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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 83
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Viele der unverschämt Andringenden bluteten vor Ottos Klingenhieben; andere durchschüttelte schon der furchtbare Schlachtruf des dräuenden Zelotes mit ängstlichem Erbeben; die Schar wäre längst auseinander gestäubt, nur daß die entsetzlichen Zaubereien Tebaldos ihr die Sinne verwirrten, und sie eine Ahnung noch gräulicherer Gefahren in ihrem Rücken immer wieder nach vorwärts trieb. Donnerschläge schmetterten fort und fort über den Himmel hin, die Erdflammen zischten hoch auf, und gewannen fast die Gestaltung feuriger Kobolde, rings um die Veste her rauschte es, ein gewaltiger Regen- und Schloßenguß, aber kein Tröpflein verlor sich auf des Burghofes Revier, gleich als seie hier ein verwünschtes, den milden Fluten des Himmels unzugangbares Rund. Durch alle dies Donnern und Rauschen und Heulen und Rufen hindurch hörte man bisweilen Tebaldos gellende Lache, und sein Besprechen der Firmamente in unverständlichen Formeln.

Hilldiridur und all ihre Reisegenossen waren indes vor der Veste angelangt, und die Besorgnis, welche sie, bei dem so seltsam unwetternden Himmel und dem wilden Menschengetos, für alle empfanden, die sie in der Burg wußten, trieb sie rasch hinein, und unter dem Schutze des Seekönigs, Archimbalds und ihrer Reisigen, bis an die Linde vor, an welcher der alte Herr Hugh unter Ottos nun fast ermattender Verteidigung saß. Hilldiridur schmiegte sich mit versöhnenden Worten an ihn. Gerda, schon in allem ihrer edlen Meisterin gehorsam, stellte sich in demütiger Achtsamkeit neben diese, um ihr etwa, wo sie es irgend bedürfte, zur Hand zu gehen, während Archimbald und Arinbiörn sich fechtend ihrem Waffengenossen gesellten, und ihren Reisigen zuriefen, alle das Gesindel zu Boden zu schlagen, und die Burg vor den freveln Empörern zu reinigen.

Derweile war auch Folko mit den beiden Damen, von einigen Knappen geleitet, im Burgraume angelangt. Sein Weg hatte ihn zu einer Pforte hereingeführt, von wo er fast ungehindert zu dem alten Lindenbaume gelangte, um den sich das Getümmel hergewirrt hatte. Auch er, teils um die Frauen desto kräftiger zu schirmen, teils, weil er Ritter im Kampfe gegen Unebenbürtige sah, sprang den Herren gezückten Schwertes zur Seite, und hieß seine Knappen das gleiche tun.

Da rief eben der alte Herr Hugh in der Bedrängnis seiner innern Erscheinungen aus: »Wehe! Nun schreitet auch Folkos Mutter herauf, des Freiherrn von Montfaucon Wittib, und schilt mich, daß ich sie verlassen, verlassen Blancheflour, unser armes Kind; und sie hat wahrhaftig recht, denn ich bin ja auch der große Messire Huguenin gewesen, und bei Ritterehre und Ritterwort! Ich war es nicht unrühmlicherweise!« – So wie nur Blancheflour diese Worte vernahm, kniete sie liebkosend vor dem verhüllten Greise nieder, und rief durch die umwölkenden Gewande zu ihm hinein: »Ich bin deine Tochter, du feierlicher, mir noch verborgener Held!« – Und wieder gegen Folko umgewendet, rief sie diesem zu: »Ficht freudig, mein Bruder! Ficht siegreich! Es gilt meines Vaters, des großen Messire Huguenins, Errettung!«

Und freudig auch focht der edle Freiherr von Montfaucon, freudig ihm zur Hülfe Arinbiörn und Walbeck und deren Genossen. Aber die gewitterschwüle Dunkelheit umwebte ihre Häupter wie mit zaubrischen Flören, betäubend rasselte Donner und Regengeräusch und das Rufen Tebaldos durch ihren Sinn. Die Reisigen mißkannten einander, und lagen bald, verderblichen Wahnsinnes voll, im Streit mit den Gefährten, ja, wandten endlich in gänzlicher Betörung die Waffen gegen ihre eigenen Herrn. Diese auch selbsten konnten nicht immer sich der betörenden Verblendung erwehren, so daß bisweilen Arinbiörn, wenn er einen recht entscheidenden Schlag zu führen vermeinte, plötzlich mit Schrecken bemerkte, er habe seines edlen Vetter Montfaucons Goldhelm getroffen, oder Folko den Seekönig und den Grafen mit einem kühnen Schildschwunge auseinander warf, wo sie sich eben am festesten gegen das rasende Gesindel aneinander gestemmt hielten. Dann hieb wohl Archimbald grimmig gegen die beiden an, und erst, wenn auch sie zurücke taumelten, erkannten alle drei ihren furchtbaren Irrtum, und schlossen sich wieder eng und mit Kampfgeschrei zusammen, aber nur, um in erneutem Verblinden ihren Waffenbruder Otto anzufallen. Dieser allein hielt sich ganz frisch und frei von den Umnebelungen der böslichen Magie. Er sagte immerfort leise, das in den Kinderjahren von Bertha erlernte, und ihm auch in den Harzbergen hülfreiche Gebetlein her, und stand, ein leuchtender, Strahlen und Blitze versendender Cherub, vor dem bedräueten Vater. Doch hätte er sich kaum in alle dem Gewirre noch zu erhalten vermocht, nur daß sein Lichtbrauner, sich von den Reisigen, die ihn draußen vor dem Tore hüten sollten, losreißend, durch das tosende Menschengeflut hauend und wiehernd herangesetzt kam, sich seinem Herrn zur Seite stellte, und, als könne ihm keine Magie der Erde seinen getreuen Tieressinn verstören, kräftiglich die beerzten Vorderhufen auf der Gegner Scheitel herunterdonnern ließ, wütig sie mit den starken Zähnen an Brust und Schultern faßte, und in Betäubung übereinander hinschleuderte.

Indessen hatte sich auch der alte Heldensänger, Meister Walther, unerschrockenen Mutes durch das Getümmel zu seinem verhüllten Freunde Bahn gemacht. – »Es gehn da draußen wilde Dinge vor«, sagte der alte Herr Hugh, seines Freundes inne werdend. »Aber auch Weibes- und Kindesstimme schmeicheln erquickend meinem Ohre. Blieben nur die langen, langsamen Reihen weg, die vor meinem innern Geistesauge vorüberziehn. Ich hoffe noch immer das beste, denn wie sagt doch dein Reim, du vielgetreuer Walther? Dein Reim von Nacht und Sonne?« – Walther sang, und rührte die Saiten:

»Man geht aus Nacht in Sonne,
Man geht aus Graus in Wonne,
Aus Tod in Leben ein!«

»Ich kann es nicht recht hören«, sagte der alte Herr Hugh, »vor dem wilden Lärmen umher, und vor den schwarzen Gewändern, die mich beschützen. Singe lauter, alter Singer, singe lauter!« – Und wieder hub Walther verstärkter Stimme seinen Liedeston an, aber der alte Herr hörte nicht auf, zu rufen: »Lauter! Noch immer lauter! Noch viel lauter!« – Da griff endlich Walther in liebevoller Angst um seinen greisen Genossen die Zither mit solcher zwingenden Heftigkeit an, daß nicht nur die Saiten, sondern auch der Boden des zarten Instrumentes weheschreiend voneinander sprang.

Da schrie auch der alte Herr Hugh: »Wehe! Wehe! die Töne sind zersprungen vor meiner entsetzlichen Schuld. Nun ist's verloren!« – Und er sank halbohnmächtig, gebrochnem Sinnes zusammen. Zelotes betete über ihm: Noch einmal riß sich da die trotzende Kraft des alten, weit berühmten Helden in die Höhe, daß er mit schmetternder Trompetenstimme rief: »Wer wagt es, und liest Messe über mich, den Verhüllten, wie über einen des Rittertumes Entsetzten? Herr Jesus, bin ich denn des Rittertums entsetzt?« – Und nun lag er regungslos und starr in des Sohnes Armen. – »Ach Herrin, ach Meisterin«, ächzte Gerda in Hilldiridurs Ohr, »warum doch haben wir dem Zauber entsagt? Nun könnten wir ja schützen, nun könnten wir ja retten. Sollen wir –?« »Entschlage dich all solcher eitlen Gedanken«, entgegnete die weinende Hilldiridur. »Fühlst du denn nicht dieses gräßlichen Magiers Stärke? Fühlst nicht, daß es mehr ist, als wir in unsern gewaltigsten Zeiten vermocht? Von uns kommt keine Rettung mehr.« – Otto aber hatte des zusammensinkenden Vaters graunvolle Klage vernommen, und fühlte auch seine Kraft zusammensinken vor ihr. Ein wildrer Taumel hielt seine Waffengefährten bestrickt, Tebaldo jubelte grimmig, vor drang das Gesindel, der gräßliche Zauber schwebte siegend über dem Burghof, und begann ihn umzuwandeln zur schauerlichen Stätte des Gerichts.

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