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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Funfzehntes Kapitel

Die Türe des Gemaches flog klirrend auf, ein Ritter in leuchtender Silberrüstung schritt herein. – »Triff den, Kolbein, töte den!« rief das Zauberfräulein. »Heerdegen ist wohl beinahe tot, aber mit dem Fremden sind ihrer ja schon wieder drei.« – Geschwungnen Beiles schritt Kolbein nach der Tür, der Fremde hob den Schildrand zum Schutz über das Haupt, und hielt die Klinge etwas gesenkt, zum entscheidenden Schlage von unten auf bereit, sobald sein Gegner sich verhauen habe. – Indem sie noch so einander gegenüberstanden, sahe Gerda zitternd auf des Fremden Silberrüstung, zitternd in sein Antlitz, das mutig aus dem aufgeschlagnen Helmsturz hervorflammte, und rief, plötzlich in die Mitte der beiden Kämpfer tretend: »Halt!« – An unbedingtes Gehorchen vor seiner Herrin gewöhnt, senkte Kolbein die furchtbare Waffe, der Silberritter stand noch zögernd und etwas mißtrauend still, da neigte Gerda ihr Knie vor ihm, sprechend.- »O bist du es selbst, du mächtiger Held? Du Erkorner zum König des Harzgebirges, und zum göttlichen Herrscher an meiner Seite! Denn wenn ich Freia bin, so bist du gewißlich der mutige Götterjüngling Tyr. Oder was wir noch nicht sind, werden wir doch zweifelsohn in kurzem sein.« – »Frau«, sagte der Fremde, indem er sie mit höflich ritterlichem Anstande emporrichtete, »ich weiß nicht, was Ihr von mir wollt. Bleibt mir mit Euern heidnischen Götternamen fort, davon ich nichts wissen will, dieweil ich ein guter Christ bin. Auch mag und kann ich nimmer ein König des Harzgebirges werden, denn ich erkenne den Kaiser des heiligen deutschen Reiches für meinen Lehnsherrn, und mich für seinen Vasallen. Das haben meine Ahnen beständig getan, und ich, der ich den Namen Graf Archimbald von Walbeck führe, will diese ehrliche Benennung weit lieber festhalten, als mich durch zaubrisches Gaukeln zu einem solchen Herrscher und Götzen machen lassen.« – »O du kennst die rechte Herrlichkeit eines Harzköniges noch gar nicht«, rief Gerda aus. »Hoch oben auf dem Gipfel des Brockens wollen wir thronen, eine Burg erbauend, die mit ihren ungeheuern Schwibbögen, ihren kühnen Warten, ihren feierlichen Toren und hallenden Gemächern ihresgleichen in der ganzen bewohnten Welt nicht findet. Da schauen wir aus den luftigen Fenstern, über die schwindligen Zinnen, weit in die Gauen des deutschen Landes hinein, und so weit wir schauen, ist alles uns pflichtig auf Zins und Dienst. Was sie des Besten und Schönsten haben, sollen sie hier herein bringen in das Harzgebirg, ihre edelsten Söhne und Töchter uns senden als dienstbare Ritter und Frauen, oder wir suchen sie mit unsern Stürmen und Hagelwettern heim, werfen ihre Schlößlein zu Boden, und reiten mit feurigen Rossen über deren Trümmer hin. Unten am Fuße des Berglandes sollen grimmige Riesen und Drachen unsre Leibwache halten, zwar nur aus giftigen Nebeln geformt, aber doch ertötend, und alsbald in unergründliche Schlüfte versenkend, wo einer andringen will ohne unsern Vergunst. Wen wir aber hereinrufen und aufnehmen, der soll es gut haben, und leben, wie die Götter auf Asgards heitern Höhen. Kampf und Minne gehen alsdann im seligen Wechselspiel durch unsre Täler, Sonne, Stern und Gewölk müssen uns dienen, unsre Feste zu feiern, und vorzüglich, wenn alljährlich um die Lenzeszeit unser großer Hofhalt auf dem Brocken beginnt, wenn die Völker nach uns heraufziehen, reiche Opfergaben in den Händen, und die Flamme unsrer Anbetung auflodert in den Hallen der Burg, zu gleicher Zeit von allen Höhen und Wohnungen des Gebirgs.«

»Um Gott, haltet ein!« unterbrach sie Archimbald. »Wie kann ein Weib doch nur so engelschön aussehn, und so diabolische Worte vorbringen! Ach leider erkenn' ich's an Euern eignen Reden, Ihr seid die, um welche die ganze Gegend klagt, daß Ihr das liebe, milde Christentum unterdrücken wollt, um Euch als hoffärtige Freia göttlich verehren zu lassen. Es tut mir recht leid um Euch, denn auf die Art werdet Ihr noch vollkommen zur gottlosen Hexe, und man muß Euch nach Recht und Billigkeit auf den Scheiterhaufen bringen.«

Kolbein schritt zähneknirschend gegen den Grafen vor, aber Gerda sagte zu ihm: »O bleib still, ich gebiet es dir. Was dieser spricht, und sind es auch zürnende Donner, tönt meinem Ohre süßer, als Eure Liebesbitten allzumal.« – Da stand Kolbein betrübt still, und Archimbald, ohne auf ihn und auf der Jungfrau Reden sonderlich zu achten, sprach folgendermaßen weiter:

»Ich berg' es Euch nicht, daß ich Euch fehdebringend aufgesucht habe in diesen entsetzlichen Tiefen, und daß ich komme, all Euerm Unwesen ein Ende zu machen, zugleich aber auch zu retten, oder doch zu rächen die drei Ritter, welche vor geraumer Zeit hier verschollen sind. Nun wollet mir es aber eben so wenig bergen, wie Ihr darauf kommt, mich für den anzusehn, welcher zum Harzkönig bestimmt sei, und zum beherrschenden Abgott dieser feierlichen Lande. Denn ich und mein ganzer Stamm, wir haben doch fürwahr nimmermehr Verkehr gehabt mit dem Heidentum und der Hexerei.«

»Wer sagt dir das, kühner Held?« entgegnete das Zauberfräulein mit süßem Lächeln. »Deine uralten Ahnen haben auch den herrlichen Göttervater Odin angebetet, und wenn Ihr nachmals von ihm abgefallen seid, so bleibt er Euch dennoch hold, und die goldne Verheißung ruht für und für auf deiner Scheitel goldnem Gelock. In jenem Zauberspiegel hab' ich mir heraufbeschworen die Gestalt des blühendsten Zweiges aus der Wurzel des edlen Heldenbaumes, und so wie du mir dorten erschienst in deiner Silberrüstung in Schlacht und Wettlauf und Turnier, hat sich mein Herz dir ganz entgegen geneigt, und du gebeut nur, stolzer Held, über deine Magd.« –

Kolbein stieß mit der Streitaxt gegen den Boden, und rief, heiße Tränen in den Augen: »O Allvater, und das soll ein Mensch anhören, und ruhig bleiben dazu!« – Dann stand er wieder auf Gerdas unwilliges Winken ganz still, als wie versteint.

»Das kommt hier viel anders, als man es hätte denken sollen«, sagte Archimbald. »Weil es denn nun so ist, will ich Euch und Euern Knechten weiter nichts zuleide tun, aber zeigt Euch nicht minder folgsam, als Ihr es verheißen habt.«

»Sie nannten mich wohl sonst die wilde Gerda«, sprach das Zauberfräulein weichmütig. »Dir, hoher Sachsenheld, bin ich ein zahmes Reh. Ach wenn du, ach wenn du noch annehmen wolltest die funkelnde Bergkrone des Harzes aus meiner Hand.«

»Damit gebt Euch keine Mühe«, entgegnete der Graf. »Wäret Ihr kein so zaubrisches Bild, und wäret Ihr eine Christin, so möchte es wohl Kronen geben, um die ich Euch bäte; jetzt aber ist auch das nichts, und ich habe nur mit Euch zu reden um strenges Recht. Wo sind die drei edlen Ritter, von denen ich vorhin zu Euch sprach?« – Und im selben Augenblick durch das Gemach umschauend, bemerkte er auch schon am Boden die drei geharnischten Männer.

»Habt Ihr sie ermordet?« sprach er mit ingrimmigem Blicke. »Dann soll mir die ganze unterirdische Raubwelt hier darum büßen, und vornehmlich um den in der schwarzsilbernen Adlerrüstung. Denn Ritter und Rüstung kenn' ich beide gar wohl, und habe sie sehr lieb.«

»Mein Herr und Gebieter«, entgegnete das Zauberfräulein zitternd, »der, welchen Ihr meint, lebt noch, und ist leichtlich zu heilen. Um den unter ihm Liegenden hat freilich der Tod schon seine lähmenden Schwingen gebreitet.«

»Belebt die schnell, die noch zu beleben sind!« rief Archimbald, und Gerda nahm gehorsam die Mispel wieder zur Hand, schwang sie über die hingestreckten Ritter, und murmelte ihre unverständlichen Worte dazu. Da schlugen Arinbiörn und Otto die Augen auf, zugleich auch regte sich der Falke, der bisher, die Verzauberung mit seinem Herrn teilend, als ein toter Zierat auf dessen Helme geruhte. Staunend blickte der Seekönig umher, faßte die ihm entsunknen Waffen, und erstand, seine Glieder in mannigfachen kühnen Schwingungen prüfend. Otto dagegen schien seine volle Kraft nur wieder erhalten zu haben, um den Schmerz über Heerdegens Tod in seiner ganzen Tiefe zu empfinden. Über das bleiche Antlitz des Freundes gebeugt, weinte er stille, aber heiße Tränen darauf hin, und zu gleicher Zeit strömte sein Blut aus der zerschmetterten Halsberge reichlich herab. So wie es aber des Toten Antlitz berührte, wischte es Otto mit seiner Feldbinde sorgsam und leise weg, und seufzte bisweilen dazu. »O Bertha, du reines Engelbild! O wie er in diesem schweigenden Schlummer dir gleicht!« – Arinbiörn und Archimbald, die sich indessen verständigt hatten, traten hinzu, ihren Freund zu trösten. Da antwortete er: »Laßt nur. Ich weiß, daß es nicht Bertha ist, und daß ich nicht so unglücklich war, als der starke Hugur, welcher sein schuldlos Lieb erschlug. Vielmehr hab' ich den armen Jüngling verfochten mit meinen besten Kräften. Aber seht, er ist dennoch tot, und er war so treu und gut, und nun muß er jeglichen Menschen an Bertha erinnern, wie er hier so recht friedlich liegt. Nicht wahr, Arinbiörn?« – Da drangen auch diesem die Tränen aus den Heldenaugen vor, und Otto weinte reichlicher, aber auch um vieles milder. Der Seekönig und der Graf schnallten ihm die Halsberge los, und sahen nach seiner Wunde. Gerda wollte auch mit hülfreichen Kräutern herzu. Aber Otto schwang die Klinge drohend empor, und rief: »Bleib von mir, du Höllengesindel allzumal, wenn ich nicht gleich hier neben dem Leichnam des Freundes zum Totenrächer werden soll.« – Gerda trat demütig zurück, ein Wink von ihr entfernte Kolbein aus dem Gemach, und die zwei edlen Waffengenossen verbanden mit ihren Feldbinden des Ritters Trautwangen Brust. Als sie damit fertig waren, erhuben sie Heerdegens Leiche. Otto ließ es sich nicht nehmen, daran tragen zu helfen, und zwar am Hauptende. – »Ich darf dir jetzt schon ins Gesicht sehen«, sagte er, während des Toten Antlitz sich zu ihm herübersenkte, und streichelte freundlich die kalten Wangen. – »Heute verstehn wir uns besser, als damals am Mainesufer.« – Gerda hatte auf Archimbalds Befehl eine hohe Kienfackel angezündet, und leuchtete damit dem ernsten Zuge vor. So schritt man aus der Burg, über Flammenwiese und Erzbrücke fort, am Weiher entlängst, die Pfade nach der Oberwelt wieder hinauf.

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