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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Neuntes Kapitel

Nicht so günstig, als die Schiffahrt des Emirs und der Jungfrau, war die weit früher begonnene Folkos und der geretteten Damen gewesen. Wild empörte sich wider sie das Meer, sobald sie aus dem Gesichte Cartagenas gekommen waren, und ließ ihnen nur unter feindseligen Kämpfen zu, die Straße zwischen Afrika und Spanien zu durchmessen; ja, als sie sich an deren hohem Felsenpfeiler Gibraltar endlich rechts wenden wollten, um gegen Gascogne hinaufzusteuern, erhub sich ein so grimmiger Wirbelwind, daß Hernandez die Barke nicht mehr in seiner Gewalt behielt. Weit hinaus ward sie getrieben in das schäumende Meer, und man sahe sich endlich gezwungen, teils aus Mangel an Holz und Wasser, vorzüglich aber zu Erquickung der Frauen, an einer durchaus unbewohnten und der ganzen Reisegesellschaft unbekannten Insel zu landen.

Während nun Folko und Hernandez, ja selbst Vinciguerra bemüht waren, eine bequeme Hütte für die Damen zu erbauen, Moos und Decken zusammenzutragen für ihr Lager, und kurz, alles zu tun, was höfliche Ritterlichkeit in solchen Fällen begehrt, hatte Tebaldo tagelang sein Vergnügen daran, mit dem Ringe zu spielen, und durch allerlei seltsame Versuche, die er damit anstellte, die Tiere der Wüste und des Meeres herbeizulocken, sie zu wunderlichen Tänzen und Stellungen zwingend, und oftmals laut darüber auflachend. – Folko und Hernandez empfanden den lebhaftesten Unwillen darüber, daß der Kaufherr die Sorge für die edlen Frauen seinen tollen Spielen so gänzlich nachsetzte; als er nun aber vollends die gaukelnden Bestien mit ihrem widerwärtigen Geheul oftmalen absichtlich in die Nähe Blancheflours und Gabrielens brachte, und diese darüber ängstlich bebend aufschrien, beschlossen die beiden Ritter, das Unwesen auf keine Weise länger zu dulden, möge auch davon herkommen, was da wolle. – Nach einem Auftritte der erwähnten Art stellte sich Montfaucon einstmalen dicht vor Tebaldo, und schaute ihn eine Zeitlang schweigend mit einem durchdringenden Funkeln der Augen an. Der Freiherr hatte im Schiffe die ritterliche Kleidung wieder angelegt, und sahe so heldenkräftig darin aus, daß der Kaufherr mit schlecht versteckter Verlegenheit zur Erde sehn mußte, und endlich sagte: »Nun was soll denn das? Wollt Ihr zu einer Rolandssäule werden, und steht deshalben so regungslos und strenge vor mir da?« – »Das ist nun eben die Ursach nicht«, entgegnete Montfaucon. »Wohl aber besinne ich mich, was ich mit Euch anfangen soll, wenn Ihr nicht bald ein bescheidneres Betragen annehmt, als bisher.« – »Mit mir anfangen?« rief der trotzende Tebaldo. »Fragt doch lieber erst, was ich mit Euch anfangen will, und mit Eurer ganzen Gesellschaft in den Kauf!« – »Herr«, entgegnete Montfaucon mit kalter Festigkeit, »Ihr habt mir das Leben gerettet, habt viel auch zur Rettung der Damen beigetragen, und seid durch den Ring in den Besitz gewaltiger Zauberkräfte gekommen. Deshalb müßt Ihr Euch aber nicht einbilden, daß Ihr Euern Spaß mit einem fränkischen Baron und Bannerherrn treiben könnt, noch minder mit den Frauen, die sich in seinen Schutz begeben. Ängstigt ihr die Fräuleins noch ein einzigesmal mit Euerm tollen Bestienspiel, so geht es Euch auf alle Weise an das Leben; es müßte denn sein, Eure Hexereien hielten besser, als mein Schwert. Aber zum Versuchen kommt es, darauf könnt Ihr Euch verlassen.« – »Ihr seht mir vollkommen aus, wie ein Worthalter«, sagte Tebaldo ernsthaft, »und es ist uns wohl beiden besser, wenn wir es auf keine Probe stellen, wer die Oberhand gewinnt. Begebt Euch zufrieden, und verzeiht mir; es soll nicht wieder geschehn.« – Darauf gab ihm Folko versöhnt die Hand, und die Damen wurden hinfürder nie wieder erschreckt.

Bald darauf heiterte sich der Himmel auf, und man lichtete die Anker zur fernern Fahrt. Die ging auch ganz glücklich, bis man wieder den Felsen von Gibraltar erreichte, aber kaum, daß man an diesem vorbei nach Frankreich hinauf zu segeln gedachte, so erhub sich aufs neue ein entsetzliches Ungewitter, und warf das Fahrzeug in die Meerenge hinein, trieb es wütend an Malaga, an Cartagena vorbei, und beruhigte sich erst, als man die genuesische Küste bereits vor Augen hatte. Des Schiffes Zustand, der Frauen Ermattung ließ keine Wahl, man beschloß, zu Lande den noch übrigen Weg zurückzulegen, und lief in den Hafen von Genua ein.

Kaum waren die Damen in einem edlen Hause mit allen Bequemlichkeiten versorgt, kaum das Unentbehrlichste an Waffen, Kleidern und Gerät aus der Barke geladen, so zog ein Wink Ritter Montfaucons den Kaufherrn sich nach in eine entlegne Straße der Stadt. – »Gesteht es nur frei heraus«, fing der Ritter an, »Ihr habt Euer Narrenspiel mit uns getrieben, die neckenden Stürme, die uns allemal bei Gibraltar erfaßten, vermöge Eurer zaubrischen Kräfte mutwillig heraufbeschwörend.« – »Warum fragtet Ihr mich das nicht auf dem Schiffe?« sagte Tebaldo. »Da wär' es vielleicht noch Zeit gewesen, meinen Fehl zu bessern.« – »Ich weiß nicht, ob Hohn, ob Ernst aus Euch spricht«, entgegnete der Freiherr, »und man kann das bei Euresgleichen wohl niemalen recht eigentlich wissen. Es liegt aber auch nur wenig daran. Was mich betrifft, ich antwort' Euch ernsthaft. Seht, auf dem Schiffe hätte Eure Hexerei irgend einen noch schlimmern Spuk anstellen können, und der wäre den Frauen mit zu Schaden gekommen. Hier kann es nur mich allein treffen, und ich stell' Euch ehrlich und ritterlich zur Rede: Habt Ihr Euch den Spaß mit uns erlaubt?« – »Ehrlich und kaufmännisch entgegn' ich Euch«, sagte Tebaldo, »daß ich allerdings die Wetterwolken heraufbeschworen habe, die unser Schiff trieben; nicht aber, um mir einen Spaß mit Euch zu machen, sondern weil ich mir's einmal in den Kopf gesetzt hatte, nicht in Frankreich zu landen, sondern in Genua.« – »Genua möcht' Euch doch vielleicht nur wenig Glück bringen, dafern Ihr Ehre und Mut habt«, sagte der Freiherr, und blickte nach seinem breiten Ritterschwerte hin. – »Was Ihr ausschließlich Ehre zu nennen beliebt«, sprach Tebaldo, »weiß ich nicht; kümmre mich auch nicht eben sonderlich viel darum. Meinen Mut aber hab' ich schon früher bewiesen, und denk' es auch bei wichtigem Gelegenheiten zu tun, als die ist, worauf Ihr wohl eben hindeuten wollt.« – »Jämmerliche Ausflucht!« rief Folko. »Die ist allen Memmen und Feldflüchtigen zugänglich. Habt nur die Güte, Euch ohne Unschweif und Redensarten zu erklären, ob Ihr mit mir in einem der vor uns liegenden Gärten zu kommen gedenkt, und dort Eu'r Schwert so lang' mit dem meinen zu messen, bis des einen Herr mit seinem toten Leichnam die Länge mißt, die er zu seinem Grabe braucht.« – »Recht gern, Herr«, lachte Tebaldo zurück. »Wir wollen schon einen Platz ausfindig machen. Nur immer mir nach!«

Rüstig schritt der Kaufherr voran, nicht minder rasch folgte ihm der Ritter. Da ward es diesem plötzlich, als rufe Tebaldo auch hinter ihm her, und als er umschaute, nahm er ihn wirklich dorten wahr, zugleich aber mehrere Tebaldos, die ihn bald aus den Fenstern der benachbarten Hütten, bald über die niedern Gartenmauern hervor, angrinsten und anschrien, und allzumal mit ihm fechten wollten. Verwirrt drehte sich Folko im Kreise hin und her; als aber einer aus der Schar lachend sagte: »Nun sind wir Euch doch zu viel geworden, und mit Eurer Kampflust ist es am End'« – da übermannte ein ritterlicher Zorn den Freiherrn, und er schlug mit gezückter Klinge gegen den hohnsprechenden Burschen. – »Meine Töpfe! Meine Töpfe!« wehklagte ein altes Weib, und plötzlich waren alle die Tebaldos verschwunden, und der Freiherr stand ganz allein einer Hökerin gegenüber, in deren irdnes Warenlager seine Klinge gefahren war. Mißmutig über die frechen Neckereien des zauberischen Kaufmannes, warf er der Alten einige Goldstücke zur Entschädigung hin, und eilte, indem sie ihm dankend und staunend nachrief, zu der Wohnung der Damen zurück.

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