machst du?
Was fällt dir ein? Du mietetest von mir
Den Esel . . .

Anthrax.               Wohlverstanden, Herr, den Esel.

Philippides. Ja, ja, den Esel.

Struthion.                           Seinen Schatten aber
Hast du nicht mitgemietet. Wörtlich so!
Nicht mitgemietet! Hält man es für möglich?
Den Esel zwar . . .

Anthrax.                     Den Schatten aber nicht!

Struthion. Den Schatten nicht, obwohl ich ihm den Mietpreis,
Fünf blanke Drachmen, bar vorausbezahlt! 29

Anthrax. Den Mietpreis für den Esel. Frag' ihn, Richter,
Ob er heut früh den Schatten einbedang.

Struthion. Und schnauzt mich an: Wenn du des Schattens Nießbrauch
Noch obendrein zu dem des Esels willst,
Dann zahl' den Preis dafür gefälligst nach.

Anthrax. Doch der, als hätt' ihn ein Skorpion gestochen:
Nachzahlen, ich? so plärrt er; keinen Deut!
Ich nutze deinen Esel – meinen Esel! –
Solang' die Mietfrist währt, wie's mir beliebt –
Wie's ihm beliebt! – und hätt' er tausend Schatten,
Wär' ich befugt, in deren jeden mich,
Soviel ich will – soviel er will! – zu setzen!

Struthion. Doch der da zetert: Ha, das wird sich zeigen!

Anthrax. Und der da gröhlt: Ja, zeigen wird sich das!

Struthion. Und zwingt, statt an mein Ziel mich zu befördern,
Wild fuchtelnd mich zur Umkehr in die Stadt.

Anthrax. Zur Umkehr ich? Zur Umkehr zwangst mich du,
Nach Richtspruch brüllend wie der Stier nach Kühen.

Struthion. Verdrehung!

Anthrax.                       Schwindel!

Struthion.                                       Spitzbub!

Anthrax.                                                         Lügenbold!

(Sie schimpfen wieder gleichzeitig durcheinander)

Philippides. Gebt Ruh! Gebt Ruh doch! – Übereinstimmung
Ergab sich für den wesentlichen Kern
Des Tatbestands. Worauf nun also klagt ihr?
Anthrax. Ich klag' auf Zahlung für Gebrauch des Schattens.
Zum Reiten borgt' ich meinen Esel her,
Nicht, daß er müßig bratend in der Sonne
Den Weichling decke vor der Mittagsglut, 30
Wodurch ein Esel schwerlich besser wird.
War so was vorgesehn? War's ausgemacht?
Wo nicht, wie kann er's dann umsonst verlangen?
Stehn wir auf dem Geschenkfuß, ich und er?
Nichts da, verdienen will ich nach Verdienst,
Ja, will gevierteilt eher sein als weichen
Vom Anspruch, daß er zu des Esels Mietgeld
Nochmals die Hälfte für den Schatten fügt.

Philippides. Das leuchtet ein.

Struthion.                             Ich für den Schatten zahlen?!
Ich für den Schatten eines Esels zahlen?
Daß ich ein Esel selber wär'! Wann hat man,
So frag' ich, wann, seitdem Abdera steht
Und Esel sind allhier vermietet worden,
Von einer solchen Klausel je gehört?
Und ob der Kerl mit Gründen, aus der Luft
Herabgeholt, sein Maul noch weiter aufreißt
Und mir den Dolch setzt mitten auf die Brust,
Nichts zahl' ich, nichts! Für meinen Teil vielmehr
Klag' ich auf Schadloshaltung für die Praxis,
Die mir entging durch Bruch des Mietvertrags.

Philippides. Auch das hat Hand und Fuß.

Anthrax.                                               Das Urteil, Richter!

Struthion. Jawohl, das Urteil!

Anthrax.                               Schaffe mir mein Recht!

Struthion. Hilf mir zu meinem!

Philippides.                             Hm, verzwickter Fall!
Kein ähnlicher ist in den dreißig Jahren
Mir vorgekommen, seit im Amt ich bin.
In Ansehn aber, daß der Gegenstand
Kein groß Gewicht hat . . .

Anthrax.                                 Kein Gewicht? Mein Esel?
Man stell' ihn auf die Wage! 31

Philippides.                               Nicht der Esel;
Der Klage Gegenstand.

Struthion.                         Mir wiegt er Berge!

Philippides. So rat' ich: Nehmt Vernunft an und vergleicht euch.

Struthion. Vernunft? Ist unvernünftig mein Begehr?

Anthrax. Vergleichen? Mich vergleichen, ich mit ihm?

Philippides. Du, wackrer Anthrax, magst ihm zugestehn,
Daß eines Schattens Preis nicht münzbar ist.

Anthrax. Ich sterbe lieber!

Philippides.                     Du, mein Struthion,
Legst ihm freiwillig eine Drachme drauf
Des Friedens halber.

Struthion (schreiend).       Keinen Obolos!
Dem Übeltäter Buße nach Gebühr!

Anthrax (schreiend). Verknaxt will ich ihn sehn bis auf die Knochen!

Struthion. Mein Recht!

Anthrax.                       Mein Recht!

Kinesias (ist über die Stufen herabgekommen und tritt neben Anthrax).
                                                  Brav, Anthrax! Festgeblieben!
Dein Recht ist klarer als der lichte Tag,
Und wenn du mich zum Beistand nimmst, verfecht' ich's.

Anthrax. Schon gut, Kinesias. Was aber kostet's?

Kinesias. Dich nichts; doch deinen Gegner um so mehr.

Anthrax. Dann los!

Kinesias.                 Denn zehnfach soll er's, hundertfach,
So wahr als ich des Volkes Anwalt bin,
Entgelten, daß er einem schlichten Werkmann
Sein redlich Teil betrügrisch vorenthielt.

Anthrax (zu Struthion). Du hörst!

Struthion.                                 Ich platze! 32

Physignatos (ist nun auch die Stufen herabgestiegen und tritt neben Struthion).
                                                            Standhaft, Struthion!
Dein ist der Sieg, wenn du nicht locker läßt.
Nimm zum Vertreter mich, und schon allein,
Damit zur Schröpfung angeseh'ner Bürger
Dem niedern Pack die Lust vergeht, erhärt' ich,
Daß leichter sich an einem Block von Erz
Läßt rütteln als an deiner guten Sache.

Struthion. Topp, Physignatos!

Kinesias (zu Anthrax).               Unbesorgt! (Er wirft sich ins Zeug) Ist's denkbar?
Trau' meinen Ohren ich? Der Arzt im Recht?
Als Zeugen ruf' ich Menschen an und Götter,
Daß nie so groß ein Unrecht war wie seins.
Hat, als er auszog, im entferntesten
Er an Gebrauch des Schattens nur gedacht?
Ja, wär' durch eine Laune der Natur
Der Esel von Geburt an schattenlos,
Hätt' er ihn minder drum heut früh gemietet?
Nein! Denn ihm lag an der Befördrung bloß;
Der Schatten war ihm nichts, der Esel alles.
Und als der Zufall ihn des Schattens Dasein
Samt dessen ungeahntem Sonderwert
Nachträglich überhaupt erst ließ entdecken,
Wie durft' er mir nichts dir nichts da von diesem
Besitz ergreifen, ohne daß zuvor
Er um Ermächtigung den Eigentümer
Des Schattens gegen ein Entgelt ersuchte
Und ihm sie der ausdrücklich übertrug?

Anthrax. Ha, gut gefochten! Kratze sich, wen's juckt!

Physignatos (zu Struthion). Jetzt paß mal auf! (Plädierend) Ein sauberer Beweis!
Denn was beweist vor Menschen er und Göttern? 33
Daß schuldig Anthrax, schuldlos Struthion.
Der Schatten war ihm nichts? Das greif' ich auf:
Der Schatten war ihm nichts, weil er ein Nichts ist,
Und falls ein Etwas, dann so herrenlos
Wie Luft und Wind und Sonnenschein und Mondschein.
Was? Ist Abdera keine freie Stadt?
Sind frei nicht seine Bürger? Und was bliebe
Von Freiheit übrig, dürft' ein Abderit
Sich frei nicht mehr in einen Schatten setzen,
Gleichviel, ob ihn ein Baum, ein Haus, ein Tempel,
Ob ihn ein Esel wirft? Behagt es mir,
Dann setz' ich ungescheut mich in den Schatten
Des Archon, außer, wenn er sich höchstselber
Dagegen sträubt. Und sträubte sich der Esel?
Nein, weil ihm besser kund als seinem Herrn,
Was rechtens in Abdera, hielt er still.
Wär' Anthrax diesem lobenswerten Beispiel
Gefolgt, so hätt' er nimmermehr für das,
Was unvermietbar, Mietzins eingefordert
Und stünde jetzt nicht hier vor seinem Richter,
Der schmählichsten Erpressung überführt.

Struthion (zu Anthrax). Da hast du's. Wohl bekomm's dir!

Kinesias (zu Anthrax).                                                     Sei getrost!
Jetzt fass' ich ihn. (Plädierend) Schwindsücht'ge Widerlegung,
Bereits erledigt vor dem Gnadenstoß.
Wer übt Erpressung? Wer auf Lohn besteht
Für Leistung? Oder, wer sich roh gewaltsam
Aneignen möchte, was ihm nicht gehört?
Der Schatten unvermietbar? Meinethalb.
Doch was ergibt sich draus? Daß er dem Arzt
Heut früh nicht mitvermietet ward, sonach 34
Beim Eselsmietpreis unbeglichen blieb.
Wenn aber zur Bemäntlung dieser Blöße
Hier von des Schattens Herrenlosigkeit
Uns was gefaselt wird, so wüßt' ich gern,
Warum solch herrenloser Eselsschatten
Als Schattenesel nicht spaziert für sich,
Vielmehr untrennbar klebt an seinem Körper.
Der Schatten ist das Eigentum des Esels,
Der Esel ist des Anthrax Eigentum,
Der folglich unumschränkter Herr von beiden,
Und Struthion, trotz Mahnung dies mißachtend,
Vergriff sich freventlich an fremdem Gut.

Anthrax (zu Struthion). Wie schmeckt das, Dicker? Würg' dich blau daran!

Physignatos (zu Struthion).
Gib acht! Zum Hauptschlag hol' ich aus. (Plädierend) Wie? Träum' ich?
Zu hänseln wagt man das Gericht mit Gründen,
Zu plump selbst für ein neugeboren Kind?
Zwei Fälle gibt's, und beide sprechen laut
Für Struthion. Gehört der Schatten nicht
Zum Esel, dann gehört er auch nicht Anthrax,
Und Anthrax hat kein Recht auf Lohn für ihn.
Ist er jedoch, wie hier behauptet wird,
Vom Esel unzertrennlich, mit ihm eins,
Just so sein eigentümlich Zubehör
Wie Beine, Schwanz und Ohren, dann genau
Wie diese schloß der Mietsvertrag ihn ein,
Und Anthrax, der ihn ausschloß, unterschlug ihn.
Indes, wie schlimm schon hierdurch sein Vergehn,
Es kommt hinzu, was schwerer ihn belastet:
Unmenschlich war's, vom Recht ganz abgesehn,
Unmenschlich, einem hilflos Schmachtenden, 35
Der seinen menschenfreundlichen Beruf
Ausübend Kranken Heilung wollte bringen,
Das bißchen Labsal feilschend zu entziehn;
Unmenschlich, wie wenn eines Landguts Herr
Den Trunk aus einem Quell auf seinem Boden
Dem müden Wandrer erst versteigern will.

Struthion. Hoho, das traf!

Kinesias (zu Anthrax).         Nun geb' ich ihm den Rest. (Plädierend)
Unmenschlich, Anthrax? Umgekehrt vielmehr!
Unmenschlich war's von Struthion, dem satten,
Bequemen Reiter, daß dem Mann zu Fuß,
Der nicht nur ausnahmsweis, nein, der alltäglich,
Allstündlich schwitzt, er den bescheidnen Sold
Für Überdienst bestrebt war abzuzwacken
Und so dem ganzen Volk ins Antlitz schlug.

Physignatos. Nicht doch! Ein Schlag ins Antlitz ward versetzt
Von Anthrax dem gesamten Bürgertum.

Kinesias. Weil unverkennbar drum des Treibers Klage
Nach Anlaß, Inhalt und Bedeutung weit
Hinausragt über einen Einzelzwist . . .

Physignatos. Weil klärlich drum die Klage Struthions,
Verdeckte Wunden unsres Staats enthüllend,
Dem Allgemeinwohl an die Wurzeln rührt . . .

Kinesias. Drum namens der gekränkten Unterschicht
Hier stehend fordre, Richter, ich das Urteil,
Das Anthrax freispricht, Struthion verdammt.

Philippides (der inzwischen durch Mienen und Gebärden seine steigende Verwirrung verraten hat).
Hm, ja, sehr triftig; doch . . .

Physignatos.                             Deshalb hier fußend
Im Namen der gekränkten Oberschicht 36
Das Urteil, Richter, fordr' ich meinerseits,
Das Anthrax straft und Struthion entschädigt.

Philippides. Sehr überzeugend gleichfalls; aber . . . hm . . .

Kinesias. Den Spruch!

Physignatos.               Den Spruch!

Struthion, Anthrax.                       Den Spruch!

Philippides (sich am Ohr krauend und räuspernd).     Hm . . . also . . . Ja . . .
Zu Recht erkannt: In Ansehn, daß der Esel
Des Schattens – wollt' ich sagen, daß der Schatten
Des Esels halb Gemeingut ist, halb nicht,
Halb an ihm klebt, halb frei herumspaziert,
Im Mietsvertrag halb ein-, halb ausgeschlossen
Und demzufolge von den beiden Klägern
Ein jeder halb im Unrecht, halb im Recht:
Dahero schuldet Struthion zwei Drachmen
Dem Anthrax für Beschattung, schuldet Anthrax
Dem Struthion zwei Drachmen für Verlust;
Will heißen, Gleich und Gleich geht restlos auf,
Und so hat jeder das, worauf er klagte.

Anthrax (schreiend). Was hab' ich da? 'nen Schmarren hab' ich!

Kinesias (zu Anthrax).                                                             Wart' nur!

Struthion (schreiend). Wie?! Leer soll ich hier ausgehn?

Physignatos (zu Struthion).                                           Ruhig Blut!

Kinesias. Dies Urteil, das, statt schwarz von weiß zu scheiden,
Im gleichen Topf sie durcheinandermengt,
Fecht' ich als nicht entscheidend an.

Physignatos.                                       Ich auch.
Und bei dem großen Rat Abderas leg' ich
Berufung ein. 37

Kinesias.             Desgleichen ich. Die Sache
Wird neu verhandelt vor dem großen Rat,
Mit allem Volk als Zeugen.

Philippides (erleichtert).           Einverstanden!
Nun beiße der an dieser Nuß die Zähne
Sich aus. Den Göttern Dank, daß ich sie los bin.

(Er geht mit den zwei Gerichtsdienern ins Rathaus zurück)

Zehnter Auftritt

Vorige (ohne Philippides)

Physignatos (nimmt Struthion geschäftig beiseite).
Auf, Struthion! Die Zeit bis zum Gerichtstag
Verbündet sich mit uns, wenn wir nicht ruhn,
Für deinen Sieg sie weidlich auszubeuten.
Und siegen mußt du, mußt – um jeden Preis.

Struthion. Verlaß dich nur auf meine Wut.

Physignatos.                                           Vortrefflich. –
Verteilen wir die Rollen. Die Partei
Der Obern – das verbürg' ich als ihr Führer –
Geht wie ein Roß, von scharfem Sporn gestachelt,
Mit uns durch dick und dünn. Doch nicht genug,
Es muß, wer irgend Macht und Einfluß hat,
Geknetet werden von geschickten Fingern,
Bis er mit Eifer zieht an unserm Strang.
Zumal die Ratsherrn . . .

Struthion.                             Und der Archon selbst.

Physignatos. Bei dem, so fürcht' ich, wird's am schwersten halten;
Denn auf zwei Schultern trägt er.

Struthion.                                       Laß ihn mir!

Physignatos. Du glaubst . . .?

Struthion.                             Bin ich doch Arzt bei seiner Frau, 38
Ja, mehr als Arzt; Vertrauter, darf ich sagen,
Und ihren Wünschen widersteht er kaum.

Physignatos. Sehr gut.

Struthion.                   Sie, hoff' ich, hilft mir überdies
Den Oberpriester Theopomp gewinnen,
Der wegen ihrer seltnen Gottesfurcht
Ihr mancherlei zulieb tut.

Physignatos.                         Um so besser.
Zur menschlichen die göttliche Gewalt.
Ans Werk nun! Dort gewahr' ich Freunde. Komm.

(Beide gehen ab nach links hinten)

Kinesias (hat währenddessen im Hintergrund auf Anthrax eingesprochen und kommt jetzt mit ihm nach vorn).
Kurz, Anthrax – Höchstes steht hier auf dem Spiel.
Du treibst nicht mehr den Esel nur; du treibst
Zum Kampf die Geister. Das Geschick erkor
Für die Partei der Untern dich zum Sturmbock,
Der Bresche legen soll.

Anthrax.                           Durch Wände renn' ich,
Wenn bloß der Schweinehund vermöbelt wird.

Kinesias. Drum schleunigst alle Hebel in Bewegung,
Und eins vor anderm: Wer den Archon hat,
Hat auch den großen Rat. Ein Mittel nur,
Das diesen Aal auf deine Seite bringt!

Anthrax. Im Ohr will ich ihm liegen, bis . . .

Kinesias.                                                   Vergebens.
Er trägt sein Ohr im Auge. Was kein Mann
Ihm abgewinnt mit einem Schwall von Worten,
Ein hübsches Weibchen schafft's mit einem Blick.
Ja, wenn du derlei hättest an der Hand . . .

Anthrax (nach rechte vorn deutend).
Schau jene rosig Rundliche, die dort
Getrippelt kommt. Wie dünkt sie dich? 39

Kinesias.                                                 Nicht übel.

Anthrax. Was meinst du, wenn ich die zum Archon schickte?

Kinesias. Du kennst sie?

Anthrax.                       Ziemlich gut. 's ist meine Frau.

Kinesias. Dann schick' sie hin. Ich sorge für das weitre.

(Ab rechts hinten)

Elfter Auftritt

Anthrax. Gorgo (von rechts vorn)

Gorgo. Du Faulpelz, komm' ich auf die Sprünge dir?
Seit wann denn machst du mittags Feierabend?
Seit wann denn kehrt zum Stall der Esel heim
Auf eigne Rechnung, statt von dir getrieben?

Anthrax. Ha, Gorgo, Geister treib' ich jetzt!

Gorgo.                                                       Gewäsch.

Anthrax. Sieh mal genau mich an. Was, denkst du, bin ich?

Gorgo. Das gleiche, was du warst.

Anthrax.                                       Nein, blindes Weib,
Da gehst du gründlich fehl. Ich bin ein Sturmbock.

Gorgo. Ihr Himmlischen! Verlor er den Verstand?

Anthrax. Im Gegenteil, ich ward ein Mann im Staat,
Und mein Triumph, das merke dir, ist sicher,
Wenn du mit nachhilfst.

Gorgo.                               Ich versteh' kein Wort.

Anthrax. Du mußt zum Archon gehn.

Gorgo.                                             Zum Archon – ich?

Anthrax. Dort meine Sache führen.

Gorgo.                                         Deine Sache?

Anthrax. Davon erzähl' ich dir.

Gorgo.                                   Was weiß ich denn,
Wie man mit solch gestrengen Herren spricht? 40

Anthrax. Nicht redend. Blickend! Mit demselben Blick,
Mit dem du mich dereinst geangelt hast.

Gorgo. Doch falls er etwa diesen Blick erwidert
Wie du dereinst?

Anthrax.                   Wohl uns! Dann schnappt er zu.

Gorgo. Ei, bangt dir nicht, er schnappe dir was weg?

Anthrax. Unmöglich.

Gorgo.                       So?

Anthrax.                           Dem Esel würd' ich eher
Zutrau'n, daß er mir untreu wird, als dir.

(Man hört Stimmengewirr)

Gorgo. Was gibt's denn da?

Anthrax.                             Was stolz dich machen wird
Auf einen Mann wie mich.

Zwölfter Auftritt

Vorige. Kinesias (kehrt heftig agitierend von rechts hinten zurück, umringt von) Agenor, Chremes, Baton (und mehreren anderen) Leuten aus dem Volk

Kinesias (aus Anthrax deutend).       Hier seht ihn, Freunde!
Seht ihn, den Kämpen, der in edlem Zorn
Für sein und seiner Brüder heilig Anrecht
Sich aufbäumt gegen Vergewaltigung.
Wer steht von euch nicht hinter ihm?

Chremes, Baton (und) Andere.               Wir alle!

Agenor (hagerer, verbissener Zelot).
Und auch die Göttin Pallas. Ja, sie selbst!

Kinesias. Hört ihr den würdigen Agenor?

Agenor (auf Anthrax deutend).                   Ihn
Zum Werkzeug wählt sie. Denn das Maß ist voll.
Nahm Struthion, der Pfuscher, mir, dem Priester, 41
Der ich durch sie, die Göttin der Arznei,
Die Wunderkraft empfing zur Krankenheilung,
Nicht gotteslästerlich die Kundschaft fort?
Darbt nicht seither mein unscheinbarer Tempel,
Indes der Reichtum seine fetten Gaben,
Um diesen Heuchler Theopomp zu mästen,
Hierher ins Prunkhaus Aphroditens schleppt?
Das Maß ist voll. Ich, Anthrax, weihe dich
Zum Streiter für den Glauben!

Dreizehnter Auftritt

Vorige. (Von links hinten kommen) Physignatos, Struthion (umgeben von) Eubuleus, Lichas, Kleophanes (und anderen) Bürgern. (Beide Gruppen, die nun abgesondert einander gegenüberstehen, erhalten während des Folgenden noch Verstärkung durch neu Hinzukommende. Zuletzt) Demokrit, Iris

Eubuleus.                                     Himmelschreiend!

Kleophanes. Haarsträubend!

Lichas.                                 Unerhört!

Physignatos.                                         Wen unter euch
Wird man nicht künftig an der Nase zupfen,
Bleibt ungerochen solch ein Übergriff?

Eubuleus (zu Struthion). Dein Streit ist unsrer, Struthion. Drum zähl'
Auf uns wie auf dich selber.

Lichas, Kleophanes (und) Andere. Zähl' auf uns.

Kinesias (hinüberdeutend). Da habt ihr schon den Blutaussauger-Klüngel!

Physignatos (ebenso). Dort grüßt uns schon die Beutelschneider-Zunft! 42

Kinesias (zur Gegengruppe). Schmarotzer ihr, in fremdem Schatten sitzend
Und euer nichtig Dasein bloß dem Körper
Des Volks entlehnend, spüren sollt ihr endlich,
Wie sehr ihr die Partei der Schatten seid.

Physignatos (ebenso). Nennt ihr uns die Partei der Schatten, gut!
So nennen wir euch die Partei der Esel.

Kinesias. Sei's! Die Partei der Esel – dieser Name
Soll uns fortan ein Ehrentitel sein;
All der geplagten Esel, deren Rücken
Von euch nicht fürder Prügel dulden will.

Physignatos. Mag dieser Handel denn die Kräfte messen.

Kinesias. So recht, er bring' uns den Entscheidungskampf.

Physignatos. Hie Schatten– unser Losungswort!

Kinesias.                                                           Hie Esel,
Das unsrige!

Physignatos.       Hie Struthion!

Kinesias.                                   Hie Anthrax!

Die Gruppe links. Hie Struthion!

Die Gruppe rechts.                     Hie Anthrax!

(Struthion und Anthrax werden von ihren Anhängern auf die Schultern gehoben)

Anthrax.                                                         Gorgo, staunst du?

Die Gruppe links. Hie Schatten!

Gorgo.                                       Das begreif', wer kann.

Die Gruppe rechts.                                                         Hie Esel!

(Beide Gruppen ziehen lärmend ab. Gorgo folgt ihrem Mann –
Demokrit und Iris sind hinter dem Tempel hervorgekommen)

Iris. Die Narrheit hebt man jauchzend auf die Schultern!

Demokrit. Die Weisheit bleibt vor diesem Los bewahrt.

Iris. Und dennoch kannst du lächeln?

Demokrit.                                       Ebendrum. 43

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