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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 85
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Dunkel und trübselig trat jemand in den Kreis der Segnenden und Gesegneten ein. Das war Tebaldo. Er neigte sich sehr tief vor der friedebringenden Herrin Bertha, und sagte: »Für mich ist es nun wohl mit aller möglicher Lust auf Erden vorbei. Meinen Zauber, an den ich dies ganze vergängliche Dasein gesetzt hatte, habt Ihr verstört, und was man so Glück in Vater- und Bruder- und Schwesterarmen nennt, dafür hab' ich mich selbsten ertötet ganz und gar. Was ich denn nun noch will? – Wahrhaftig, ich weiß es nicht. Abschied nehmen will ich, und eine Höhle suchen, die mir gerecht ist. Find' ich die nicht, so find' ich einen zerschmetternden Absturz doch desto gewisser auf.« – »Das mein' ich ja gar nicht so«, entgegnete Bertha mit freundlichem Ernst, »und ich kann Euch auch versichern, daß es der liebe Gott nicht im mindesten so meint. Buße tun sollt Ihr, und gewonnen werden; vom Verlorengehen ist ja gar die Rede nicht. Ihr werdet, denk ich, gut tun, wenn Ihr einen Pilgerzug nach Jerusalem unternehmt, unterweges in stiller Abgeschiedenheit recht stark und hoffend mit guten Gedanken gegen den Bösen ringt, Eure Sünden an der heiligen Stätte beichtet, und versöhnt wieder heimkehrt in unsern Kreis. Frisch auf, mein Pilger! Der Hirte ruft liebevoll nach seinem verirrten Lamm.« – Zugleich auch streckten alle, Geschwister und Stiefgeschwister, Vater und Stiefmutter ihre liebenden Arme nach ihm aus, als ob er wirklich bereits heimkehre gereinigt in die angestammten Hallen. – »O wahrhaftig, Bertha«, rief Tebaldo aus, »du hast nicht aufgehört, eine Gesandtin des heiligen Vaters zu sein, obschon du eine beglückte, liebelächelnde Braut geworden bist. Ja, nach Jerusalem! Nach Jerusalem! Dahin trieb es mich von Anfang an, als habe ich vorgewußt, welche Sünden mir obliegen werde zu büßen an geweihter Stelle. Vorher aber wirket mir dieses ehrwürdigen Greises Verzeihung aus, den ich wohl nicht mehr Vater zu nennen würdig bin, und schafft mir auch Hilldiridurs milde Huld, und macht, daß Otto und Christophorus und Blancheflour und selbst der strenge Zelotes mich herzen, wie Geschwister, und nicht nur so verzeihend, wie man auch goldne Äpfel wohl im letzten Erbarmen einem armen Sünder gewährt, mit dem es zum Richtplatze geht.« – Die zuversichtlich lächelnde Bertha sagte: »Hier bedarf es meiner als Gesandtin nicht; hier macht die freundliche Jungfrau alles gut.« – Und nur leise zog sie den Bereuenden gegen den Vater heran, als auch dieser ihn schon fest umschlungen hielt, und Hilldiridur das gleiche tat, und die Arme der Geschwister sich über ihm, wie zu einer Laube, ineinander rankten, wobei vorzüglich Otto mit wehmütiger Liebesinnigkeit ausrief: »Ach Diephold, du armer Diephold, darum habe ich dich auch immer von Anfang her so unaussprechlich lieb gehabt!«

Tebaldo machte sich endlich mit sanfter Gewalt los. »Ihr habt mir nun Erquickung gegeben«, sagte er, »nicht nur für eine Reise, sondern auch für ein ganzes Leben zugleich. Lebt wohl! Ich scheide sanft und friedlich und hoffnungsvoll; der Stern eurer Liebe geht leuchtend vor mir her, und wenn übers Jahr ein Pilger mit Muschelhut und Stab hier anklopft vor eurer Burg, so gibt es ein neues Fest in den väterlichen Hallen.« – Langsam und grüßend schritt er hinaus. Alle blieben eine ganze Zeitlang still, und sahen ihm mit feuchten Augen nach. Das war für diesmal der bittre Tropfen, welcher uns alle in den Freudenbechern der Erde immer an ihre und unsre arme Vergänglichkeit mahnt. –

Endlich sagte der alte Herr Hugh: »Mein Sohn wird wiederkommen, und mir wird von Gott die große Gnade widerfahren, daß ich ihn noch in diesem Leben an meine Brust drücken kann. Es ist, als striche ein seliger Flügelbote mit dieser Kunde an mir vorüber, und wenn Lisberta zum Engel verklärt ist, so mag sie wohl selber der holde, beruhigende Bote sein.« – Die Geschwister umfaßten einander noch inniger über dem, wie in kühler Zweigumschattung ruhig lächelnden Vater, welcher aus tiefer, freigewordner Brust aufatmete, und sprach: »Du hast recht, Bertha. Es ist alles Versöhnung und Frieden. Ich will nun auch am längsten dieser Veste regungsloser Hüter gewesen sein. Kommt mit mir hinaus auf die Donauwiese, ihr Lieben alle. Ich fühl' es, an Hilldiridurs Hand, in meiner Kinder segnendem Reihen darf ich wieder, wie in frühen schönen Tagen, die freie, lustige Schöpfung zu meiner Heimat gewinnen.« –

Als sei der Zauberring in einen lebendig blühenden Kranz umgewandelt, schritt der noch vor kurzem so einsame alte Herr Hugh mit Weib und Kindern und Freunden aus dem Burgtore in die abendgerötete Landschaft hinein. Ein herrlich funkelnder Regenbogen ward zwischen den Bäumen sichtbar, und alle die Glücklichen begrüßten das selige, ihnen zu dieser Stunde so deutsame Zeichen des himmlischen Friedens mit gefalteten Händen und im stillen Gebet.

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