Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 74
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
Schließen

Navigation:

Sechzehntes Kapitel

Sie traten aus dem Opferherde hervor, und das linde Schimmern des Mondes legte sich kühl und erquickend auf ihre Angesichter. Zugleich säuselten, worüber Arinbiörn und Otto erstaunen mußten, schlanke, beblätterte Maienzweige, in der Nähe des Altares aufgeschossen, ihnen um Brust und Stirn. – »Was ist nur das?« sagte der Seekönig. »Als wir gestern nacht hier hereingingen, starrte noch alles von Schnee und Eis, und nun spielen die Mondlichter auf frischem Grün an Boden und Ästen?« – »Ach ihr Freunde«, entgegnete Archimbald, »da sind schon Wochen vergangen, seit ihr dort unten verzaubert gelegen habt. Nun steht der Frühling mit seinen hellen Augen wieder frisch über den Landen.« – Aber Otto, der in die Mondesscheibe blickte, wie in seines Mütterleins Antlitz, fuhr zusammen, und rief: »Um Gott, und ist sie denn so lange in der Köhlerhütte geblieben, den Spukereien all dieser gespenstischen Gaukler ausgesetzt?« – »Er fragt nach seiner Mutter«, sagte der Seekönig zum Grafen. »Ich weiß wohl«, entgegnete dieser. »Sie ist auf meiner Burg. Eben in der Köhlerhütte, als ich von einem Zuge heimkehrte, fand ich sie, wenige Tage, nachdem Ihr verschwunden waret, und führte sie mit mir, um ihrer würdiger zu pflegen. Herr Gott, die ist ein rechtes Abbild der seligen Himmelsmutter, die uns alle am Herzen trägt. Ihre stillen Tränen und Seufzer haben mich auch hinausgetrieben, dieses Abenteuer zu bestehn. Swerker und Eure Reisigen, die sich zu uns gefunden haben, sind noch außer meinen Burgmannen als Hilldiridurs Leibwache zurückgeblieben, denn wahrlich einen so himmlisch leuchtenden Edelstein kann man nicht sorgsam genug bewahren.« – Otto drückte ihm froh und freundlich die Hand, aber weil die Wundenmattigkeit jetzt Herrschaft über ihn zu gewinnen anfing, schwankte er neben dem erblichnen Heerdegen, welchen sie in das frische Moos niedergelegt hatten, zu Boden. Archimbald stieß ins Horn, und einige Reisigen eilten mit seinem Rosse herbei, worin Otto alsbald den schäumenden Rappen mit den silbernen Kettenzügeln, von der Wiese vor Burg Trautwangen her, wiedererkannte, so daß ihm in halber Ohnmacht ganz wunderlich zumute ward, als träume er längstvergangne Gesichter abermals herauf. Archimbald gebot indes den Reisigen, zwei Tragbahren zu flechten, eine für den Toten, eine für den Wunden; zugleich auch fertigte er einen Boten nach Burg Walbeck ab, um der sorgenden Mutter Bescheid von der Errettung ihres Sohnes zu bringen.

Während alle dem hatte Gerda scheu zur Seiten gestanden, ganz in die Gebüsche zurückgeschmiegt. Jetzt erhob sie wehmütig ihre Stimme, fragend: »Ach darf ich nicht mit?« – »Ei von Herzen gern«, sprach Archimbald, und ging freundlich gerührt auf sie zu, »aber ich habe dir drei notwendige Bedingungen zu machen, und die wirst du mir nicht erfüllen wollen, oder nicht können.« – »O sage nur an«, rief Gerda aus. »Ich vermag gar vieles dir zu Liebe.« – »Nun«, sagte der Graf, »da sollst du mir vor allen Dingen erst geloben, nimmermehr in unserm guten Sachsenlande mit Worten oder mit Taten Zauber zu begehn.« – »Das gelob' ich dir recht gern«, entgegnete das Fräulein, und legte ihre wunderschöne Hand zutraulich in Archimbalds gepanzerte Rechte. – »Ach«, sagte dieser, »du versprichst gar anmutig, aber wer weiß auch, ob man dir trauen darf?« – Da lösete Gerda ihre reichen blonden Locken, daß sie wie ein Goldkleid um sie herflossen, und Otto den Seekönig beinahe gefragt hätte, ob das nicht die wundervolle Sigurdstocher Aslauga seie? Denn diese Nordersage, welche der Schmied Asmundur ehemals in seinen Sigurdssang eingeflochten hatte, klang täuschend durch seine fieberschaudernden Sinne, als die Jungfrau in dem blendenden Lockenmantel vor ihm stand. Doch blieb zum Fragen keine Zeit, weil das Zauberfräulein sich mit seltsam feierlichen Stellungen im Kreise drehte, ihre Mispelrute zerbrechend, und laut ausrufend:

    »Frei in Kluft,
Frei in Luft,
Frei in Wellen,
Frei in helln
Wirbelflammen,
Allzusammen
Fliegt ihr Geister!
Sucht euch einen andern Meister!«

Und wie die Mispel zerrissen in alle vier Winde flog, erhub sich ein seltsames Gemurmel in der Tiefe und in den Lüften, wie von auseinander ziehenden Heerscharen. Als es verklungen war, sagte Gerda freundlich zu Archimbald: »Ich darf nun sobald nicht wieder an das Zaubern denken. Meine Freigelaßnen würden mir den Hals umdrehen, käm' ich ihnen mit neuen Banden zu nahe. Du hast jetzt ein so ohnmächtiges Weibsbild vor dir stehen, als eines auf der ganzen Welt.« – »Da bist du etwas allzurasch gewesen«, sprach Archimbald. »Nun kannst du mir meine zweite Bedingung nicht ins Werk richten. Die war die Zerstörung dieses heidnischen Opferherdes, und die Verschüttung des ganzen Zauberschachtes, welcher drunter hineingeht.« – »O sei zufrieden«, entgegnete Gerda. »Das wird sich schon von selbsten machen. Mein Zauber hielt ja nur das Ganze gestützt, denn es ist morsch in seinen Grundpfeilern, und wenn nur erst Kolbein den Ausgang am Bache gefunden hat, Ottur ist auf einem Zuge fern, da bricht das Gebäu zusammen, mit dem letzten Menschenatem, der es verläßt! – Seht Ihr? Es fängt schon an.«

Und wirklich vernahm man drunten ein Krachen und Zusammenbrechen, wie von riesigen, weltalten Pfeilern, daß die Ritter einander zweifelnd ansahen, und Otto sich aus seinem Wundfieber scheu in die Höhe richtete. – »Seid ohne Sorgen«, sprach Gerda. »Die Oberfläche der Berge hier ist Herthas holdeste, beste Kraft, und hält sich fest, während meine herrlichen Wölbungen drunten in den alten Urgraus zurücke prasseln. Das eine fällt, das andre steigt auf; das Fundament im Ganzen bleibt dasselbe. Nur dem Altare mache sich keiner zu nahe. Der steht nicht auf allzufestem Boden.«

Es dauerte auch nicht lange, da fingen die Steine des Opferherdes an, übereinander hinzurollen, als wäre ein ängstliches Leben in sie gekommen. Endlich polterten sie allzumal in einen tiefen Schlund hinab, der sich unter ihnen wahrnehmen ließ. Blaue Flämmchen hüpften zitternd und wie seufzend drüber hin, und verschwanden endlich auch in der Tiefe. – »Es sind die Seelen derer«, sagte das Fräulein, »die hier geopfert worden sind, ohne daß sie vermocht hätten, den Tod mit tapfrer Ergebung zu empfangen.« Gleich darauf aber setzte sie demütig und entschuldigend hinzu: »Ich kann doch wahrlich nicht dafür. Ich habe nimmermehr einen Menschen geopfert. Das ist schon viele hundert Jahre her, daß dieser armen Dinger Blut geflossen ist.« – »Nun, ich schelte dich ja auch nicht«, sagte Archimbald freundlich. »Wer könnte denn glauben, daß du holde Gestalt so abscheuliche Taten begangen hättest? Du sollst auch mit mir. Tue nur noch das Eine, und ich bin fertig mit meinen Bedingungen allzumal. Da siehe!« Er zückte sein breites Schwert, und stieß es dicht vor ihr in die Erde – »das ist die heilige Kreuzgestalt. Knie nieder davor und bete sie an.«

Gerda schauderte entsetzt zurück, und verschwand lautlos in das nahe Gebüsch.

»Das ist recht sehr schade!« seufzte Archimbald aus ganzem Herzen, während er das Schwert wieder emporzog, und es in seine Scheide warf. Dann hieß er die Reisigen die Tragbahren anfassen, bettete den Ritter Trautwangen, ihm seinen Mantel sorgsamlich überdeckend, auf eine derselben, ließ dem Seekönig ein Roß vorführen, und so begann der Zug langsam nach den Ebnen, wo Burg Walbeck lag, hinunter zu klimmen.

 << Kapitel 73  Kapitel 75 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.