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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 78
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Zwanzigstes Kapitel

Sie ruhten eines Tages unter schattigen Ulmen, am Fuße eines Hügels, dessen Gipfel eine reich und herrlich gebaute Kirche trug, die hier ganz einsam lag, als das Ziel der Andacht von vielen reichen Dörfern in der Runde. Nur das stille Häuslein eines Kapellans stand dabei, damit jemand zur Hand seie, der den Bau offen für alle Gläubigen, und zugleich in seiner Zier und Ordnung erhalte.

Es mochte hübsch anzusehen sein, wie die edlen Reisenden unter den Bäumen saßen, Rosse und Saumtiere weidend umher, blanke Schilde von den Ästen herniederfunkelnd. Die Becher gingen kühlend und erstärkend in der heißen Mittagsstunde durch die Schar, Knappen und Reisige huben manch ein schönes Liedlein an. Aber der sonst so gesellige und freundliche Otto blieb diesmal ganz still, und in tiefe Gedanken verloren. Seines Halbbruders strenges Mönchsleben lastete ihm auf dem Herzen, bald wie eine schmerzlich drückende Bürde, bald auch wie ein ungeheurer, über alles Erwarten gewonnener Schatz; so wenig konnte er mit sich darüber einig werden, ob Otturs Lossagen von der Welt trübseliger, oder seine schnelle und heldenmäßige Bekehrung erfreulicher sei. Dabei zogen ihn die herrlichen Wölbungen und hochschlanken Pfeiler der Hügelkirche wie mit magnetischer Kraft an sich. Er konnte seine Blicke gar nicht von dorten wegbringen, und Hilldiridur, dies bemerkend, sagte: »Gehe nur in Gottesnamen hinauf, lieber Sohn. Ich denke, du fühlst dich getrieben, einsam an heiliger Stelle zu beten, und dein höchster Lehnsherr wird dich gern in dieser seiner Vesten empfangen. Wir warten deiner derweil hier unter dem kühligen Gezweig.« – Otto neigte sich schweigend und dankend, und ging nach dem herrlichen Gebäu empor.

Eintretend in die feierlichen Hallen überschattete es ihn, wie mit Flügeln der Ahnung und Freude. Was ihn störte und bedrückte, schien draußen geblieben zu sein, und nur verheißendes Sommerlicht durch die glühfarbigen Fensterscheiben und die nach allen vier Weltgegenden gastlich aufgetanen Kirchtüren herein zu leuchten. Lange ging er unter den Heiltumen und Bildern einher, im fortgesetzten kindlich freudigen Gebete beharrend. Ihm war in seinem ganzen Leben nie besser zumut gewesen, ohne daß er sich doch eigentlich besinnen konnte, was ihm nur neuerdings Erfreuliches zugestoßen sei. Aber woran er irgend denken mochte: Otturs Bekehrung und Umwandlung in Bruder Zelotes, die Reise, die Nähe der Heimat, alles lag wie von einem himmlischen Rosenlicht umgossen vor ihm da.

In diesen großen, unbegreiflichen Freuden richtete er sein Haupt nach einer Gegend der Kirche hinauf, wo er unter andern Herrlichkeiten in der Höhe des Gebäudes einen reichverzierten, goldgegitterten, mit hellen Glasscheiben verschlossenen Betstuhl wahrnahm. Dafür hielt er es anfänglich, ward aber bald inne, daß es wohl ein wundersam verzierter Schrein seie, den man zur Aufbewahrung eines köstlichen Heiligenbildes gebrauche. Denn durch die klaren Gläser leuchtete eine so himmlische Frauengestalt, als er sich nie erinnern konnte, bisher erschaut zu haben. Es sprach ein mildes Erquicken aus diesen Zügen, und dennoch ein feierlicher, Ehrfurcht gebietender Engelsgruß, eine Kindlichkeit und Hoheit zugleich, recht in dem Sinne, wie die ersten Frühlingstage, von paradiesischem Leben Ahnungen in das Gemüt wehend, auf unsre Welt hernieder zu steigen pflegen. Die holden Augen des Bildes waren nur halb geöffnet, denn es schaute in magdlich stiller Andacht auf ein großes Buch nieder, über dem sich die reingeformten Hände falteten, aber auch unter den gesenkten Wimpern hervor blieb die Anmut der blauen Himmel kenntlich, wie es ja auch der Himmel über uns bleibt, wenn Morgengewölke und Laubschatten seine feiernde Wölbung verhüllen. Reiche Perlenschnüre wanden sich durch das lichtbraune Haar, ein hoher Spitzenkragen ragte um den schönen, schlanken Hals, von reichen, goldenen Spangen und Perlen und blitzenden Edelsteinen erglänzte das schwarzsamtene Kleid. – Wie noch Otto in immer wachsender Liebe und Freude zu dem hohen Bilde hinaufblickte, und alle seine fromme Pracht sich aufzufassen bemühte, nahm er plötzlich, was er vorher wohl übersehen haben mußte, hinter der Jungfrau eines ältlichen, aber herrlichen Mannes wahr. Der sahe ganz fremd und ernsthaft aus, mit königlich hohen Augenbrauen, mit Augen, welche funkelten wie Sterne, achtsamlich auf die schöne Magd gerichtet, so daß er sich recht als deren Wächter und Beschirmer zu erkennen gab. »Er soll vielleicht den heiligen Joseph vorstellen«, dachte Otto, und ohne weiter in Betrachtung der köstlichen, und hier zu Lande wohl nie gesehenen Tracht des Mannes zu verweilen, wandte er seine Blicke wieder auf das wunderholde Fräuleinsbild. Da traf es ihn plötzlich wie ein Blitz, daß er hier keine andre Züge sehe, als die seiner holden Muhme Bertha, nur in solcher Anmut verherrlicht und verklärt, als er es wohl die letzte Zeit über in Träumen geahnt, nie aber wachend zu erblicken hatte glauben können. Er schloß die geblendeten Augen, und blieb so eine Zeitlang in nur halb bewußten Sinnen. Wieder um sich schauend, fand er den Raum hinter den Gläsern leer; nicht die Jungfrau, nicht ihr Beschützer waren zu erspähen, und Otto ging ebenso traurig aus der Kirche, als er noch vor kurzem freudig darin umhergewandelt war; denn er konnte nichts andres denken, als Bertha seie zu dieser Stunde gestorben, und habe sich ihm angezeigt, von der Gloriengestalt umleuchtet, darin sie zu einem herrlichen Engel geworden sei.

Als er zu seinen Genossen zurückgelangte, fand er diese in staunender Bewegung und Erwartung, selbst Hilldiridur spähte mit verlangenden Blicken einen Fahrweg entlängst, auf dem, von der andern Seite des Hügels her, ein anmutiges, immer mehr sich näherndes Klingen, als von vielen Instrumenten, hörbar ward. Bald darauf erschienen Reiter in bunten, fremdartig geschnittenen Kleidern, türkische Bunde mit hohen Reiherbüschen auf den Häupten, allerhand Musikwerkzeuge zur Hand, als da sind Flöten, Schallmaien, Trompeten und Hoboen. Einige schlugen goldne Becken dazu, andre prachtvolle, mit reichen Purpurfransen umhängte Silberpauken. Das Getöne war überaus lieblich und Freude erweckend; gar nicht kriegerisch, aber wie unbezwinglich hinauslockend auf weite vergnügliche Reisen durch lauter herrliche Gegenden fort. Um die Musizierenden her ritten viele glänzend Bewaffnete, die in ihren goldfarbigen Panzerhemden, mit den leichten, aus Rohr gefertigten Wurflanzen, und den breiten, kühngekrümmten Säbeln, anzusehn waren, wie Leute aus einer andern Welt. Aber das Auge konnte nicht lange bei ihnen verweilen, denn auf einem Rosse von prächtig leuchtender Schwärze, von leichter und dennoch stahlkräftiger Bewegung, erschien ein Ritter ältlichen, heldenmäßigen Ansehens, und gleich den anderen, aber mit unerhörter Pracht, nach den Sitten des Morgenlandes gekleidet. Dabei hing ihm ein großes goldnes, mit Edelsteinen besetztes Kreuz über die purpurnen Gewande auf die Brust herab. Zu seiner Seite ritt auf einem ebenso schneeweißen Zelter, als des Ritters Streithengst nächtlich schwarz anzusehen war, ein Frauenbild in perlengestickter, schwarzer Sammetkleidung, vor welchem die Ritter mit einem leisen Laute des frohen Erstaunens wie versteint blieben, und von dem wir weiter nichts zu sagen brauchen, als daß Otto darin seine Himmelsjungfrau aus der Kirche wiedererkannte, so wie in ihrem Begleiter den, der ihm dort wie der heilige Joseph vorgekommen war.

Die schöne Herrin richtete einen bedeutsamen Blick auf die Silberrüstung, welche Graf Archimbald von Walbeck trug, plötzlich aber wandte sich ihr Auge wie staunend nach Ottos dunklerm Gewaffen herüber, und in dessen Antlitz schauend, flog ein leiser, morgenrötlicher Schimmer unendlich reizend über ihre Züge. Dann wandte sie sich schnell ab, sprach emsig mit ihrem Geleiter, und der Zug verlor sich talab in eine blühende Schluft.

»Wir müssen ihnen nach!« rief Otto, als erwache er aus einem weissagenden Schlummer, und Archimbald und der Seekönig zeigten sich, wie immer, bereit, den Wunsch ihres Waffenbruders zu erfüllen, diesmal auch noch wohl von eigner freudiger Neubegier getrieben. Zudem schien der wunderbare Zug dieselbe Richtung genommen zu haben, in welcher man nach Burg Trautwangen fortzureisen gedachte. Um dessen Wege vorläufig zu erspähen, erstieg Archimbald ein Felsstück, welches wie ein hingeschleuderter Würfel mitten im Tale lag. Derweile betrieben Arinbiörn, Otto und Swerker eilig das Satteln der Rosse und Aufpacken der Saumtiere. Hilldiridur sagte wohl einigemal warnend, allzuheftiges Eilen bringe kein Glück; aber es war, als übertäube die kühne Ungeduld in aller Herzen einen so leisen, sittigen Ruf.

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