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Der Zwergenwald und andere Märchen

Heinrich Seidel: Der Zwergenwald und andere Märchen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefairy
authorHeinrich Seidel
titleDer Zwergenwald und andere Märchen
publisherDer Kinderbuchverlag
illustratorSchulz & Labowski
year1987
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080708
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Der Schlangenkönig

Es waren einmal drei kleine Mädchen, die hüteten an einem Teiche die Gänse. Dieser grenzte an den Wald, und sonst war ringsherum grünes Wiesenland, in dem einige mächtige alte Eichen verteilt standen und um die heiße Mittagszeit kühlen Schatten spendeten. Zwei von diesen Mädchen waren Bauerntöchter und hüteten die eigenen Gänse ihrer Väter; sie trugen gute Kleider und weiße Schürzen, Zwickelstrümpfe und schöne feste Lederschuhe und hatten gestickte Käppchen auf dem Kopfe; das dritte dagegen war das Kind einer armen Tagelöhnerswitwe und mußte den ganzen Sommer barfuß laufen. Sein Röcklein war wohl sauber, allein von dürftigem Stoff und vielfach geflickt, darüber trug es eine schlechte Schürze von grauer Leinwand und um den Kopf ein blaues, verwaschenes Tüchlein. Obgleich es nun ein stilles, bescheidenes und hübsches Kind war, ward es doch von den beiden anderen gar häßlich behandelt, denn diese dünkten sich in ihrer besseren Kleidung und als die Töchter von reichen Bauern viel vornehmer als das Bettelkind, wie sie es nannten, und waren nur freundlich gegen die kleine Gänsehirtin, wenn sie ihre Hilfe brauchten. Denn diese war sehr geschickt und anstellig in allen Dingen; die Gänse des Teichbauers, die sie hütete, gediehen am besten von allen im Dorfe, und zu jeder Handarbeit hatte sie flinke und kluge Finger, so daß es unter den übrigen Dorfkindern hieß: »Die Gänsegrete kann alles!« Dabei war sie so guten und hilfreichen Sinnes, daß, wenn sie auch eben noch über die Unfreundlichkeit und Härte der anderen einsam hinter dem Weidenbusch bittere Tränen vergossen hatte, sie doch sofort bereit war, der einen das verwirrte Strickzeug in Gang zu bringen oder der anderen die Haare zu flechten oder sonst Dienste zu leisten, wofür ihr kein Dank wurde. Und ob die anderen sie verspotteten und auf mancherlei Art quälten und schlecht behandelten, so ließ sie doch nicht nach, sich ihnen gefällig zu erweisen, und war schon zufrieden, wenn sie nur in ihrer Nähe geduldet wurde und sich hilfreich erzeigen konnte.

Einmal zur heißen Mittagszeit lagen die beiden Bauerntöchter im Schatten einer Eiche und schliefen, während Grete auf die Gänse achten mußte. Sie hatte sich mit ihrem Strickstrumpf an den Waldrand gesetzt, wo das Ufer steiler anstieg und trocken und sandig war. Es wuchs dort spärliches Gras und Heidekraut und wilder Thymian, der in runden, kissenartigen Flächen zusammenstand und süßen Duft verbreitete. Indes nun alles ringsum still war, als ob es schliefe, und kaum etwas vernehmlich als ein schläfriges Summen der nie rastenden Bienen, da hörte Grete plötzlich ein leises, schlängelndes Rascheln, das durch das spärliche Gras näher kam. Sie heftete die Augen aufmerksam in jener Richtung auf den Boden, und auf einmal funkelte und blitzte es aus dem Grase hervor wie heller Feuerschein. Dieser Glanz kam aber von einer kleinen goldenen Krone, die auf dem Kopfe einer weißen Schlange saß. Das Tier richtete sich ein wenig auf und schaute mit den listigen Äuglein nach allen Seiten um sich, ohne Grete zu bemerken. Dann glitt es hinter einen Busch Thymian, und als es an der anderen Seite wieder zum Vorschein kam, war das Krönlein verschwunden. Die Schlange aber lief zum Teich hinab, in dessen Gewässer sie behaglich umherschwamm, bis Grete sie aus den Augen verlor.

Grete hätte nun wohl gern nachgesehen, was aus dem goldenen Krönlein geworden sei, allein sie wagte es nicht, weil sie die Furcht, die Schlange möchte zurückkommen, davon abhielt. Nach einer Weile stieg diese auch wieder ans Land und begab sich wieder hinter den blühenden Thymian. Als sie an der anderen Seite zum Vorschein kam, hatte sie die Krone wieder auf dem Kopfe und glitt eilfertig durch das raschelnde Gras dem Walde zu.

Grete erzählte hernach den beiden anderen Mädchen dieses Ereignis; da sagte das eine: »Das war der Schlangenkönig. Wenn er sich baden will, da legt er vorher seine Krone ab. Das hat meine Großmutter mir erzählt. Wenn man den Ort weiß, wo er zu baden pflegt, so muß man dort ein weißes Tuch oder eine Schürze ausbreiten, denn das hat er gern und legt seine Krone darauf. Dann muß man schnell mit ihr davonlaufen, bis man über ein fließendes Wasser kommt. Da hinüber kann er nicht folgen. Denn wenn er merkt, daß seine Krone fort ist, da pfeift er und ruft alle die anderen Schlangen in der Gegend zusammen, damit sie den Kronendieb verfolgen. Das ist schon manchem schlecht bekommen, der sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte.«

Am anderen Morgen in der Frühe wuschen die Mädchen ihre Schürzen im Teich und trockneten sie in der Sonne, denn sie hatten beschlossen, zu versuchen, ob sie nicht die Krone des Schlangenkönigs zu erlangen vermöchten. Um die Mittagszeit breiteten die beiden Bauerntöchter ihre schneeweißen Schürzen neben dem blühenden Thymian aus, doch als Grete ihre grobe, graue danebenlegen wollte, da litten sie es nicht und verhöhnten sie und spotteten ihrer und fragten, ob sie denn wirklich glaube, daß der Schlangenkönig seine Krone auf den häßlichen, grauen Lappen legen werde. Grete ging still weinend beiseite und mußte ihre Schürze ganz am Ende des Raines ausbreiten, wo wohl wenig auf einen Erfolg zu hoffen war. Dann verbargen sich alle hinter den Büschen und warteten.

Es dauerte eine Weile, da raschelte es wieder in dem dünnen Grase und kam allmählich näher. Da nun der Schlangenkönig die weißen Schürzen bemerkte, glitt er herzu, hob seinen Kopf ein wenig und betrachtete sich, indes das gespaltene Zünglein schnell aus und ein ging, die, die ihm zunächst lag. Sie schien ihm nicht zu gefallen, denn er glitt über eine Ecke des weißen Zeuges hinweg zur nächsten hin und betrachtete sie ebenfalls prüfend. Diese schien ihm mehr zuzusagen, denn er begab sich hinauf, ringelte sich zusammen und lag eine Weile ganz still im Sonnenscheine da. Dann hob er plötzlich Kopf und Hals hoch empor, denn eines der Mädchen hatte zufällig ein Geräusch gemacht, und blickte nach allen Seiten umher. Dabei fiel ihm die dritte Schürze in die Augen, und unverweilt schlängelte er sich durch das Gras dorthin. Obwohl diese nun die grobe graue der armen Grete war, so schien er doch ein großes Wohlbehagen daran zu finden, denn er wälzte und schlängelte sich wie in hohem Vergnügen darauf umher, und plötzlich hatte er seine Krone abgestreift und lief dem Teiche zu, wo er im Wasser verschwand.

Darauf sprang Grete freudig und schnell herzu, schlug die Schürze über dem blitzenden Krönlein zusammen und rief, indem sie davonlief: »Kommt schnell, ehe es zu spät ist!«

Nun eilten auch die anderen verdrießlich hinter den Büschen hervor, nahmen ihre Schürzen und folgten ihr. Jedoch der Schlangenkönig kam wie ein Pfeil aus dem Wasser hervorgeschossen und begann so hell und durchdringend zu pfeifen, daß es durch den ganzen Wald schallte. Indes nun die Mädchen rannten und das kleine Quellwasser zu gewinnen suchten, das sein spärliches Geriesel in den Teich ergoß, raschelte und zischte es gar grausig von allen Seiten durch das Gras und Kraut von Hunderten von Schlangen, die auf den Ruf ihres Königs eiligst herzukamen. Jedoch gelang es den Mädchen noch rechtzeitig, über das fließende Wasser zu springen, also daß sie sich der Rache des beraubten Schlangenkönigs glücklich entzogen.

Als nun die anderen Mädchen den erworbenen Schatz betrachteten und gewahr wurden, wie überaus zierlich und fein dieses Krönlein gearbeitet war und wie es in seiner Mitte einen funkelnden, blauen Stein von ganz seltsamem Glanze trug, da ward ihre Mißgunst und ihr Neid noch größer denn zuvor, und sie hätten der glücklichen Grete das köstliche Besitztum gern abgeschwatzt. Doch so gut und fügsam auch diese sonst war, so blieb sie diesmal doch fest und hielt allen Drohungen, Bitten und Schmeicheleien stand. Ja, als ihr die eine ihr güldenes Sonntagskettlein mit dem Korallenherzen und die andere ihren Ring mit dem hellblauen Stein dafür versprach, schüttelte sie nur mit dem Kopfe und hielt die Hand fest auf der Tasche, in der sie den Schatz barg. Sie lagen ihr in den Ohren, bis die Zeit kam, die Gänse nach Hause zu treiben, allein sie erreichten nichts und mußten ohne das Krönlein abziehen.

Die arme Witwe war hocherfreut, als ihr Grete zeigte, was sie mitgebracht hatte.

»Das ist ein herrlicher Schatz«, sagte sie, »nun hat alle unsere Not ein Ende.«

Nachdem sie wohl eine Stunde lang das zierliche Ding besehen und hin und her gedreht und im Lichte der Lampe hatten funkeln lassen, ward es sorglich eingewickelt und in die Truhe geschlossen.

Danach gingen Mutter und Tochter zu Bette. In der Nacht erwachten beide von einem leisen, pfeifenden Getön und waren verwundert, die Kammer von einer milden Helligkeit erfüllt zu finden, obgleich der Mond gar nicht am Himmel stand. Dieser Schein aber kam von dem Schlangenkönig her, der auf dem Fußboden lag und leuchtete, als sei er aus lauter Mondschein geformt. Er sprach, indem er sein Haupt erhob, mit feiner, silberner Stimme: »Gebt mir mein Krönlein zurück, ich will es euch kostbar lohnen! Es wird eine sonderliche Blume in eurem Garten wachsen, dergleichen ihr noch nie gesehen habt. Wenn ihr dort nachgrabet, so werdet ihr einen großen Schatz finden. Nicht eher begehr ich das Krönlein zurück, als bis sich dieses als Wahrheit erwiesen hat. Versäumt ihr aber dann, meinen Wunsch zu erfüllen, so wird euch großes Unglück treffen!«

Nachdem der Schlangenkönig diese Worte gesagt hatte, glitt er hinter den Ofen und verschwand.

Grete und ihre Mutter konnten vor Aufregung und Erwartung die ganze Nacht nicht mehr schlafen. Kaum graute der Morgen, da waren sie schon in dem taufeuchten Garten und suchten nach der verheißenen Blume. Ob sie aber gleich jeden Winkel durchstöberten, so vermochten sie doch nichts Auffallendes zu finden und wollten schon verzagen, als sich plötzlich, kaum daß die Sonne ihren ersten Funkenblitz über den Horizont geworfen hatte, ein seltsam melodisches Klingen in der Luft erhob und ein gewürziger Duft den ganzen Garten erfüllte. Zugleich tat sich unter dem großen Apfelbaum das Erdreich ein wenig auf, und ein leuchtendgrüner Keim schoß hervor, der alsbald seine Blätter entrollte und aus deren Mitte einen Blütenstengel mit drei goldenen Knospen emportrieb. Das Klingen in der Luft schwoll an, und der Duft verstärkte sich, als sich diese Knospen voneinandertaten und drei Blumen entfalteten, die genau dem Krönlein des Schlangenkönigs glichen und gleich diesem in der Mitte wie blaue Sterne leuchteten. Aber kaum hatten sich diese zu höchster Pracht aufgetan, als sie auch schon die Köpfe hängenließen, so daß bald nur noch der verwelkte Pflanzenstengel dastand.

An dieser Stelle grub nun die Frau und stieß bald auf einen großen Topf, der mit goldenen Münzen und kostbaren Edelgesteinen bis zum Rande angefüllt war, so daß sie auf einmal viele Reichtümer besaß. Noch am selbigen Tage brachte Grete dem Schlangenkönig seine Krone zurück. Ihre Mutter, die den reichen Fund niemand mitteilte, verkaufte bald darauf ihr kleines Anwesen an einen benachbarten Bauern, der zur Abrundung seines Gutes schon lange danach getrachtet hatte, und zog mit Grete in eine entfernte Stadt, wo sie in einem schönen Gartenhäuschen in behaglicher Wohlhabenheit wohnte und ihre Tochter in allen guten Dingen unterrichten ließ, so daß aus der kleinen Gänsehirtin ein kluges und schönes Mädchen ward, das später ein vornehmer junger Mann zu seiner Gattin erwählte.

So ward sie die Stammutter eines blühenden und wohlhabenden Geschlechts, dessen Nachkommen noch heute bestehen und in ihrem Wappen eine silberne, gekrönte Schlange und zwei goldene Gänse führen.

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