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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Siebzehntes Kapitel

Sie waren soeben von einem schroffen Hange mit kurzer, unvermuteter Wendung auf eine Lichtung im Walde gelangt, und Archimbald sagte, nach einem Kreuzweg zeigend, den sie in der Mitte des Platzes wahrnahmen: »Da seht, Ihr Herren, nun kommen wir schon wieder auf bewohnter Orte Spuren. Von hier ist es noch etwa eine kleine Stunde nach einem Dorfe mit einer guten Herberge, und da wollen wir Rast machen, und dem Wunden einen Tag zur Erholung gönnen, denn wir haben noch mehr als eine Tagereise, bis wir nach meiner Veste gelangen.« – Indem sie nun aber gegen den Kreuzweg herankamen, bezeugten sich ihre Pferde unruhig, und man ward beim unsichern Mondenlichte – denn es begannen viel Nebel durch den Forst zu ziehen, und aus den Wiesentälern herauf zu dampfen – eines Trupps von Menschen und Rossen ansichtig, welcher sich dorten zu sammeln schien, und sich durch einzelne Reiter, die aus der Waldung hervorgetrabt kamen, immer mehr vergrößerte. Daß auch Hunde dabei waren, verriet deren halb ängstliches, halb ungeduldiges Geheul. – »Das sind wohl Waidmänner«, sagte Archimbald, »aber man muß sie doch fragen, woher und wohinaus. Es halten ihrer ein wenig gar zu viel beisammen, um so grade achtlos durch sie hin zu reiten.« Damit ließ er die Tragbahren halten, zog seine Reisigen vor ihnen zusammen, und setzte sich mit Arinbiörn an die Spitze, worauf er einen Reiter mit höflich ernster Frage nach den Unbekannten hinüber sandte.

Der Reiter ritt und ritt, und es war, als verlängre sich die Waldeslichtung unter seines Rosses Hufen, denn ob man gleich sah, daß er recht munter vorwärts trabte, sahe man doch eben sowohl, daß er zu den fremden Reisigen noch immer nicht hinan kam. Doch behielt man diese regungslos und in geringer Entfernung vor sich, und vernahm deutlich das Hundegeheul in ihrem Haufen, ja auch sogar ein unverständliches Murmeln, welches unaufhörlich durch ihre Reihen ging.

Da hielt unvermutet ein riesengroßer Reitersmann auf eben so ungeheuerm Rosse zwischen Archimbald und Arinbiörn. – »Euer Knecht kann nicht reiten«, sagte er mit hohler, vom Nachtsturm halb verwehter Stimme, die fast wie ein Lachen klang. »Der ließe den Morgen herauf, und käme wohl noch immer nicht von der Stelle. Da bin ich lieber zu euch gekommen, und will euch danken, daß ihr mir den Gerdaspuk aus diesen Harzwäldern fortgeschafft habt. Nehmt hübsch zu Danke das Wild, so ich euch Morgen senden will von meiner Erstlingsjagd im wieder frei gewordnen Revier. Der Hakelnberg ist euer guter Freund.« – Und somit erhub er sich, schrie: »Hetz! Hetz!« und fuhr in die Luft empor, wo es den nachschauenden Rittern vorkam, als sähen sie ganze Herden flüchtigen Wildes vorüber ziehn. Die Schar auf dem Kreuzwege stäubte gleichfalls in die Höh, lustig bellten die Hunde, wild riefen die Jäger, aber bald aus so unermeßlicher Ferne herab, daß alles zusammen nur wie ein hohler Sturm über die Wälder hinzog. Darüber ward das Gewild in seinen Schlupfwinkeln scheu, und setzte in so ungestümer Angst durch die Büsche, daß Hirsch und Reh bisweilen zwischen dem Zug der Ritter und Reisigen hinrannte, aus denen keiner es wagte, über diese seltsame Begebenheit laut zu werden. Sie zogen schweigsam den engen Waldweg entlängst, das rätselhafte Windesgebraus noch immer über ihren Häuptern.

Der Morgen dämmerte, und mit dem letzten, verhallenden Gesause des lustigen Jagdlärmes rückte der Zug in das zur Rast und Pflege des Verwundeten bestimmte Walddorf ein. Man fand in der Herberge schon alles munter, und Graf Archimbald fragte den Wirt, indem dieser, emsig für die Bequemlichkeit seiner hohen Gäste sorgend, hin und her lief, ob ihn etwa der Waidmannslärmen des wilden Jägers Hakelnberg so früh samt seinem Hausgesinde aus den Betten geschreckt habe? – »Herr«, entgegnete der Wirt, dem Grafen und dem Seekönig einen Frühtrunk vorsetzend, »der Jagdzug in den Wolken hat uns allerdings vom Lager gerufen, aber aufgeschreckt? – Nein, das könnt' ich nicht sagen. Vielmehr haben wir Gott gedankt, ich darf es wohl gestehen, mit Gebeten und Liedern, daß der alte, auch unsern Vätern schon vorlängst erschienene Hakelnberg nun wieder mit Hornesruf und Hundegebell über die Forsten des Harzgebirges hinzieht, und über die blühenden Ebnen an deren Fuß. Herr, was so mit uns aus der Lebenswurzel heraufgewachsen ist – sei es auch an und für sich von schauerlicher, fast unheimlicher Art-, es wird einem so lieb, als gehörte es notwendig mit in das ganze Leben herein, und als risse ein Faden desselben, wo die gewohnte Erscheinung wegbleibt. Zudem, was hat denn je der Hakelnberg einem Christenmenschen zuleide getan? Höchstens ist einmal ein Schrecken von ihm in eines Vorwitzigen Sinn herabgefallen. Aber das Zauberfräulein, mit ihren zwei grimmigen Helfern, wenn die umsprengten auf ihren häßlichen, ungeheuern Rossen, was wollten nicht die? Und was dräuten nicht die? Derweile mußte unser alter Hakelnberg verstummen, und in seiner luftigen Burg einsamlich und grämelnd wohnen. Gottlob, daß er nun wieder angefangen hat, über die Waldungen hinzureiten. Nun ist es gewißlich mit den andern Spukereien aus.« – »Das ist es«, sagte Archimbald. »Ihr könnt mein Wort darauf nehmen.« Der Wirt schlug in seine dargebotene Rechte ein, mit treuherziger Lustigkeit ausrufend: »Vivat Graf Walbeck, und vivat Hakelnberg!« – Da machte eben ein Geräusch auf der Straße die Sprechenden aufmerksam. Sie traten an das Fenster, und sahen, wie ein prächtiger Hirsch in wilder Hast aus dem Walde hervorgesetzt kam, als seien ihm Hunde und Jäger auf der Ferse, ohne daß man doch irgend jemanden wahrnahm, der ihn verfolgte. Die frühwachen Hirten und Ackersleute suchten ihn mit Geschrei und Vorlaufen einzufangen, aber er fuhr gewaltsam durch sie hin, und stürmte grade auf die Herberge zu, wo er in die gegen den Zaun gelehnte Lanze des Grafen rannte, und alsbald an dieser ritterlichen Wunde verendete.

»Was gilt's«, sagte Arinbiörn, »das ist das Gewild, welches Hakelnberg uns zum Danke verheißen hat?« Der Graf war auch dieser Meinung. Sie zerlegten alsbald nach Waidmannsbrauch den herrlichen Vierzehnender, und zu Mittag genossen sie, zusamt dem Hausgesinde des Wirtes und ihrer eignen Reisigen das edle Mahl, auf Hakelnbergs fröhliches Jagen trinkend. Otto hatte auch von der wundersamen Beute gegessen, und es war, als stärke sie ihn mit magischer Kraft, so daß am Abende seine schwarzsilberne Halsberge, von Kolbeins Axthieb gespalten, der Heilung weit mehr bedurfte, als er; denn man sahe ihm an Gesichtsfarbe, Gang und Wesen die bedrohliche Verletzung wenig mehr an.

Die Sonne blickte mit abschiednehmenden, glühroten Strahlen soeben ins Gemach, da erhub sich Otto von einem Ruhebette, auf dem er sich kaum erst niedergelassen hatte. Ernst vor seine Gefährten hintretend, sagte er: »Uns bleibt eine heilige Pflicht zu erfüllen. So lange der Tote noch auf dieser unruhigen Oberfläche der Erden ist, kommt es mir vor, als dürften wir alle nicht ruhen, und dieses Dörflein mit seinen Linden und Quellbronnen sieht mir recht aus, wie eine friedliche Grabesheimat für unsern gestorbnen Freund. Es kommt nur darauf an, ob hier eine geweihte Kirchhofserde zu finden ist.« – Der Wirt erbot sich, ihnen den Weg nach einem Kapellchen zu zeigen, in dessen Nähe schon viele fromme Christenmenschen begraben seien, und der ganze Kreis umher eingesegnet von Priesterhand. Sie machten sich also auf den Weg, die Tragbahre des gefallnen Freundes in Ermanglung eines Sarges mit köstlichen Tüchern und Waffengerät überdeckend. Wie sie den Hügel hinangingen, leuchtete ihnen das ewige Lämplein in der Kapelle mild entgegen durch das Blättergrün, und durch das schon tiefer dunkelnde Abendgrau. Otto, der es sich nicht hatte nehmen lassen, wieder unter den Trägern seines scheidenden Freundes zu sein, weinte still. Oben um die Kapelle her war ein feierlicher, grüner Rund, gleichsam wieder eine zweite, höhere Kapelle, durch die zusammengeneigten Äste der Ulmen- und Buchenstämme gebildet. Von der Himmelswölbung dieses Domes sahen die eben aufgegangnen Sterne herein. Die Ritter griffen selbst zu den Schaufeln, und gruben in ernster Dreizahl Herrn Heerdegen von Lichtenrieds Grab, senkten ihn hinein, und belegten ihm seinen Hügel mit Rasen. Dann blieben sie eine Welle im stillen Gebete dabei knien, Otto zu den Häupten, die andern zu beiden Seiten, und gingen darauf schweigend und in sehr ernsthaften Gedanken wieder nach dem Dorfe hinab.

Am folgenden Morgen brachen sie auf, Otto schon insoweit genesen, daß er den Hengst eines Reisigen besteigen, und die Fahrt an seiner Freunde Seite fortsetzen konnte. Eines Abends schon ziemlich spät sagte ihnen Archimbald, sie seien nun in der Nähe von Burg Walbeck, und würden noch heute neben Frau Hilldiridur an der großen Tafel in seiner heimischen Heldenhalle bei den Bechern sitzen. Da brach urplötzlich aus einem nahen Gebüsch etwas hervor, daß Zweig und Reisig davor zerknickten, richtete sich hoch in die Höhe, wie ein Riese, und kam so in aufrechter Stellung zürnend herangeschritten. Alle wußten nicht recht, was sie daraus machen sollten, aber Otto erkannte alsbald seinen Lichtbraunen, und so wie er ihm nur zurief: »Ruhig, du Bursch!« ließ sich das kaum noch schlachtfertige Tier freudig wiehernd herunter, trabte leichten Ganges heran, und neigte, demütig bei seinem Herrn stehnbleibend, das stolze Haupt tief unter des fremden Rosses Sattelbogen. Da sprang Otto ab, küßte sein treues Pferd, und schwang sich auf dessen umgesattelten Rücken, worauf es sittig, aber freudigwiehernd, und die weiten, dampfenden Nüstern wie kampfdurstig in die Abendluft hinausstreckend, mit ihm fürder schritt. Wie Trompetenklang schmetterte des edlen Lichtbraunen Freudengruß nach Burg Walbeck hinauf. Swerker warf sich in den Sattel, und jagte den Freunden entgegen. Da gab es rechte Rittergrüße, aller Bruderliebe und Herzinnigkeit voll. Wie man nun nach den ersten Mitteilungen und Berichten ruhiger nebeneinander hinritt, fragte Otto, wie doch der Lichtbraune so zaum- und sattellos hier in das Freie herausgekommen sei? »Herr«, entgegnete Swerker, »das Heldenroß ließ sich durch gar nichts zähmen, so lang' Ihr ferne wart. In keinen Stall ist es gekommen, aus keiner Krippe hat es der Speise genossen. Wo Frau Hilldiridur war – sei es früher in der Köhlerhütte, sei es jetzt in der Burg –, da hat der treue Bursch immer die Runde streitfertig umher gemacht, als seie er der edlen Dame zur Wache bestellt.« – Freundlicher noch klopfte Ritter Trautwangen seines Lichtbraunen Hals, und das edle Tier wandte schmeichelnd seinen Kopf nach ihm zurück.

Jetzt ritten sie in Burg Walbeck ein. Hilldiridur stand mit den leuchtenden Mondscheinaugen freudigweinend in der Pforte, in ihre Arme flog Otto, und die Klagen um seinen toten Waffenbruder wurden ihm zu linden Tröstungen, nun es ihm vergönnt war, sie auszuströmen an der holden Mutter Brust.

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