Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Helene Böhlau >

Des Bäckerlehrlings Johannisnacht

Helene Böhlau: Des Bäckerlehrlings Johannisnacht - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleVerspielte Leute
authorHelene Böhlau
year1898
publisherJ. Engelhorn
addressStuttgart
titleDes Bäckerlehrlings Johannisnacht
pages63
created20140419
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

An einem Juninachmittag, der das ganze Saalethal und die heiteren, absonderlich geformten Jenenser Berge strahlen und leuchten ließ, arbeitete der Meister, seine zwei Söhne und zwei Gesellen mit entblößtem Oberkörper in der dämmerigen, großen, niederen Backstube, mitten in Mehl und Mehlgeruch.

In den weiten Mulden gärt Brotteig und strömt säuerlichen Dunst aus, der sich mit dem Schweißgeruch der derben Burschen mischt. Aus dem dunkeln, verbauten Erdgeschoß, in dem die Backstube liegt, steigt Tag und Nacht ein warmer, mehliger Duft auf, zieht durch das uralte Haus, durch das schluchtartige Höfchen bis hinauf zum sonnigen Dach, ein echter, rechter Duft nach hausbackenem Brot, nach kräftigen Leckerbissen, nach echtem Mehl und echtem Zucker und guter Butter, nach kernigem Buchen- und Tannenholz, ein Geruch von Redlichkeit und Wohlbekömmlichkeit, kein solcher Uebelkeit erregender, klebriger, süßlicher, chemischer Geruch, wie er in den heutigen Bäcker- und Konditorenhäuser einem jeden, der ihn spürt, den Appetit benimmt. Der Meister war dabei, ein paar Torten mit schnäbelnden Tauben und Rosenguirlanden zu verzieren, die der Rosenwirt in Jena zum heutigen Ball bei ihm bestellt hatte. Ein Geselle stieß Mandeln zur Mandelmilch, die Söhne waren mit Riesenkuchenblechen beschäftigt, und aus dem Nebenraum glühte, wenn von Zeit zu Zeit der frisch 100 geheizte Backofen geöffnet wurde, ein feuriger Höllenrachen und strömte seine Glut bis in die Backstube, so daß Meister und Burschen nur so troffen.

Es war in der That ein heißer Juninachmittag. Von all der Herrlichkeit draußen aber ahnte man in diesem wie in Fels gehauenen Raume nichts.

Von der Backstube aus führt eine steinerne Wendeltreppe hinab in den Keller, und in der Nähe dieser Treppe ist ein kühler Modergeruch zu spüren, wie er aus uralten Kellern aufsteigt. Dieser weiche, fließende Moderduft und alte Erdgeruch mischt sich mit dem Dunst der Mehlwolken, des Sauerteigs, des Schweißes, der Backofenglut und gehört zum Ganzen.

Unten im Keller, in stockfinsterer Nacht, gärt des Meisters Hausmuff, sein Hausbier, das der Lehrbub aus dem Faß in die Steinkrüge zu füllen hat.

Den Keller aber hatte noch jeder Lehrbub auf dem Strich gehabt, den Keller, das »verflucht'ge Loch«, denn im Keller war es nicht geheuer, da befand sich mitten in der schwärzesten Dunkelheit, oben im Gewölb, ein riesiger Schornstein, der kerzengerade durch alle Etagen hindurchführte, bis er hinauswuchs auf das schwarze, zerbröckelte Schieferdach des hohen, greisenhaften Hauses. Keine Feuerstätte mündete in ihn ein.

Wozu er da war, wußte kein Mensch; aber wenn man mitten unter dem weiten Kamin stand, war ein wirkliches und wahrhaftiges Wunder zu sehen: am helllichten Tage leuchteten durch diesen schwarzen Schlund die Sterne vom Himmel herab.

Die Lehrbuben hatten, wie gesagt, in diesem Keller nicht gern zu schaffen, und des Meisters Hausmuff war daher eine minder angreifbare Ware, als sie es unter gewöhnlichen Umständen gewesen wäre.

101 Während Meister und Gesellen in der dumpfen Backstube ihre Arbeit thaten, öffnete sich die Thür, und ein grobknochiger Junge von sechzehn Jahren, dessen Haupt ein dichter, starrer Haarschopf zierte, schob sich herein, wie durch den Thürspalt geschossen.

»Bin so frei,« sagte er.

Das mußte er sagen, das verlangte der Meister so, denn der Junge war der Lehrbub und sollte auch Lebensart lernen.

»Nu,« sagte der Meister, »no sag mersch lieber gar nich, was de angestellt hast.«

»Nä,« sagte der Junge, »er hat seinen Kuchen ganz ordentlich gekriegt – wenn ich's sag'.«

»Hast du denn, als du mit den Botenweibern 'neinfuhrst, dein Blech och ordentlich auf den Knieen gehalten? Ich hab' dersch gesagt, daß Excellenz Goethe, was den Prophetenkuchen betrifft, eklich is.«

»Na,« meinte der Junge, »gestern sin mer ganz gut 'neingekomme, grad noch vorm Wetter.«

»Un was die Hauptsache is, seine Rechnung, hat er die endlich beglichen?« fragte der Meister mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Nä,« sagte der Junge.

»Schöpps, verdammter! Was hab' ich dir denn gesagt? Auftreten sollst de, bis daß ersch herausgerückt hat. Was meenst du denn, daß ich dich wegen dem lumpigen Prophetenkuchen 'nein nach Weimar ließ? Ne, so 'n Brummochs! Auftreten solltste ordentlich. Nischt hat er gezahlt, un den letzten Kuchen och nich?«

»Nischt,« bestätigte der Junge.

Da hatte er's.

Der Meister legte ein schnäbelndes Taubenpaar aus der Hand und wischte dem Jungen eine aus in ungetrübter Gemütlichkeit.

102 Die Gesellen lachten.

»No, Hans,« sagte einer.

Hans fuhr sich mit dem Aermel über die runden Backen und grinste verlegen.

Ein Lehrjunge damaliger Zeit nahm es mit Püffen und Knüffen noch weniger genau, als einer in unsern Tagen.

»No,« sagte der Meister, »hast 'n 'en selbst gesprochen?«

»Nä.«

»Wen denn?«

»Die Schwiegertochter.«

»Daß dich! Und deshalb machste nach Weimar 'nein? Die, die zohlt jo nie – die nie! Wie hoch, sagt Pollak, is die Rechnung für Brot un Semmel für Excellenz Goethe aufgelaufen? An die dreihundert Laubthaler – so was, hä?«

»So was schonn, Meester, dächt' ich,« antwortete ein Geselle, der seiner Zeit bei dem Bäckermeister Pollak in Weimar in Arbeit gestanden hatte.

»Jesses über die Menschen!« brummte der Meister. »Als Studenten haben se nischt, und als Excellenzen wollen se nischt zahlen.«

»War denn der Zimmet un Zucker, wie sich's gehört, noch auf 'n Kuchen?«

»Jo,« sagte der Junge, »das schonn.«

»No, un wie warsch 'n in Weimer?«

»Nischt war. Die Mutter läßt den Meester scheen grüßen.«

* * *

Am Abend saßen die Gesellen, die Bäckerssöhne und der Lehrjunge miteinander auf der langen steinernen Bank vor dem Hause und verschnauften sich in der Abendkühle, alle mehlbestaubt, mit aufgekrempelten Hemdärmeln, rot und wohlgenährt.

103 Zu ihren Füßen fast schoß der Läutrabach in seinem mit Brettern ausgelegten Bette pfeilschnell dahin.

Die Gesellen plauderten von Liebesgeschichten, von kräftigen, handgreiflichen Liebesgeschichten, und rauchten und spuckten aus.

»No, Hans,« hieß es von allen Seiten, »du Schlingel! Hä, wie wärsch denn? Wann schaffst denn dir ä Schatz an?«

»Ooa,« sagte Hans, »ihr –«

»Ich weiß schonn,« meinte einer, »thu nur nich so, se haben dir emol 'ne Kellnerin eingebild.«

»Jawohl – eingebild!«

»Etwan nich?«

»Nä.«

»Da hast se dir wohl mit heimgenommen? Was? – Hört den an, den Enfamigten!«

Die Gesellen brüllten vor Lachen.

»Nu grade,« sagte Hans, »nu grade.«

»Jesses nee, so ä Bengel!«

»Hast 'n ihr och 'n Schmatz gegeben?«

»Grade,« sagte Hans.

»Besoffen warschte, dummer Junge, weeßt es denn nich mehr?«

Die Gesellen schlugen sich auf die Schenkel.

»Nä, so 'n Bengel! Selbst heimgebracht ham mer dich so – du –! Nimm doch endlich emol Vernunft an. Wer hat dich denn in de Falle gelegt, als mir? Wer andersch denn? Dein Rausch is uns teuer genug gekommen. Gesoffen haste wie 'n Loch. Nä, daß sich der Kerl seine Kellnerin immer noch einbild!«

»Ae tüchtiges Frauensmensch war's, nich, Hans?« fragte einer und bog sich vor und spuckte in weitem Bogen von sich.

104 »Nä,« sagte Hans unentwegt, »ä nudelnettes Mächen war's. Die wenn ihr hättet!«

Die Gesellen brüllten.

»No, Hans, ä Rausch, den berappen mer noch emol, un dann kannst och dein Schatz wiederkriegen.«

»Grad nich,« sagte Hans und spuckte noch weiter als der Geselle. »Nä, pfui Deiwel!«

»Wenn der Hans nich wär'!« rief der Geselle, der bei Pollak in Weimar in Arbeit gestanden hatte, »das wär' ja gar kein Leben nich hier.«

Jetzt fuhr Hans dem, der neben ihm saß, an die Gurgel, wie eine wilde Katze, und krallte sich an ihm ein.

»No,« lachten die andern.

»Du willst 'n wohl deinen Schatz beweise, du?«

»Geh' laß 'n!«

Hans aber schüttelte und rüttelte ihn so, daß der starke Bäckergeselle alle Mühe hatte, unter Lachen sich von ihm zu befreien.

»Du Deiwel!« rief der Geselle. »So 'n Krafthase!«

»Wer da aberscht kömmt!« Ein Geselle stieß den ältesten Bäckerssohn an: »Das Chrischtkind!«

Und aus dem Hause trat ein blondes, zartes, kinderhaftes Mädchen im verwaschenen rosa Kattunfähnchen, das sich eng um die zierlichen Glieder legte, das feine Gesicht von lichtblonden kurzen Härchen umgeben, die sich an der Spitze sanft bogen.

Die Gesellen verhielten sich jetzt ruhig und nickten dem Mädchen einen »guten Abend« zu.

Hans war unter der Faust des Bäckergesellen zusammengeduckt und sah auch dem zarten Mädchen nach.

»So 'n sappermentsches Mächen!« brummte der Bäckerssohn. »Ja, Hans, die wenn du noch meentest!«

»Na, laß den Hans seine Kellnerin, wenn's ihm freut.«

105 Die Gesellen plauderten weiter handgreifliche Liebesgeschichten und Abenteuer und rauchten und spuckten aus. Und Hans saß und hörte ihnen mit großen, glimmenden Augen zu. Dann, als der Abend weiter hereindunkelte, schlürften sie ins Haus, um sich schlafen zu legen, denn Bäckerruh ist kurze Ruh.

Hans blieb allein auf der Bank zurück.

Die Burschen setzten ihm das Blut in Feuer, Abend für Abend.

Er saß da und verschnaufte und stierte.

Leichte Schritte, die sich dem Hause näherten, ließen ihn aufblicken. In der Dämmerung sah er die feinen Umrisse des Mädchens, die wieder zurückkehrte.

Da schlug etwas in seiner Brust wie mit einem Hammer, betäubend. Es war ihm, als käme eine schwere Schläfrigkeit über ihn, etwas, was den Atem beklemmte.

Das zarte Ding mußte an ihm vorüber, und wie sie das eben thun wollte, stellte er ihr ein Bein.

Sie stolperte.

Da lachte er auf.

»Rotznäse!« sagte das Mädchen.

Sie schwankte ein wenig und ging weiter, die ausgetretenen Stufen hinauf.

Da bückte sich Hans, und zwischen den Steinfugen des holperigen Pflasters faßte er eine Handvoll Läutrasand, den der Bach beim letzten Gewitter mit sich geführt hatte, und warf ihn ihr nach und brummte etwas zwischen den Zähnen, das klang, als sagte er zu ihr: »Werd du mei Schatz.«

Ob es das Mädchen gehört oder nicht gehört – sie schaute nicht rechts noch links und schlüpfte wie ein Schatten ins Haus, um hinauf zu ihrer Witwe zu gehen, deren kleine, winzige Magd sie war.

Hans schlürfte auch durch den düsteren, engen, 106 greisenhaften Hausflur, der, von dem glimmenden Oellämpchen, das in einem grauen Mauerloch neben der Backstube seinen Platz hatte, wie von einem glühenden Auge nicht erhellt, sondern erst recht verdunkelt wurde.

Zu Hansens Obliegenheiten gehörte es, allabendlich, ehe er schlafen ging, dies glimmende Auge zu löschen.

Er drückte mit dem Daumen auf den Docht und wischte den Daumen dann am Stiefel ab, heute wie an jedem Abend.

Dann tappte er sich zu seinem Bett in der Gesellenkammer neben der Backstube.

Da lagen die Kerle schon und schnarchten in tiefer Dunkelheit.

* * *

So lebte Hans seine Lehrjungentage bei dem Meister Konditor hin.

Von früh drei Uhr an auf den Beinen, Teig und Mehl und Backofenglut, Schwitzen und Püffe, Maulschellen und drunten im unheimlichen Keller das Hausmuff verzapfen, saftige Späße der Gesellen, Liebesgeschichten und Saufgeschichten, Laufen und Rennen ohne Ende, Semmel- und Tortenaustragen und Besorgungen machen, überall zugleich verlangt und gescholten sein, das war es ja, was ihm das Schicksal vorderhand zugedacht hatte.

Eines nicht zu vergessen:

Seine Zunge hatte nie, bevor sie durch Hans in dies alte Haus kam, gewußt, was es heißt, Leckereien am Gaumen zu zerdrücken, Süßigkeiten um sich hin und her gleiten zu fühlen und zu schlecken und schnalzen im Hochgenuß klebriger Köstlichkeiten. Und jetzt wußte sie das und kannte es.

Wie hatte sie geschleckt und geschlungen, als ihr Herr am ersten Morgen seines Antritts beim Konditor mit der 107 Hausmagd zusammen früh um fünf Uhr statt einer ordinären Brennsuppe Aprikosentörtchen, Himbeertörtchen, Streuselkuchen und Gott weiß was, einen ganzen Teller voll, bekam, Ware vom vorgestrigen Tag.

Das Wasser war ihr vor Wonne zusammengelaufen, ins Paradies schien sie gekommen zu sein.

Und zum zweiten Frühstück erschienen zerbröckelte Dreierstücke, allerlei Mißratenes, ein ganzer Haufen.

Und zu Mittag war Hans so vollgegessen, daß er den Hirsebrei nicht mochte.

Erst zum Vieruhrbrot fiel er wieder wie ein Wolf über alte Biskuitbrocken her.

So ging es eine Zeitlang fort. Die Gesellen hänselten ihn. Er und die Hausmagd aber, die mit ihm zur selben Zeit eingetreten war, schlangen und fraßen.

Hans samt seiner Zunge war ins Schlaraffenland gekommen.

Gar zu lang dauerte die Herrlichkeit zwar nicht, da schaute Hans mit scheelen Augen dem Käsefrühstück der Gesellen zu, und wenn sie zu Mittag hin und wieder ihre gehörigen Fleischhappen bekamen, verwandte er kein Auge von ihnen, denn er und die Hausmagd mußten sich selbst dann nur mit winzigen Bröckchen begnügen, denn sie waren nun einmal die beiden Abgründe, worein die altbackenen Süßigkeiten verschwinden mußten.

Die Hausmagd zog bald wieder davon, total gesättigt, trübselig, mit verdorbenem Magen, um einer neuen Kraft Platz zu machen, die sich dann auch zu Hansens Ekel gewaltig hervorthat.

Hans wäre auch gern abgeschoben – aber wohin? Konditorlehrjunge war er nun einmal, und zu welchem Konditor er seine Schritte auch gelenkt hätte, überall hätte ihm das Gleiche geblüht.

108 Ihm blieb nichts übrig, als sich bis zum Gesellen durchzufressen, die Oede in seinem Leib herumzutragen, mit der Gier sich abzufinden, den Widerwillen zu verschlingen.

Die Gesellen fraßen vor seinen Augen Wurst und tranken Schnaps dazu, schüttelten sich über seinen süßen Papp, warfen ihm ihre Wurstschalen wie einem Hunde zu und brüllten, wenn er sie verschlang.

In Hansens Seele aber wuchs die Gier. Das süße Zeug in seinem Leibe machte ihn zuzeiten bös und wild und heimtückisch.

Es wuchs etwas in ihm, was ihn verzehrte, ein Verlangen nach allem, was er sah, nach Wurst und Fleisch und Wohlleben und nach allem Unbekannten.

Und dann wollte er es den Gesellen auch in jedem Stücke gleich thun. Das war wieder etwas, was ihn würgte und drängte.

Abend für Abend saß er mit ihnen bei gutem Wetter draußen auf der langen Steinbank und ließ sich von ihnen hudeln und zerren und sprach mit ihnen wie ein Alter. Das war der Gesellen größtes Gaudium.

Aber von dem Abend an, an dem Hans dem zarten Mädchen ein Bein gestellt hatte, schienen alle Teufel in ihn gefahren zu sein. Patzig und frech benahm er sich, schaffte sich von den paar Pfennigen, die er erspart hatte, eine Tabakspfeife an und paffte mit den Burschen und log ihnen vor, was das Zeug hielt.

»Hört den Schlingel an,« hieß es aller Nasenlang.

Das that ihm wohl.

Und wenn die Gesellen zum Bett oder zum Bier gingen, lungerte er umher und lauerte dem Mädchen auf. Und traf er sie, warf er mit Sand hinter ihr drein.

Das Mädchen huschte jedesmal wie ein geängstigtes Kätzchen an ihm vorüber.

109 »Das ist das rechte nicht,« dachte Hans.

Einst begegnete er ihr auf der Straße, als er gerade eine Torte forttrug.

»Bst,« machte er.

Sie sah, daß es diesmal mit dem Werfen wohl nichts werden würde, denn vorsichtig und ungeschickt ging er und hielt die schöne Torte ängstlich mit beiden Händen. Sie blieb stehen und blickte ihn ruhig an.

»Was ist denn das?« begann sie mit einem weichen Stimmchen. »Du führst dich ja abscheulich auf mit den Gesellen? Schämst du dich gar nicht? Ich hör' euch bis hinauf zu uns. – Und weshalb wirfst du immer?«

»Umschauen sollst du dich,« sagte er.

»So 'n dummer Junge!« Sie lachte leise in sich hinein.

»Weißt 'n auch, daß dich die Leute das Chrischtkind nennen?«

»Is nix Unrechts.«

»Weilste so klein geraten bist, gelle ja?«

»Wenn ich mehr zu essen kriegen thät', thät' ich schon wachsen,« antwortete sie.

»Gibt sie dir nischt, das alte Fell oben?«

»Nischt nich, aber viel auch nich.«

Er sah, wie zierlich sie war, so feine Knöchelchen, alles so zart wie an einer Blume oder wie ein Schaumtörtchen. Bei dieser Vorstellung wurde ihm ganz übel. Schaumtörtchen, das war sein Allerschlimmstes.

»Ach, du hast's gut,« sagte das Mädchen aufatmend, »du und eure Magd. Ist's wahr, daß ihr so viel bekommt, so viel guten Papps?«

»Pfui Deiwel!« Er zog eine Grimasse.

»Also auch nich, da hat sie gelogen.«

»Gelogen? Nä. Wenn de darauf aus bist, das kannste 110 haben. Mir hängt's so aus 'm Halse raus. Weißte, komm heut abend nunter an die Saale, an die Fähre, wenn die Gesellen sich in die Falle geschlagen haben, da bring' ich was.«

»Ach du . . . Jawohl.« Sie sah ihn scheu an. »Du maust doch nicht?«

»Bewahre, das asige Zeigs!« Er lachte wütend auf. »Da biste aber schief gewickelt. – Nä.«

* * *

Und abends stand eine zarte Gestalt unten an der Saale, an der Fähre. Sie hatte sich in den Schatten einer hohen Ulme gestellt und schaute aus. Vom Fährhaus fiel über den Weg ein heller Streif, den mußte jeder passieren.

Sie wollte sehen, ob er Wort hielt, und dann war sie auch hungrig.

Sie fühlte sich fast immer hungrig, denn noch war sie im Wachsen, und ihre Frau verschloß alles und jedes, jedes Häppchen Brot.

Aber er kam wirklich, tauchte aus der Dunkelheit auf und stand ein Weilchen in dem hellen Streifen. Sie wagte sich aber nicht kundzugeben und wartete, bis er noch ein bißchen herumgestanden und gesucht hatte, und als er ihr endlich ganz nahe kam, zupfte sie ihn am Aermel.

»Na, da bist du ja,« meinte er. »Weshalb haste denn kei Mucks gethan? Da bring' ich dersch, komm nur.«

Sie gingen miteinander bis zu der Laterne, die den Ein- und Ausstieg in das Fährboot erhellte. Die Saale gurgelte und rauschte. Das Ulmenlaub wisperte, das Fährboot lag am andern Ufer, und Hans leerte seine Taschen in des Mädchens Schürze aus.

»Ach Gott,« sagte die Kleine ganz betreten, »solche Sachen kriegste?«

»Nu iß auch,« drängte Hans.

111 Das Mädchen hockte sich auf einen Balken, der in der Nähe der Laterne lag.

»Sehen möcht' ich's auch,« meinte sie verlegen.

»Du, nimm das – das ist mit Himbeer. Gelle ja?«

Sie langte danach, biß zaghaft ein, und über das zarte Gesicht ging ein ganz glückseliges Lächeln.

»Gut is,« sagte sie.

Hans erschien sich als der reiche Mann, steckte die Hände in die Hosentaschen und pfiff einen Gassenhauer.

»Bst,« machte das Mädchen.

»Wie heißt du denn noch?« fragte sie heimlich.

»Wie denn noch?«

»Außer Hans.«

»Islaib,« sagte er.

»Jesses!«

»No? Glaubst's etwan nich? Das is 'n feiner Namen für 'n Konditor.«

»Freilich,« und dabei lachte sie wieder in sich hinein.

Sie knusperte an allen Stückchen, biß eins nach dem andern an.

»Gut is. Ja, das is gut. – Aber das? – Auch gut. Nimm doch auch!«

»Nä,« sagte Hans verächtlich, sah ihr aber ganz versunken zu.

Das war das erste Mal in seinem Leben, daß er jemand eine Freude machte, und das griff ihm weich ans Herz; es schien ihm wie eine harte Kruste davon abzufallen.

»Weißte, wenn ich erscht Konditor bin, da heirat' ich dich.«

»Jawohl,« lachte sie, »du Rotznäse, kannst gewiß nicht einmal richtig schreiben?«

»Da hapert's,« sagte Hans.

112 »Das wär' mir 'n Schatz,« meinte sie. »In der Schule hab' ich nichts als Einser gehabt und viermal den Preis.«

»Da war bei mir nischt los. Zum Heiraten gehört das auch nich.«

»Doch, ich möchte keinen, der schreiben thät wie 'n Kuh.«

»A was!« sagte Hans, »wenn ich dir erscht solches Zeigs da backen thu'.«

Sie knusperte wie ein Mäuschen. Und nun erzählten sie sich gegenseitig, wer sie waren, woher sie stammten, und wie es ihnen ergangen war. Und da verstanden sie sich.

Zwei, die auf der Brennsuppe dahergeschwommen waren: Kälte und Hiebe, und Hunger und Arbeit, und Lumpen und Not und Härte.

Sie in ihrer Lieblichkeit und er in seiner hanebüchenen Untersetztheit, sie hatten beide ganz dasselbe durchgemacht. Bruder und Schwester aus der einen großen Familie der Elenden.

»Und das alte Fell oben verschließt dir alles? Na, wart, Mariechen, weeste, ich bring' dir alle Abend ä bißchen was, bis dir's och eklich wird. So 'n Dreck krieg' ich allemal.«

»Ja, wenn du darfst.«

Er ging mit ihr bis an die Straßenecke.

»Gu'n Nacht, Chrischtkind.«

Sie schlüpfte von ihm fort, den Mund voll Kuchen.

Er stand an dem rauschenden Läutrabach in der engen, dunklen Gasse und dachte: »No, jetzt haste 'n Schatz, gelle ja? – Deiwel!« Aber da war nichts, womit er hätte vor den Gesellen prahlen können – kein Schmatz – gar nischt. Das war mal ganz anderscht.

Aber zum erstenmal im Leben hatte eine weiche Hand sein armes Herz berührt.

113 Und das that ihm weh. Er kannte sich nicht aus. Er hätte flennen mögen.

Die Zähne biß er zusammen und ging nach Haus, löschte mit dem Finger das glimmende Auge im Hausflur, das in der zerbröckelten Mauernische dämmernd leuchtete, wischte den öligen Daumen am Stiefel ab, legte sich dann und schlief, bis er vor den Gesellen wieder heraus mußte, um den Backofen zu heizen.

* * *

»Was bist du denn für 'n Duckmäuser heut?« sagten die Gesellen zu ihm, als sie am Abend wieder miteinander auf der Bank saßen.

Hans hatte aber schon die Taschen voll Zuckerwerk und paßte nur, daß die Gesellen aufbrechen möchten, und war maulfaul. Gewiß wartete das Chrischtkind schon unten an der Fähre – und die Esel gingen nicht.

Und als sie endlich gingen, trabte Hans ab, hielt sich die Taschen mit beiden Händen zu – und richtig, sie wartete schon an derselben Stelle.

»Gelle ja, dir hat's geschmeckt?« sagte Hans pfiffig, und wieder gingen sie an die Laterne, und er ließ in die schmale Schürze seine Krumen und Brocken purzeln, so recht von oben herab.

Als er dann zu Ende war, fühlte er ein schmales Päckchen in seine Hand gleiten.

»No?«

»Guck nur 'nein.«

Ein dünnes halbes Würstchen war darin.

»Iß du nur auch,« meinte das Mädchen verlegen.

»Wo is se denn her?«

»Einer von unsern Studenten hat's liegen lassen, und da hab' ich's erwischt, eh' die Frau es hatte.«

114 Hans wagte nicht recht, zuzugreifen. Das Würstchen war so winzig, und das Opfer schien zu groß. Schließlich aber behielt er es, und sie setzten sich miteinander auf den Balken.

»Das ist eine verdammt gute Wurscht,« meinte Hans. »Ist er ein Metzgerssohn?« Das schien ihm das Beneidenswerteste auf Erden zu sein.

»Ich weiß nich, er hat's von daheim bekommen.«

»Ja, die Studenten,« sagte Hans nachdenklich, »die verstehn den Rummel.«

Wie sie miteinander saßen, so tief innerlich befriedigt, beide kauend und schluckend, beide mit dem beschäftigt, wonach ihre Seele verlangte, da waren sie ganz dem Sorgenhaben entrückt und schwiegen beide und genossen, was sie hatten.

Hans war am ersten mit seinem guten Teil zu Ende, so sehr er auch damit gespart hatte.

Jetzt saß er und starrte auf das zarte, laternenbeschienene Gesicht neben ihm. Er starrte und starrte. Wie eine schöne, saftige Frucht erschien es ihm, wie eine Frucht, in die man hineinbeißen mußte.

Und er konnte nicht anders, er fuhr dem jungen Mädchen mit seiner täppischen Pfote über das ganze Gesicht.

»No du,« sagte sie mit vollem Mund, »du kommst einem ja in die Augen!«

Er hatte aber etwas so unbeschreiblich Zartes, Lebendiges gefühlt, daß ihm das Herz schlug.

So war es also!

Wie von einem Schreck fühlte er sich durchzuckt.

Sie blieb ganz gleichgültig und knusperte – und er fuhr ihr wieder übers Gesicht, hastig und rauh.

Da gab sie ihm einen Schupp mit dem Ellbogen.

»Du, sei nich eklich,« sagte sie. »Laß!«

115 Hans aber war es ähnlich zu Mute wie dazumal, als er sich auf der langen Steinbank mit dem Gesellen raufte, er mußte wieder mit ihr anbinden und gab ihr einen Stoß in die Seite, daß die zarte Gestalt ins Wanken kam und ein Teil des Zuckerzeugs ihr aus der Schürze kollerte.

»Tapps, dummer, was fällt dir denn ein?«

Er aber packte ihren Kopf und wollte ihr einen Schmatz geben, da fehlte ihm der Mut dazu. Deiwel. Dem stärksten Bäckergesellen eine auszuwischen, war leichter.

Und er hatte sich das wie gar nichts gedacht.

Einem Mädchen 'nen Schmatz geben, das war doch weiß Gott nichts gegen alles mögliche andre.

Dem Mädchen wurde es bänglich zu Mute.

»Was fällt dir denn ein?« sagte sie böse. »Gib Ruh! Ob ich's unserm Pfarrer sagen muß mit dem, daß ich dich allemal hier treff' – und mit dem Kuchen?« meinte sie nachdenklich.

»Ja, bist 'n katholisch?« fragte er erstaunt.

»Jawohl.«

»Un um so was frägt er dich? Das thät' ich mir verbitten.«

»Der is streng,« meinte das Mädchen. »Da gibt's nichts, dem mußt du alles sagen. Wir sein hier so wenig, da kommt auch alles auf. Er ist ein guter Mann, vor dem thätest auch du dich schämen. Un wenn eins weder Vater noch Mutter hat, wie ich – du lieber Gott!« Sie seufzte. »Wer kümmert sich denn eigentlich um unsereins? Kei Mensch.«

»Iche!« sagte Hans.

»Gelle ja, du – Mohndieten! Recht schreiben kannste nich, un dein' Hiebe kriegste aller Nasenlang – un aufführen thust du dich . . . Aber alles was recht is, gut biste.«

»Gelle ja, weil ich dir was bring'.«

116 »Ja,« sagte si, »wer bringt denn einem was – das is was Rares.«

Wie ihm das gut that, das Lob. Er vergaß fast darüber, daß er ihr einen Schmatz geben wollte.

* * *

Wie er aber an diesem Abend allein nach Hause ging, beschloß er bei sich, ihr einen Liebesbrief zu schreiben. Etwas wenigstens sollte geschehen. Das Herz war ihm zum Zerspringen voll, und es war das erste Mal, daß er eine Menschenseele liebte – und verliebt war, und er hing an dem blonden Dingelchen, wie ein Hund an seinem Herrn.

Was hätte er nicht alles für das Chrischtkind gethan, gemaust, gelogen und gerauft. Sonderbar jedoch, daß ihm nur Lumpereien einfielen, die er ihr zu Ehren hätte ausführen mögen.

Diese Nacht aber lag der Liebesbrief schwer auf seinem Herzen, – und daß ein Liebesbrief geschrieben werden mußte, stand fest, – aber wie?

Als er am Morgen über dem Backofenheizen war, schien es ihm eine Unmöglichkeit zu sein – alles eher als einen Liebesbrief!

Doch mußte es geschehen.

Und es geschah auch.

Er bohrte, kramte und wühlte in seinem dicken Schädel, als müßte sich da etwas zu Tage fördern lassen.

Und am Abend, als die Gesellen zum Bier gegangen waren, bohrte und wühlte und kramte er in deren Laden und Kisten.

Da schien ihm eher die Möglichkeit, etwas zu finden, denn die Kerls schrieben Liebesbriefe die schwere Menge. Freilich mußte er sich sagen, daß derartige Briefe das Schicksal hatten, meist fortgeschickt zu werden.

117 Aber es fand sich dennoch etwas, ein Brief an eine »Wetti«, den einer der Gesellen aus irgend welchen Gründen nicht fortgeschickt hatte. Vielleicht war dieses Schriftstück in köstlicher Reinschrift vervielfältigt, und das Urbild hatte der Geselle zu weiterem Gebrauch für sich behalten.

Ohne sich über den Inhalt viel Sorge zu machen, beschloß Hans, den Brief abzuschreiben.

* * *

Am andern Tag, als die Gesellen ihren Mittagsschlaf hielten, zog er mit einem Bogen Papier, den er sich gekauft, und mit Christkindbildern, die er seinem Meister entwendet hatte, der solche Bilder zu Weihnachten auf Pfefferkuchenherzen klebte, hinunter in die stille Laube, die am Ende des langen, schmalen Gartens lag.

Dort angekommen, schüttelte er mit Wichtigkeit sein kleines Tintenfläschchen, beschaute sich den Gänsekiel, setzte sich zurecht, kraute sich im Haar und nahm des Gesellen Brief vor.

Zuerst aber pappte er eine ganze Reihe »Chrischtkinder« auf seinen Bogen, die standen da wie die Soldaten, eins ans andre gedrängt.

Aber, o Schreck, des Gesellen Liebesbrief war eine Neujahrsepistel, und Johanni stand vor der Thür. Da war guter Rat teuer!

Der Brief begann:

»Ein Herzliches Glühwunsch zum neuen Jahr fil Glück und Segen, ›liebe Wetti‹.«

Und so ging's weiter.

Hans aber ließ nach längerem Grübeln den Anfang weg und schrieb:

»Mein Herz schlächt so dif darin das kein ander Mensch herauskriegen kann, es gibt kein ander Schaz mer auf der 118 Welt als nur Du, nur Du bis mei Schatz, nur du bis meine liebe Wetti.« Wetti hatte er im Eifer des Geschäfts mit abgeschrieben, klammerte die Wetti aber ein und schrieb »Chrischtkind«.

»Wennst Du mich verlass so bin ich verlassen, ich finde keine zwide mer. Nur Du bist die Erste und auch die Beste, Du weißt wie die Blume spricht.

Lieber Schaz vergiß mei nicht, es blüd ein Rosenstrauß drei Söhne Rosen sin drauf die erste Blum wie Dein Wange so Rot, die zwide wie Dein Gesicht so holt und die dritte Rose schmeckt so gut als Du mein Schatz bis mir so gut. Du bis mein Schaz, Du bis das einz'ge auf den ich mein Vertrauen hab Du bis mein Leben Du bis mein Blud Du bis mein einzig auf der Weld.

Nur Du bis mein Schatz
Nur Du bis " Herz
" " " " Herzensstrickchen
" " " " Herzgrube
" " " " Herzzucker.

Zu Dir is mein ganzes beschtreben und mein ganzer Sin. Wenn ich vor mein Auge Dein aufrichtig Herz hab', sieh so gibt's mir allemal mir in mei Herz en schtich, den meine Lübe zu Dir is so groß daß ich gar nich schreiben kan das Blümlein muß man sorgsam pflanzen das Herze muß verstanden sein drum schau' ich auf Dich wo ich nur kann. Du hast schon fil für mich durchgemacht schon fil für mich müssen leiden daß is sehr Söhn fon Dir. Du hast fil Wege un Gänge for mich gemacht Und Du bis mein und Du bleibs mein Ich bin überglühlicht.

Ich schließe mein Schreiben mit tausend Kissen

Von den Dich liebenden

Hans Islaib
(Senior).«  

119 Senior schrieb Hans, weil der Geselle dies auch gethan hatte.

Darauf kam noch eine Nachschrift in eigentümlichem Arrangement:

Solchergestalt war Hansens Liebeswerk, ein von saurer Arbeit zeugender Proletarierbrief.

Er gefiel ihm.

Und er gedachte ihrer Worte, daß sie keinen Schatz haben wollte, der wie eine Kuh schrieb.

»Na, wie von einer Kuh sieht der Brief nicht aus,« dachte er.

Nun aber war er ins Schreiben gekommen, wie das so geht, und auf seinem Bogen fand sich noch immer ein Plätzchen.

Da fiel ihm etwas dunkel ein, etwas, was er einmal gewußt hatte, etwas, was sich in einem Liebesbrief schön ausnehmen würde, und er schrieb ein paar Brocken, die ihm im Gedächtnis haften geblieben waren.

Die lauteten also:

»Was is der Ehstant? Der Ehstant ist ein Bam, an 120 dem fil Frichte dran hängen aber och verbotene. Der Ehstant is ein Garten in dem fil Blumen waksen aber och fil Dornen un Dieseln.«

Weiter kam er nicht, da war seine Weisheit zu Ende.

* * *

Diesen Brief bekam das Chrischtkind in die Schürze, als er ihr am Abend wieder Kuchen brachte.

»No?« sagte das Mädchen.

Hansens Herz schlug wie ein Hammer.

»Da haste mir wohl gar was geschrieben?«

»Gelle ja,« sagte Hans. »Nimm's aberscht nach Haus.«

Ihm war der Mund ganz trocken, die Zunge klebte ihm am Gaumen.

Das Chrischtkind steckte den Brief lächelnd in seinen Schürzenlatz.

Ob sie ihn wohl auch so liebte, wie er sie? Das schien ihm nicht so, so ein Fröschchen, wie sie war.

Und er? Ja, so eine Liebe hatte kein Geselle in sich. Was für saudumme Liebesgeschichten hatten die Esel immer vor; Liebesgeschichten, über die sie selbst lachten – und er trug an der seinigen wie an einer Zentnerlast. Diese große Liebe ließ ihm den Atem manchmal stocken, würgen hätte er das Chrischtkind mögen.

* * *

Ein heißer Schreck durchfuhr ihn, als er am nächsten Abend ein Briefchen in seine Hand gleiten fühlte.

»Da lies,« lachte das kleine Mädchen in sich hinein, »aber erscht zu Hause.«

Und zu Hause vor dem trüben Auge im Hausflur las er sein Briefchen, ein zierlich geschriebenes Schriftstückchen. 121

»Mein lieber Hans!

Dein Brief hat mir sehr gefallen; aber wie schade, daß Du so miserabel schreibst. Liebe mit dem getrübten ›i‹, das ist ja scheußlich, und außerdem alle denkbar möglichen Fehler. Und was ist denn Wetti? Und am Ende schreibst Du was vom neuen Jahr? Aber sonst hat mir Dein Brief sehr gefallen, ich habe ihn oft gelesen und trage ihn in meiner Tasche.

Meinst Du, es muß so ein Gepapp auf dem Brief an ein Mädchen sein? Gar vielleicht ein Herz Jesu mit Dornenkron und Flammen.

Ich will nicht so viel Jesuskindchen auf 'm Schreibpapier, das ist beleidigend.

Du machst mich ganz wütend, wenn Du so viel Jesuskindchen auf den Brief pappst. Du meinst, es muß ein roter Lappen über der Schrift sein, aber ich bitte Dich, thu das nicht wieder, sonst werd' ich anständig zornig auf Dich.

Schämen thät ich mich, wenn einer den Brief säh'; aber sonst, lieber Hans, bin ich Dir gut und dankbar für den Kuchen, den Du immer bringst, und daß Du so gut bist.

Deine Maria.«

Das machte Hans nicht viel aus, daß sie über die Fehler geschimpft hatte. Was ein rechter Bursch ist, braucht sich mit solchem Zeugs nicht abzugeben.

Er hatte einen Liebesbrief in der Tasche, und das war die Hauptsache. Aber Frieden wurde ihm nicht.

Kaum war die Angelegenheit mit dem Liebesbrief ins reine gebracht, verzehrte ihn wieder die wilde Unruhe nach einem Schmatz.

Er mußte sich den kleinen, kauenden Mund vorstellen, den er Abend für Abend mit den besten Leckereien vollstopfte. Herrgott, wie niedlich schnabulierte sie, wie ein junges Reh, so zart.

122 Er sah sie im Geiste schlecken, das feuchte Mäulchen, die kleine, rote Zungenspitze, die sich eine Krume, die echappiert war, wieder hereinholte.

»Maria« hatte sie sich unterschrieben, »Maria«.

»Maria« hieß sie und Chrischtkind zugleich.

Das lächerte ihn.

Es fuhr ihm in dieser Zeit allerlei durch den Kopf. Sein Gehirn arbeitete lebhafter. Er war so zerstreut und ungeschickt, daß es Püffe und Ohrfeigen nur so regnete. Und abends, wenn er mit den Gesellen auf der Bank saß, brachten sie ihn alle Nasenlang in Wut.

Er wurde wie ein bissiger Hund, fuhr jedem, der ihn neckte, nach der Kehle.

»Bengel, verdammter, is denn der Deiwel in dich gefahren!« hieß es wieder unter den Burschen, und sie schüttelten lachend den untersetzten, starken Burschen ab, wenn er es ihnen zu arg trieb.

Hansen war ein großer Wurf gelungen. Er hatte für den Johannistag von seinem Meister frei bekommen, und es erschien ihm selbst nicht recht glaublich, daß die Gesellen ihm das so hingehen ließen.

Zwar war es ganz natürlich zugegangen, denn Johanni fiel das Jahr gerade auf seinen freien Sonntag – aber doch war es höchst sonderbar, daß das Schicksal es so gut mit ihm meinte.

Und außerdem war es durchaus kein gewöhnliches Johannisfest, dieses Jahr, sondern etwas ganz Besonderes. Excellenz Goethe hatte den Jenensern ihr Fest, das man ihnen ganz nehmen oder wenigstens einschränken wollte, wegen Gott weiß was für polizeilichen Schrullen, wieder erobert.

Die Jenenser Jugend durfte auch dieses Jahr, wie es seit Jahrhunderten der Brauch war, nach Herzenslust 123 mit Feuer gaukeln und spielen. Sie durften nach wie vor alte Besen als Fackeln brennen, alte Oelfässer und Teerfässer zu Scheiterhaufen schichten, durften ihren Frühlingsdrang toben und schießen lassen, johlen, tanzen und musizieren, wie es von jeher der Brauch war.

Und dieses Jahr sollte es wirklich etwas ganz Extraes geben, denn es galt einen Sieg zu feiern und den Sieger zu verherrlichen. Man munkelte auch, daß Goethe diesen Tag in Jena verbringen würde. Also Ständchen und Fackelzug und Gott weiß was; die Studenten waren ganz des Kuckucks, wie sie in Weimar und Jena sagen, und nicht minder die Bürgersöhne und die Gassenjungen und Lehrbuben. Die ganze Jugend Jenas war wie in Gärung geraten.

Die Hausfrauen mußten über alles, was Besen hieß, die Hände breiten, denn da war keiner, und wäre es der schönste, unübertrefflichste gewesen, den jugendliche Gemüter nicht für einen alten, elenden Flederwisch erklärt hätten, wert zum Verbrennen.

Ueberhaupt sollte gesengt und gebrannt werden, daß es eine Art hatte.

Keine Bodenkammer, kein Kellerloch blieb undurchstöbert, die Strohvorräte wurden bestohlen, alte Kisten und Schachteln entführt.

Es war ein Wühlen und Schleppen in den Häusern, ein Johlen und Schreien und Keifen. Und schwerbeladen zogen Fuhrwerke mit allerhand wüstem Hausgerät und allem erdenklichen Brennbaren aus dem alten Nest den Bergen zu.

Oben auf dem Forst, einem Jenenser Ausflugsort, sollte der Hauptspektakel stattfinden.

Hans hatte sich ein paar Tage vordem schon mit dem Chrischtkind verabredet, daß sie miteinander zum Fest hinaufwandern wollten.

124 »Ja, Mohndieten,« hatte sie gesagt, »das geht nich, das, wenn meine Alte erfährt, die is gar so schlimm.«

»Frag sie nich,« sagte Hans, »deine Mutter hat och nich gefragt – Deiwel! Oder frag se, un wenn sie nich will, gehste eben durch. Wir wollen auch emal was haben.«

Das Chrischtkind war an diesem Abend so weich gestimmt, daß ihr die Thränen in die Augen traten.

»Ach herrje!« seufzte sie leise.

»No, was haste denn?«

»Nich wohl is mir immer,« meinte sie leise. »Siehste, du bist so ein gesunder Kerl, du verstehst das nich – ach, so müde. – Un immer so früh 'raus un den ganzen Tag rennen un laufen un nie nich satt zu essen. Ich weiß nich, was mir auch immer is – immer was. Un wenn ich denk', kei Mensch hat man auf dieser Welt – lauter fremde Leute. – Wenn unsereins alt wird – jetzt is mir die Arbeit schon sauer – Geld, wenn eins hätte –«

So sprach das zarte, einsame Kind mit der Altklugheit, wie sie karg gehaltener Jugend eigen ist. Und Hansens ungelenkes, wildes Herz wurde von einem sonderbaren Weh erfaßt.

»Ja – Geld!« meinte auch er. »Ja, Kuchen, damit is nischt. Geld kriegt unsereins nich; ja, wenn mer's sich vor lauter Würgen un Schanzen aus 'm Leibe 'rausschwitzt – dann ist's aber erscht ä rechter Dreck.«

»Zum Steffchen wenn eins beten thät!« meinte das zierliche Mädchen.

»No, wer is 'n das?«

»Ae Wurm,« antwortete sie.

»Ae Wurm?«

»No ja – das hat schon Heidengeld gebracht, die schwere Menge! Wie ein schwarzer Rauch aus dem Schornstein liegt es über dem Dach. Ich weiß das von der 125 Großmutter selig. Die kannte sich mit so was aus. Aber brav muß eins sein un aufrichtig, sonst kommt der Teufel un haut's – und ä Ruhler Weibchen trägt das Geld davon, wenn Steffchen es gebracht hat.«

»Quatsch,« sagte Hans.

»Nä. Meine Großmutter kannte die Leute noch, die das Geld von Steffchen hatten. Aber wer weiß denn, ob eins brav is, wirklich brav. Das Gebetchen, das wüßt' ich sonst noch, wenn's darauf ankäm'.«

»Wie laut's denn?« fragte Hans kühl.

»Ja, aber niemand wieder sagen.«

»Nä.«

Sie flüsterte es ihm ins Ohr.

»In Elend und Kummer,
In Hunger und Graus,
Da steht sie, da streckt sie,
Da reckt sie die Hände;
Drei Tropfen, ein Läppchen,
Ein Härlein – o weh!
Vergraben im Grunde
Am Schornstein, am Bornstein,
Da kriegt es, da liegt es,
Da ringt sich's, da bringt es
Am Schornstein, am Bornstein,
Da munkelt's, da funkelt's,
Da dunkelt's, da steckt es,
Das Steffchen, das lange, das bange,
Das reiche ohne gleiche.
Die Schlange, die lange,
Die goldreiche, die silberreiche,
Gibt ohne gleichen roten Regen,
Roten Segen auf allen Wegen
In aller guter Geister Namen.«

Hans schaute verblüfft. Das klang nich ohne – Deiwel! »Laß dich leiern mit deiner Großmutter,« sagte er aber.

126 »Nä du, meine Großmutter, des war eine Geriebene, darüber halt du mir den Rand.«

Sie saßen von jetzt an beide stumm auf ihren Balken in tiefer Dunkelheit. Und es lag wie ein Bann über ihnen.

»Wo muß denn das eins beten?« fragte Hans.

»Bst, reden muß eins nich darüber, wenn's geschehen soll. Auf 'n Boden, da thun sie beten oder im Keller drunten. Drei Tropfen Blut muß ein unschuldiges Mädchen sich aus dem Goldfinger fließen lassen auf ein Stückchen Leinwand, das sie aus ihrem Hemde schnitt, und ein paar Nackenhaare gehören auch dazu. Das wird alles im Dunkeln versteckt und begraben. Um Mitternacht auf dem Boden oder um Punkte Mittag im Keller.«

Sie waren wieder still.

»Am Johannistag, da müßte es geschehen. . . . Das ist der einzige Tag im ganzen Jahr,« fuhr sie nach einer Weile fort.

»Deiwel!« sagte Hans.

Und sie waren wieder still. Hans scharrte mit seinem Stiefelabsatz im Sand und hatte schon zweimal in die tiefe Dunkelheit hineingespuckt.

»Thun mersch,« sagte er.

»Nä, du.« Die Kleine erschauerte.

»Dumme Gans,« meinte er. »Was sagst's denn erscht?«

»Ja, weißte, wenn's so leicht ging, da thät's ja ein jedes. 's is was zum Fürchten –«

»A was!«

»Un wenn er nun käm' un haute?«

»No, da haut er eben,« meinte Hans. »Schlimmer wie Seidenbusche Fritze« – das war der erste Geselle beim Bäckermeister – »kriegt ersch nich fertig. das is 'n Aas auf Haue. Mit dem hab' ich mich schon gehörig gewalkt. Nä, da sei du ruhig, das mache mer schon.«

127 Jetzt flüsterten sie, eng aneinander gedrängt vor Eifer und heimlichem Grauen. Er sprach ihr zu.

Sie weinte ein Weilchen und sprach mit so einer hilflosen kleinen Stimme.

»No, denn nich!« schrie Hans mit einmal auf. »Da verreck du oben bei deiner Alten! Das beste Leben könntest haben, wenn du vor 'n Dreier Mut hätt'st – aber das is allemal so, ä Mächen is der reine Dreck!« Hans war wütend.

Und endlich schien er erreicht zu haben, was er wollte, denn sie gingen ganz einträchtig miteinander und flüsterten.

»Hans,« sagte sie wieder bänglich, »ach nä! Du große Güte!«

»Halt nur die Ohren steif,« meinte Hans, »un das bißchen In-den-Finger-stechen, no! Vor so was brauchst doch nich Angst zu haben.«

»Ja, weilst du's nich zu thun brauchst. Ja – un aus 'm Hemde ä Stücke 'rausschneiden – das thut keins gern.«

»Wenn du dafor Hemden aus Seide haben kannst? Dummheit!«

Der Johannistag war so strahlend schön, so warm und sommerlich, nicht schöner zu denken.

In der dumpfigen Backstube gor wieder der Brotteig, der Mehldunst lag schwer über allen Gegenständen im niederen Raum, und aus dem tiefen Keller stieg der alte Erdgeruch auf. Im Nebengemach schnarchten die Gesellen und hielten ihren Mittagsschlaf.

Wie ausgestorben war der ganze Raum. Eine große Hummel hatte sich hineinverirrt und stieß mit ihrem dicken Leib wütend an die grünlich belaufenen Scheiben der niederen Fensterchen, die in den schluchtartigen Hof führten.

128 Vorsichtig that sich die Gangthür auf, ein breiter Sonnenstrahl fiel leuchtend in den Raum, und mitten durch den Sonnenstrahl kam das »Chrischtkind« geschlichen, im feingebügelten rosa Gewändchen, das blonde Haar festlich gelockt und gekämmt – ihr nach kam Hans, seine starken, kurzen Beine versuchten ein ungeschicktes Schleichen. Er stolperte.

»Deiwel!« brummte er.

»Bst,« machte die Kleine.

Die enge, düstere Kellertreppe schlichen sie, eins nach dem andern, hinab, Hans voran.

Und wieder lag die Backstube in ihrer dunstigen Einsamkeit, und die Hummel wütete gegen die grünen, feuchten Fensterscheiben.

Unten im Keller aber standen zwei in tiefster Dunkelheit, zwei, die einander fest an der Hand hielten.

»Gerad mitten unter den Schornstein thun mersch,« flüsterte Hans.

»Bst,« machte das Mädchen wieder. Sie zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub.

Und als sie unter den Schornstein trat, wie unter eine Art Kuppel, und hinaufblickte, da funkelten wirklich drei helle Sterne zu ihr herab durch die dunkle, enge Schlucht, und es war doch helllichter Tag draußen.

Sie hatte immer davon erzählen hören, daß dies Wunder im Keller zu schauen sei. Sie wußte auch, daß dieser Keller mit seinem Schornstein eins von den drei Wahrzeichen der Stadt war; aber doch war sie so erschreckt und überrascht und durchschauert, daß sie sich an Hans festklammerte mit ihren dünnen Händen.

»Vergrab's,« sagte Hans.

»Bst.«

Was war denn aber das?

129 Wundervolle Töne, wie Engelsstimmen, drangen von der Höhe zu ihnen herab, aus der Sonnenluft in den düsteren Keller – himmlische Klänge, so zart, so hinsterbend süß und herzergreifend. Das junge Mädchen erstarrte.

Auch Hans stand verblüfft, keines aber regte sich.

Das war der Türmer, der zur zwölften Stunde einen Choral vom Stadtkirchturm herab blies.

Sie wußten das jetzt; aber doch war es, als wenn Engelsstimmen zu ihnen redeten.

Endlich ermannte sich die Kleine und bückte sich gerade unter dem Schornstein nieder, um ihr winziges Päckchen zu begraben.

Und Hans sah die kleine Gestalt, auf die ein Schein matten Lichtes aus dem Schornstein fiel, wie einen Dunstflecken. Das grauste ihn eigenartig, als stände er neben einem Geist.

»Sprech mit!« sagte sie leise. Da war es ihm, als wenn der Hals sich ihm zuschnürte, und ein niegefühltes Gespenstergrausen ließ ihm die Kniee gallertartig werden.

Aber von dem kleinen Nebelfleck aus unter dem himmelhohen Schornstein kam ein banges Stimmchen, so zitternd, so überwältigt – und so tapfer.

»In Elend und Jammer,
In Hunger und Graus,
Da steht sie, da streckt sie,
Da reckt sie die Hände.
Drei Tropfen, ein Läppchen,
Ein Härlein – o weh!
Vergraben im Grunde.«

Und dann:

»Am Schornstein, am Bornstein,
Da munkelt's, da funkelt's,
Da dunkelt's, da steckt es, 130
Das Steffchen, das lange, das bange,
Das reiche ohne gleiche.
Die Schlange, die lange,
Die goldreiche, die silberreiche.«

Da hörte Hans das Stimmchen in einem wilden Weinkrampfe untergehen, aber immer arbeitete es sich wieder mutig aus dem Grausen heraus. Und beim letzten Worte, da stürzte sie wie in Todesangst schlotternd über ihn her. Und Hans zerrte sie vorwärts, schleppte und zog sie die Kellertreppe hinauf.

Da war Licht – und die Hummel plumpste immer noch gegen die grünen Scheibchen. Das Schnarchen der Gesellen drang durch den stillen Raum.

Und Hans zog das zitternde Kind in die helle Sonne hinaus.

Da sah er, daß sie totenbleich war, ganz bläulich im Gesicht – und er bekam einen Schreck.

»Kannst du gehen?« fragte er. »Dann geh voraus bis an das Gartenhaus am Läutrabach, das von Müllersch. Dort wart nur, ich komme dann.«

Sie ging fröstelnd und zitternd durch die warmen, hellen Gassen, feiertäglich geputzt.

An Müllersch Gartenhaus stand sie und wartete. Ihr ganzer zarter Körper aber zitterte und bebte noch, ihr Herz schlug, und sie konnte nicht zur Ruhe kommen. Es lag etwas über ihr wie eine schwere, lange Last.

Hans kam bald nach im Bratenrock, die Tabakspfeife in der Tasche, aus der die grüne Troddel hervorbaumelte. Er trug eine Schirmmütze auf dem dicken, borstigen Haar und war so frisch gewaschen und gerieben, daß er einen durchaus würdigen, vertrauensvollen Eindruck machte. Von seiner derben Persönlichkeit waren die Schauer dieser Stunde längst abgefallen.

131 Das Chrischtkind geht so zart und still in seinem verwaschenen Fähnchen neben ihm her. Das blonde Haar glänzt im Sonnenschein. Das bleiche Gesicht ist von der Wärme und vom Aufwärtssteigen ein wenig gerötet.

Sie sagt ihm jetzt erst, daß sie ihrer Alten durch ist.

»Gelle ja,« meint Hans und grinst, »das macht nischt – laß nur – so 'n altes Fell.«

Er klopft auf seinen Rock, der auf einer Seite hoch aufgebauscht ist.

»Da steckt dir was! Wenn du müde bist, sag's nur. Ich hab' heut auch was Frisches erwischt, ewig das alte Zeug is auch nischt.«

»Doch nich gemaust?« fragte die Kleine.

»Gar, die merkten übrigens heut auch nix,« meint Hans; »da gibt niemand groß achtchen.«

Es ist ein wundervoller Johannistag, sommerlich und frühlinghaft zugleich. Die Schwalben schwirren mit langgezogenen, krystallhellen Tönen durch die klare Luft.

Das Korn blüht, es duftet wie Brot, die ganze Erde duftet, das Laub, das Gras, die jungen Tannentriebe und die Birken. Die Fruchtblüten sind schon lange alle hingewelkt; aber um jeden Baum webt und lebt die erste Sommerfrische, eine wohlthätige, würzige Ausströmung junger, überschwenglicher Lebenskräfte. Der Erde möchte man sich an die Brust werfen.

Und den beiden armseligen Kreaturen, die auf schmalem Weg durchs hohe Korn hinwandern, klopft der Johannistag ans Herz.

Beide sind still. Nach allem, was geschehen, wagen sie noch nicht wieder, sich gehen zu lassen. Sie sind noch im Bann.

Der Kleinen wird das Steigen sauer.

Heut gehört sie ihm, ihm ganz allein, denkt Hans.

132 Noch sind die Ausflügler nicht auf den Ruinen. Es ist ein Abendfest, dem sie entgegen wandern.

Hans führt das Chrischtkind allerhand Schleichwege. Und wie er merkt, daß die Kleine schwer ermüdet ist, lacht er und sagt: »Na, da wären wir ja schon so weit.« Und sie kriechen miteinander ins hohe Korn.

»Du,« sagt sie, »das is Sünde.«

»Jawohl,« meint Hans. »Wir treten noch lange kein Dreierbrot tot. Un wenn se an ein vorbeilaufen, lachen se, wenn se uns am Wege sitzen sähen.«

Das leuchtete auch dem Chrischtkind ein. Nun hocken sie im Korn nebeneinander, und Hans packt seine Leckereien aus.

Die Kleine ist so hungrig.

Ueber ihnen der tiefblaue, durchsichtige Himmel, über den von Süden her eine große, ungegliederte, strahlend weiße Wolke schifft.

»Guck hin, wie ein frisch überzogenes Federbett,« sagte Maria mit vollem Munde.

Hans starrte die Wolke an und starrte seine Kameradin an. Er atmete in tiefen, schweren Zügen den starken Korngeruch ein.

Eine Lerche schmettert über ihnen in der krystallenen Helle, und die Sonne strahlt und glüht. Zwischen den blühenden Aehren funkelt es. Der Wind bewegt die Aehrenhäupter wie Meereswogen, und mitten in diesem wogenden, duftenden Meere hocken sie miteinander.

Er, der grobknochige Bursche, mit dem zarten Fröschchen.

Hansens Herz schlägt.

Wie damals, als er meinte, Marias Gesicht wäre eine saftige, wundervolle Frucht, in die man einbeißen müßte, so wurde es ihm wieder zu Mute, so wild, so ungezügelt. Es kommt der heiße Jugendmut über ihn, daß er die Fäuste 133 ballt und die Zähne aufeinanderbeißt. Die Sonnenwärme, die schmetternde Lerche, die ganze große Luftfülle, die Freiheit des Tags und daß es Johannistag ist, all das zusammen macht ihn schwindeln – und daß sie so unentwegt kaut – und die wunderliche Erinnerung, die ihn hinunter in den düsteren Keller führt – der helle, geisterhafte Dunstfleck unter dem Schornstein, die bebende Stimme – und wie dies Mädchen sich an ihn ankrallte, die ganze geheimnisvolle Geschichte und die funkelnde Hoffnung, die sich an das düstere Treiben im Keller knüpft, und die Engelsstimmen, die aus der Sonne zu ihnen herabtönten in diese tiefe, müßige Finsternis hinein.

So 'n Frosch, denkt er und nimmt seine Schirmmütze ab.

Jetzt brennt ihm die Sonne auf den dicken, borstigen Schopf.

Es geschieht etwas – er weiß selbst nicht wie. Er hält ihren zarten Kopf zwischen seinen derben Händen und küßt und würgt sie und stöhnt und schluchzt – und hört es, als thäte es ein Fremder. Er fühlt, wie er sie auf den offenen Mund, auf die warmen Zähne küßt, wie er ihren ganzen Körper preßt. Er fühlt etwas so zitternd Zartes, etwas so Zerbrechliches, etwas, was ihn aufheulen macht wie einen Hund, der seinen Herrn wiedergefunden.

Ein banger Laut trifft ihn. Er stutzt.

Es ist ein Laut, wie er ihn nie gehört, etwas Gequältes, Hilfloses, ein Laut, als hätte ihn ein Reh unter Raubtierkrallen ausgestoßen.

»No,« sagt er.

Ein Schluchzen.

»Du, du, du!« brüllt er sie an.

Sie schluchzt.

Er nähert sich ihr wieder und will sie trösten.

134 Da stößt sie ihn von sich. Und unter leidenschaftlichen Thränen: »Wegen dir krieg ich's!«

»No,« meint Hans, »wer weiß es denn? Deinem Pfarrer mußt du's sagen, gelle ja? Große Pastete! Jedes Mädchen kriegt emal ä Schmatz.«

»Ja, aber nich von so 'm Bengel, wie du bist,« schluchzt sie.

»Oho,« sagt Hans und grinst. »No, bis mir gut. So 'n Mächen is doch 'n rechter Dreck!« Aber Hansens ganzes Herz steht in Flammen. Es ist ihm, als könnte er sich für sie treten und steinigen lassen. Er möchte schreien und brüllen.

»Wenn ich ne gute Stelle in'n Jahrer viere als Geselle kriege, heirat' ich dich eben –«

Wie erschrickt er aber, als er sieht, daß sein Kamerad bleich bis in die Lippen geworden ist.

Auf der Stirn stehen ihr feine Tröpfchen, an den Wimpern hängt es feucht und rollt in Tropfen über die Wangen. Hans faßt nach ihr: »Was is denn dir – herrje, was is dir denn?«

Sie sinkt mit dem Kopf auf seine Schulter. Er hält sie. Und aufs neue brechen heiße Thränen aus.

»Gott Strammbach,« brummt Hans. So etwas hat er sich nicht vorgestellt. »Na, biste mir denn aber gut?« fragt er.

»Gut, ja; aber du bist 'n Lump,« flüstert sie leise.

»Macht nischt,« sagt Hans, »du wärscht schon sehn.«

Jetzt sitzen sie ganz schweigsam nebeneinander.

* * *

Als sie nach langsamer Wanderung oben im Gasthaus zum Forst angelangt sind, bestellt er fürs Chrischtkind einen Kaffee, den trinken sie zusammen, dann spazieren sie oben im Forst umher.

135 »Du kannst dich ausruhen,« sagt Hans, »bis oben der Trafik losgeht, dann machen wir uns aber drunter.«

* * *

Nun bricht der Abend herein, ein so weicher, milder Abend, am blaßblauen Himmel blinkt ein Stern nach dem andern. Unten im Saalthal ziehen die langen Nebelschleier dahin.

Die Berge strömen Sommerwärme aus in den Abend hinein. Windstille und Duftfülle. Weichheit in jedem Atemzug.

Oben im Forst ist das Leben voll erwacht, alle Bänke sind dicht besetzt, und den Weg herauf strömt es wie ein Ameisenzug. Vor dem Gasthaus auf steinernen Herden glühen die Holzkohlenfeuer unter den Rosten zum Wurstbraten.

Lange Tische, mit hölzernen Bierkrügen bedeckt, stehen unter den Bäumen. Aus diesen Krügen soll »Musik«, das Jenenser Getränk: Weißbier mit Zucker, geriebenem Brot und Rosinen, getrunken werden.

Bier und Weinfässer liegen auf ihren Gestellen, und Mädchen mit großen weißen Schürzen und Metzgergesellen und Buben laufen geschäftig mit Krügen und Rostbratwürsten, von denen eine jede zwischen einem Weißbrot eingeklemmt liegt, hin und her.

Nicht allzuweit von dieser fröhlichen, nahrhaften Ansiedlung entfernt ist der mächtige Scheiterhaufen geschichtet, der, wenn die Dunkelheit völlig hereingebrochen sein wird, angezündet werden soll.

Die Leute stehen um ihn her und beschauen ihn sich.

Unternehmende Gestalten mit umgekehrten Röcken machen sich daran zu schaffen, stochern herum und zerren und wühlen und schleppen leere Pech- und Teerfässer herbei.

136 Was sie da alles auf diesen Haufen hinaufgepackt haben – und was sie alles in dieses wüste Wirrsal hineingeheimnist haben.

Ein alter, nasenloser, brauner Haubenkopf schaut aufgespießt, gespenstisch von einer hohen Stange herab. Eine zerbrochene, wurmzerfressene Wiege steht mitten im Gerümpel mit Strohwischen gefüllt, zerschlagene Stühle und Tische, zerfetzte Körbe, alte Thüren und Balken sind übereinander aufgehäuft, vogelscheuchenartige Gebilde aller Art sitzen und hocken geduldig, mit alten Mützen und Lumpen ausstaffiert, auf allerhand Ecken und Auswüchsen, um sich in Gemütsruhe, wenn ihre Zeit gekommen ist, verbrennen zu lassen.

Es ist ein merkwürdiger Scheiterhaufen, der auf dem Forst, der merkwürdigste um ganz Jena herum. Seit Menschengedenken ist es schon so – der Forster Scheiterhaufen ist der Aristokrat unter seinesgleichen.

Hans und das Chrischtkind stehen auch und sehen sich ihn an und freuen sich darüber.

Sie haben einen schönen Nachmittag gehabt und sind beide ganz friedlich gesinnt. Das Waldesgrün hat ihnen wohlgethan.

Sie haben da miteinander gesessen und ins Thal hinabgeblickt.

Maria war so müde gewesen.

* * *

Als der monddurchleuchtete Abend völlig hereingebrochen war, die Musikbande oben auf dem Forst zu spielen begonnen hatte, von allen Bergen die Johannisfeuer leuchteten und ein Singen, Jubeln, Schreien, Rufen die ganze Atmosphäre erfüllte, sagte Hans: »Heut lassen wir was aufgehen, heut soll alles dran glauben!« Er schlug sich dabei auf seine Hosentasche und machte sich parat, die grünbequastete 137 Tabakspfeife umständlich zu stopfen und anzuzünden. Er hatte alles bei einander wie ein Alter.

Sie setzten sich an einen der langen Tische, ganz ans äußerste Ende, möglichst abseits von allen andern, und Hans bestellte roten Jenenser.

Das Chrischtkind trank in durstigen, großen Zügen und drückte Hans ein kleines Geldstück in die Hand, welches sie schon lange bereit gehalten hatte, so daß es ganz warm war.

»Ich geb' auch was dazu,« meinte sie.

»Gelle ja, du denkst, ich könnte dich nicht freihalten. Da biste aber schief gewickelt!«

»Wer weiß,« sagte sie, »ob ich nicht mehr erspart hab' wie du; ich bin Magd seit meinem neunten Jahr. Nimm nur!«

Hans nahm und ließ die kleine Münze in seine Hosentasche fallen.

Das Chrischtkind trank wie verdurstet.

»Sauf aus,« sagte Hans und freute sich, daß es ihr so schmeckte.

»So was hat mir gefehlt,« meinte sie, »paß auf, nun werd' ich ganz stark. Ach, wie's einem da gut wird!«

Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und sah in die Feuergluten des Scheiterhaufens, der mit lautem Prasseln zum Himmel aufbrannte.

Der Haubenkopf schaute grauenhaft von seiner langen Stange über die Flammen. Und die Vogelscheuchen hockten noch immer geduldig auf der einen Seite des Stoßes, die das Feuer noch nicht recht erfaßt hatte.

Um den Scheiterhaufen sprangen dunkle Gestalten in ausgelassenen Sprüngen herum. Raketen flogen auf, Feuerfrösche zischten. Den Forstberg herauf bewegte sich singend und johlend ein Studentenzug mit Fackeln, und vom Fuchsberg hinab zogen und huschten ganze Schwärme Jungen 138 mit brennenden Besen, die sie in weiten Feuerbogen in die Luft warfen. Ueberall im Thal tauchten Lichter und Lichtchen auf, die Sterne funkelten, und es sah aus, als wenn sie sich auf Erden wiederspiegelten.

Wenn die Musik auf dem Forst verstummte, klang und summte die ganze Luft von fernen Tönen, Schreien, Gesängen, undeutlichen Melodieen.

Es war eine zaubervolle Mondnacht, deren Einfluß sich niemand entziehen konnte.

Die einen tranken und aßen, da sie ihre Gefühle nicht anders zu verwerten wußten, mehr, als gut war. Die andern brüllten und johlten aus demselben Grunde. Andre wieder wurden verliebt und duselig.

In allen aber erweckte diese Nacht mit ihren Funken und Tönen irgend etwas, was gerade am leichtesten zu erwarten war.

Hans und das Chrischtkind hatten sich jetzt zum Tanzplatz aufgemacht.

Da ging es hoch her, und sie standen und schauten ganz versunken und wagten nicht, mitzuthun.

Der brennende Scheiterhaufen warf seinen Schein über die tanzenden Paare.

»Ach, Hans,« sagte das Chrischtkind nach einer guten Weile verlangend, »wenn du doch tanzen könntest! Ich thät's gar zu gern einmal.«

»Große Geschichte,« meinte Hans, »geh her!«

»Ach du, du Rotznäse.« Sie lachte verlegen.

»Gelle ja,« meinte Hans, »wenn ich dir Kuchen bring', da is nischt mit Rotznäse. Ja, Mohndieten! Was du für 'n Mächen bist, siehste. So 'n kleines Beest.«

Hans war gekränkt.

»Allongs, laßt die Riesen einmal dran – da die zwei Riesen! – Macht Platz fürsche!« So rief ein 139 wohlbeleibter Bürgersmann, der neben Hans und dem Chrischtkind stand.

»Na, allongs!« Damit schob er die beiden auf den Tanzplatz.

Hans setzte sich ganz frech in Positur und faßte sein zartes Mädchen um die Mitte.

»Seht ersch die Riesen!« rief es nun von allen Seiten. »Jesses ne! Macht 'n Platz! Die brauchen en Stücke Platz – solche! So 'n Kerl wie 'n Pfund Wurscht.«

Hans fing an zu hopsen und zerrte seine Tänzerin mit sich – sie mochte wollen oder nicht.

»Das wern mir gleich ham!« sagte Hans.

»Nur sachtchen!« meinte er beim ersten Dreher, als er fühlte, wie die Musik mit ihrem Takt ihm wie ein Knüttel zwischen die Kniee kam.

»Das is ja Walzer. Was machste denn?« flüsterte Maria, die wohl merkte, wie aller Augen auf sie beide gerichtet waren.

»'s geht schonne!« sagte Hans pustend und stampfend.

Das Chrischtkind schämte sich und wußte sich nicht zu helfen.

Hans hopste wie besessen und drehte sich und stampfte und kam nicht weiter.

»Noch emal so, Kleiner!« rief es von einer Seite.

»Hab' ich's nich gesagt, daß Riesen kämen?« prustete der dicke Bürgersmann.

Alles lachte und rief das Pärchen an, das heiß vor Scham und Eifer sich in dem Kreise, den die Zuschauer gebildet hatten, abarbeitete.

»Asig!« brummte Hans wütend vor sich hin.

Er schwitzte vor Anstrengung. Und das Chrischtkind hätte in die Erde sinken mögen.

»Hans, hör endlich auf!« flüsterte sie mit Thränen in den Augen. »Hans!«

140 Hans aber war wie eine Maschine, er stampfte und hopste unaufhaltsam.

»Nu grade,« sagte er. »Nu grade!«

Ueber Chrischtkinds Wangen rollten heiße Thränen. Sie versuchte sich loszumachen, aber Hans hielt sie wie mit eisernen Klammern.

»Tölpel, du!« rief ein schlanker, junger Student und verstellte Hans den Weg. »Willst du wohl! Was zerrst du denn das Mädchen?«

Hans hatte seinen zarten Schatz losgelassen und stand da wie eine Bulldogge, gedrungen und bissig.

»Geht's wen was an?« sagte er patzig und fuhr sich mit der Hand unter die Schirmmütze. Ueber die Stirn rannen ihm die Schweißtropfen.

»Kommen Sie, Jungfer,« sagte der Student, ohne Hans mehr Beachtung zu schenken wie eben einer knurrenden Bulldogge. »Jetzt wollen wir's einmal miteinander versuchen.«

Das Chrischtkind stand tief verschüchtert da und wagte nicht aufzublicken.

Es sah nicht einmal, wer es von Hans befreit hatte. Stumm und mit niedergeschlagenen Augen ließ es sich von dem jungen Menschen umfassen und unter die tanzenden Paare ziehen.

»Nur munterchen!« meinte der Student. »Mut fassen – wird schon gehn.«

Und nun begannen sie zu tanzen.

»Donnerschtag, das geht ja!«

Und wie es ging! Das Chrischtkind tanzte wie ein Elfchen so leicht.

Und wieder richteten sich aller Augen auf das Mädchen mit seinem neuen Tänzer.

Ein Mordsbursche war der »Neue«, ein schöner Kerl 141 in vollem Wichs. So einer von denen, die gewohnt sind, unten im Städtchen alles durchzusetzen, was ihnen durch den Kopf fährt – so ein Allerweltskerl.

Bei der Witwe war eine Zeitlang ein solcher einquartiert gewesen, und das Chrischtkind hatte ihn zu bedienen gehabt. Wie ein junger Gott war er ihr erschienen, und sie war damals scheu und unterwürfig vor solcher Pracht erstarrt.

Und jetzt tanzte ein solcher mit ihr. Sie fühlte das durch Mark und Bein. Ihr zartes Näschen schnupperte die Vornehmheit. Sie roch die feinen, neuen Kleider, die gute Wäsche, den teuern Tabak – den Uebermut, den Reichtum.

Um die Welt hätte sie nicht aufgeblickt. So etwas! Mit so einem! Der Atem stockte ihr.

»Du Sappermentsmädchen, wer hat denn dich so tanzen gelehrt?« fragte der Student so weich – so . . .

Sie vergaß zu antworten und tanzte und tanzte.

So an den Reichtum angeschmiegt, von Kraft und Uebermut gehalten, das empfindet ein armes Geschöpfchen, das stürmt ihm durch die Adern wie feuriger Wein. Sie, die immer im Elend, in der Armseligkeit herumgekrochen war, sie fühlte etwas ganz Sinnverwirrendes, etwas, das sie aufschluchzen, aufjauchzen machen wollte.

Der Student preßte das zarte Ding an sich.

»Wird's nicht zu viel?« fragte er.

Sie schüttelte das Köpfchen.

»Na gucke, das geht ja! Was so 'ne kleine Bestie für Kräfte hat,« brummte er vor sich hin, als wenn er dem hübschen Kinde keine Ohren zutraute. Sie hörte auch nicht und sah nicht und tanzte nur. Es sauste ihr in den Ohren. In den Adern klopfte es.

Der flotte Student legte ihr den Arm wie stützend um die schmalen Schultern. Sie strauchelte, als er sie unter die Zuschauer zurückstellen wollte.

142 »Is dir schwindlich, Kleine?« fragte er.

Sie nickte.

»Na, komm mit un trink mal.«

Er nahm sie an der Hand, wie man ein Kind führt, und ging mit ihr zu den langen Tischen.

Windlichter leuchteten den Gästen beim Essen und ließen ihr Licht über die Wurstteller und Holzkrüge schimmern. Gerade vor so einem Lichte nahm der Student Platz.

»Setz dich, Kleine,« sagte er und zeigte nachlässig auf den Stuhl, der neben ihm stand.

Und nun bestellte er Wein, und sie mußte mit ihm trinken.

Aus dem Scheiterhaufen stiegen Funkengarben auf. Dunkle, schattenhafte Gestalten warfen immer neues Gerümpel in die Glut, damit die Freude länger währte. Und die Luft erklang von Gesang und Gejohle. Die Sterne funkelten, der Nachtwind war lau und flüsternd, Liebespärchen schlenderten umher.

Ueberall aus den dunkeln Bergmassen leuchteten Funken auf, sprühten Flammen und Flämmchen. Ueber all diesem Leuchten und Tönen und Sprühen und Kosen flutete des Mondes kühles, stilles Licht.

Unter einem Baum im tiefen Dunkel stand Hans und ließ das Chrischtkind nicht aus den Augen. Er konnte hören, was sie sprachen, und sah, wie Maria den Wein des schönen Menschen in großen, durstigen Zügen trank.

»Frech!« brummte Hans ingrimmig vor sich hin.

»Eine Schönheit bist du,« sagte der Student und neigte sich tief zu ihr hinab. »Teufel auch, das sieht man ja gar nicht, wenn man dich nicht nah' betrachtet! Donnerwetter, Mächen – ich setzt' dich untern Glassturz! He, das wär' was? Trink mal!«

Er goß ihr das Glas wieder voll, und sie trank wieder hastig.

143 Ihr tanzte die Welt.

Alles war so herrlich, so ungeahnt, und in ihren Ohren summte und sauste es wie etwas ganz außerordentlich Mächtiges. War es in ihr? War es außer ihr? Sie wußte es nicht. Sie fühlte sich so matt und stark zugleich. Sie hörte sich lachen über alles, was der Student sagte – so ausgelassen lachen und so hell wie nie zuvor. Der Student faßte mit seiner großen, weichen Hand ihr Köpfchen und zog es an seine Brust.

»Wie so ein kleiner Narr lachst du da!«

Da lag sie an das feine, warme Tuch angeschmiegt, dem Reichtum und dem Uebermut so nahe. Das regte ihr ganzes Wesen auf. Es war ihr, als stände sie in Flammen. Er sprach flüsternd zu ihr.

Hans starrte und lauschte in sich zusammengekauert.

»Alberbach, verdammter!« Dabei rannen ihm die heißen, bitteren Thränen über die Backen.

Für die hätte er sich nun treten und hauen lassen, für die hätte er gemaust und gelogen, für die war ihm nichts heilig! Der erste beste schnappte sie ihm weg. Und sie! Pfui Deiwel! Da wollte er doch – Ja! Er fuhr sich in den dichten, festen Haarschopf und wußte nicht aus und ein.

Aufheulen hätte er mögen wie ein getretener Köter. Und das war seine Johannisnacht, in der er »den Flotten« hatte spielen wollen! Die grüne Troddel der Tabakspfeife, auf die er so stolz war, hing ihm aus der Tasche, seine Finger spielten krampfhaft mit ihr. Er dachte aber nicht daran, Feuer zu schlagen.

Da saß sein Schatz ganz weltvergessen und ließ sich mit dem fremden Menschen ein. Jetzt standen sie auf. Sie hing dem Studenten am Arm. Ihr blondes Köpfchen neigte sich seitlich zu ihm hin.

»Na, weißte,« sagte der Student, »du hast ja en kleenen 144 Affen. Kannst du noch auf dem Strich gehen, Mamsellechen? Woll'n mal sehn?«

Er versuchte ihr hartgearbeitetes Händchen sanft von seinem Arm zu lösen. Das zarte Kind hing aber an ihm fest wie schlafwandelnd.

»No,« meinte der Student, »hat's dir geschmeckt? Was?«

»Das macht mich stark,« antwortete das Chrischtkind. »Längst hat der Doktor gemeint: ein Wein, das thät' mir gut.«

»Warst du denn krank?«

»Auch schon im Krankenhaus gewesen,« sagte sie wichtig.

»Schäm dich! – Allongs, tanzen wir mal.«

»Ja, wenn Sie so freundlich sein wollen.«

»Du Mäuschen . . .« Er bog sich zu ihr herab und küßte sie. Und sie ließ sich ganz traumverloren küssen.

Aus dem herabgebrannten Scheiterhaufen zuckte und glühte es. Lichter und Schatten huschten über den Boden hin.

Die Tanzmusik klang gellend in die Nacht hinaus.

Zu einem rechten Hexensabbat war das ehrbar bürgerliche Fest da oben auf dem Forst geworden, denn das junge, leichtfertige Volk war jetzt völlig zur Oberhand gekommen; die braven, rheumatischen Bürgersleute hatten das Feld geräumt und lagen schon seelenruhig unten im alten Rattennest unter den würdigen Federbetten vergraben. Und ihre Träume mochten sicher nicht so leichtsinniger Art sein wie oben auf dem Berge die leibhaftige, lebendige Wahrheit. Die Studenten und liebesbedürftigen und liebenswürdigen Frauenzimmerchen ließen es sich auf dem Tanzplatz und auf den langen Bänken bei Wein und Bier wohl sein.

Die Windlichter waren zum guten Teil erloschen, und ein Kosen und Flüstern und Aufjauchzen und Kreischen zeigte an, daß die Lebensgeister auf ihrer Höhe angelangt waren.

145 Die Musikanten nahmen es nicht mehr so genau, es gab schrille Dissonanzen, und die Fiedeltöne kreischten wild auf. Aber getanzt wurde wie rasend. Und die es am tollsten trieben, das waren der Student und sein zartes Mädchen.

Er hatte Geschmack an ihr gefunden. Es war da etwas Sonderbares, was ihn anzog.

Leicht hätte er ein stattlicheres, unterhaltenderes Mädchen finden können statt des unscheinbaren Kindes, keins aber, das in solch zitternder Glückseligkeit genossen hätte, dem man den heißen Durst nach Freude und Wohlbefinden so angefühlt hätte.

Armes Tier, dachte der junge Mensch.

»Du bist eine sonderbare Krabbe, du mit deinem Schwipps,« sagte er zu ihr und preßte das junge Gesicht wieder zwischen seinen beiden Händen und küßte sie auf den schmallippigen, feucht-rosigen Mund. »Du leichtsinniger kleiner Balg!«

Da lachte sie.

»Nä, nä, im Ernst. Na, komm, allongs, meinetwegen.«

Und wieder tanzten sie, sie flog wie ein Flederwisch. In ihrem Kopf hämmerte es, in ihrem Herzen hämmerte es und in allen Adern.

Hans stand verbissen unter den Zuschauern und verwandte keinen Blick von ihr.

Sie nickte ihm ein paarmal harmlos und siegesstolz zu. Aber bei jedem solchen Nicken wäre er ihr am liebsten an die Gurgel gefahren: »So ein schamloses Ding!«

Hans fühlte eine wütende Verachtung in sich und ein Weh, als hätte er Zahnschmerzen im Herzen, helle, niederträchtige Zahnschmerzen. Er biß sich auf die Lippen und knabberte zur Abwechslung an den Nägeln.

146 »Dreck!« brummte er vor sich hin, das war das Wort, das seiner Seele gut that.

Die beiden aber schwammen miteinander in einem Meer von Verliebtheit und fegten aller Nasenlang an Hans vorüber.

Ein Mann, der neben ihm stand, sagte: »Is das ä Frichtchen, die Blonde! So 'n Racker, so 'n kleener!«

Das war derselbe Bürgersmann, der die beiden »Riesen« auf den Tanzplatz gehetzt hatte.

»Junge, mit der bist ja du gegangen. No, wie heißt se denn?«

»Maria heißt se,« sagte Hans patzig, und in dieser Antwort lag alle Bosheit und alle Qual, die er im Herzen trug. Es klang so unverschämt, daß der Bürgersmann den gedrungenen Bengel anschaute, als wolle er ihm eine auswischen.

»Laß dir von dei'm Meister ä paar uffledern, du!«

»Dreck,« brummte Hans und machte sich mit seinen Ellbogen unter den Zuschauern Platz, denn er wollte ganz vornan stehen, um dem Chrischtkind ein Bein zu stellen.

Er wußte selbst nicht, was er wollte; aber das wäre ihm das liebste gewesen.

Und wie er so stand und das Mädchen mit ihrem Studenten an sich vorüberfegen sah, war's ihm zu Mute, als wäre er aus seiner Heimat und aus seinem Rechte vertrieben. Und er fühlte, wie ihm wieder ganz gottesjämmerlich die heißen Thränen in die Augen schossen. Er und flennen! Da fuhr er sich mit seinem Rockärmel unter der Nase hin und schnuffelte kräftig.

Und mit verschleierten Augen sah er, wie Maria sich eng an den schönen Menschen schmiegte und so trunkene Augen machte, als wäre es mit ihr nicht ganz richtig.

»Wie die guckt, der Alberbach, die Gans, die dumme!« 147 dachte Hans wütend. Und als sie zu ihm hinschaute, streckte er ihr die Zunge heraus.

»Sieh mal, was dein Schatz thut!« sagte der Student lachend zu dem Mädchen. »Weißt du, sag' ich dir, zum Ballett solltest du gehn, nach Weimar. Die nehmen dich! So 'n Irrwisch – du machst dort dein Glück, so 'ne Ratte wie du bist.«

Er malte ihr flüsternd aus, wie sie ihr Glück machen würde. Und sie sog ihm mit weit offenen Augen die Worte vom Mund.

»Glück!« sagte sie. »Ich un Glück!«

»Na freilich, was braucht 'n so 'n kleener, schöner Balg immer im Elend zu sitzen!«

Sie starrte ihn an.

»Und so genau nimmst du's ja nich, dir wird's schon glücken.«

Da war es ihr, als wollte sie denken, aber die Gedanken versagten ihr. Was der flotte Mensch zu ihr sprach, hüllte sie wie in eine Weihrauchwolke ein und betäubte sie. Das Blut pochte ihr in den Schläfen, das Herz hämmerte ihr, der Atem war ihr so schwer beklemmt.

Und jetzt umfaßte er sie wieder. »Aber nun zum allerletztenmal,« sagte er. »Du hast ja 'n Rausch, Mächen. Nu paß auf, jetzt los!«

Er riß sie mit sich fort, in einen Tanzwirbel hinein.

»Ist's so schön? Ist's so toll genug? Magst du's so?«

Er neigte sich zu ihr herab.

Sie nickte.

»Also drauf!«

Und sie tanzten weiter wie im Liebesrausch.

Sein Atem umwehte ihr kleines Haupt. Er starrte auf das blonde, süße Haar, das beim Tanze zartgoldig flatterte.

148 Sie war so leicht, so rührend, so frühlinghaft. In ihrer Lustigkeit lag etwas so Schwermütiges, in ihrer Gier nach Lebenswonne etwas so seltsam Wesenloses. Auch der gedankenlose junge Mensch, der das kleine Geschöpf umfangen hielt, fühlte dumpf, als hielte er ein armes Hexchen an der Brust. Es war ihm, als erlebte er mit dem schweigsamen, sich hingebenden Kinde ein absonderliches Abenteuer.

Sie paßte ihm zu seiner Johannisnachtstimmung, und auch der komische, breitspurige Junge, der das zarte Mädchen nicht aus den Augen ließ und immer sprungbereit in voller Wut stand. Das alles amüsierte ihn.

Jetzt gerade faßte er so einen giftigen, heimtückischen Blick von ihm auf, schwenkte das Mädchen wie einen Flederwisch, als wollte er zu dem dummen Teufel sagen: »Siehste wohl!«

Er fühlte, wie die Kleine nach Atem rang, und wie sie ihm schwer im Arme ruhte. Es war ihm auch, als strauchelte sie; aber weiter – er mußte noch einmal mit ihr an dem Knopf vorüberfegen, um ihn zu ärgern.

Mit einemmal ein dumpfer Schrei – ein heftiger Stoß. Es war ihm, als hätte sie sich von ihm losgerissen und ihn vor die Brust geschlagen, daß er taumelte, und vor ihm, ihm zu Füßen lag sie, vornübergestürzt, mit dem Gesicht zur Erde.

»Ja, Kleine!« rief der Student; »was machst du denn? Na!« Er stand über sie gebeugt, um ihr aufzuhelfen – aber da war etwas, was ihm in die Glieder fuhr, so daß er es nicht wagte, das Mädchen aufzurichten.

Die tanzenden Paare standen um die Gestürzte.

»Kleine!« flüsterte der Student ratlos. »Na – na!«

Er faßte sie zaghaft und hob sie ein wenig.

149 Da quoll ihm Blut über die Hand. Aus ihrem Mund floß Blut, ihr Kleid war rot durchtränkt.

»Herrgott im Himmel!« murmelte der Student in sich hinein.

Die Leute standen thatlos, wie das so ist bei einem solchen Unglücksfall. Niemand hatte den Mut, der erste zu sein.

Der Student hielt das bewußtlose, blutüberströmte Mädchen ungeschickt und verwirrt. Grausen und Ekel und Hilflosigkeit sprachen sich auf seinem Gesicht aus.

Ein Röcheln, ein Gurgeln – ein neuer Schwall kam und quoll ihr schauerlich über die Lippen.

Mit den Ellbogen brach sich einer durch die stummen Zuschauer Bahn, wie hingeschossen war er an der Seite des unglücklichen Geschöpfes, und ein blaukariertes, mächtiges Schnupftuch brachte eine ungeschickte, derbe Knabenfaust dem Mädchen an den Mund, als wollte er versuchen, so das Blut zu stillen.

Der Student sah wie im Traum den breitspurigen Burschen neben sich kauern.

»Bis stille,« flüsterte der, »bis stille!« so still das arme Geschöpf auch war.

Einen jungen Arzt, der das Fest mitgemacht, hatte ein Frauenzimmer gesucht und gefunden; der kam, rief nach Wasser und Tüchern und machte sich mit dem Mädchen zu schaffen.

Hans stand breitspurig und sah ihm dumpf zu. Er rührte sich nicht vom Platz, holte nichts und brachte nichts, schaute nur.

»Gehste, dummer Junge,« sagte der Arzt. »Was stehst du denn und glotzt da? Ist's deine Schwester?«

»Nä.«

»Dann geh auch!«

150 Aber Hans ging nicht. Er stand und hielt sein blutiges Schnupftuch in den Händen und starrte.

Als der Arzt sie gewaschen und ihr naßkalte Tücher und Eis auf die Brust gelegt hatte, wurde er von den Umstehenden mit Fragen bestürmt. Er wehrte aber ab und trieb die Leute von dem Mädchen weg.

Sie lag auf einem Bettstück, das der Wirt hergeliehen hatte. Zwei Windlichter standen neben ihr und beleuchteten das totenbleiche Gesicht, das blutige rosa Kleidchen, die nassen Tücher, die Waschschüsseln und ein großes Stück Eis, das neben ihr lag.

Und die Sterne funkelten und flimmerten in ungeheurer Unwesentlichkeit über dem zertretenen Menschenwurm.

Auf Betten und einer Tragbahre, die der Arzt aus ein paar Brettern hatte zusammenfügen lassen, wurde sie zur Stadt hinabgetragen, denn der Wirt wollte sie nicht oben auf dem Berge behalten. Er fürchtete eine Todkranke für seine Wirtschaft.

* * *

Unter dem funkelnden Sternenhimmel bewegte sich ein kleiner, stiller Zug den holperigen Weg vom Forst hinab.

Vier Männer trugen die Bahre. Auf dem dicken Federbett lag das leichte, schlanke Chrischtkind, bewußtlos oder in dumpfem Bewußtsein. Sie rührte sich nicht, die Augen waren geschlossen. Auf der Brust lagen Eisstücke, in nasse Tücher gewickelt. Das aufgetaute Wasser rann über den matt herniederhängenden Arm hinab und tropfte von der kleinen, hartgearbeiteten Hand auf den durstigen Boden.

Einer der vier Männer, welche die Bahre trugen, war wieder der dicke Bürger.

151 »Das Deiwelsmächen!« hatte er gesagt, als sie auf die Bahre gehoben wurde – und war mit unter die Träger getreten.

Sie trotteten möglichst im Tritt und thaten so vorsichtig wie vier Bären. Und das stille Kind lag vom Mondschein überflutet und schien keine Erschütterung zu spüren.

»Was is 'n nur das immer? Da schleicht eins hinterdrein – hört ersch?« so fragte einer.

Ja, da war etwas, das huschte durch Büsche und Gestrüpp, erschien nie auf dem Weg, hielt still, wenn der Zug stand, und zauderte, wie es schien – dann trabte es nach, raschelte durch die Kornfelder, schnitt den Weg ab und traf wieder auf den Zug.

»Ae Hund is nich!«

»Nä,« sagte der dicke Bürger und schmunzelte. »N–ä.«

Tief in der Nacht, da trug der neugierige Bürgersmann das bewußtlose Kind die Treppe des uralten Hauses hinauf. Die andern folgten.

Hans, der vor der Thür aufgetaucht war, hatte das glimmende Auge aus der Mauernische vor der Backstube genommen.

Er ging vor dem großen Menschen her und leuchtete ihm auf die Füße, damit er nicht stolpern sollte.

»Meenste, daß bei mir die Hühneraugen gucken, Brummochs?« sagte der.

Die Witwe wurde von dem Lärm auf der Treppe wach und kam in unheimlicher Verfassung, schlottrig, in ihrem ganzen Verfall, den sie durch eine qualmende Oelfunzel ins rechte Licht setzte, den Leuten entgegen und keifte und klagte.

»No, die gehört doch ins Krankenhaus – ihr! Die soll iche doch nich uff 'n Hals kriege – so 'n Mensch, so 152 'n elendiges – was dervonrennt, so 'n Kalfakter! Die lad't nur gleich in 'ne Kanone un schießt se 'naus. Weitersch is doch nix mehr los mit 'r. Seid 'r denn ganz . . . Gelle ja, dadrzu is unsereins gut genug!«

Die Alte schlotterte vor Wut und Aerger. Aber die Kerle hatten das Mädchen einmal gebracht und guckten sich verblüfft gegenseitig an.

»No, wenn der Doktor kommt, der is in d' Abdeke, der werd's ja sage, wie's werd,« meinte einer.

Hans war mit dem glimmenden, glühenden Auge, das er vorsorglich mit der Hand beschattete, noch ein Treppchen höher gestiegen und stand in einer offenen Thür.

»Oho,« meinte der Bürgersmann, »der kennt sich aus, der Schlehmühl, der verdammte. Wart, dich soll doch – dich, wenn ich hätte!«

Hans aber hörte nichts von alledem. Er sah nur ein schmales, sauberes Bettchen, das mit blau geblümtem Zeug bezogen war, ein so armseliges Bettchen, das mitten in dem weiten, düsteren Bodenraum stand, an einen Schornstein verlassen angedrängt, an denselben Schornstein, durch den am hellen, lichten Tag die Sterne hinab in den Keller schauen, und unter dem das Chrischtkind heute wie ein heller, undeutlicher Dunstfleck gekauert und mit zitternder, entsetzter Stimme das Gebet an das Steffchen in Angst und Grauen geflüstert hatte.

Daß sie im Sommer unter dem Dach schlafen mußte, das wußte er von ihr, und wie schauerlich es nachts da oben sei; so schwarz und rußig, und wie die Katzen im Dunkeln sprängen, und wie Leute tappten, und wie der Regen auf dem Dache trommle und der Wind pfeife – und daß sie mit geschlossenen Augen in ihr Bett gehe und das Laternchen schon lieber gar nicht anzünde, um nichts sehen zu müssen.

Ueber dies Bett leuchtete Hans mit seiner Oelfunzel.

153 Es waren jetzt eine Masse Menschen zusammengelaufen, und als der Bürgersmann das unheimlich stille Kind niederlegte, stand alles, was Beine hatte und im Hause wohnte, um das armselige Lager: die Gesellen, der Bäckermeister, die dicke Meisterin, die Witwe, die Hausmagd und eine Alte, die in irgend einer Spelunke hauste und auch hervorgekrochen war.

Hans stand und leuchtete. Sein Gesicht war ausdruckslos und tiefbeschattet von der Schirmmütze, die er noch immer trug. Die grüne Tabakspfeifentroddel hing ihm zur Tasche heraus.

Die Gesellen stießen einander an und zeigten auf ihn: »Den Lauser! Seht den Lauser an!«

Hans aber sah und hörte nicht, was um ihn her vorging. Nichts sah er als das totenbleiche, regungslose, blutbefleckte Chrischtkind, das auf dem Bett ausgestreckt lag.

Er fühlte und sah, wie er sie geküßt hatte, er fühlte noch die weiche Haut, die wie ein Maulwurfsfellchen so warm und zart war, das erregte Pulsieren und die feuchten Zähnchen. Er fühlte die ganze wütende Wonne, als er sie so gepackt hielt. Und in jedem Nerv zuckte es ihm, als müßte er wieder zu ihr hinstürzen. Es war ihm zu Mute, als läge in ihm selbst ein Hund an der Kette und zerrte und wollte los mit aller Gewalt.

Ja, ganz so war es: diese Liebe tobte in ihm wie ein Hund an der Kette; aber er leuchtete regungslos mit dem glimmenden Auge aus der Mauernische.

Der Arzt kam, die Leute bildeten einen weiteren Kreis um das helle Bett, und der dunkle, hohe Dachraum sog sie in seine Finsternis auf.

Nur Hans stand noch im Lichte, breitbeinig und trotzig.

»Na, da biste ja wieder,« sagte der Arzt. »Gehörst du denn da her?«

154 Hans antwortete nicht.

Das Chrischtkind fing laut zu weinen an.

»Still,« sagte der Arzt.

»Bis stille,« sagte auch Hans dumpf in sich hinein und fühlte, wie der Hund in ihm an seiner Kette zerrte, der Hund, der zu seinem Herrn wollte.

Das Chrischtkind wimmerte ängstlich weiter.

»Wenn du nicht stille bist,« sagte der Arzt, »da haben wir's sofort wieder.«

»Bis doch stille,« murmelte Hans.

Ein Blick des Arztes streifte ihn, ein Blick, der ihn fortweisen wollte. Er stand aber wie eingemauert.

Der Arzt sprach mit der Witwe.

»No, gottlob,« sagte diese, scharf flüsternd: »Das wär' fürs Mächen nischt gewesen. Desto besser, wenn sie's kurz macht. Nä, für 'n armes Mensch is 's Kranksein nischt. Wie ich immer sag': wenn ä Armes krank is, lad's inne Kanone un schießt's 'naus.«

»Bst!« machte der Arzt.

Das Chrischtkind wimmerte auf, so angstvoll, so tödlich angstvoll. Sie hatte die grelle Flüsterstimme vielleicht verstanden.

Das alte Weib, das aus irgend einer Spelunke des Hauses gekrochen war, ist inzwischen zum katholischen Geistlichen gelaufen. Sie ist selbst Katholikin.

Das Chrischtkind wimmert in Todesängsten weiter, ihre Glieder schlagen. Aber etwas andres als: »Bis still,« von dem und jenem gesprochen, bekommt es nicht zu hören.

Jetzt bringt die Alte, die vom Geistlichen zurückgekehrt ist, eifrig ein Tischchen herbeigeschleppt und deckt ein weißes Tuch darüber und stellt zwei Leuchter mit zwei brennenden Kerzen darauf. Und zwei dürre Stengel 155 geweihter Palmkätzchen legt sie kreuzweis übereinander auf das weiße Tuch.

Das Chrischtkind starrt und sieht ihr mit weit aufgerissenen, todesbangen Augen zu.

Die Alte beugt sich weit über das Bett und nimmt ein kleines schwarzes Kreuz, das an einem Nagel am Schornstein zu seiten des Bettes hängt, bläst den Staub davon und legt es dem Mädchen in die Hände.

Das wimmert wieder wild auf vor Grausen und Angst und will es nicht.

»Bis nich dumm!« sagt die Alte, drängt es ihr in die Hände und murmelt ein Sterbegebet.

Schaurig klingt es in dem öden, nachhallenden Raum wider. Die sterbenden Augen starren in einsamstem, verlassenstem Entsetzen.

Jetzt hören sie schwere Schritte auf der knarrenden Treppe.

In die Thür tritt mit einer Laterne, in der ein frisch aufgestecktes Talglicht brennt, der Ministrant und schellt mit seinem Glöckchen.

Das Mädchen schreit und wimmert entsetzt auf.

Da steht der Geistliche schon in der engen, schmalen Thür, weit und hoch in seinem weißen, faltigen Gewand wie eine Erscheinung, die nicht aufzuhalten ist. Er schreitet ruhig und feierlich vorwärts, den armen, starrenden Augen entgegen.

Der Arzt befiehlt, daß alle den Raum verlassen sollen.

Schlurfende Schritte, verlegenes Flüstern. Sie gehen alle – auch Hans, der sein Lämpchen auf einen Balken nahe dem Bett niedergestellt hat.

Aber wie eine Katze ist er an den andern vorübergehuscht, hat seine Stiefel ausgeschlappt und trägt sie in der Hand.

156 So nahe als möglich schleicht er zu dem kleinen, hellschimmernden Lager wieder zurück, schwingt sich auf einen der breiten Dachbalken, hockt sich darauf nieder und starrt durch den hohen, dunkeln Raum auf das blasse, zuckende Geschöpf.

Der Geistliche und das sterbende Mädchen sind jetzt allein auf dem Dachboden.

Hans hört, wie der Geistliche ihr zuspricht. Es ist eine ruhige, volle Stimme, die über das sterbende Geschöpf wie ein sommerlicher Windhauch hingeht. »Er ist ein guter Mann, vor dem thätest auch du dich schämen,« hatte das Chrischtkind von seinem Pfarrer gesagt.

Hans kauert in einem unsagbaren Grausen auf seinem Balken. Nie geahnte Schauer greifen ihm ans Herz.

Was ist das für ein Tag!

Und fortwährend dieser wütende Schmerz am Herzen, wie heller Zahnschmerz. »Deiwel!« denkt Hans und fährt sich mit dem Rockärmel unter der Nase hin.

In einem einzigen Augenblick lebt er den ganzen vergangenen Tag aus und stöhnt tief auf.

Das ist für Hans zu viel! Brüllen möchte er. Da reicht nichts aus, kein Gefühl und kein Wort und kein Gedanke. So wimmern, wie sie wimmert, das war das Rechte. So hätte er mitthun mögen, eng an sie angedrängt.

Der Geistliche spricht jetzt geheimnisvoll mit ruhiger, tiefernster Stimme an ihrer Statt:

»Ich armer, sündiger Mensch bekenne Gott dem Allmächtigen, der seligen, allzeit jungfräulichen Maria, allen Engeln und Heiligen und Ihnen, ehrwürdiger Vater an Gottes Statt, daß ich gesündigt habe durch Gedanken, Worte und Werke.«

Jetzt hörte Hans auch das Chrischtkind leise sprechen 157 mit einer gebrochenen, undeutlichen Stimme. Sie spricht in Absätzen und zögert und spricht wieder. Er kann nicht verstehen, was sie sagt.

Der Priester neigt sich tief zu ihr herab.

»Geküßt – geküßt – geküßt! – Ja!« – kommt es zitternd, jubelnd von ihren Lippen – und dann ein Schrei – ein Gurgeln.

Hans schrie mit auf. Endlich hatte der Hund in ihm sich von der Kette gerissen. Er schrie – schrie!

Der Geistliche schritt schnell zur Thür, und der Ministrant trat wieder ein, ihm nach drängten die Leute und umstanden wieder wie vordem, von der Dunkelheit wie aufgesogen, den Lichtkreis. Schaurig klang ein halb zurückgedrängtes Heulen durch den hohen finsteren Bodenraum.

Der Ministrant legte einen schmalen, weißen Leinenstreifen mit Spitzen an beiden Enden dem sterbenden Mädchen über die blutüberströmte Brust, dann schwang er sein Glöckchen.

Der Priester hält jetzt die Hostie im Ciborium der Sterbenden zum Anblick dar.

Die ruhige Stimme sagt: »O Herr, ich bin nicht würdig, daß du eingehest unter mein Dach. Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.«

Seine Stimme klingt feierlich, unberührt von allem Irdischen.

Das war etwas andres als das: »Bis ruhig!« – »Bis schtille« der alltäglichen Leute.

Der Ministrant, ein hagerer, langer Mensch, wischt mit einem weißen Tuch die blutüberströmten Lippen der Sterbenden rein.

Darauf reichte ihr der Priester die Hostie:

»Sehet an das Lamm Gottes, welches hinwegnimmt die Sünden der Welt.«

158 Im Todeskampf, ihrer selbst kaum mehr bewußt, liegt sie vor ihm. Er kann ihr kaum noch die Hostie zwischen die geöffneten Lippen schieben.

* * *

Der Priester ist gegangen.

Das weißgedeckte Tischchen mit den geweihten Palmkätzchen und den zwei brennenden Kerzen haben sie mit Gepolter umgerissen, als sie das Bett der Sterbenden umdrängten. Die liegt zuckend und röchelnd im ersten Morgengrauen, das durch die Dachluken gespenstisch eindringt und die Dunkelheit zu fahler Dämmerung auflöst.

Die Bäckersfrau steht über das Bett gebeugt – da fährt das Chrischtkind im Todeskampf ihr in das Haar und hält in der krampfigen Hand den falschen Lockenscheitel der dicken Frau.

Die steht kahlhäuptig in ihrer Häßlichkeit im grauen Morgenlicht da, böse und verblüfft. Da lacht etwas auf, verschleiert und doch roh – da kichert etwas auf, wie ein Lichtblitz so scharf und hell. Von der Stelle aus, wo Hans hingekauert hockt, dringt fassungsloses Heulen.

Das Chrischtkind liegt jetzt langgestreckt und still. Die Leute schlurfen übernächtig und müde ihren Schlafstellen zu.

* * *

Hans haben die Gesellen, als das Chrischtkind begraben worden war, in später Nacht von dem Grab, in das er sich ganz eingewühlt hatte, fortzerren müssen.

»Der Lauser,« sagten sie, »der Schlingel,« und grinsten und wußten nicht, was sie davon halten sollten.

Er war ihnen über.

159 Und als kaum eine Woche ins Land gegangen war und Hans wie ein Besessener schon wieder einer andern Schürze nachlief, da schüttelten die Gesellen die Köpfe.

Und als das Jahr um war, da hatte Hans mehr Liebschaften gehabt, als er Finger an den Händen hatte – denn in ihm glühte ein Funke des ewigen, höllischen Feuers, das einmal angefacht nicht mehr verlöscht.

 

Ende.

 

 << Kapitel 1 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.