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Der Zwergenwald und andere Märchen

Heinrich Seidel: Der Zwergenwald und andere Märchen - Kapitel 15
Quellenangabe
typefairy
authorHeinrich Seidel
titleDer Zwergenwald und andere Märchen
publisherDer Kinderbuchverlag
illustratorSchulz & Labowski
year1987
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080708
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Das Zauberklavier

Ganz hinten in der Welt, wo die Geographie zu Ende ist und die Weltgeschichte aufhört, lag ein sehr angenehmes Königreich. Die Untertanen waren recht artige und regierliche Leute, so daß der König morgens immer eine Stunde länger schlafen konnte als seine Nachbarkönige. Ja, zuweilen kam es vor, daß er des Vormittags, von zehn bis zwölf, wo er gewöhnlich zu regieren pflegte, mit Krone, Zepter und Reichsapfel in seinem Regiersaal saß und gar nichts zu regieren da war.

In seinem Königreich waren die meisten Leute Gelehrte und Büchermenschen. Dies kam daher, weil es so hübsch abgelegen war und der große Spektakel, den die übrigen Menschen in der Welt machten, dort fast gar nicht vernommen ward.

Es gab jedoch noch einige andere Leute in dem Königreich. Erstens waren da die Frauen, Kinder und sonstigen Angehörigen der Büchermenschen und zweitens Leute, die nichts Besonderes an sich hatten, wie man sie in allen Königreichen findet. Diese langweilten sich sehr oft, denn die Büchermenschen hatten niemals Zeit, sich mit ihnen zu unterhalten.

Da begab es sich, daß aus einem sehr entfernten Königreich ein Mann einzog, der ein Klavier mitbrachte. Er verstand nun zwar nicht besonders, darauf zu spielen, allein er vermochte ihm doch einige Melodien abzukneifen, die in dem Königreich sehr beliebt waren. Dies ward bald bekannt, und in drei Tagen wußte man allgemein, daß der fremde Mann, der so weit hergekommen sei, einen Zwitscherkasten im Hause habe, auf dem er mit den Fingern Musik mache. Nun dauerte es nicht lange, da hatte jeder im Königreich, die Büchermenschen natürlich ausgenommen, die sich niemals um dergleichen bekümmerten, abends vor dem Fenster des fremden Mannes gestanden und hatte diese Zaubertöne selber gehört. Die Folge davon war, daß eine allgemeine Sehnsucht im ganzen Lande entstand, auch solche Musikkiste zu besitzen, und sich ein allgemeines Kribbeln in den Fingern regte. Nachdem man erfahren hatte, wo diese Instrumente zu haben seien, ward gleich eine ganze Schiffsladung voll bestellt, und man übte sich einstweilen auf Fensterbrettern und Kommoden, um sich wenigstens vorläufig das Kribbeln in den Fingern ein wenig zu vertreten.

Die Klaviere kamen an und wurden bei vielen Leuten aufgestellt. Diese begannen nun darauf zu spielen, allein sie bemerkten, daß diese Instrumente auf eine besondere Weise bearbeitet sein wollten, um solche Töne herzugeben, wie man sie von ihnen erwartete. Der fremde Mann wurde um Rat gefragt, und er sagte, er kenne bei sich zu Lande einen sehr berühmten Klavierschläger, der besitze die Kunst, auch anderen Leuten diese Fertigkeit beizubringen. Den müßten sie sich verschreiben. Dieses taten sie auch, und der Mann kam und begann seine Arbeit. Sie verwunderten sich baß, als sie den zuerst spielen hörten. Der schlug das Klavicymbalum vorwärts und rückwärts und mit verbundenen Augen und zappelte dabei so mit den Händen, daß einem Hören und Sehen verging. Er bekam gleich so viel Unterricht zu geben, daß er es nicht allein bewältigen konnte und sich noch drei handfeste Gehilfen verschreiben, mußte. So geschah es, daß in diesem Königreiche das Klavierspiel in Mode kam.

Anfangs machte es noch nicht so viel aus, daß in vielen Häusern gar kein Klavier und in anderen nur eine derartige Fingertretmaschine vorhanden war, aber dies blieb nicht so. Da die Leute sahen, wie lieblich darauf zu spielen sei, so griff es immer weiter um sich, und die Alten sagten: »Wenn wir es auch nicht mehr lernen können, so sollen es doch unsere Kinder lernen.« Und kaum hatten nun diese Würmer laufen gelernt, so wurden sie auf den Musikstuhl geschraubt und mußten Tonleitern spielen. Denn der große Klavierschläger hatte gesagt, dies seien die einzigen Leitern, die in den Musikhimmel führten. Dies ging so fort, bis es zu einem Grade gelangte, wo es staatsgefährlich wurde. Es wurden allmählich immer mehr dergleichen Leiselautfingerklopfkasten, wie sie in der Landessprache genannt wurden, im Lande aufgestellt, und es ereignete sich, daß zur Zeit der Höhe der Epidemie in einem einzigen Hause sieben Stück vorhanden waren. Wenn diese nun alle gleichzeitig in verschiedener Weise in Tätigkeit gesetzt wurden, so konnte man schon genug davon bekommen. Es war nun den ganzen Tag über in dem Königreiche ein immerwährendes Geklimper, dem man nur entrinnen konnte, wenn man in die tiefste Einsamkeit flüchtete. Es kamen betrübende Folgen zum Vorschein. Eines Tages versammelten sich sämtliche Lerchen, Nachtigallen und andere Singvögel, die in dem Reiche wohnhaft waren, in einem großen Walde und zogen gemeinschaftlich fort, denn die Konkurrenz war ihnen zu groß geworden.

Es kamen so viele Klagen an den König, daß er das ganze Vergnügen an seinem Geschäft verlor. Wenn er früher oft von zehn bis zwölf nichts zu regieren hatte, so mußte er jetzt schon um neun Uhr in seinen Regiersaal gehen und hatte so lange zu tun, alle Beschwerden der durch das Klavierspiel geplagten Untertanen anzuhören, daß er nicht selten seine Mittagssuppe kalt werden lassen mußte. Da endlich kam eine Deputation der bedeutendsten Männer des Königreiches und stellte ihm das Elend des Landes in der beweglichsten Weise vor:

»Majestät«, sagte der erste, »es schreit gen Himmel, und es muß ein Ende gemacht werden. Zu meinem Turm dringt es herauf, verworren wie eine Milchstraße von Tönen, und wirrt meine Gedanken durcheinander. Ich habe seit sechs Monaten keinen neuen Stern entdecken können, und wenn der, dessen Bahn ich neulich berechnet habe, wirklich so läuft, so würde er in acht Tagen das ganze Weltsystem in Grund und Boden bohren! Haben Sie Erbarmen!«

»Majestät«, sagte der zweite, »seit dreißig Jahren suche ich den Stein der Weisen. Vor einem halben Jahre war ich ihm auf die Spur gekommen; und ich hätte ihn gefunden, da kam diese satanische Trommelmusik, und der Nebelschleier, der sich schon vor dem großen Geheimnis gelüftet hatte, schloß sich wieder zusammen, und der leitende Faden glitt mir aus den Händen und zerriß. Das Geheimnis ist mir auf ewig verloren. O ich armer, geschlagener Mann!«

Der dritte war eben von seinen schweinsledernen Büchern aufgestanden und hatte noch die Augen voll Bücherstaub und die Ohren voll Klaviermusik; er war ganz schwindlig, daß er nicht in seinem Studierzimmer war, und konnte nichts weiter als seufzen. »Oh«, sagte er nur, aber es lag ein großer Jammer darin.

Der vierte sah sehr niedergeschlagen aus: »O Majestät«, sprach er, »ich bin ein ruinierter Mann. Sämtliche Käsekrämer und Lichtzieher im ganzen Königreich haben mir ihre Kundschaft aufgesagt, weil ihre Kunden das Einwickelpapier, für das ich sonst die Erzählungen und Gedichte geschrieben habe, nicht mehr lesen wollen. Sie sagen, es sei zu langweilig und dumm. Aber wer kann bei dieser Musikplage etwas Vernünftiges schreiben? Wenn es nicht aufhört, muß ich verhungern.«

Jetzt kam der fünfte daher, der sah ganz perplex aus und stierte gedankenlos vor sich hin. Zuweilen summte er in den Bart: »Didudel, dididel, didudel, dididel.«

Als er gar nichts weiter sagte, fragte der König endlich: »Sprecht, was habt Ihr mir vorzutragen?«

Der Angeredete lächelte blödsinnig und stierte den funkelnden Edelstein an, den der König auf seinem Zepter als Knopf trug: »Didudel, dididel, didudel, dididel!« sagte er.

»Ach Majestät«, sagte nun einer von den anderen gewöhnlichen Leuten, »seht, dies ist der größte Denker im ganzen Königreich. Früher konnte er in einem Tage mehr denken, als man in zehn Jahren begreifen kann, aber nun haben sie in seinem Hause sieben solche Leiselauten aufgestellt, auf denen fortwährend Etüden gespielt werden. Und es gibt welche, die des Nachts nicht schlafen können und so lange das Winselbrett bearbeiten, bis die anderen am Morgen wieder anfangen. Da haben sie ihm denn seine ganze Denkkraft aus dem Kopfe herausgetrommelt, daß er nichts weiter denken kann als: Didudel, dididel, didudel, dididel. Dies aber ist himmelschreiend!«

»Ha!« sagte der König und stand auf, denn er war sehr zornig. Die Denker waren nämlich der größte Stolz des Landes, weil sie in keinem anderen Weltteil zu solcher Vollkommenheit gediehen, und man konnte es dem König nicht übelnehmen, wenn er über die Beschädigung seiner besten Landesprodukte ergrimmte.

»Ha!« sagte der König, »ist es so weit gekommen? Das soll anders werden! Bei meinem Bart, ich will ein furchtbares Exempel statuieren!«

Am folgenden Tage zog der Landesausrufer mit einem Trommler und einem Trompeter durch das ganze Königreich und verkündete, daß jegliches Klavierspiel bei Todesstrafe verboten sei. Die feinhörigsten Polizeisoldaten im Lande wurden mit Hörrohren ausgerüstet und mußten Tag und Nacht im Lande umherhorchen, ob auch nicht gegen das Gesetz gesündigt wurde. Aber dazu waren die Untertanen viel zu wohl erzogen. Die Betroffenen seufzten zwar ein wenig, doch dann sagten sie: »Es muß sein!« und suchten ihre Klaviere so gut als möglich anderweit zu verwenden. Die einen nahmen das ganze musikalische Eingeweide heraus, legten Betten hinein und schliefen darin. Ein anderer fütterte es mit Blech aus und hielt Fische in dem Kasten. Viele Hausfrauen legten die Wäsche hinein, andere kochten Kaffee damit. Einer, der in der Stadt wohnte und doch das Bedürfnis eines Gartens hatte, füllte das Innere mit Erde und zog Blumenkohl und Schoten darin. Und so war das Klavierspiel in kurzer Zeit aus dem Lande vertilgt. Die guten Folgen zeigten sich sehr bald. Die Lerchen und Nachtigallen wanderten allmählich wieder ein, die Astronomen entdeckten fünf neue Planeten und einen Kometen, und alle die anderen Gelehrten kamen wieder in ihr altes Geleise. Selbst dem schwer geschädigten Denker überwuchs allmählich der Fußsteig, den das »Didudel, dididel« in sein Gehirn getreten hatte, mit Gras, und er dachte fast ebenso gut wie zuvor. Der König aber saß manchen Tag morgens von zehn bis zwölf schmunzelnd in seinem Regiersaal, rauchte seine lange Pfeife und spielte mit seinem Zepter, bis die Zeit um war, denn die Regierungsgeschäfte waren wieder, wie er es gern hatte, sie waren gar nicht vorhanden.

Um die Zeit, da das Verbot gegen das Klavierspiel erlassen wurde, war dem König eine wunderschöne kleine Tochter geboren worden. Als diese zwei Monate alt und nach dem Urteil aller Leute bereits so verständig war wie gewöhnliche kleine Kinder von zwei Jahren, da bemerkte die Königin oft, daß das kleine Kind mit den Fingerlein auf dem seidenen Wiegenkissen allerlei Bewegungen machte, die gerade so aussahen wie die Fingerübungen eines Klavierspielenden. Sie geriet darüber in großen Schrecken und sagte es dem König, der sofort den Befehl an seine Hofleute ausgehen ließ, daß niemand jemals zu der Prinzessin von einem Klavier reden dürfe. Dies wurde auch genau und gewissenhaft befolgt, und die Prinzessin wuchs auf in Holdseligkeit und Schönheit, ohne daß jemals die geringste Kunde von einem solchen Musikinstrument zu ihr drang. Eines Tages, da sie achtzehn Jahre alt war, ließ sie sich ihr weißes Einhorn satteln und begab sich, wie sie es gern tat, in den großen Wald. Sie ritt in den Wald hinein und geriet bald auf einen Weg, den sie sonst noch nie bemerkt hatte. Es war ganz still und einsam ringsumher, nur über die Wipfel der Bäume hin ging ein leises Klingen wie ferne Musik, bald anschwellend, bald ersterbend schwebte es dahin. Der Wald war ganz dicht und verworren, und seltsame Schlingpflanzen waren an den Bäumen hinaufgeklettert und hingen mit leuchtenden Blüten hernieder. Zuweilen flogen prächtig glänzende Vögel über den Weg oder saßen auf den Ranken der Schlingpflanzen, wendeten den Kopf und sahen sie mit klugen Augen an. Die Musik tönte immer schwellender und voller und schien die Wipfel der Bäume leise zu bewegen, wie sie durch diese dahinströmte. Dann mündete der Weg auf einen freien Platz, der, eingeschlossen von hohen Bäumen, wie ein grüner Saal dalag und ganz erfüllt war von den herrlichen Klängen. Die Prinzessin ritt über die Grasfläche dahin, denn gegenüber am Rande des Waldes sah sie ein kleines Häuschen liegen, aus dem die Musik wie ein Strom hervorbrach. Das Häuschen war ganz mit rotblühenden Schlingpflanzen bewachsen, nur die Tür und die Fenster, die geöffnet waren, schauten dunkel hervor. Die Prinzessin ließ ihr weißes Einhorn vor der Tür stehen und trat hinein. Sie kam in ein kleines Zimmer, in dem nichts weiter stand als ein Klavier, und davor saß eine schöne Frau und spielte so wunderherrlich, daß der kleinen Prinzessin gleich die Tränen in die Augen kamen. Sie setzte sich ganz stille auf einen Stuhl und hörte zu. Und als die Akkorde immer schwellender klangen und vorüberrollten und die Melodie mit leiser Sehnsucht dahinging, da wuchsen und dehnten sich die Wände des kleinen Zimmers, es stieg auf wie ein Tempel, von schlanken Palmensäulen getragen, mit Nebelwänden wallend in bläulichem Duft, und zwischen den Kronen der Palmen schwebten in rosigem Gewölk schimmernde Engel in weißen Gewändern. Mit einem Male war wieder das kleine einfache Zimmer da. Die Fee, denn eine solche war es doch gewiß, hatte aufgehört zu spielen und sah sich freundlich nach der Prinzessin um: »Es ist gut, daß du da bist, Prinzessin«, sagte sie, »ich habe schon lange auf dich gewartet.«

»Was ist das, was du tust«, sagte die Prinzessin, »o lehre mich das auch, es ist so herrlich.«

»Ich bin Frau Musica«, sagte sie, »und will dich alles lehren, was ich vermag. Denn in deines Vaters Lande hat man wegen des Üblen das Üblere getan und meine Kunst ganz verbannt und ausgerottet; du aber bist ausersehen, das Rechte wiederherzustellen. Ich gebe dir zwei Zauberbücher, die enthalten alles. Das erste mußt du ganz durchspielen, es ist minder schön, aber ohne das kannst du das zweite nicht verstehen.

In dem zweiten steht nur ein Stück, es ist aber das Herrlichste, das je auf Erden gewesen ist. Ich brauche die Bücher nicht mehr, denn ich kann sie auswendig. Dann nimm diese Walnuß und bewahre sie wohl, sie enthält das Notwendige.« Damit fing die Frau wieder an zu spielen, und nun klang es so leise und süß wie ein Wiegenlied. Die Prinzessin machte die Augen zu und schlief ein.

Als sie wieder erwachte, saß sie in ihrem niedlichen Zimmerchen auf dem Sofa, und vor ihr auf dem Tische lagen die beiden Bücher und die Walnuß. Sie holte sich sofort den Nußknacker und knackte sie auf. »Kling«, sagte es, als die Nuß aufging, es klang wie das Schwirren einer Saite. Ein ganz wunderniedliches kleines Klavier war darin. Die Prinzessin setzte es auf den Tisch und dachte, das könne ihr auch nicht viel nützen, denn mit dem kleinen Finger konnte sie alle Tasten auf einmal bedecken. Aber mit einem Male fing es so an zu wachsen, daß sie es gar nicht schnell genug auf die Erde setzen konnte, sonst wäre es ihr vom Tische heruntergewachsen. Als es ausgewachsen hatte, war es ein ganz natürliches, lebensgroßes Klavier. Die Prinzessin schlug gleich das erste Buch auf und fing an zu spielen.

Zu derselben Zeit ging der König gerade über den Gang, denn er wollte auf dem Boden nachsehen, was seine Tauben machten. Mit einem Male hörte er die Töne des Klaviers erklingen.

»Was«, sagte er, »in meinem eigenen Hause? – Es ist unerhört.« Dann horchte er und sagte: »Es ist im Zimmer meiner Tochter; dies muß untersucht werden.«

»Prinzessin«, sagte er, als er hineintrat, »um des Himmels willen, was machst du da?«

»Ich spiele Klavier, Papa«, sagte die Prinzessin, »es ist das Schönste, was es gibt.«

»O Gott«, sagte der König und sank auf einen Stuhl. Ihm wurde ganz schwindlig, denn er wußte, die Prinzessin hatte ihren eigenen Willen. Dann erzählte er der Prinzessin alles.

»Ja, lieber Papa«, sagte diese, »Klavierspielen muß ich nun einmal, warum gibst du solche Gesetze, und wenn du sie gibst, kannst du sie auch wieder aufheben.«

»Ich kann mich doch nicht vor allen meinen Untertanen und vor der ganzen Umgegend blamieren!« sagte der König. »Sie haben mich sowieso schon oft genug ausgelacht!«

Aber es half nichts, die kleine Prinzessin mußte ihren Willen haben. Der König verfiel endlich auf einen Ausweg. Das Klavier wurde auf einen Wagen gesetzt und alles so eingerichtet, daß es ganz harmlos und unverdächtig aussah. Nun fuhr die Prinzessin alle Tage in den Wald mit ihren weißen Einhörnern, die ohne Kutscher auf den Ruf gehorchten. Wenn sie dann recht in der Einsamkeit angelangt war, schlug sie das Lederwerk zurück, das das Klavier einhüllte, und fing an zu spielen. Rings um den ganzen Wald aber waren große Tafeln errichtet, auf denen zu lesen stand, daß es jedermann aufs strengste verboten sei, diesen Wald zu betreten. Es war sehr wunderbar, wenn die weißen Einhörner so verständig in den weichen Sandwegen den Wagen einherzogen und die Prinzessin dazu eifrig Klavier spielte, daß es durch den Wald schallte.

Eines Tages kam sie mit dem ersten Buch zu Ende. Am folgenden Morgen zog sie ihr neues Kleid an, das sie zum letzten Weihnachten bekommen hatte, setzte ihre kleine Sonntagskrone mit den Diamanten auf und fuhr mit dem zweiten Buch in den Wald.

Auf dem schönsten freien Platze, der im Walde zu finden war, ließ sie die Einhörner halten. Sie schlug das Buch auf und fing an zu spielen.

Wie klang das herrlich durch den Wald, es stieg von dem Klavier auf wie ein Springbrunnen von Wohllaut und breitete sich aus ringsum. Bei den ersten Tönen standen alle Blätter im Walde still und lauschten, und alle Blumen, die in der Knospe waren, fingen an zu blühen. Dann schwoll es immer schöner an, und die Schmetterlinge hörten auf zu flattern und die Käfer auf zu kriechen. Aber als die Prinzessin weiterspielte, verstummten alle Vögel, kamen leise geflogen, setzten sich auf die Bäume, die um den freien Platz standen, und hörten zu.

Dann hörten die Rehe und Hirsche auf zu äsen und die Hasen auf, Purzelbäume zu machen, und kamen herbeigelaufen und horchten. Immer herrlicher und voller erklang es, die Töne brausten durch die Wipfel und schwammen hinaus ins freie Land, und wer es hörte, der ließ alles stehen und liegen und folgte ihnen nach. Sie drangen hinauf zu den Türmen der Astronomen und schwebten in die dumpfigen Studierzimmer der anderen. Die Astronomen hörten auf zu rechnen, wenn auch eben gerade das Fazit kommen wollte, die anderen legten die Feder oder das Buch fort und gingen sofort dem holden Klange nach. Selbst der große Denker hörte mitten im Satze auf zu denken und wanderte, wie er ging und stand, dem Walde zu.

Der König war gerade dabei, sich zu rasieren, er stand in seinem Brokatschlafrock mit seiner Hauskrone auf dem Kopfe vor dem Spiegel und hatte gerade die eine Hälfte seines Bartes abgeschabt, als mit einem Male das herrliche Klingen durch das offene Fenster hereingeschwebt kam. Er legte sofort das Messer aus der Hand, wischte sich den Seifenschaum aus dem Gesicht, ergriff sein Spazierzepter und wanderte dem Walde zu. Unterwegs stieß er auf große Scharen seiner Untertanen, die alle den gleichen Weg zogen. Sie sprachen nicht miteinander, sondern zeigten nur zuweilen vor sich auf den Wald, woher die herrlichen Klänge kamen, und schritten wacker fürbaß.

Unterdessen saß die Prinzessin an ihrem Klavier und spielte und wußte selber kaum, wie ihr geschah. Unter ihren Händen quoll es hervor in immer neuen Strömen von Wohllaut, und es war ihr, als würde sie emporgetragen und schwebe in einem goldenen Schimmer weit über der Welt und ihrer Niedrigkeit.

Als nun das Stück zu Ende war, da stand das ganze Königreich versammelt um sie herum, und alle hatten Tränen in den Augen. Der alte König aber trat hervor, umarmte seine Tochter und sagte gar nichts, denn er war sehr gerührt. Dann spannten die Leute die weißen Einhörner aus und sich selber an den Wagen und brachten die Prinzessin im Triumph in die Stadt.

Am anderen Tage aber setzte der König sich an seinen Schreibtisch und verfaßte ein weises Gesetz, in dem das Klavierspiel wieder gestattet, durch viele verständige Paragraphen aber so eingeschränkt wurde, daß es nimmermehr so entsetzliche Wirkungen wieder hervorbringen konnte, als von ihm schon dagewesen waren. Und somit ist die Geschichte vom Zauberklavier zu Ende.

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