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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Da kam es über die Berge heran, aus den Wolken herunter, das entsetzliche, sinnebetäubende Tosen des wütenden Heeres. Von je her gewöhnt, mich davor zu verbergen, drängte ich auch diesmal mein Antlitz noch tiefer in das schwellend hohe, seit vielen Jahren fast unbetretne Gras hinein. Einer der beiden Ritter riß mich empor. – ›Sieh zu!‹ sagte er. ›Du mußt es, und du kannst es auch für diesmal ohne alle Gefahr.‹ – In der Angst vor denen, die mich hielten, vergaß ich der Angst vor denen, die über mich hinrauschten, und tat, wie der Ritter mir geboten hatte. Da wogte es, wie rotumsäumte Gewitterwolken, von allerhand wunderlichen Gestalten über uns hin: Tier und Roß und Jäger und Hund. – ›Hakaleberg! Hakaleberg!‹ schrien die Ritter und auch die Frau auf dem Opferherde höhnend hinauf, und weil ich wußte, daß der wilde Jäger also bei seinem rechten Namen geheißen sei, ward mir sehr bange, er werde nun mit seinen Nebelrossen zürnend herunter reiten, und uns allesamt verderben. Statt dessen aber begann der Angriff von unsrer Seite her. Mit Wurfspeer und Bolzen und Pfeil, alles flammend an den Spitzen, erhuben die drei seltsamlichen Gestalten ein Wettschießen nach den gespenstischen Gebilden hinauf; und die Hunde heulten, die Rosse bäumten und bockten, die Reiter wehklagten. Viele wälzten sich in schwerer Verwundung ob den Wolken hin, ein reicher Blutregen quoll auf uns herab. – Da mich gegen Morgen die Ritter endlich gehn ließen, und die wilde Jagd, früher manchmal wie zum erneuten Kampfe rückwärts kommend, gänzlich vertobt war, ging ich in meine Hütte zurück, unterwegens von einzelnen Roßschenkeln, oder Mannesknochen, die auf meinen Weg bisweilen aus den flüchtig verwundeten Scharen niederschlugen, vielfach erschreckt. Hier in meiner Wohnung fand ich mancherlei häßliche Blutflecken auf den Kleidern, und habe diese lieber verbrennen wollen, als mich weiter abgeben mit dem häßlichen und auch wohl gefährlichen Geschäft der Reinigung. Seitdem aber hat das Spuken in allen Gegenden unsres Talgeklüftes furchtbarlich zugenommen. Die neue Göttin Freia samt ihren beiden Rittern sprengt bisweilen auf wunderlichen Rossen durch die Gegend hin, und sucht die Leute abwendig zu machen vom Christenleben zu ihrem gottlosen Heidendienst. Alle Menschen zittern und beben vor ihr. Bisweilen steht sie oder wer von ihren Genossen plötzlich, nachdem man gemeint, es sei der freundlichen Hausbewohner einer, mitten in der Stube mit verzerrenden Grinsen, und wer es anschaut, verfällt in eine wilde Tollheit. Gibt es sich nicht in kurzer Zeit anders, so muß man fürchten, daß der wahre Glaube dem knechtischen Bangen vor jenen Gaukeleien an manchen Orten in unsern Bergtälern Raum geben wird.« – »Da seie Gott vor!« riefen die drei Ritter, wie aus einem Munde. »Lieber wollen wir Gut und Blut daran setzen, bis auf das letzte, und wenn es sein muß, auch das alles verlieren sonder Wank.« –

Wie sie noch so sprachen, erhub sich ein emsiges Klopfen, als von vielen Fingern zugleich, gegen die Fenster des kleinen Hauses. Zugleich begann die taubblinde Frau im Nebengemach ängstlich zu schreien; der Sohn eilte zu ihrem Beistande dorthin. Während dem klopfte es immer gegen die Scheiben fort, und ging ein ängstlich eiliges Geflüster draußen durch die Nacht, wie man es wohl bisweilen in Fieberträumen dicht vor seinen Ohren zu vernehmen glaubt. Heerdegen trat in die Tür, und rief ein lautes: »Wer da?« hinaus. Dann kam er wieder herein, sprechend: »Ich sehe nichts, aber abscheulich viele Fledermäuse gibt es in diesem Wald.« – Es kam auch den im Gemache Sitzenden vor, als habe sich eine solche in Heerdegens dichte Locken verwirrt, denn häßlichen Antlitzes schaute etwas über seine Stirne herunter. Als Otto und der Seekönig auf ihn zusprangen, machte es sich los, und flog, nachdem es sie mit blitzenden Augen angestarrt hatte, eine Scheibe zertrümmernd, heiser pfeifend in die Nacht hinaus. Sie meinten, es sei eine Eule gewesen, Heerdegen aber wußte nichts von dem schaurigen Gast auf seinem Haupte, und blickte unbefangen umher, weshalb Hilldiridur in banger Ahnung tief aufzuseufzen begann.

Der Köhler trat in die Stube zurück, und sagte: »Das Unwesen ist schon wieder gewaltig im Forste los. Ihr hört es wohl selbst, und fühlt es auch durch euern ganzen Sinn. Blitzt es doch gar der armen Blinden mit entsetzlichen Gaukeleien in die Nacht ihrer erstorbnen Augen hinein.« – Plötzlich aber, ungewissen Blickes auf Otto hinstarrend, hielt er inne, und rief dann endlich aus: »Gott behüt' uns! Da steht einer von den Rittern aus dem Opferaltar.« – Der Seekönig und Heerdegen konnten vor all den seltsamen Dingen sich nicht erwehren, einen zweifelnd scheuen Blick auf ihren Gefährten zu werfen, ob er es wohl noch wirklich sei. Hilldiridur aber ließ die schönen Augen, die sie überhaupt selten von ihrem lieben Sohne abwandte, mit zuversichtlicher Heiterkeit auf ihm ruhen, während Otto dem Köhler einen Schritt freundlich entgegen trat, und zu ihm sagte: »Wie Euch die Hexereien und Eure Angst davor die Sinne verblenden, weiß ich nicht. Daß ich aber ein ehrlicher deutscher Rittersmann bin, könnt Ihr aus meinem Gruße abnehmen:

Gott und sein Wort
Sind unser Hort!

Stammelt etwa meine Zunge, wenn ich unsers lieben Herrngotts Namen anrufe, und irrt mein Auge dazu?« – »Nein, wahrhaftig nicht, lieber Rittersmann«, entgegnete der Köhler, »und kann ich's durchaus nicht begreifen, wie ich ein so himmlisch lächelndes Sankt Georgenbild, als Ihr eines seid, für einen unheimlichen Spuk habe halten können. Es flimmerte mir von den Worten meiner armen Mutter, und von dem rasenden Getöne da draußen, so angstvoll und verrückt vor den Augen. Jetzt seh' ich es klar ein, und hoffe fest darauf: Ihr seid zu unsrer Rettung und Beruhigung samt Euern edlen Waffengenossen in diese Täler gesandt.« – »So Gott will, habt Ihr Euch nicht geirrt«, sprach Otto zurück. »Ich vertraue dem Herrn, bin der Waffen mächtig, und spüre das Treiben des Berufs in meinem Herzen. Da will ich denn gleich hinaus, während die frechen Heidengeister eben wach sind; und, liebe Waffenbrüder, nehmt ihr derweile mein Mütterlein in Pfleg' und Schutz.« – »Meinst du, wir würden dich allein gehn lassen auf solcher Fahrt?« sagten Heerdegen und Arinbiörn, gürteten ihre Schwerter um, setzten die Helme auf, und schnallten sie fest. – »Wer soll bei meiner Mutter bleiben?« fragte Otto. – »Nun«, entgegnete Heerdegen, »am besten du selbst.« – »Auch wird sich ja Swerker mit den Reisigen und Knappen«, fügte Arinbiörn hinzu, »doch unsrer Bahn endlich nachfinden.« – »Waffengenossen«, sagte Otto, und schaute sie flammenden Blickes an, »was ihr da vorbringt, taugt nichts. Ihr fühlt es wohl selbst. Zu diesem Abenteuer haben mich des Köhlers Worte recht ganz und eigentlich berufen. Selbst ist der Mann. Auf das Nachkommen Swerkers mit unsern Reisigen aber kann sich in dieser Hexen- und Gespensternacht niemand verlassen, und eben in solcher Nacht wird doch wohl Otto von Trautwangen die Beschützung seiner Mutter keinem vielleicht überlassen sollen. Einer von euch mindestens bleibt bei ihr zurücke.« – Die beiden Ritter sahen einander schweigend und zaudernd an, jedweder hoffend, der andre solle sich erklären, daß er bei der edlen Frau die Wacht halten wolle. Da tat Hilldiridur ihren holden Mund auf, und sprach: »Geht immer in Gottes Namen alle drei, ihr jungen Helden. Eine Weissagerin und Drude bin ich zwar nicht mehr. Des Sohnes Hand hat die furchtbare Gabe von meinem Haupte genommen. Aber die ehemals vertrauten Ahnungskräfte haben ihre einstige milde Herrscherin noch immer lieb, und ziehen winkend und mahnend bei mir vorüber, so nahe die streng scheidenden Grenzen es irgend verstatten. Da haben sie mir es auch zugeweht, daß euer Gang ein sehr ernster ist, vielleicht ein Todesgang für einen von euch, aber daß ihr alle dreie notwendig dabei sein müßt. Macht euch denn auf, mit Gott. Und siehe mich nicht so fragend wegen meiner Beschützung an, lieber Sohn. Ich habe hier einen gefunden, der noch niemanden verlassen hat, welcher auf ihn traut.« – Damit wandte sie sich nach einem Bilde des gekreuzigten Erlösers hin, das mit Kohle unbeholfen, aber kräftig, von des Wirtes Hand über den Herd gezeichnet war, und winkte den Rittern, das Zeichen des heiligen Kreuzes über sie hin beschreibend, nach der Tür. Die fanden keine Gewalt zu irgend einer Gegenrede in sich, und schritten in die dunkle Nacht hinaus.

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