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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Die Schöne war nun wieder ganz gesund, der Tag ihrer feierlichen Taufe und nächstdem ihrer Hochzeit schon bestimmt, da gingen die zwei Verlobten eines schönen Sommerabends miteinander in den Wald spazieren. Die Sonne stand noch hoch, und schien so warm durch die Buchenstämme auf den grünen Boden, daß sie des Lustwandelns gar nicht satt kriegen konnten, und immer tiefer in den Forst hinein gerieten. Dabei erzählte die Braut von ihrem frühern Leben, und sang auch einige alte Lieder, die sie als Kind gelernt hatte, und welche sehr anmutig klangen. Wie abgöttisch und ruchlos nun auch manche derselben dem Bräutigam vorkamen, konnte er doch seiner Liebsten keinen Einhalt mit dem Singen tun; erstlich, weil er sie über alles liebte, und dann auch, weil sie gar zu süß und helle sang, daß der ganze Wald sich daran zu erfreuen schien. Endlich aber ward er der spitzen Föhrenwipfel wieder ansichtig, und wollte umkehren, um der verrufnen finnischen Grenzmark nicht noch näher zu kommen. Aber die Braut sagte: ›Liebes Herz, was wollen wir nicht noch weiter gehn? Ich möchte gern der Stelle ansichtig werden, wo du mir Haupt und Arm verwundetest, und mich einfingest, um mich nachher an Leib und Geist so unendlich lieblich zu heilen. Es muß hier ganz in der Nähe sein.‹ – Sie suchten nun hin und her, und darüber ward es ganz dunkel im Walde; die Sonne ging unter, der Mond ging auf, und mit einemmale standen die Verlobten an der finnischen Grenzmark, oder wohl schon etwas drüber, denn der Bräutigam erschrak sehr, als ihm ein Fichtenast seine Kappe vom Haupte streifte. Da ward es ganz wunderlich lebendig um sie her; eine große Menge von Eulen, Kobolden, Hexenkönigen, Nebelwitwen und Grubenjägern – der Bräutigam erfuhr diese und noch wunderlichere Benennungen, ohne zu wissen woher – tanzten einen abscheulichen Ringelreihen, und nachdem die Braut eine Zeitlang zugesehen hatte, fing sie an, überlaut zu lachen, und endlich ganz rasend mitzutanzen. Der arme Bräutigam mochte rufen und bitten, wie er wollte, sie achtete nicht auf ihn, und verwandelte sich endlich so unerhört, daß er sie aus dem tollen Reihen gar nicht mehr herauskannte. Ja, als er sie mit sich fortreißen wollte, faßte er, statt nach ihr, nach einer Nebelwitwe, und die schlang auch gleich ihre grauen, weiten Trauerschleier um ihn herum, und wollte ihn gar nicht wieder loslassen, während schon einige Grubenjäger an seinen Beinen zogen, und ihn mit sich in die schwarzen Kohlenbergwerke hinunterreißen wollten. Da schlug er noch glücklicherweise ein Kreuz, und nannte des Heilands Namen, daß die häßlichen Blendgestalten jämmerlich aufheulten, und auseinander stoben, während er sich auf die schwedischen Marken unter die Schattendächer der Laubhölzer herüber rettete. Aber die Braut war mit von dannen gestoben, und kein Bemühen konnte sie ihm wiedergewinnen. So oft er auch an die Grenzmarken kam, und bat, und rief, und weinte, kehrte sie dennoch nicht zurück. Manchmal sah er sie wohl durch die Föhrenschatten hinstreifen, wie auf der Jagd, aber immer in vieler häßlicher Kreaturen Geleit, und ganz verwildert und entstellt. Meist bemerkte sie ihn gar nicht; ward sie seiner aber dennoch ansichtig, so lachte sie ihn ganz unmäßig und voll der abscheulichsten Lustigkeit aus, so daß er entsetzt ein Kreuz vor ihr schlug; dann heulte sie und entfloh. Da ward er denn von Tage zu Tage einsilbiger, ging nicht mehr nach der Braut hinaus, und gab zuletzt auf keine Fragen und Sprachen in der Welt mehr andre Antwort, als: ›Sie ist ja um den Berg herumgegangen!‹ So wenig wußte er von irgend einem Gegenstande auf Erden, außer der Verlornen. Endlich grämte er sich gar zu Tod. Der Vater machte ihm, weil er einmal darum gebeten hatte, ein Grab an der Stelle, wo die Braut gefunden und verloren war, und hatte bei der Arbeit viel zu fechten, bald mit dem Kruzifix gegen böse Geister, bald mit seinem alten Schwert gegen wilde Tiere, welche ihm wohl die Zaubermenschen auf den Hals gehetzt haben mochten. Dennoch kam er endlich mit allem zustande, und nun war es, als reue die Braut des Jünglings Verlust, denn oftmalen hört man ein klägliches Geheul am Grabe. Es ist wohl, wie von Wölfen, aber man kann doch sehr deutlich menschliche Laute unterscheiden, und ich selbst habe es in den langen Winternächten gar vielmal dorten vernommen.«

Man saß eine Weile im ernsten Sinnen beisammen, bis endlich Tebaldo folgendergestalt zu sprechen anhub: »Die Schmerzen verlornen Minne, die Seufzer nach einstmals lockenden, nun feindlichen Blicken, die Wunden von über alles teurer Hand, – das sind die verderbendsten Zauberzeichen der furchtbaren Alten, die uns allesamt im ehrnen Netze hat, und die wir Natur zu heißen gewohnt sind. Man spricht auch, sie gebe dergleichen meist immer als Nachschmack ihrer erlesensten Süßigkeiten, wie umgekehrt gute Mütter ihren Kindern auf die herbe Arzenei wohlschmeckende Näschereien zu reichen pflegen. Ich weiß eine Geschichte ähnlichen Inhalts, und bin bereit, sie meinen edlen Zechgesellen vorzutragen, falls sie einiges Vergnügen daran fänden.«

Die beiden Ritter baten ihn, zu erzählen, und er begann: »Es mögen etwa fünfundzwanzig bis dreißig Jahre her sein, da lebte in meiner edlen Vaterstadt Mailand ein so wunderschönes und wunderholdes Mädchen, als es sich nur je ein Meister in der Malerkunst und in anderm hohen Wissen hätte erdenken mögen. Dabei war sie sittig, klug, sanftmütig, gehorsam, und trotz ihrer strengen Eingezogenheit, – denn ein Karfunkel leuchtet auch aus der verschwiegensten Laube hervor, – in der ganzen Stadt unter dem Namen der schönen Lisberta geehrt. Diese mailichste Blume des lieblichen Mailands, – Ihr Deutschen nennt unser Milano mit viel hübscherem Namen als wir selbst, – war eines Tages ersucht worden, am Fest einer Heiligen in der Prozession geschmückt mitzuwandeln, um durch ihre Schönheit den Schein des Aufzuges verherrlichen zu helfen; und gedenkend, daß ihr Gott so blühende Gabe verliehen habe, hielt sie es auch für einen frommen Dienst, selbige zu Gottes Ehren leuchten zu lassen. Sie schmückte sich daher aufs lieblichste aus, mit Blumen, Edelsteinen, Gewändern, Ringen und Ketten, kurz, mit allem, was nur den Namen der Zier verdienen mag, und weil ihr holdes Geschäft weit früher beendet war, als der Zug seinen Anfang nahm, ward sie durch die sonnenmilde Lenzluft, die vor den Fenstern leuchtete, angelockt, sich einstweilen in dem prächtigen Garten zu ergehen, welchen ihr Vater, der reichste Kaufmann der Stadt, bei seinem Hause angelegt hatte.

Hinwandelnd durch die Laubengänge von allerlei würzigen und goldbefruchteten Bäumen, gelangte sie endlich an den klaren Spiegel eines umbüschten Teiches, der aus den grünen Armen des zierlichen Gartengeheges als ein verliebtes und aller Schönheit dienstbares Auge heraufsah. Wie von Magie umstrickt und angezogen, schaute sie auch ihrerseits hinein, und begegnete ihrem eignen Bilde in so überraschender Pracht und Herrlichkeit, daß es ihr beinahe wie dem fabelhaften Narcissus ergangen wäre, der über seine quellenbeleuchtende Schönheit die ganze Welt vergaß. Sie mußte sich ordentlich mit Ängstlichkeit an den Umgebungen festhalten, um des eignen furchtbaren Zaubers in den Gewässern loszuwerden, und so geschah es endlich, daß sie im Grase eines wunderlichen Leuchtens von goldner und silberner Funkelpracht ansichtig ward. Flüchtend vor dem Flutenspiegel, angelockt von der unerhörten Wiesenblume, eilte sie hinzu, und fand, daß es ein glänzendes Schwert war, von goldnem Griff, silberbeschlagner Scheide und höchst zierlicher Form. Sie nahm es wie ein Spielwerk auf, so scheu sie auch sonsten vor dergleichen bedrohlichen Werkzeugen sein mochte; ja, sie zückte es halb aus der Scheide, und wunderte sich, daß ihr Antlitz noch schöner aus dem blanken Stahle widerleuchte, als aus den Fluten vorhin, nur daß sie vor diesem Spiegel ihres Schmuckes und ihrer Schönheit weit mindre Scheue empfand. Ach, arme Lisberta, du hattest doch eben die rechte Gefahr zuhanden, welche dein süßes Blumenleben, wie eine schonungslose Sichel, durchschneiden sollte! Tat es auch nicht die blanke Klinge selbst, so tat es doch der, welcher sie führte!

Denn unter den blühenden Zweigen trat eine hohe Rittergestalt hervor, nicht jung mehr, aber auch nicht alt, und von so unbeschreiblicher Heldenherrlichkeit, daß die schöne Lisberta beinahe mit einer unwillkürlichen Verbeugung in die Knie sank. Der Rittersmann aber sagte: ›Verletzet Euch nicht, Jungfräulein, mit diesem scharfen Spiel. Ich sähe lieber mein Herzblut vielfach strömen, als einen Tropfen des zarten Purpurs, der in Euren Adern wallt, aus diesen weißen Blumenfingern tröpfeln.‹ – Damit nahm er ihr sittigen Anstandes die Waffe aus der Hand, sie wieder ins Wehrgehenk an seine Hüfte steckend, und ehe er sonst noch irgend etwas sprechen konnte, waren schon Dienerinnen in der Nähe, die nach Lisberten riefen, dieweil des Festes Zug bereits begonnen sei. Die scheue Jungfrau winkte den edlen Ritter abwärts, und er verschwand, sich ehrerbietig neigend, hinter des Gartens farbig grünen Wänden.

Wie so gänzlich die Prozession und das Singen der Chöre und das Zujauchzen der Menge vor den Sinnen der armen Lisberta verschwand, laßt es mich Euch nicht fürder beschreiben, edle Ritter. Mein Herz blutet ohnehin vor des lieblichen Opfers Dahinsterben, und ich habe mich nur allzugerne lang in den frühern seligeren Gewinden ihres Lebens verweilt, wohl wissend, wie traurig es in der Zukunft noch kommen mußte. Vergönnt mir denn von diesem Wendepunkte an ein schnelleres Eilen zum Ziel.

Als nach dem halb oder meist gänzlich unvernommenen Feste die schöne Lisberta zu Abend an ihrem Blumenfenster saß, in süßes Geträum versunken, schien ihr die Sonne abschiednehmend so hell ins Gesicht, daß sie es wohl bemerken mußte, wie eines der hohen, schwankblühenden, sich an höhere Bäumchen anrankenden Gewächse ihres Zimmergartens sich von dem Baste losgemacht hatte, und statt hinauf zu dem Stamme, sich hinab gestreckt hatte vom niedern Fenstergesimse zu der nahen Terrasse. Indem sie nun aufstand, die Zweige wieder emporzubinden, sahe sie eine Gestalt unten vorüberwanken, in welcher sie nur allzuwohl den Herrn des glänzenden Schwertes von heute morgen erkannte. Eilig trat sie zurück, eilig zog sie die Ranken empor; ach, an ihrer vorhin gesenkten Spitze zog sie ein Brieflein, vom furchtbar lieblichen Wandrer daran befestigt, mit in das Gemach. Es lösend und lesend erfuhr sie alsbald, im Liebeswerben des ritterlichen Fremden, daß er ein Degenheld aus fernen Landen sei, den man hier in der Stadt Herr Uguccione hieß, und über alles wegen seiner kriegerischen und geselligen Tugenden ehrte, so daß sie auch schon vor mehrern Monden mancherlei Staunenswürdiges und nie bisher Erhörtes von ihm vernommen hatte. Da erlag um so schneller das schon verwundete Herz. Die blühende Ranke ward bald wieder von ihrem Baste gelöst, und senkte sich, holde Botschaft tragend, als eine gründuftende Brieftaube nach der Terrasse hinunter, ward bald darauf im selbigen Amte mit Ugucciones Antwort zu der lieblichen Herrin emporgezogen. Grüße und Gegengrüße schwebten nun auf diesem zierlichen Wege oftmals herauf und hinab, ja endlich schwebte Lisberta oft selbst hinab über die heimlichen Steigen, welche aus ihren Zimmern in den nächtlichen Garten führten, um dorten desto ungestörter mit dem geliebten Uguccione zu kosen.

Es geschahe aber endlich, daß Lisbertas Briefe sich wohl an der Ranke hinab senkten, niemand jedoch vorbeiging, sie aus dem grünen Geflechte zu lösen. Wenn sie es nun wieder emporzog, fand sie nur das Siegel ihrer Trostlosigkeit daran: den eignen, unentsiegelten Brief. Sie fing endlich an nach Uguccione zu fragen, und erfuhr, daß er schon seit vielen Tagen auf eine unbegreifliche Weise aus Mailand verschwunden sei. Dennoch ließ die Arme nicht ab, täglich das Rankengewächs vom Baste zu lösen, und auf die Terrasse hinabsinken zu lassen. Zog sie es alsdann ohne Brieffrucht herauf, so weinte sie bitterlich, und trieb dies so lange, bis ihr das Herz am Ende von vielen Tränen brach. Da sorgte eine Freundin, daß die rankende Blüte auf den Grabhügel eingepflanzt ward, und ich habe wohl oft gesehen, wie die Blätter und Blumen noch jetzt die einsame Stätte überschatten und überduften.«

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