Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 86
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
Schließen

Navigation:

Letztes Kapitel

Während sie langsam, den freudig sinnenden Greis wie ein Panier in ihrer Mitten, den Schloßweg hinabgeschritten waren, hatte die Sonne ihre letzten Abschiedslichter über den grünhellen Spiegel der Donau hingesendet, und der Mond stand nun in voller Herrlichkeit seiner tauigen Kühle am wolkenleeren Himmel. Der alte Heldensänger, Meister Walther, hatte sich derweilen geschäftig erzeigt, auf der Wiese ein reiches Abendgelag zu veranstalten, und um den Kreis her, welchen die Flaschen und Schüsseln und Becher durchblinkten, loderten fröhliche Fackelstäbe, das grüne Rund mit ihren Lichtern aussondernd von der dunkleren Nacht umher. Als die Gesellschaft sich nun darinnen niederließ, sagte der alte Herr Hugh: »Ei, wie labt es sich an diesem blühend grünen Tische um so vieles vergnüglicher, als droben auf meiner noch jüngst so einsamen Veste an dem steinernen Rund!« – Und Hilldiridur kredenzte ihm den großen, aus silbernen Schaustücken geformten Becher, und zwei glühende Tränen der wehmütigen Freude fielen aus des alten Helden Augen in den Wein. Bertha jedoch und Otto, so wie auch Folko und Gabriele, gedachten des Abends, wo ähnliche Fackellichter aus diesem Anger einen Kampfesrund bezeichnet hatten, und empfanden ihr jetziges Glück in erhöheter Süßigkeit. Dem Grafen Archimbald von Walbeck wollte zwar etwas, wie Mißmut, durch den Sinn streifen, weil eben wieder an dieser Stätte das Sprühen der Fackeln über seine schwarzsilberne Rüstung hinfuhr, aber Gerda streichelte ihm mit der schwanenweichen Hand das finsterwerdende Antlitz, und vergessen war jene sieglose Stunde vor dem beseligenden Schimmer seines nordischen Liebesgestirns.

Da klopfte jemand leise auf Ottos Schulter, und sich umwendend, sahe er in des Seekönigs flammende Augen, welcher zugleich in sein Ohr flüsterte: »Wie war es, als wir zu Hilldiridurs Warte miteinander hinaufritten? Blancheflour hat dich als ihren Bruder anerkannt, und die Fackelscheine treiben unfern von uns auf ihren Zügen ein bezauberndes Spiel.« – Otto drückte in zuversichtlicher Freudigkeit des Seekönigs Hand, und erhob sich, um einen Platz neben seiner lieblichen Schwester einzunehmen, die, in tiefes Sinnen verloren, wie ein einsames Blümlein dieses Angers anzusehen war. Arinbiörn hielt sich voll glühenden Hoffens und Zweifelns unfern von den beiden.

Im zierlich vertraulichen Gespräche hatte der Bruder sich bald seiner neugewonnenen Schwester genugsam genahet, um sie fragen zu dürfen, ob sie schon eines ebenbürtigen Ritters verlobte Braut sei. – »Ich getraue mir, nein für sie zu antworten«, entgegnete Folko, auf ihrer andern Seite sitzend, mit einiger Lebhaftigkeit. Und wie ein blödes Echo hallte das: »Nein!« von Blancheflours feinen Lippen gehorsam nach. Da klang ein wehmütiger Zitherakkord aus dem Gedränge der Umstehenden, Blancheflour sahe sich erschrocken darnach um, wiederholte aber alsdann mit desto lauterer, obgleich etwas weinerlicher Stimme: »Gott weiß es, daß ich keines Menschen auf Erden verlobte Braut bin.« – Da winkte Otto den Seekönig herbei, und warb für ihn bei der Schwester, und Folko drang freudig in sie, durch diesen Bund sich seinem Hause näher zu verschwägern, während Arinbiörn mit errötenden Wangen, in frommer Heldendemut vor dem Ziel all seiner Wünsche schweigend stehen blieb. Wie ein weißes Blumengewinde im Abendhauche schien Blancheflour hin und her zu schwanken; endlich neigte sie in stiller Ergebung das zarte Haupt zu einem Ja. Sie und Arinbiörn bei den Händen fassend führte Otto die zweie vor seinen Vater, und der alte Herr Hugh, den Knienden seinen Segen erteilend, sagte: »Du verjüngtes Bild des Rächers mit den Geierfittichen, nun nimm meine weiße Blume hin, und alle Rache ist ab und tot.« – »Alle Rache ist ab und tot!« wiederholte der Seekönig, noch viel tiefer sein Haupt vor dem Vater neigend. Blancheflour weinte still.

Noch kaum aber hatten sich die Verlobten wieder erhoben, da klangen die Zitherakkorde vernehmlicher, und mitten in den hellen Kreis trat Meister Aleard, blühend wie der Lenz, von einem himmelblauen Sängermantel umwallt, sein blankes Saitenspiel im Arm, zu dessen Klängen er folgendes Lied sang:

    »Zur Sommerszeit,
Da schlagen weit
Die liebbegehr'nden Herzen,
Im Morgengrau,
Am Mittagsblau,
Bei lichten Sternenkerzen;
Und blickt der liebe Mond darein,
Da wird's ein himmlisch Sehnen,
Ein Freudenquell aus Tränen,
Aus Scheidegruß ein Hoffnungsschein.

    Wenn's einen trifft,
Daß er umschifft
Der Liebe grüne Inseln,
Und ihm zerschellt
Am Eis der Welt
Sein Schiff, – wozu das Winseln?
Der Mond beglänzt den Wellenlauf,
Der Schiffer ist verschollen,
Wo seine Tränen quollen,
Blühn hell am Strande Rosen auf.

    O Rosen blüht,
O Blicke glüht,
Schlingt euch in süße Bande.
Wer Klippen mied,
Stimm' an ein Lied,
Geh' froh gesellt am Strande.
Manch Lieben ist so hoch und klar,
Daß auch aus Wellenringen
Versunkne Schiffer singen:
»Glück auf, Glück auf dem sel'gen Paar!«

Blancheflour hielt beide Hände vor die Augen, und ihre Tränen flossen unter dieser Alabasterdecke so milde, daß nur Arinbiörn, dicht neben ihr stehend, und kein Auge von ihr verwendend, einige Tropfen des heißen Regens, die zwischen den zarten Fingern silbern hervorrieselten, wahrnehmen konnte. Otto, alsbald in Aleard den Sänger erkennend, welcher im Buchenwalde vor Gabrielens Veste in der Normandie das Lied von Abælard und Heloise mit Blancheflour gesungen hatte, und von Bertha vernehmend, daß er zu ihrem und Christophorus' Gefolge gehöre, eilte hinzu, ihn zu begrüßen, und ihm zu danken, daß er ihrer aller Verlobungsfeier mit seinen edlen Sangesweisen verherrliche. Aber Aleard hatte sich alsbald wieder unter der Menge verloren, und im Suchen und Fragen nach ihm, ward Otto plötzlich durch eine Erscheinung gestört, welche seine und aller Anwesenden Blicke fast gewaltsam an sich riß.

Jenseit der Fackeln hörte man den Tritt gepanzerter Schlachtrosse, das Harnischklirren ihrer Reiter. Und wie man sich dahin wandte, ward auf einem hohen, schneeweißen Pferde ein großer Ritter sichtbar im purpurnen, hermelinbesetzten Waffenrock, einen ungeheuern, ganz goldnen Schild, auf dem die Fackellichter wie Blitze spielten, am Arme, zur andern Hand eine sehr große Lanze, die er auf den geharnischten Schenkel gestützt hielt, und sie, indem er gegen die Damen herankam, mit eben so kräftiger als zierlicher Gewandtheit senkte. Während er nun auch dabei das behelmte, reichglänzende, federnumwallte Haupt verneigend tief herunterbog, und damit in den Lichtkreis der Fackeln kam, wollten einige bemerkt haben, eine juwelenstrahlende Krone winde sich rings um den prächtigen Sturmhut her.

 << Kapitel 85  Kapitel 87 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.