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Der zweckmäßige Meyer

Hermann Löns: Der zweckmäßige Meyer - Kapitel 13
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typefiction
authorHermann Löns
titleDer zweckmäßige Meyer
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Die Forscher

Schon seit langem hatten sie sich vorgenommen, die in zoologischer Beziehung so ergiebigen Försterteiche einer genauen Untersuchung zu unterziehen.

Sie wußten zwar, daß schon vor ihnen Leute, zum Beispiel ihre eigenen Väter, Groß-, Urgroß- usw. Väter und die Onkels väterlicher- und mütterlicherseits ebenfalls die Tierwelt jener berühmten Binnengewässer zwischen der großen Savanne, Exerzierplatz genannt, und dem undurchdringlichen, von feindlichen Stämmen bevölkerten Urwald, so sich Stadtwald nennt, mit großem Eifer erforscht hatten.

Das Ergebnis dieser Forschungen war aber niemals in fachwissenschaftlichen Zeitschriften niedergelegt; nur durch Überlieferung war die Fauna Exerzierplatzteichiana bekannt, und da jene Gegend seit der Väter Jugendjahren große geologische und andere Umwälzungen erfahren hatte, so erschien es notwendig für den Stand der Wissenschaft, eine genaue Übersicht von alle dem aufzunehmen, was in den Teichen krabbelt und wabbelt. Sehr viel Umstände verursachte die Herbeischaffung des kostspieligen Forschungsgerätes. Während Aadje Schlöber in seiner bekannten Oberflächlichkeit meinte, mit einem Stock von Armlänge auszukommen zu können, bestand Heinrich Fricke, der nicht nur dem mittäglichen Suppenteller, sondern auch allen anderen Dingen auf den Grund ging, darauf, ohne eine Vietsbohnenstange ginge es nicht.

Nur dadurch, daß man sich an die breite Öffentlichkeit wandte und die Opferfreudigkeit weitester Kreise in Anspruch nahm, bekam man die Sammelgeräte zusammen. Mutter Fricke spendete ein altes Marktnetz und ein etwas gesprungenes Einmachglas, Ohm Anton eine lange Stange und Ohm Schorfe eine Umhängetasche, während August Dusendahl von seinem Vater sogar ein richtiges Fangnetz bekam. Alle Versuche aber, von den Müttern Drahtsiebe geliehen zu bekommen, schlugen fehl.

Begleitet wurden die kühnen Forscher von Trägern und Trägerinnen, als welche sich eine Anzahl von kleinen Brüdern, Schwestern und Basen erboten hatten, und angestaunt von dem Volke bewegte sich der Troß die Straßen entlang und kam ohne weitere Unbill über das ungeheure, nur mit spärlicher Flora bedeckte, jeglichen Wassers entbehrende Steppengelände. Am Fuße der seltsamen Gebirge, die die Geographen die Scheibenstände nennen, zieht sich ein eigenartiger Fluß hin, der, ganz wie die Ströme Australiens, die Eigenschaft hat, nur in der Regenzeit Wasser zu führen. Dieser wurde zuerst untersucht. Das Ergebnis war, bis auf eine Kaulquappe, die aber tot war, gleich Null, was August Dusendahl zu der Vermutung brachte, daß die Tierwelt sich, um dem Austrocknen zu entgehen, in die Mudde eingebohrt habe. Mit großer Anstrengung und einem Blechlöffel durchwühlte man die Schlammassen, fand aber außer der Stiefelsohle eines wahrscheinlich hier einst umgekommenen Forschers nur einen Knochen, der vermutlich einer längst ausgestorbenen Tierart angehörte.

Bedeutend größer war die wissenschaftliche Ausbeute in den kleinen flachen, in der Regenzeit entstandenen Landseen, die vor den Sandbergen liegen. Die trübe, lehmige Beschaffenheit des Wassers wollte natürlich Aadje Schlöber veranlassen, sie zu übergehen, doch seine Begleiter, vor allem Heinrich Fricke, bestanden darauf, daß auch diese Seen abgefischt werden müßten. Das Ergebnis war auffallend groß; nicht weniger als fünfzehn Stecherlinge, ein Rückenschwimmer, verschiedene Wasserkäfer und ein Pferdeegel wurden erbeutet und in das Einmacheglas getan, außerdem mehr Kaulquappen, als man nötig hatte.

Über den Pferdeegel entspann sich eine erregte wissenschaftliche Debatte. Aadje Schlöber, der ihn fing, nannte ihn eine Blutihle, worauf Heinrich Fricke behauptete, es sei ein Ferdsegel. August Dusendahl aber meinte, es sei ein Ferdsigel, worauf Heinrich Fricke versetzte, wenn es ein Igel wäre, hätte er Stacheln; da er aber keine habe, so sei es ein Egel.

Noch war dieser Streit um die Synonima nicht entschieden, da stieß Kürchen Dusendahl, der das wichtige Amt innenhatte, den großen Einmachepott zu tragen, einen furchtbaren Schrei aus und ließ den Pott mit allen darin befindlichen Krabbeltieren fallen. Er hatte den Rückenschwimmer, dem es in den Topf zu eng und zu voll war, gerade erwischt, als er mit seinem dicken Kulpsaugen über den Rand guckte, und ihn schnell gepackt. Bei seinem Mangel an wissenschaftlicher Vorbildung wußte er nicht, daß diese Wasserwanze ganz niederträchtig mit dem Rüssel stechen kann, und hatte sie arglos in die Hand genommen. Nun tanzte er wie verrückt herum, schlenkerte den brennenden Zeigefinger in der Luft und schrie: »Er hat mich gebissen, er hat mich gebissen. Wenn ich man nicht blutvergiftet bin. Will's mir keiner aussaugen?«

Der traurige Fall wurde eifrig beraten. Schließlich band man den Verunglückten mit einem Taschentuch etwas nassen Sand auf den Finger, und dieses alte Hausmittel, zu dem Zieschen Schlöber geraten hatte, die einmal von einer Biene in der Nase gestochen und von Muhme Emilie mit feuchten Sand behandelt war, beseitigte bald den Schmerz. Da sich bis heute weiter keine schlimmen Folgen gezeigt haben, so ist anzunehmen daß Kürchen dieses Mal noch ohne schwere Schädigung seiner Gesundheit davonkommt.

Leider hatte bei diesem Vorfall niemand auf die Beute geachtet, und so fand man außer einigen im Grase herumzappelnden Stecherlingen nichts davon wieder und mußte die Teiche noch einmal abfischen, fand auch einigermaßen Ersatz, machte sogar noch einem ungeahnten Fang, indem man ein Tier erwischte, das bisher noch unbekannt war. Es war fast zollgroß, braun, platt wie Papier, hatte hinten einen langen Stachel und vorn zwei furchtbare Fangarme. Die Mädchen erklärten es für eine gepreßte Ohrzange, Heinrich Fricke aber meinte, es müsse wohl ein Wasserskorpion sein. Als er es genauer untersuchte, mußte er erfahren, daß die Wissenschaft nicht immer gefahrlos ist, denn er wurde von der Bestie derartig in den Finger gezwickt, daß er sie mit einem Wutgebrüll von dannen schleuderte, worüber Kürchen, den er vorhin ausgelacht hatte, sehr erfreut war. Diese beiden schmerzlichen Erfahrungen ließen es allen für angebracht erscheinen, für die Folge die größte Vorsicht zu wahren. Der ursprüngliche Plan, Stiefel und Strümpfe auszuziehen, die Hosen aufzukrempeln und in den großen Teich hineinzuwaten, wurde aufgegeben; denn wenn schon die kleinen Gewässer gefährliche Biester beherbergten, um wieviel schlimmere konnten in dem großen See sein. Aadje Schlöber wollte ja einen Hecht durch das Wasser haben schießen sehen, der sicher fast so lang wie die Vietsbohnenstange war.

Trotzdem man also die Mitte des großen Wasserbeckens nicht erforschen konnte, so ergab doch schon die Randfischerei sehr viel Gutes. Die Theorie, daß die Größe der Tiere eines Wasserbeckens zu dem Umfang desselben in einem bestimmten Verhältnis stehe, bestätigte sich glänzend. Es wurden Kaulquappen gefangen, fast so groß wie Mäuse, und einige davon hatten sogar richtige Hinterbeine. In edlem Opfermut beschloß man, diese seltenen Stücke den Zoologischen Garten zu verehren. Was an Stecherlingen, Wasserkäfern, Schnecken usw. gefangen wurde, grenzt an das Unglaubliche und wird seinerzeit ausführlich beschrieben werden.

Weniger Ausbeute lieferte anfangs der dritte Teich. Nur Heinrich Fricke, der sich nicht abschrecken ließ, trotz des Entenflotts, der sein Netz immer füllte, weiterzufischen, hatte das Glück, einen wunderschönen Bergmolch zu fangen, ein Tier, das sonst nur vom Aquarienhändler für fünfundzwanzig Pfennige zu beziehen ist. Allerdings sauste er bei diesem Fang von dem Baumstamm, auf dem er stand, und fiel bis an die Hosentaschen in das Wasser, doch entschädigte ihn sein Fund für sein Mißgeschick völlig.

Auf dem letzten Teiche hatte man die Freude, mehrere noch ganz unbekannte Vögel von Taubengröße zu sehen, die vorn am Kopfe rot waren und sehr flink schwammen. Die Art war leider nicht festzustellen, da die Expedition keine Zwillen bei sich führte, eine Nachlässigkeit, die sich bitter rächte. Im allgemeinen neigte man aber der Ansicht zu, daß es Wasserenten wären. Dann fing man hier einige kleine und einen großen Kammolch, einer sehr schönen Gelbrand und zu guter Letzt noch einen Schlammpeitzger, eine Beute, auf die man gar nicht gerechnet hatte.

Leider wurde der Erfolg des Tages durch einen herben Mißton getrübt. August Dusendahl behauptete, der von Aadje Schlöber gefangene Kammolch und der von Heinrich Fricke erbeutete Bergmolch gehörten ihm, weil ihm das Netz gehöre, womit sie gefangen wären. Infolgedessen kam es zu Tatsächlichkeiten, wobei ein Teil der Gefäße umfiel und die meisten Tiere entkamen, und so ist wahrscheinlich noch eine Expedition zur Feststellung der Tierwelt jener Gewässer nötig.

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