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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 82
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Vierundzwanzigstes Kapitel

In der feierlichen Waffenhalle saß wieder einmal ganz einsam der alte Herr Hugh, den großen Weinbecher, aus silbernen Schaustücken geformt, vor sich gestellt auf dem runden Tisch. Er sahe verlangend der Ankunft des Heldensängers, Meister Walther, entgegen, und dachte bei sich selbst: »Er tut mir ordentlich Not mit seinen uralten Wundersagen, denn mein eignes Leben, vormals in Nordland, Frankreich, wie auch in den welschen und griechischen Gegenden so reich an Freud und Leid, und lauter unerhörten Dingen, zieht sich nun in die ganz gewöhnliche Abgestorbenheit eines kinderlosen Greises zurück, und schrumpft zusammen, wie andre erfrorne Blätter auch. Ich werde nichts Großes mehr erleben, keinen Schrecken und keine Lust. Da wär' es denn schön, wenn die Heldentaten der deutschen Urväter unaufhörlich hereinklängen in mein entschlummerndes Sein. Walther, ei saumseliger Walther, wo bleibst du doch?« –

Bleichen Antlitzes trat ein Reisiger in die Halle, und sagte: »Euer einiger Sohn ist zurückgekommen, mein edler Herr.«

»Und mußt du denn aussehen, wie der Tod, wenn du eine Botschaft des erwachenden Lebens bringst?« rief der alte Herr Hugh im freudigen Zorn. »Führ ihn doch herein, meinen jungen, segenleuchtenden Stern.« – Der Reisige murmelte einige unverständliche Worte, und tat die großen eichenen Türflügel auf. Herr Hugh hatte sich schon, der besten Freude seines Herzens entgegenzuschreiten, aus dem großen Lehnstuhl in die Höhe gerichtet.

Lange, schleppende Gewande rauschten heran, ein großer Mensch, in tiefschwarzer Umhüllung, schritt festen, gewaltigen Trittes über die Schwelle, die nervige Rechte wie bedräuend über das Haupt empor geschwungen. Hinter ihm fielen die Türflügel wieder zu; man hörte, wie der entsetzte Reisige die Steigen hinunter rannte. – »Wo ist mein Sohn? Wo ist mein Sohn?« fragte der alte Herr Hugh, und taumelte schwindelnd in seinen großen Sessel zurück. – »Dein Sohn steht vor dir«, sagte die gespenstische Erscheinung, und nur allzudeutlich schnitten sich Ottos Züge aus dem bleichen Angesichte in des Alten halb erstarrende Sehkraft ein. – »Bist du denn ein Mönch geworden?« murmelte dieser, »ein schwarzer Benediktinermönch?« – Und gleich darauf sich wieder fassend, rief er mit strenger Richtermiene, und dem alten, überkräftigen Heldensinn: »Wer hat dir Vergunst dazu gegeben? Ich werde noch ernsthaftiglich sprechen mit dem Kloster, das sich erfrecht hat, ohne des Vaters Beistimmung den jungen Herrn Ott' von Trautwangen zu vermönchen.« – »Ich bin der junge Herr Ott' von Trautwangen gar nicht«, sagte der Mönch mit einem durchdringenden Tone. »Ich war in der Welt geheißen Ottur, Schön-Astrids und des starken Hugurs Sohn, und jetzo bin ich Bruder Zelotes.«

Regungslos saß der Greis in seinem Lehnstuhl. Die wiedereroberte Kraft war ihm wohl nicht so leicht zu brechen, aber wie in eisiger Erstarrung blickte er in das Auge des furchtbaren, so unerwartet aufgestiegnen Sohns.

»Ihr seid ein teures Reis des Herrn«, sprach dieser fürder, »aber ein halb verlornes. Da hab' ich denn von meinem Abt erworben, daß ich hinausziehen durfte, Euch zu bekehren, ehe der Tod seine schwarzen Schatten über Euch hinwirft, und die holt er für sterbende, unbußfertige Sünder aus der Hölle herauf.«

Dann setzte er sich dem alten Herrn Hugh gegenüber, und hub eine Bußpredigt an, davor diesem das Mark in den Gebeinen erbebte, und es wie verzehrende Flammen vor seinen Augen dahinfuhr.

Er redete fort und fort; seine Heldenstimme, und die gewaltigen Worte, welche sie hervorglühete, übertäubten ein fröhliches Getümmel, welches sich auf dem Burgplatze und in den untern Hallen erhob. Otto, von des alten Herrn Hughs Wiederbelebung unterrichtet, und der Mutter und den Gefährten vorausgeeilt, um erst dem Vater alles anzumelden, war in die Veste getreten, und flog nun, da man ihm von der schauderhaften Erscheinung seines mönchischen Ebenbildes erzählte, das Rechte ahnend, die Steigen herauf. – »Ottur! Ottur! Was machst du hier?« rief er, in den Saal stürzend. »Du bist mein Halbbruder, der alte Herr Hugh ist unser beider Vater.« Damit schwang er die beerzten Arme um des Greisen Hals, welcher vor Ottos tönendem Harnischklange ganz ein neues Leben gewonnen zu haben schien, und dem Mönch ein bedräuendes Angesicht entgegen wandte, zugleich des ritterlichen Sohnes Wange streichelnd. Der priesterliche Held aber sagte zu seinem Bruder: »Ich habe das alles schon vorlängst im Kloster und unterweges erfahren, wo wir einander ja auch begegnet sind. Auch Träume haben mich bisweilen auf die rechten Wege gebracht. Ottur heiß' ich jedoch nicht mehr. Ottur ist so gut, als tot und begraben. Diesen Menschen hier soll man Zelotes nennen.« – Und wieder hub er, seinen strengen Namen, der im Griechischen einen Eifrer ausdrückt, bewährend, die graunvolle Strafpredigt an, so daß Otto die gepanzerte Hand, wie abwehrend, gegen ihn ausstreckte, und rief: »Was schiltst du den Vater, entsetzlicher Mensch, wenn du ja doch weißt, daß er dein Vater ist?« – »Eben darum«, sprach Zelotes zurück. »Der starke Hugur soll nun einmal durchaus nicht zur Hölle fahren, so lange sich noch ein Hauch in meinem Busen regt.« – »Höre«, sagte Otto, »er wird sich auch ohne dein furchtbarliches Rufen schon zu bewahren wissen vor der Hölle. Schweig mir still, und störe sein geheiligtes Greisenalter nicht, und nicht die feierlich frohe Stunde des Wiedersehens. Zudem habe ich ihm holde Dinge zu berichten, und die sichrer gen Himmel führen, als aller Mönche Bedräuen in der ganzen Welt.« – »Wie du es verstehst«, sagte Zelotes gelassen, fuhr aber in seiner schauervollen Rede fort. Dagegen rief Otto von der andern Seite die Freudenbotschaft dem Greise zu, wie die Mutter noch lebe, und in Frieden und Liebe heranziehe nach der so lange ersehnten Veste Trautwangen. Tiefsinnig saß der alte Herr Hugh zwischen den beiden jungen Männern, die, als Gesandten so verschiedener Art, auf ihn einredeten; er war dem Turm einer versunknen Burg, unter hin- und herflutenden Wassern vorragend, zu vergleichen.

Durch alle die miteinander streitenden Worte scholl plötzlich vom Burghofe herauf ein gewaltiges Rufen: »Uguccione! Uguccione! Du Mörder Lisbertas, komm herab! Uguccione! Uguccione! Der Rächer Lisbertas ruft!« – Der alte Herr Hugh sahe sich einigemal staunend in der Waffenhalle um. Die Jünglinge schwiegen beide still. Endlich sagte er: »Es steht ja noch alles fest; das allgemeine Gericht muß wohl noch nicht da sein, aber meines ist sicherlich gekommen. Folgt mir Kinder, und betet für mich.« – Da hub er sich langsam in die Höhe, stützte sich auf Ottos Schulter, und schritt nach der Tür. Die Jünglinge wagten es nicht, den riesig feierlichen Greis zu befragen, was eigentlich vorgehe, aber er antwortete ihren staunenden Blicken, und sagte: »Ich weiß es auch nicht, welch eine furchtbare Macht mich in den Hof ruft, aber sie ruft mit unwiderstehlicher Gewalt. Ich höre Namen, die schon in ihrem Klange allein mein Herzblut nach sich hinreißen, daß es vorsprudle zur Sühne des begangnen lästerlichen Tuns. Aber eine Memme soll dennoch niemand finden in dem alten Herrn Hugh von Trautwangen all sein Leben lang. Vorwärts, Kinder, und entgegen dem entsetzlichen Gericht.« – Auf Otto gelehnt schritt er die Steigen hinab; Zelotes, ein Totenlied summend, ihnen nach. Es war fast, als werde der alte Herr Hugh schon begraben.

Sie fanden im Hofe viele Menschen zusammengedrängt. Nicht nur hatte sich das ganze Burggesinde, sondern auch das Landvolk der umliegenden Dörfer, leicht in die immer offne Veste Eintritt gewinnend, hier um einen Mann versammelt, der in morgenländischer Tracht auf des Platzes Mitte stand, und ohne Aufhören jene furchtbaren Töne ausrief, die so gewaltig durch alle andere Worte in die Waffenhalle hinein gedrungen waren. Dabei drehte er unaufhörliche einen blitzenden Ring in der rechten Hand umher, und der alte Herr Hugh, das Kleinod erkennend, setzte sich gefaßten Mutes auf einen Stein inmitten des Hofes unter einer hohen Linde nieder, und sagte: »Der Mensch dorten hat Schön-Astrids Ring, den gewaltigen Zauberring, und damit zugleich hat ihm auch der Himmel die Gewalt über mein Leben erteilt. Er ist aber ohne Zweifel gekommen, mich hinzurichten.« – »Merkst du was, du überreife Ähre der Sünden?« rief der Fremde zurück, in welchem, selbigen Augenblicks, Otto seinen ehemaligen Reisigen und Freund Tebaldo erkannte. »Diephold«, rief er ihm mit der deutschen, sie einst so innig verknüpfenden Benennung entgegen, »Diephold! Es ist mein Vater, zu dem du sprichst.« – »Ja? Ist es dein Vater?« rief Tebaldo verwildert zurück. »Da sind wir Brüder, denn ich bin der armen Lisberta und Ugucciones Sohn. Uguccione aber und dieser alte Herr Hugh sind ein und dieselbe Gestalt. Das tut nun weiter nichts. Hinunter muß mein Vater ins Grab, denn ich habe meiner Mutter an ihrem Grabe Rache geschworen.« – »Nimmermehr!« rief Otto, sich gezückten Schwertes vor den Vater stellend. »Hier halt' ich aus, auf Sieg und Tod.« – Und: »Nimmermehr!« rief auch Zelotes, den Alten mit seinen schwarzen Gewanden umschlingend. »Mein Vater soll leben, und Buße tun. Wer an ihn will, muß erst durch diese geweihete Kleidung durch.« – »Du sollst ihn mir nicht so tief verhüllen«, hohnlachte Tebaldo, »daß meine Geister ihm nicht vor das innre Augen träten, und ihn zur Beichte zwängen.« – Damit setzte er sich auf den Boden und schrieb mit dem Ringe Zeichen in das Gras.

Und ein leises Wehen und Rauschen hub sich aus den tief unterirdischen Burggewölben auf, und zog sich wie mit unsichtbaren, erkältenden Armen durch die ganze Menschenmenge hin, daß mancher meinte, auch äußerlich neben sich ein verzerrtes Grabesbild zu erblicken; und dann ging es hoch in der Linden und Ulmen uralte Wipfel hinein, unvernommene Gespräche führend, und aneinander schlagend, als mit geheimnisvollen Fittichen. – Alles zitterte und schwieg. Nur der alte Herr Hugh erhub seine gewaltige Stimme, die noch furchtbarer aus den dämpfenden Gewändern, womit Zelotes ihn schirmend umhüllen wollte, hervordrang, und rief laut, wie ihm Schön-Astrid heißblutend in den Augenstern dringe, sein von ihm selbst erschlagnes Lieb, und wie die welkende Lisberta sein Herz zu ihrem kalten Grabe mache, und was der Frauen und Jungfrauen mehr waren, denen er Treue gelobt hatte, in der weiten Welt, und sie nachmals verlassen, so daß ihm in dieser entsetzlichen Zauberstunde deren richtende Bilder unaufhaltsam durch die beängstete Seele hinschritten. Dennoch sprach der alte Herr Hugh in kräftigen Heldenworten als einer, der unaussprechlich und nach Verschulden leidet, aber nichtsdestoweniger kühn über sich selbst und seinem Schmerze steht.

Da sprang Tebaldo von der Erde auf, und rief den Umstehenden zu: »Richtet ihr diesen verderblichen Sünder, der noch immer mit seinem unbändigen Hochmute die Rache des Himmels herabruft. Ich mag nicht zum Vatermörder an ihm werden, so höchst abscheulich er auch die Mutter und mich verlassen hat. Aber ist euch die Sicherheit eurer Städte und Dörfer lieb, lieb die Sicherheit des Bodens selbsten, auf dem ihr steht, so vertilgt ihn aus der lebendigen Welt. Firmament und Erde wollen ihn nicht länger dulden! Horcht auf. Schaut auf!« – Er warf seinen Zauberring in die Höhe, und ein plötzliches Donnergerassel fuhr aus heiterm Himmel herab, der sich im Augenblicke mit dräuenden Schwefelwolken überzog. Zugleich wankte der Grund, bläuliche Flammen leckten daraus hervor, und im wilden Schreckenswahnsinne rannte alles, Reisige und Untersassen, gegen den alten Herrn Hugh mordlichen Sinnes heran. Mutig beschützte Otto den verhüllten Vater, und Zelotes rief ihm beständig wie in neuerwachender nordischer Liedesweise zu: »Schlage gut, mein starker Bruder! Schon' sie nicht, die feigen Rotten! Hätt' ich hier zur Hand die Klinge, Otto nach dir selbst geheißen, schlüg' ich mit dir in den Schwarm ein! Schlag' nun selbst; dein Schwert heißt Ottur!«

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