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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 77
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Neunzehntes Kapitel

Die Saaten wallten im fröhlichen Wachstum, die Obstbäume standen mit Blüten, zum Teil schon mit ansetzenden Früchten überhangen, lustig zogen die Herden zum Anger, und sprang das Wild waldaus, waldein, als die Reisenden ihre Fahrt nach Burg Trautwangen am Donaustrande begannen. Wie ihnen alles so verheißend entgegen sah, meinte jeglicher unter ihnen, er müsse auch das antreffen, was ihm als heimlichster und liebster Wunsch im Herzen wohnte. Laut aber besprachen sie sich über nichts öfter, als über die gemeinsame Angelegenheit der ganzen Ritterschaft in Europa: König Löwenherzens Gefangenschaft, und das gänzliche, so niederschlagende Verschwinden dieses begeisternden Sternes der Ehre und der echten Minne. – »Gott wird schon einmal geben, daß man von ihm vernimmt«, pflegte Arinbiörn alsdann zu sagen. »Führt er ja doch auch die mondenlang verschwindende Sonne wieder mit erneutem Glanze über unsre eisigten Nordlande herauf, und dann gibt es nachher einen desto längern und wundersamern Tag.« – »Könnte man ihn nur mit heraufbeschwören helfen!« sagte Otto, »ich wollte, daß meine ganze Rüstung von Streichen, in einem solchen Kampfe empfangen, erst so aussähe, als meine Halsberge jetzt.« – Denn dieser merkte man es nur allzudeutlich an, daß nicht Asmundurs zauberische Meisterhände, sondern einer gewöhnlichen Schmiede Hammerschläge den Schaden wohl zur Not hatten bessern, aber nicht dessen tiefe Entstellung verwischen können. – Hilldiridur sagte nach solchen Gesprächen öfters: »Wessen Arm Gott will, den wird Gott rufen, und Schmach dem Feigen, der dann zurückebleibt. Aber mutwillig sich zwischen die Mühlräder der Zeit eindrängen, ist ungeduldiges Torenwerk, und nutzlos zerstückelte Leichname sind der Erfolg.« –

So im kühnen Rittermut und in eignen lieblichen Hoffnungen schwellend, so auch gesänftigt zugleich von Hilldiridurs ahnender Weisheit, ward den Rittern die südlichere, sich ihnen mit jedem Schritte mehr erschließende Herrlichkeit unsres Deutschlandes abermals kund in ihrer ganzen, entzückenden Kraft. Freudigen Schwunges sahe man Montfaucons Falken über dem Zuge schweben. Der lustige Reisesinn, welcher uns wohl bei so glücklich hellen Tagen zu beleben pflegt, übte auch einstmalen über Graf Archimbald seine Macht, indem er einen Benediktinermönch unfern vom Wege sitzen sah, ganz tief in seine faltigen, schwarzen Gewande verhüllt. – »Frisch, Bruder!« sprach er ihn an. »Die nackten Füße schmerzen Euch nachgrade wohl. Versucht's einmal zu Roß, und kommt mit uns. Wir kehren noch heute abend in eine sehr gute Herberge ein.« – »Zu Roß, zu Fuß; zu Fuß, zu Roß«, murmelte der Benediktiner dumpf zurück, »mit Panzerschuh, mit bloßem Fuß, wir kommen all in unsrer Herberg an. Wißt Ihr, was ob der Tür geschrieben ist? Das Schildlein hat der Seiten zwei; die reimen sich, doch etwas wunderlich. Auf einer steht: die ew'ge Freud! auf der andern steht: das ew'ge Leid!« – Die ernsthaften Worte fielen schauerlich in der Reisenden heitres Gemüt; sie hielten allzumal unwillkürlich an, und betrachteten die finstre Gestalt. Da erhub sich der Mönch, noch immer verhüllt, von seinem Steinsitze, kam gegen sie herangeschritten, und sagte: »Ich soll euch kennen. Den Weg, den ich gehe, erkennt auch ihr für den besten und sichersten an, habt wenigstens oft genug so gesprochen. Was treibt ihr euch denn so toll und waglich in der verlockenden Welt umher? Ab die Panzerschuhe und die goldnen Sporen! Die ärmliche Sandale an deren Platz! Oder wollt ihr nicht? Ich begreife euch nicht. Was ich tue, tue ich ganz.« Damit wandte er sich, und ging in einen nahegelegnen finstern Wald hinein, über dessen Wipfel es hervorsahe, wie eines einsamlichen Klosters Getürm. In den Herzen der Reisenden zuckte ein furchtbarer Schauder, zumal da es einigen von ihnen vorkam, als habe ihnen die Stimme des Mönches, trotz der dämpfenden Umhüllung der Gewänder, sehr wohl bekannt geklungen.

Als sie am andern Morgen, unweit von dorten, aus einer Herberge fürder zogen, erwies sich ein Edelknabe von hohem, doch äußerst zartem Wuchse sehr geschäftig beim Auspacken. Man ließ ihn ungefragt machen, vermeinend, er gehöre vielleicht zu einer andern Gesellschaft, und zeige sich aus ritterlicher Artigkeit hier so behülflich. Ihm dankend zog man alsdann in das dämmernde, tauig nebelnde Feld hinaus, erst eine geraume Strecke von der Herberge bemerkend, daß der Jüngling noch immer neben den letzten herging, sehr achtsam bemüht, zu helfen und zu ordnen, wo irgend etwas an Gepäck oder Zäumung der Rosse beim frühen Aufbruche noch nicht in den rechten Stand gekommen war. Der Fremde trug etwas Feierliches, als gehöre er zur Geisterwelt, in seinem ganzen Wesen, davor die Knappen und Reisigen, indem die edle Gestalt so schweigsam in der schaurigen Morgenkühle beiher schritt, ihren Mund wie versiegelt fanden. Einige dachten bei sich, es seie ein neckender Spuk, der sich alsbald in seiner eigentümlichen, schadebringenden Gestalt offenbaren werde, noch andere hielten ihn für einen guten Elfen, sie unter so anmutiger Bildung hülfreich geleitend; aber alle diese, und noch andre Vermutungen offenbarten sich kaum in einem leisen Flüstern, das sich endlich durch den ganzen Zug verbreitete, und bis zu den Ohren Archimbalds und seiner ritterlichen Genossen drang. Der Graf, nach eingezogner Erkundigung, was es gebe, ließ anhalten, und gebot, daß der rätselhafte Jüngling vor ihm unverzüglich erscheine, welcher auch mit anmutigem Gehorsam eilte, den Willen des Herrn auszuführen, und alsbald in dem Kreise stand, den Hilldiridur und die Ritter um Archimbald her geschlossen hatten.

Der erste Morgenstrahl fiel soeben scharf durch ein Föhrengebüsch auf des vermeinten Jünglings Lockenhaupt, und offenbarte Gerdas schönes, in seiner jetzigen Demut unbeschreiblich liebliches Gesicht. – »Staunet nicht so«, sagte sie zu den sie Umgebenden, »es hat nur einer hier ein Recht, mit mir zu schelten; aber der ist so gut und kindlich mild bei all seiner strengen Tapferkeit, daß er gewiß großes Mitleid mit mir trägt, anstatt sich über mich zu erzürnen. Nicht wahr, Otto?« – Der junge Herr von Trautwangen neigte sich freundlich gegen sie, sprechend: »Ich bin kein Haar anders, als Ihr von mir denkt. Meines lieben Heerdegens Tod vergebe Euch Gott; was Ihr mir selbsten hin und her zuleide getan habt, soll in den Wind geschlagen sein, und gar nichts mehr gelten.« – »Nun, Archimbald«, fuhr das Fräulein, gegen den Grafen gekehrt, fort, »du hast doch wohl nicht über mich zu klagen. Ich zwinge dich ja nicht, Harzkönig zu werden, wenn du durchaus nicht willst. Ach, laß mich denn mit dir ziehn. Ich mein' es von Herzen gut.« – »Du bist ein wunderliebliches Bild«, sagte Archimbald, »und ich müßte nicht Sonnenglanz, nicht Blütenanmut, nicht Nachtigallensang mehr leiden können, wenn ich mich weigern wollte, dich um mich zu haben. Aber das Kreuz, siehe, das Kreuz! Du weißt wohl, darauf kommt alles einzig und allein an.« – »Archimbald«, entgegnete das Fräulein, »ich habe auch das für dich tun wollen, dieweil ich dir so ganz ergeben bin. Aber es geht nicht, fürwahr, es geht durchaus nicht an. Laß dein Schelten noch Augenblickes zurück, und deines verbannenden Ausspruchs Donner, der dir schon wieder auf der dunkelbärtigen Lippe schwebt. Höre nur, wie es gekommen ist, und wenn du klug bist, gibst du mir recht.

Da unten im dunklen Walde liegt ein großes Gebäu, mit starken Mauern, engen Fenstern und einer klagenden Glocke vom höchsten Turme herab. Sie nennen es ein Münster, und versichern, da wohne so recht darinnen, was ihr euern seligmachenden Glauben heißt. Lieber Archimbald, mein Fuß hat nicht gescheut vor dem dumpf widerhallenden, feuchten Steingrund auf Gängen und Hof, mein Auge vor den finstern, vielverschlungnen Gewölbesbogen nicht. Hinein bin ich getreten, und habe lernen wollen, wie man zu ihrem Gott gelangen möchte, und dadurch zu dir. Aber sie verstanden mich nicht, und ihre wunderlichen Drohungen und Fragen verstand ich auch nicht. Da sind sie mir endlich entgegen geschritten – alle ganz schwarzverhüllte und bleiche Männer zumal – mit Wasserbesprengungen und seltsamen feierlichen Zeichen, und weil ich wohl weiß, daß durch dergleichen Dinge der Mensch leichtlich verhext werden kann, floh ich in großer Angst über die Schwelle wieder zurück. Draußen blieb ich stehn, und fing bitterlich zu weinen an, weil ich nun gar keinen Weg mehr wußte, wie ich mich mit dir vereinigen sollte. Da erbarmte sich einer der schwarzen Männer mein, und rief mir über die Mauer nach, ich solle nur nach Bruder Zelotes fragen. Der sei auch noch vor kurzem ein Heide gewesen, habe sich fast gewaltsam bei ihnen eingedrängt, aber durch die ganz heldenmäßige Strenge seines Wollens alle Hindernisse in unerhört kurzer Zeit besiegt, so daß er nicht nur in wenigen Monden ihresgleichen geworden, sondern jetzt auch ausgesendet sei, als ein ganz besondres Siegswerkzeug des Christengottes auf eine Fahrt, um die nur der Oberste des Klosters wisse, und Zelotes selbst. Der könne mir nur helfen oder keiner. – Auf machte ich mich, und fragte nach Bruder Zelotes um, wie ein von giftigem Pfeil Getroffner nach dem, welcher ihm die Wunde aussaugen soll. Sie wiesen mich auf seine Spur, und unfern von hier habe ich ihn angetroffen. Ach hört, ach hört nur, wie es mir erging.

Hoch und gewaltig, von seinen schwarzen, wallenden Gewändern umflossen, kam er mir wie ein vermönchter Riese entgegen, in einem engen Tale, über dessen krauses Gebüsch eben die blutige Vollmondsscheibe heraufzuwandeln begann. ›Bist du Zelotes?‹ – ›Ja.‹ – ›Hilf mir zum Christ.‹ – ›Gar gern. Folg nach.‹ – ›Wohin?‹ – ›Das fragt der nicht, der recht zum Christ hin will. Der weiß das Ziel, und über was für Örter der Weg ihn führt, das gilt ihm gleich.‹ –Ein ängstliches Schaudern ergriff mich; ängstlicher, als ich es vormals erfahren, wenn ich im dreimal gefeiten, gefährlichen Zauberringe stand, die häßlichsten Gestalten der Grabbewohner und mächtigen Herrscher um mich her. Dazu kam mir die Stimme des seltsamen Sprechers so furchtbarlich bekannt vor. – ›Ja, ja,‹ fuhr er fort, ›ich kenne dich wohl auch, und bin ehemals ein berühmter Held gewesen. Aber eben das Grausen deiner furchtbaren Zaubereien, und dein Dringen in mich, daß ich die schlafenden Ritter ermorden solle, das hat mir das Entsetzen der Höllen offenbart, und mich aufgetrieben zu dem christlichen Heil. Aus deinen Hexenbergwerken im Harze riß ich mich los, als sei es auf einen Zug, aber in ein frommes Münster ging mein Pfad, und da habe ich die Gottesgabe gewonnen in wenigen Monden mit derselben Kraft, die mir sonsten zu weltlichen Siegen verhalf.‹ – Er schlug die schwarze Kappe vom bleichen Antlitze zurück, und wie entstellt er auch war, wie streng und geisterähnlich seine Gesichtszüge geworden, konnte ich doch nicht länger zweifeln, daß in der Tat der zum Zelotes gewordne Ottur vor mir stehe. Dann mußt ich ihm alles erzählen, was seit seinem Verschwinden aus dem Berge mit mir und mit euch Rittern vorgefallen war. Er hörte in betrübter Achtsamkeit zu, und schüttelte, lange schweigend, das furchtbar verwandelte Haupt. – ›Folg du mir nur nach‹, hub er endlich seinen Spruch wieder an, ›du weißt, ich habe dich in meinem Erdenleben sehr verliebt im Herzen getragen, und da kannst du wohl denken, daß ich dir auch den Himmelsweg zeigen werde, so gut ich es immer vermag.‹ – ›Wo führst du mich hin?‹ fragte ich noch einmal, von entsetzlichen Schauern durchbebt.

Und eine Geschichte hub Zelotes an, davor mir die Haare auf dem Haupte starrten; wie er mich in ein Frauenmünster führen wolle, zu endloser, immer wachsender Buße; wie er mir von den Schläfen schneiden wolle mein goldnes Haar; wie ich nimmer dich, Archimbald, wieder schauen solle – verstört wankte ich zurück, wie schon am Rande schwankend des lebend gräßlichen Grabes; da griff er nach mir, es ward mir, als klirre die Schere, meine Locken bedrohend, schon unter seinen mächtigen Gewanden, und flüchtiger, denn ein gejagtes Reh, klomm ich die steile Bergwand hinauf. – Willst du mich denn um dich dulden, Archimbald, so wolle mich ohne Kreuz, denn das ist ja der Tod.«

Hilldiridur wollte ihre sanften Lippen auftun, zu irgend einem mildernden Wort, aber Archimbald hatte schon halb strengen, halb scheuen Wesens gerufen: »Hebe dich von hinnen, verlockender Geist, oder bete das heilige Kreuz an im Augenblick!« – Und im ganzen vormaligen Zorn aufglühend, bedräute Gerda den verschmähenden Geliebten, bedräute all seine Genossen, und flog, wie von ihren im Ungestüm sich lösenden, und wildflatternden Goldlocken getragen, pfeilschnell in das nahe Föhrengebüsch hinein.

Nachdenklich, jeder auf seine Weise, Archimbald vor allen am meisten, zogen die Reisenden ihres Weges fort.

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