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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Achtes Kapitel

Am Strande von Ostia war eines Tages mit dem frühesten Morgen ein wildes, unruhiges Leben erwacht. Weiber und Greise und Kinder flüchteten mit vielem Gepäck auf der Landstraße nach Rom zu, oder in Barken die Tiber hinauf, oder rafften ängstlich noch erst ihre Habseligkeiten zusammen, während andre, an ihnen vorbeistreifend, schrien: »Macht fort, macht fort! Ihre Wimpel zeigen sich schon am Horizont!« Männer und Jünglinge sammelten sich bewaffnet in Scharen, aber man sahe viele bleiche Gesichter unter ihnen, und ein Gemurmel ging durch die Glieder: »Nureddin ist es; der furchtbare Alarbe ist es selbst!« – Von Rom her kamen einige Hauptleute, die führten Hülfstruppen heran, aber nur in schwacher Anzahl, und in ihren Mienen kein fröhlicheres Vertrauen, als die, zu deren Unterstützung sie herbeigesandt waren. Wer sich noch den frischesten Mut erhalten hatte, rief hier und da, es sei der große Emir Nureddin gar nicht, der sie bedrohe; es sei weiter nichts, als afrikanisches Seeräubergesindel. Aber gegen eine solche Stimme erhuben sich immer ihrer zehn bis zwanzig, die teils von den Leuchttürmen selbst in der Ferne gesehn, teils durch die Mannschaft der ausgeschickten Barken vernommen hatten, die Flotte des gefürchteten Emirs nahe selbsten heran, sein Hauptschiff mitten darunter, alles kennbar an Zieraten und Flaggen, und Segeln und Bauart der Fahrzeuge. Den Hauptleuten, indem sie den Unheilkündigern Stille gebieten wollten, erstarb vor ahnungsvollen Schauern das Wort im Munde, und einer sprach wohl in des andern Ohr: »Es ist nur allzugewiß; er ist es selbst, und ein ehrlicher Tod unser bester Gewinn.«

Die Segel leuchteten hell im Morgenrote zwischen Meerflut und Himmel herauf, zahlreich, in schön geordneter Reihe mit günstigem Winde heranwogend. Vor dieser Menge wagten die Hauptleute den Strand nicht zu verteidigen; sie zogen landaufwärts, um etwa von dort ein Versehen der Araber beim Landen zu benutzen, oder sie während der Plünderung der verlassenen Stadt zu überfallen, oder wenn das dräuende Heer vorsichtig aus den Schiffen steige, und geordnet gegen sie herankomme, den Rückzug nach Rom um so gesicherter und eiliger fortsetzen zu können. Im Augenblicke gaben die eben erst gesammelten Scharen den Befehlsworten zum Abzuge Gehör, alle Rücken wandten sich gegen die See, alle Schritte strebten eilig die Gegend nach Rom hinan. Aber nicht gleichen Gehorsam fanden die Führer, als sie das Volk in der neuen Stellung halten, und das Antlitz wieder gegen den Feind kehren hießen. Den kriegsfremden, durch betäubende Gerüchte eingeschüchterten Bürgersleuten lag der Weg nach dem volkreichen Rom allzu lockend und hülfeverheißend vor Augen. Je mehr man nun Halt rief, je eiliger ward der Scharen Tritt, und als die Hauptleute schalten und droheten, einige mit Gewalt festhaltend und umwendend, ward aus den Schritten Lauf, aus dem Laufe wilde, ungeregelte Flucht. Nur wenige versuchte Kriegsleute hielten bei den verlassenen Führern aus.

Das kleine Häuflein sahe sich mit traurigem Stolze an. Sie fühlten wohl alle, daß sie die echten Körner seien aus diesem Haufen Spreu; aber betrübt war es doch, nur so wenig des echten Kornes anzutreffen, und mit dem Ruhme lag auch zugleich der unvermeidliche Tod vor ihren Augen, denn schon ankerten Nureddins Schiffe, und bildete sich die zahlreich glänzende Kriegerwolke schnell geordnet am Strand, fast ebenso viele leuchtende Paniere in die Luft streckend, als hier einzelne Fechter zum trüben Widerstande versammelt waren. Es fiel jedoch keinem ein, noch an der Flüchtlinge Schmach Anteil nehmen zu wollen. Wer bis über einen gewissen Punkt hinaus noch festen Entschlusses bleibt, mit dem haben Zweifel und Bangigkeit nichts mehr zu schaffen.

Wie die todfertigen Helden noch so still vor sich hin standen, auf ihre Schwerter, Lanzen, Morgensterne und Hallebarten gestützt, ging vor ihnen entlängst eine glänzende Erscheinung, so daß sie erst vermeinten, es komme irgend ein Himmelsbote, sie zu stärken und zu erfreuen, in der letzten und bittersten Stunde des Lebens. Etwas Ähnliches hatte es auch zu bedeuten. Der heilige Vater Papst, in aller Glorie und Pracht seines Amtes, schritt die wenigen Rotten hinab und hinauf. Alle Knie beugten sich vor dem ehrwürdigsten Herrscher des Erdrundes, alle Hände streckten sich verlangend nach ihm aus. – »Kinder«, sagte er, »wenn hier die Sarazenen siegen, so werden die Flüchtlinge Rom und seine Heiligtümer nicht retten. Darum bin ich herausgegangen zu Euch, mit Euch zu leben und zu sterben, denn Gott verhüte, daß ein Papst an eine Rettung denke, wo die heiligsten Häuser, drinnen auf europäischem Boden der Herr angebetet wird, untergehn. Nach menschlicher Weise zu urteilen, muß es wohl diesmal dahin kommen, und wir haben unser Blut auf diesem grünen Anger zu vergießen für seinen Namen und zu unsrer Seligkeit; aber nach göttlicher Weise kann es auch noch weit anders ergehn. Laßt uns denn gefaßt sein auf alles, auf Leid und auf Freude, wie er es senden mag, und empfangt mit männlichen und demütigen Herzen seinen Segen.« –

Weit breitete der heilige Vater seine Arme aus, und segnete die edle Schar, die sich sodann auf sein Geheiß erhub, und getrosten Sinnes den Dingen, die da kommen sollten, entgegensah. Vor ihrer Mitte, gleich einem Feldhauptmanne, stand der Papst, mit den geheiligten Zeichen seiner Würde bewehrt.

Die Scharen Nureddins rückten im blendenden Glanze, mit lustiger Feldmusik, welche Trommeln und Tamburins durchwirbelten, gegen die Höhe herauf. Plötzlich hielt alles; die kriegerischen Klänge verstummten, wie auf einen Wink; zwei hohe Gestalten, ein Mann und eine Frau, kamen miteinander vorgeschritten, und näherten sich dem christlichen Heerhaufen getrosten Mutes, ohne erst Unterhändler oder Friedensboten von irgendeiner Art voranzusenden. So wie man sie besser ins Auge fassen konnte, mußte man erstaunen über die Herrlichkeit dieser Erscheinungen: über die Würde und Pracht des Mannes, die demütige Hoheit der wunderschönen Frau. Niemand dachte wohl daran, die Waffen gegen solche Gestalten zu erheben; um aber doch jedweden möglichen Ausbruch der Verzweiflung oder des Ingrimmes zu verhüten, winkte der Papst den Hauptmännern und Kriegsleuten, daß sie ruhig bleiben sollten, und ging alsdann, feierlich grüßend, einige Schritte gegen die wunderbaren Gäste vor. Die sanken alsbald in die Knie, und die Jungfrau hub folgendergestalt zu sprechen an: »Euch von fern erkennend, heiliger Vater, sowohl an der Pracht Eurer feierlichen Gewande, als auch an der Würde, die Euer gesegnetes Greisenalter schmückt, hielt ich es für unnötig, irgend noch auf eine Vorbereitung zu denken, um zu tun, was wir gegenwärtig tun. Hier knien wir, heiliger Vater, und ich, die ich ein Christenfräulein deutschen Stammes bin, Bertha von Lichtenried geheißen, führe Euch den edlen Emir Nureddin zu, welcher in Demut bittet, von Eurer Hand das Sakrament der heiligen Taufe zu empfahen.« – Eine große feierliche Stille folgte diesen überraschenden Worten; der Papst wandte seinen staunenden und dankenden Blick wie in Verzückung nach dem Himmel hinauf. – Nach einigem Schweigen fuhr Bertha fort: »Die Kriegsleute, welche dort auf der Ebne halten, sind gewillet, dem Beispiele ihres großen Heerführers zu folgen. Die wenigen, die von ihm abfallen, um bei Mahoma zu bleiben, schiffen sich soeben wieder ein, und werden es nicht wagen, auch nur einen Grashalm der Küste geflissentlich zu beschädigen, die nächst Gottes von jetzt an unter des starken Nureddin Schutze steht.« – »So der echte Gott mir helfe, und sein heiliger Sohn!« fügte der Emir beteuernd hinzu. »Beide, und den, der von ihnen ausgeht, hat mich dieser jungfräuliche Seraph erkennen lehren.« – Da kniete auch der heilige Vater nieder, und mit ihm die christlichen Kriegsleute, und alles betete still und gerührt zu dem wunderbar schützenden Gott. Dann sich erhebend, gebot der Papst dem Emir und dem Fräulein, aufzustehn, und ihm zum heiligen Tauffeste nach Rom zu folgen, aber Nureddin, noch immer kniend, sagte: »Heiliger Vater, mich dürstet nach dem Wasser des Lebens. Wollet mir nicht länger vorenthalten, was ja auch die ersten Jünger Eures Heilandes oftmalen auf freiem Felde zu erteilen pflegten, sonder Umständlichkeit, noch Pracht.« – »Dir geschehe, mein lieber Sohn, wie du gebeten hast«, entgegnete der Papst, und im Umschauen ein Brünnlein gewahrend, das nahebei aus einem Hügel quoll, schöpfte er daraus, erkor Bertha und nächst ihr alle die getreu zur Stelle verbliebnen Christenkrieger zu Taufzeugen des Emirs, und gab ihm in der heiligen Handlung den Namen Christophorus, des so frommen, als mächtigen Giganten gedenkend, welcher vor vielen Jahrhunderten mit seiner Heldenkraft eine Stütze der Kirche geworden war. Dann küßte er den neugewonnenen Jünger der Wahrheit aus väterlichem Herzen, aber sich gegen Bertha wendend, neigte er fast sein Haupt vor ihr, und sprach: »Du bist zu einem herrlichen Werkzeuge erkoren, hohe Jungfrau; was in dir wohnt, zwingt auch Geweihten Ehrfurcht ab. Ich bitte dich im Namen der erhabnen Roma, ehre sie dadurch, daß du den jetzt herannahenden Winter in ihren Mauern verlebst, und ihr so die Gelegenheit schenkst, ihrer gottgesandten Retterin zu danken. Dein herrlicher Täufling bleibt dann auch zu deiner Ehrenwacht allhier, wie der edle Leue nicht von dem Heiligen ließ, der ihn gezähmt hatte.« – Bertha neigte in errötender Demut einwilligend ihr Haupt; der edle Araber Christophorus bezeugte zu tun, was Gott und seine Herrin von ihm begehre.

Derweile waren viele Menschen aus Rom, alles Geschlechtes und Alters, von der heilbringenden unerhörten Botschaft angelockt, nach Ostia herausgeströmt, Wein und Speise mit sich bringend, zur Verherrlichung des Festes der Errettung. Dieses begann damit, daß der heilige Vater alle Geistlichen um sich her versammelte, und durch die arabischen Scharen hinwandelnd, beim stillen Gebete der zuschauenden Römer, die Taufe den sich zudrängenden Kriegsmännern austeilte, welche ihrem Emir, wie sonst in Gefahr und Tod, so auch hier zur Pforte des Lebens mit freudigem Eifer folgten.

Dann erhub sich auf dem grünen Plan, die Ufer der Tiber entlängst, zum Teil in geschmückten Barken auf deren gelblichen Wogen, ein heitres Gelag, und als Bertha dem Emir einen Becher Falernerweines kredenzte, und er zum erstenmale den edlen Saft der Traube in sich trank, strömte neben der himmlischen auch irdische Begeisterung aus, durch alle Adern des aus der kretischen Höhle zum Lichte vorgedrungenen Helden.

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